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Vice Blog

Südkorea säuft sich mit Soju ins Koma

In einem Land, in dem es fast unmöglich ist, illegale Drogen zu kaufen, verbindet Soju alle Süchtigen und Alkoholiker miteinander, wie ein guter Freund, der immer für dich da ist—der inoffizielle Nationalalkohol des Landes und bestverkaufte Schnaps der...

von Tae Yoon
28 November 2013, 2:35pm


Ein Betrunkener in Seoul via

Mit Soju vergeudest du keine Zeit—es führt dich direkt zum Ziel und macht dich schnell betrunken. Das wusste ich schon mit 16, als ich mit dem Trinken anfing. In seiner ganzen Tragweite habe ich das Konzept allerdings erst verstanden, als ich vor drei Jahren für einen kurzen Arbeitsauftrag nach Seoul zog. Es war meine erste Nacht in der südkoreanischen Hauptstadt, in der Heimat meiner Eltern. Ich selbst bin in den USA aufgewachsen. Ich schloss mich meinem Cousin und seinen trinkfesten Freunden an, um durch die völlig überfüllten Straßen in der Umgebung der Gangnam-Station zu ziehen. Da es sich dabei um eine der verkehrsreichsten U-Bahnstationen handelt, gibt es in der Gegend auch viele Bars, voll mit Leuten, die hier saufen.

Am Anfang des Abends schmiedeten wir den Plan für die kommende Nacht. Kurz vor sieben schien die Sonne noch immer, und auf den Straßen wimmelte es von durstigen Trinkern, mit denen wir um einen Tisch in den Bars kämpften. Ich nahm mir einen Augenblick, um die Umgebung auf mich wirken zu lassen. Es war das erste Mal, dass ich in einer Gesellschaft war, in der alle so aussahen wie ich und in die ich mich natürlich integrieren musste. Es war der Ort, an dem ich mich mit den Koreanern verbunden fühlen und in einem filmreifen Moment Arirang mit ihnen singen wollte—zumindest in meiner Vorstellung. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Haufen sturzbetrunkener Leute, die die Straßen entlangtorkelten.

Die Stimmung an diesem Freitagabend war enorm. Die Feiernden in Seoul wirkten wie im Schwindel. Mit herzlichen Umarmungen begrüßten junge Koreaner ihre Freunde, in kleinen Zirkeln plante man, welche Bar als nächste besucht werden sollte. Andere waren schon bei ihrer dritten Runde.

Daneben gab es jedoch auch Sonderfälle wie einen Mann mittleren Alters, den ich mitten auf der Straße liegen sah. Er hatte sich mit dem Inhalt einer grünen Flasche ins Delirium gesoffen, die nun wie ein Beweis neben seinem ohnmächtigen Körper lag. Er schnarchte, und als wir an ihm vorbeigingen, rochen wir den Sojugestank, der von ihm ausging. Niemand schien den unbeholfen auf der Seite liegenden Besoffenen zu bemerken oder sich um ihn zu kümmern. Ohne mit der Wimper zu zucken, stiegen die Menschen über ihn hinweg oder wichen ihm aus, als wäre er ein Hundehaufen. Kurz darauf fielen mir die gewaltigen Mengen von frisch Erbrochenem auf, die auf der Straße verteilt waren—und die ebenfalls komplett ignoriert wurden. Niemand schien sich an diesen Straßen und den Hindernissen zu stören. Das also war Seoul. Um 7 Uhr abends hatte man wichtigere Dinge im Kopf. Ich war noch nicht betrunken.

Die Südkoreaner lieben es, heftigst zu trinken. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist Südkorea das führende Land im Konsum von hochprozentigen Spirituosen. Soju, der inoffizielle Nationalalkohol des Landes, ist der bestverkaufte Schnaps weltweit—mit 90 Millionen verkauften Kisten pro Jahr übertrifft er Wodka, Whiskey und Rum mit einem souveränen Vorsprung. Normalerweise wird Soju gekühlt und in Form von Kurzen serviert. Zumeist wird der Schnaps aus Reis destilliert, er kann aber auch aus anderen Zutaten wie Weizen, Gerste, Tapioka und Süßkartoffeln hergestellt werden. Die koreanischen Hersteller lassen nichts aus und werben auf den Flaschen mit Aufdrucken koreanischer A-Promis oder nackter Taillen und Beine von koreanischen Models.


Foto via

In Korea gibt es verschiedenste Soju-Marken, die je nach Region mehr oder weniger beliebt sind. Zwei Marken beherrschen jedoch sowohl die Gaumen der koreanischen Konsumenten als auch die der globalen Trinker: Chamisul und Cheoeum Cheoreom.

Chamisul Classic hat 20,1 Prozent Alkohol und wird von Hite-Jinro hergestellt, dem weltweit führenden Alkoholhersteller. Wenn du eher ein Schwächling bist, dann bietet Hite-Jinro auch Chamisul Fresh an—mit einem leicht geringeren Alkoholanteil von 19,5 Prozent. Cheoeum Cheoreom hat ebenfalls nur 19,5 Prozent und wird von Lotte hergestellt. Ähnlich wie Cola wird Soju durch diese beiden Marken definiert. Sie können in so gut wie jeder koreanischen Bar und jedem Restaurant bestellt werden, ohne dass man vorher in die Karte kucken muss.

2012 wurden in Südkorea 3 Milliarden Flaschen Soju verkauft. Alkohol—und insbesondere Soju—ist in der koreanischen Kultur verwurzelt. Jede Feier, Totenwache oder sonstige koreanische Dramen, in denen weinende Menschen vorkommen, ist immer auch mit der Präsenz einer Flasche Soju verbunden. Soju ist billig—die Flasche kostet in Supermärkten oder anderen Läden knapp einen Euro—und wird rund um die Uhr verkauft. In einem Land, in dem es ziemlich unmöglich ist, illegale Drogen aufzutreiben, vereint die Liebe zu Soju Soju-Süchtige und Alkoholiker.

Wenn ich heute an den Betrunkenen in meiner ersten Nacht in Korea zurückdenke, leuchtet es mir doch ein, dass sich keiner von uns um ihn gekümmert hat. Denn wenn wir es getan hätten, hätten wir danach umkehren und den Abend zu Hause verbringen müssen. Für mich war Soju immer der gute Freund, der für dich da ist, wenn du etwas brauchst. Soju kann deine Stimmung heben und dabei helfen, eine Feier zu verbessern. Es ist eine Schulter, an der du dich nach einer schlimmen Trennung ausheulen kannst. Dieser Satz wird wahrscheinlich bei AA-Treffen erwähnt, aber Soju ist der Wahrheitstrank, der dich genau dahin bringt, wo du sein möchtest—selbst ohnmächtig auf der Straße.

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