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Interviews

„Wenn Steine geschmissen wurden, war ich nicht hinter der Kamera“

Samir, der Regisseur von Snow White und Iraqi Odyssey, hat uns erzählt, wie er in den 80ern Widerstand gelebt hat.
10 Juni 2015, 8:40am
Titelbild von Miklós Klaus Rózsa

Samir habe ich als Erzählonkel kennengelernt. Nicht persönlich, sondern als Stimme im 162-Minuten-3D-Epos Iraqi Odyssey, das die Geschichte seiner irakischen Familie erzählt. Es ist keine Gute Nacht-Geschichte und kein Horrormärchen, sondern real und in den Darstellungen teilweise so drastisch wie es sonst nur IS-Propagandavideos sind.

Samir ist aber kein Erzählonkel, dafür ist er zu umtriebig. Er nennt sich Samir, weil sein voller Name „Schönheit der Religion" bedeutet. Samir verzichtet also aus Überzeugung auf einen Teil seines Namens. Und auch sonst hat er starke Überzeugungen, besonders für einen Schweizer.

Ich habe ihn zum 35. Jubiläum der Opernhauskrawalle beim Opernhaus getroffen. Halb spurtend kommt er auf uns zu: „Gehen wir grad ein Kafi trinken? Hier beim Klassenfeind?" Beim Klassenfeind-Café hat er mir dann erzählt wie das so war mit Maoismus, Steineschmeissen und dem Videoladen, der Genossenschaft, die auch hinter Züri brännt! stand.

Foto von Yves Bachmann

Vor ein paar Wochen habe ich auf einer Kinoleinwand gesehen, wie du die Geschichte deiner irakischen Familie erzählst. Aber du identifizierst dich auch mit der Schweiz.
Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Wenn man immer ausgeschlossen wird, muss man sich mit dem Grund dafür beschäftigen.

Es ist ja fast schon ein Klischee, dass Kulturschaffende an der Schweiz leiden.
Natürlich, kenne ich das Gefühl. Meine Situation war noch absurder, denn meine Mutter war Schweizerin und ich wurde wie ein Ausländer behandelt. Ich war mir aber keiner Bringschuld als Migrant bewusst. Umso grösser ist die Kränkung, umso grösser war mein Hass.

Auf technischer Ebene hattest du aber einen Vorteil.
Nein, ich wurde nicht eingebürgert.

Aber du konntest Deutsch?
Ich konnte nur Arabisch. Bis wir in die Schweiz zogen, hatte unsere Mutter nie Schweizerdeutsch mit uns gesprochen. Als ich und meine Geschwister sie darauf angesprochen haben, behauptete sie, dass mit uns immer Schweizerdeutsch gesprochen habe.

Foto von Yves Bachmann

Wie kann es denn sein, dass sie nicht Mundart mit euch sprach?
Erstens war das Konzept der Migration damals ganz anders. Wenn du den Bund der Ehe eingegangen bist, hast du automatisch hier in der Schweiz die Staatsbürgerschaft verloren. Du hattest keine Anrechte mehr. Für ein einfaches Schweizer Mädchen war das in den 50er Jahren eine mutige Entscheidung. Zweitens musste man eine ganze Woche unterwegs sein, um in den Irak zu kommen. Wenn man sich entschieden hatte zu gehen, hiess das für immer.

Für meine Mutter, die aus der Arbeiterschicht kam und im Irak in einen reichen Haushalt mit studierten Leuten kam, war das ein grosser Schritt. Dort ist sie drei Klassen aufgestiegen. Für sie war klar, dass sie sich dem hingeben wird.

Wie war es nach der Flucht in die Schweiz?
Mir hat man gesagt in der Schweiz gäbe es hohe Berge und Eis würde vom Himmel fallen. Ich wusste nichts von diesem Land. Aber ich wusste, dass es Europa gibt. Ich hatte Filme gesehen und auch westliche Musik wie Beethoven neben der Arabischen gehört. Aber der Umzug hat die Konstellationen geändert: Meine Mutter kannte die Sprache, sie wusste, wie die Leute hier ticken, sie kannte die Institutionen. Das ist das Grossartige an diesem Land. Die Konstitution der Dinge durchdringt jegliche Realität, und das auf eine viel raffiniertere Art und Weise als in den USA, wo alles wie für Kinder gemacht ist.

War es in dieser Biografie schon angelegt, dass du dir eine Gegenkultur suchst?
Die 70er-Jahre ... Auf der einen Seite hattest du die wildesten Musiker. Auf der anderen Seite gab es eine Popkultur, die international eine ganz andere Geschichte erzählte, als das was wir hier lebten. Wenn du in den hintersten Tramwaggon eingestiegen warst und vorne einer mit langen Haaren stand, bist du an der nächsten Haltestelle wieder ausgestiegen und vorne eingestiegen. Weil du mit jemandem sein wolltest, der dir wenigstens ein bisschen ähnlich ist.

Das tönt für mich kaum vorstellbar. War die Schweiz damals ein anderes Land?
Als ich hierhergekommen bin, war die Schweiz ein Polizist-Wäckerli-Land. Du bist durchs Niederdorf gelaufen und „Hoi du!" hier, „Ah, hoi!" dort. Das Dörfliche, das die Schweiz geprägt hatte, war bis Mitte 70er-Jahre hier. Das änderte sich, als Zürich eine Metropole sein wollte. Im Kreis 4 und 5 gab dann es Ansätze einer Gegenkultur. Da waren die Italiener, die Armen, die Prostituierten ...

Logisch, gingen wir dorthin. Wir wussten, dass wir ganz wenige sind. Und der Freisinn war für uns wie die Sowjetunion, die FDP gab es ja schon 150 Jahre. Die SP bestand aus Jammerlappen, dann gab's noch die Rassisten und alles war so strukturiert. Um 11 Uhr musstest du die letzte Bestellung in der Beiz machen und danach ... Wenn du selbst eine Party organisiertest, kam gleich die Polizei. Es war eine unglaubliche, drückende Repression gegen jegliche Jugendkultur. Es brauchte mehr Mut für Widerstand als später.

Foto von Yves Bachmann

Und diese Wut hat sich beim Opernhaus 1980 entladen.
Dass es da 1980 zum Ausbruch kam, ist nicht verwunderlich. Schon '71 gab es Krawalle, da war ich mit 15 dabei. Da gab es dann für kurze Zeit ein AJZ, den Bunker. Dort wo heute die Autogarage ist unter dem Lindenhügel. Unser Bunker hatte den Zugang direkt gegenüber von der Polizei. Das musst du dir vorstellen: Logischerweise wusste die Polizei immer, wer da ein- und ausgeht.

Habt ihr es genossen, die Polizisten zu provozieren?
Wir hatten Hass. Aber natürlich waren wir auch frech. Interessant war, dass '71 zum ersten Mal Lehrlinge dabei waren—von Dübendorf, Schwamendingen, Dietikon. Und da gab es Strassenschlachten, die so schlimm waren wie noch nie in Zürich. Das ging alles vergessen. Aber ich war davon geprägt ... Und dann die 70er-Jahre: Eine Hegemonie, die wie die 50er gerochen hat. Und wir waren gegen alles.

Wer ist „wir"?
Anfangs 70er-Jahre bildeten sich linksradikale Parteien, maoistische und so. Es sind viele da eingetreten—ich war auch ein Jahr lang Mitglied in einer, aber das wurde mir schnell zu doof. Diese Phase anfangs 70er-Jahre war geprägt von altmodischen Vorstellungen. Mitte Jahrzehnt war alles kaputt. Alle merkten, dass Maoismus nichts ist. Es widersprach dem libertären Naturell. Ausserdem war die Rockmusik so stark, dass wir gar nicht in einen Arbeiterkult verfallen konnten. Dann entstanden die Freien Zellen. Dann kam die Anti-AKW-Bewegung dazu. Da merkten wir: Man braucht keine Partei. Man kann sich auch in freien Gruppen zusammenschliessen. Wegen all dem war '80 nicht überraschend. Schon 1978 hatten wir die Langstrasse blockiert.

Und wer waren die Leute, die dann die 80er-Krawalle losgetreten hatten?
Wir wussten gar nicht viel von diesen Studenten, die 1980 aktiv wurden. Es gab schon viele Ethnologiestudenten, die bei uns in den WGs wohnten, aber trotzdem. Als wir im Kreis 4 gehört hatten, dass es dort abgeht, gingen wir sofort los. Wenn du damals hörtest, dass es eine Demo gibt, sind alle ins Tram gestiegen und waren in zehn Minuten da. Wir waren dann gerade rechtzeitig.

Foto von Miklós Klaus Rózsa

Und damals warst du berufstätig? Als Typograph oder schon als Filmer?
Damals war ich schon Kameraassistent. Da hatte ich ein schizophrenes Leben. Hier im Seefeld begann es schon mit lässigen Grafikern und Filmern und Schickimicki. Ich machte bei Condor-Film jeden Tag Werbespots und an den Wochenenden führte ich Strassenschlachten. Das ging bis '81 gut.

Und dann wurde der Videoladen gegründet?
Nein, den gab es schon vorher. Ich kam ja vom klassischen Film her, ich lernte noch 35mm und 16mm ... Video war so eine Scheiss-Qualität. In den 80ern merkte ich dann, was Video für Vorteile bringt: Alle Farbanschläge, die wir machten, wurden vom Videoladen aufgezeichnet und am nächsten Tag an der Vollversammlung gezeigt. Das Video als interventionistisches Instrument faszinierte mich.

Also das Feedback, das so viel schneller kam?
Genau. Das brachte mich zum Videoladen.

Und wenn es Krawalle gab, wart ihr mit der Kamera dabei?
Der Videoladen dokumentierte alles, aber wenn die Anderen filmten, wie die Steine geschmissen wurden, war ich nicht hinter der Kamera.

Deine Schwester ging dann als biedere Frau Müller in die erste Diskussion des Schweizer Fernsehens zwischen Bewegung und Establishment.
Das war ein Zufall. Wir wussten einfach, dass jemand von uns jetzt ins Fernsehen muss, um die Sendung zu verarschen. Dann war's meine Schwester. Für sie war es brutal. Ihr Leben wurde zerstört ...

Was ist denn passiert?
Meine Schwester erhielt Todesdrohungen. Sie musste untertauchen.

Dass es einen Skandal gibt, wenn eine radikale Bewegung im Fernsehen Bünzlis imitiert, ist heute undenkbar. Das ist so fern. Als ich 13 war, schauten alle Die fetten Jahre sind vorbei. Den Film kannst du heute nicht mehr schauen, aber er hat meine frühen Teenie-Jahre geprägt. Die zentrale Frage: Wie kann man noch dagegen sein, wenn alles vereinnahmt wird?
Sie schaffen es nicht, alles zu vereinnahmen und die Welt zu kontrollieren. Das siehst du am besten am Irakkrieg. Das war auch eine leninistische Bande, Bush, Cheney und so. Sie sagten: Wir fallen dort ein, zerstören den Staat und dann baut sich alles brav neoliberal von alleine auf. Sie wollten ein Chaos verhindern, sie richteten das grösste Chaos an. Ihr ganzes Programm: ein Backlash. Im Irak haben mir letztens alle vorgeklagt, dass sie 500 Jahre zurückgefallen seien. Meine Antwort darauf: „Spinnsch? Mir sind föif Johr voruus!" Das was jetzt im Irak ist, ist wie die Welt werden soll. Es gibt Leute, die es so gestalten wollen und teilweise passiert das schon.

Foto von Yves Bachmann

Das ist recht frustrierend. Was rätst du Leuten meiner Generation, wenn sie sich engagieren wollen?
Sich so viel wie möglich Wissen aneignen! Analytische Instrumente, um die Welt zu verstehen.

Aber mit genug Wissen handelt man ja nicht unbedingt.
Es geht aber immer darum, auszutesten, wie weit du gehst. Wenn einer grossartig im Forschen ist, soll er ein radikaler Forscher werden. Das hilft uns mehr, als wenn er an der Barrikade zittert. Man soll dort einen Widerstand entwickeln, wo man sich am besten fühlt.

Und was ist der Inhalt dieses Widerstands?
Es gibt nur eine Logik: Die Demokratisierung auf allen Ebenen durchsetzen. Damit kann dieses System nicht umgehen.

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