So lebt es sich mit Morbus Crohn

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So lebt es sich mit Morbus Crohn

Seit zweieinhalb Jahren leide ich an chronischen Magenschmerzen, bin total träge und mein Gesicht ist von einer ungesunden Blässe geprägt—und das alles, weil ich immerzu an meine Darmkrankheit denken muss.
12.5.15

Illustrationen: Dan Evans

Es sagt viel über einen Menschen aus, wie er zu Scheiße steht. Salvador Dalí war geradezu vernarrt—er arbeitete Bremsspuren in seine Bilder ein und schrieb, dass wahre Liebe darin bestehen würde, „die Exkremente des Partners zu essen." Von Rabelais, einem Autor der französischen Renaissance, wird behauptet, dass er menschliche Scheiße dazu benutzt haben soll, das „instinktive Recht auf grundlegende Zufriedenheit" des Körpers zu signalisieren. Und James Joyce stand total darauf, wenn die Frau beim Sex furzte.

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Auch ich musste letztens die ganze Zeit an Kot denken, weil ich vor ein paar Monaten in eine Plastikschüssel machen und die Probe dann in einen Stuhl-Container kippen musste. Das war wirklich kein schöner Anblick. Rein vom Äußeren her erinnerte mich der Schiss an einen Hämatit oder an eine Hautkrankheit im fortgeschrittenen Stadium. Und trotzdem war das noch eine der hübscheren Stuhlproben.

Der Grund, warum ich in eine Schüssel koten musste, ist folgender: Seit gut zweieinhalb Jahren habe ich chronische Magenschmerzen. Ich bin total träge. Die Farbe weicht aus meinem Gesicht und das Rot, das meiner Haut Leben verleiht, wird durch eine mit Schweißperlen besetzte, kränkliche Blässe ersetzt. Ganze Ströme an warmen Massen schießen aus meinem Körper, danach vier Tage lang gar nichts.

Beim Arzt wurde mir wegen meiner Beschwerden jedes Mal das Reizdarmsyndrom diagnostiziert—eine relativ geläufige Krankheit, die Krämpfe, Magenblähungen, Durchfall und/oder Verstopfung verursachen kann. Mir war jedoch klar, dass ich an etwas Schlimmerem litt. Ich bin kein gemäßigter Reizdarmsyndrom-Patient. Herzlich Willkommen bei der Hierarchie der Darmkrankheiten.

Als Martin Amis zu seinem Zahnarzt ging und herausfand, dass die „finstere Erhöhung über seinem Kinn" ein Karzinom war, schrieb er: „Monatelang hatte ich da unten etwas Neues und Komisches gespürt: Druck, Aktivität, Besatzung … " In meinem Darm gab es ebenfalls Druck und Aktivität—und von irgendetwas besetzt war er möglicherweise auch. In meinem Anus wohnte ein Ballon und dieser Ballon blähte sich in den unpassendsten Augenblicken auf, veränderte den Lauf der Dinge und führte mich letztendlich natürlich auf die Toilette. Sex, Arbeit, TV-Serien, das Schmieren von kalter Butter auf kaltes Brot—all das wurde vom Ballon unterbrochen.

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Ich hatte mal einen Freund, dessen Depressionen von seinen nicht enden wollenden Klagen über seine Essen-Kacken-Abwischen-Routine geprägt waren. Er meinte, dass die Unumgänglichkeit dieses Kreises „Höllenqualen" seien. Ich fing an, diese Aussage zu verstehen.

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Schließlich fand ich endlich einen Arzt, der mich auf Morbus Crohn untersuchte und an die Gastroenterologie- und Endoskopie-Abteilung des Krankenhauses überwies. Dort bekommt man ein Narkosemittel und anschließend penetrieren die Ärzte dein Inneres, indem sie dir einen flexiblen Schlauch entweder in deinen Hals oder in deinen Anus schieben.

Vor dieser Behandlung durfte ich 38 Stunden lang nichts essen. Auf dem Weg ins Krankenhaus hatte ich eine schemenhafte Halluzination: Ich sah, wie Kotschlamm aus einem Reserverad auf die Autobahn spritzte. Dabei dröhnte Walk Away Renee von den Four Tops aus den Lautsprechern meines Autos.

Laut der 1979 gegründeten englischen Wohltätigkeitsorganisation Crohns and Colitis UK ist Morbus Crohn eine Art entzündliche Darmkrankheit. Zum ersten Mal habe ich davon gehört, als Sam Faiers bei der 2014er Ausgabe der englischen Version von Promi Big Brother mitmachte. Sie wirkte lethargisch, reserviert und unterernährt. Dunkelgrüne Ringe verzierten den Bereich um ihre Augen. Nachdem sie von einem Arzt untersucht worden war, wurde bei ihr Morbus Crohn festgestellt. Sie sprach dann mit der Zeitung Daily Express über ihr Leiden und sagte dabei voller Trotz der Krankheit den Kampf an: „Morbus Crohn wird mich nicht besiegen!"

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In der Sopranos-Folge „Ein Freund muss gehen" kann Tony nicht mehr zwischen Depressionen und den körperlichen Folgen einer Lebensmittelvergiftung unterscheiden. Ich habe viel Zeit in dieser Ebene zwischen mentaler und körperlicher Krankheit verbracht. Meine Gemütszustand richtet sich nach der Heftigkeit meiner Magenschmerzen—und das in einem solchen Ausmaß, dass sich mein ganzes Dasein auf das Ende meines Ileums beschränkt.

Ich lebe quasi in meinem Körper und versinke immer tiefer in der Schwellung. An einem schlechten Tag wache ich (mitternachts) auf, entleere mich dann explosionsartig wie ein Geysir in die Kloschüssel, wische ab und wiederhole diesen Ablauf die ganze Nacht hindurch. Ich verliere Blut. Mir wird kalt. Aber mit steigender Dringlichkeit muss ich mein bequemes Bett wieder verlassen, um nach unten aufs Klo zu gehen und die eisigen Badezimmerfliesen unter meinen Füßen zu spüren.

Im „Information and Support"-Bereich der Website von Crohn's and Colitis UK heißt es: „Sowohl bei Colitis ulcerosa als auch bei Morbus Crohn entzünden sich Teile des Verdauungssystems, darunter auch der Darm. Morbus Crohn kann jeden Teil des Verdauungstraktes befallen—vom Mund bis hin zum Anus."

Ich leide an der gängigsten Form von Morbus Crohn, nämlich die, die den Dünndarm betrifft. Die normale Darmfunktion ist gestört, weil das Gewebe anschwellen, sich verdicken oder Narbengewebe bilden kann—was dann wegen der Verengung von wichtigen Durchgängen zu Verstopfung führt. Ein Leiden namens Resorptionsstörung (die Unfähigkeit, im Verdauungstrakt Nährstoffe zu absorbieren) kann ebenfalls auftreten und führt zu Erschöpfung sowie Gewichtsverlust. Dazu kommen dann noch die Geschwüre, die sich möglicherweise in den unteren Schichten der Darmwand bilden. Meine Ernährung besteht aus 30 Milligramm Co-Codamol und 3 Milligramm Budesonid-Kapseln. Da die Steroid-Tabletten jedoch keine Wirkung mehr zeigen und der Schmerz weiterhin bestehen bleibt, hat man im Krankenhaus jetzt angefangen, mir Adalimumab-Injektionen zu verpassen, die die Schwellung und die Schmerzen lindern sollen, indem die Entzündung gehemmt wird.

Meine Tagesplanung findet im meinem Darm und nicht in meinem Kopf statt. Ich muss mir Gedanken darüber machen, wo ich überall feuchtes Klopapier deponieren muss—eine Packung auf der Toilette zu Hause, eine Packung auf der Toilette am Arbeitsplatz, eine Packung in meiner Tasche und eine Packung im Auto (meiner Eltern). Und das alles nur, damit ich mein durch Morbus Crohn kaputt gemachter Anus nicht auch noch schön mit Hämorrhoiden verziere. Jeden Tag beginnt der Kreislauf von Neuem und wiederholt sich so lange, bis wir in den zweistelligen Zahlen angekommen sind. Und ja, mein Freund hatte wirklich recht: Es sind Höllenqualen.