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Warum „Die Toten kommen“ viel mehr war als eine „poppige“ Kunstaktion

Dass am Sonntag tausende Menschen Gräber vor dem Kanzleramt ausgehoben haben, war alles andere als pietätlos. Wir waren dabei.

von Jan Vollmer
22 Juni 2015, 9:56am

Alle Fotos: Jan Vollmer

Für einen Moment kehrt fast Ruhe ein unter den 5000 Demonstranten. Mit selbstgebastelten Kreuzen stehen sie auf der Heinrich-von-Gagern-Straße, gegenüber dem Reichstagsgebäude. Rechts liegt der abgesperrte Platz der Republik. Vor ihnen sind zwei weiße Särge aufgebaut, mit einer Europa- und einer Deutschland-Fahne. Die Demonstranten haben Blumen dabei. Für einen Moment gedenken sie der Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind. Noch steht der Bauzaun neben ihnen.

Das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit" hat diesen Trauermarsch organisiert. Im Vorfeld des Marsches hatte das Künstlerkollektiv die Gräber von ertrunkenen Flüchtlingen in Italien und Griechenland aufgespürt. Die Aktivisten exhumierten einige Leichname und überführten sie nach Berlin. Eine auf der Flucht ertrunkene Syrerin wurde medienwirksam auf dem Friedhof in Berlin-Gatow beerdigt. Die Angehörigen der Syrerin seien mit der Bestattung in Berlin einverstanden, sagt das „Zentrum für politisch Schönheit". Schließlich hätten die Kinder vorher nicht einmal den Namen des Ortes gekannt, in dem ihre Mutter begraben lag, sagt ein Sprecher der Gruppe.

Höhepunkt der Aktion jedenfalls dieser Marsch zum Bundeskanzleramt. „Nehmt Schaufeln mit," schrieb das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit" vorher auf Facebook. Man wolle eine Gedenkstätte für Flüchtlinge direkt vor dem Kanzleramt errichten. Die Bagger, die die Künstlergruppe selbst mitbringen wollte, wurden allerdings nicht gestattet. Auch die beiden Särge, auf denen jetzt Flaggen liegen, wurden vorher von der Gerichtsmedizin überprüft—ob nicht vielleicht doch Leichen darin lägen.

Ein kleines blondes Mädchen sitzt auf den Schultern ihrer Mutter vor den Särgen und fragt in Mitten der relativen Stille ein paar ziemlich einfache Fragen:

„Mama, warum sind da Särge?"
„Weil auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken."
„Können die nicht schwimmen?"
„Nein."
„Sind da jetzt Tote drin?"
„Das ist egal. Aber hier arbeiten Politiker und die sollen verstehen, dass sie auch daran Schuld sind."

Am rechten Rand der Menge fangen einige an, am Zaun zu wackeln. Rufe werden laut, es kracht, der Zaun fällt. Weil die einzelnen Glieder verbunden sind, bricht der Zaun auf ganzer Länge um. Demonstranten ergießen sich auf die Rasenfläche. Polizisten in Kampfmontur jagen ihnen hinterher. Einige Demonstranten reißen gleich noch die anderen Zäune um die Wiese mit ein. Eine kleine Gruppe Polizisten ist mitten rein geraten und jetzt umzingelt von Demonstranten. „Blut, Blut, Blut an euren Händen", schreien sie. Man sorgt sich fast ein bisschen um die Polizisten. [Was unser Autor nicht sehen konnte: Einige Polizisten waren durchaus nicht unschuldig an der aufgeheizten Stimmung, wie dieses Video zeigt.]

Es ist auch ein bisschen seltsam, dass sich die ganze Wut auf einmal gegen die Polizisten richtet. Es scheint fast, als wären die Demonstranten froh, jemanden zum Anschreien zu haben. Auf der Wiese stehen sie ja schon, irgendwas muss ja jetzt noch passieren. Schuldige Politiker sind keine zu sehen, dann eben Polizisten: „Ihr Schweine, was erzählt ihr euern Kindern," schreit eine Frau. „Eure Vorfahren sind auch eingewandert," schreit jemand anders.

Statt die Massen von der Wiese fernzuhalten, zieht die Polizei Einsatzwagen vor dem Reichstagsgebäude zusammen. „Sie haben Angst, dass die Demonstranten jetzt noch den Reichstag stürmen," sagt ein Kollege.

Wenn man über die Wiese läuft, trifft man hier und da auf Leute, die mit Ihren Händen im Boden wühlen. Nur ein paar Minuten später stecken schon die Holzkreuze in der Erde, Blumen werden auf die kleine Grabhügel gelegt. Jemand hebt eine schwere Gehwegplatte aus dem Boden und stellt sie senkrecht zu einem Grabstein auf. Von der Symbolik der Gräber beeindruckt, fangen immer mehr an, im Boden zu wühlen. Eine Stunde dauert es, dann ist der Platz der Republik ein Gräberfeld. Die Menge hat sich verselbstständigt.

Zwischen den Gräber herrscht eine andächtige Euphorie. Es werden Kerzen angezündet. Hier und dort flammen Sprechchöre auf. „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here." Wenn Gruppen von Polizisten über das Feld laufen, bricht sich ein lautes „Haut ab, haut ab," bahn. Eine Frau hat sich wie tot neben ein Grab gelegt. Irgendwie sind alle hier Schauspieler geworden. Seifenblasen fliegen durch die Luft.

Von den Leuten vom „Zentrum für politische Schönheit" ist fast nichts mehr zu sehn. Am Anfang waren die mit schwarzer Farbe beschmierten Gesichter der Gruppe überall bei dem Marsch zu sehen. Seit dem die Demonstration das Feld überrannt hat, sind sie verschwunden. Die Köpfe der Gruppe, Phillip Ruch und Fabian Pelzer, habe ich den ganzen Tag nicht gesehen. Wenn sie da waren, haben sie sich im Hintergrund gehalten.


Europe or Die: Die Todesboote nach Griechenland


Ich stehe zwischen den Gräbern und bin ein bisschen beeindruckt. Von den Demonstranten, vom „Zentrum für politische Schönheit". Wenn man etwas in die Hocke geht, kriegt man die Grabsteine und das Reichstagsgebäude auf ein Bild. Hunderte Hobbyfotografen springen hier rum. Twitter wird überquellen vor Bilder: Hashtag #dietotenkommen. Kamerateams streifen glücklich zwischen den Gräbern umher wie Kinder durch einen kostenlosen Spielzeugladen.

In der Presse kommt die ganze Sache allerdings nicht besonders gut weg. Dass tote Flüchtlinge ein Problem sind, darüber ist man sich einig. Aber die dann in Berlin zu begraben, vor dem Bundestag eine Gedenkstätte zu errichten und darauf stolz zu sein—das war dann doch bisschen zu viel.

Zu viel Inszenierung, zu pornographisch, nicht nachdenklich genug – irgendwie zu laut und zu poppig, das ganze. Und das auch noch bei so einem tragischen Thema.

Aber „zu poppig" ist kein gutes Argument. Das riecht irgendwie leicht modrig, nach Kulturpessimismus: Früher hätte es sowas nicht gegeben.

Vielleicht habe ich etwas verpasst, aber ich habe nicht das Gefühl, dass im Flüchtlings-Diskurs in letzter Zeit nennenswerte Fortschritte gemacht wurden. Die Leute werden irgendwo zwischen Libyen und Italien aus dem Wasser gefischt und liegen dann in italienischen Kühlhäusern und später in italienischen Gräbern. So lange das noch der Status Quo ist, schadet dem Diskurs etwas Lautstärke und Aufmerksamkeit sicherlich nicht. Und etwas Pop sicherlich auch nicht.

Zumal das „Zentrum für politische Schönheit" das Thema nur so leicht zugänglich wie Pop macht. Leicht verdaulich sind Beerdigungen von Flüchtlingen offensichtlich nicht.

Es ist ja auch nicht so, dass in all der Poppigkeit die wesentlichen Aspekte des Problems wegfallen. Das dringendste Problem des Diskurses sind diese Toten. Und was auch immer #dietotenkommen war—der Tod der Flüchtlinge stand im Mittelpunkt. Die Leute haben schließlich Gräber gebuddelt, Blumen drauf gelegt und Kerzen angezündet.

Zwischen den Demonstranten auf der Wiese spielt ein Trompeter namens Fabian einen Trauermarsch von Louis Armstrong. Die Polizisten haben mittlerweile eine Kette gebildet und schieben die Demonstranten in Richtung Scheidemannstraße. Die letzten Aktivisten rücken noch die Kerzen auf den kleinen Erdhügeln zurecht. Hin und wieder gibt es kleine Rangeleien. Einzelne Demonstranten werden weggetragen. Ein Haufen von vielleicht 25 sitzenden Demonstranten wird eingekesselt. Die Personalien sollen festgestellt, Anzeige erstattet werden, heißt es. Ein paar, die ganz dringen pinkeln müssen, dürfen noch abhauen.

Vor dem Bundestagsgebäude taucht Joschka Fleckenstein auf. Er ist erst vor kurzem aus Sizilien wiedergekommen und hat sich für das „Zentrum für politische Schönheit" in Italien um die Exhumierung der Leichname gekümmert, sagt er. Und er scheint mit der Aktion zufrieden zu sein. „Wir sehen uns nur als Impulsgeber," sagt er. ,Bringt Schaufeln mit, wir gehen zum Kanzleramt,' ist schon ein ziemlich eindeutiger Impuls. Was dann genau am Ende des Marsches passiert, scheint ihm aber auch nicht vorher klar gewesen zu sein. Impuls war es jedenfalls.

Während des Gesprächs vor dem Bundestag blickt Joschka Fleckenstein immer wieder zu der Gräberlandschaft auf der Wiese. Einzelne Polizisten laufen da noch rum, der Sitzkreis wurde mittlerweile weggeschafft. Die aufgewühlte Wiese hat ein bisschen das Flair eines Festival-Geländes nach dem letzten Konzert. So gegen September, Oktober, sagt er, käme die nächste Aktion.