Ich habe meine Freundin an Verschwörungstheorien verloren

Es gibt viele Gründe, wieso eine Freundschaft endet. Wenn die Person an Reptiloide glaubt, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, ist das nicht der schönste.

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Apr. 29 2016, 4:00am

Titelfoto: Diese Leute tragen auf der Berliner Demo gegen Chemtrails Aluhüte, um auf die Absurdität von Verschwörungstheorien aufmerksam zu machen. Sina trägt ihren leider im Ernst | Foto: imago | Christian Mang

Sina* und ich hatten nie diese Art von Freundschaft, in der man besonders tiefe Gespräche führt. Es war mehr so ein Um-die-Häuser-ziehen, Blödsinn machen, bescheuerte Videos schauen (Katzen und Sinnlos im Weltraum) und sich kaputtlachen.

Im Nachhinein betrachtet könnte man vielleicht die Schuld ihren jeweiligen Ex-Freunden zuschieben, wieso sie irgendwann total abgedreht ist. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie genau den Weg gegangen ist, den sie wollte. Immer tiefer hinein in den Kaninchenbau aus New World Order und Chemtrails.

Wir lernten uns über Philipp kennen, eigentlich ein Freund von mir, sie war seit ein paar Jahren mit ihm zusammen. Von ihm hatte sie den Veganismus und einen Hang zur Kabbala. Ansonsten war sie eine strebsame Studentin mit Pferdeschwanz und ausschließlich Einsen, ganz anders als ich. Irgendwann war Philipp aus, vorbei und weg. Sina blieb in meinem Leben, obwohl wir so wenig gemeinsam hatten. Sie wurde meine Freundin. Eine von der Sorte, die man nicht fragen muss, wenn man etwas unternimmt—weil es sich von selbst versteht, dass sie dabei ist.

Dann kam Fahid, und er brachte MDMA und Goa mit. Sina schnitt sich die Haare kurz und kaufte fransige Tanktops und Kapuzenjacken aus Fleece. Sie und ich fanden Yoga gut und Christentum schlecht, deshalb hat es mich nicht gewundert, als sie mit ihm zum Vipassana fuhr. Das ist ein Kurs, bei dem du zehn Tage nur meditierst, isst und schläfst. Alles andere ist verboten: Reden, Lesen, Musikhören, Sex oder auch nur jemand anderes anschauen, eben jede Art von Kommunikation, außer mit dir selbst (obwohl Masturbation auch verboten ist).

Als sie wiederkam, gingen wir in unsere liebste Bar. Sie war aufgekratzt, ich fand das gut, ich wollte schließlich wissen, was sie so erlebt hatte. Sie textete einem Mädchen, das auch mit im Vipassana-Kurs gewesen war, und lud sie in unsere Runde ein. Sehr schnell konnte ich nicht mehr mitreden: Bei den beiden drehte sich alles darum, wie gut sie dem Guru gefolgt waren. Und ja, sie hätten so kleine Teilchen gespürt, die sich aus ihrem Körper lösen und ins unendliche All strömen, genau wie es der Guru gesagt hatte. Das meinten sie nicht als Allegorie, sondern ganz wörtlich. Kleine Teilchen also. Da wurde mir klar: OK, ich bin zwar ein bisschen eifersüchtig auf die Neue. Aber mein Unbehagen an dem Ganzen kommt noch woanders her.

Fahid machte irgendwann Schluss, und Sina war ziemlich am Boden. Sie stürzte sich in eine Art Spiritualität, und in so einem Anfall (MDMA-induziert) verliebte sie sich in John. Der war gerade dabei, Geld für die große Reise zu sparen: über Land nach Indien. Sein Plan wurde ihr Plan. Ein Jahr lang wohnten sie zu zweit in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung, um die Ausgaben niedrig zu halten. Sina hatte mittlerweile ihr Studium abgeschlossen, mit Bestnote, hätte sofort einen Doktor machen können. "Ich habe keinen Bock, mein Leben lang für das System zu arbeiten", sagte sie und lehnte ab.

In dieser Zeit fing es an, wirklich ungemütlich zu werden. Auf Facebook postete sie Links, die ich unmöglich ernst nehmen konnte: HIV gibt es gar nicht, denn niemand hat das Virus je mit eigenen Augen gesehen. Krebs lässt sich mit Apfelkernen und gutem Willen heilen, aber die Pharmaindustrie unterdrückt dieses Wissen. Die CERN-Physiker arbeiten am Weltuntergang. Sinas Quellen hießen The Truth Theory oder Withheld Information oder Knowledge of Today. Deren Quellen hießen "Insider" oder "informierte Kreise", wenn sie denn überhaupt welche nannten. Und am Ende eines Artikels warb der Autor meistens für seine eigenen Bücher, Silberpulver oder irgendetwas anderes, das den Weltuntergang noch gerade so aufhalten könne.

Die Leute bewunderten Sina für ihre verträumte Pixie-Haftigkeit, wenn wir abends irgendwo kiffend im Kreis saßen. Aber ich vermutete, dass hinter ihren Reden von einer besseren Welt merkwürdige Ansichten lauerten. Ich wusste nur nicht, wie ernst sie das alles nahm.

Sina und ich mussten reden.

Nur hatten wir das nie so gut gekonnt. Ich provozierte sie oft mit den Widersprüchen in diesen Theorien, um ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel: Wie kann HIV gleichzeitig nicht-existent und von der US-Regierung absichtlich verbreitet worden sein? Lange Nachmittage verbrachten wir an meinem oder ihrem Küchentisch und sie versuchte, mir zu erklären, wie die Welt in ihren Augen funktionierte. Mit John, der viele dieser Verschwörungsvideos und -bücher überhaupt erst anschleppte, konnte ich schon besser reden. Für ihn war das alles eher eine mögliche Alternative zum Schulbuchwissen. Das verstand ich—auch Wissenschaft kann eine Ersatzreligion sein, wenn man blind an sie glaubt.

Irgendwann merkte ich, dass wir einfach nicht weiterkamen. Im Gegenteil. Ich fühlte immer stärker, dass Sina mir etwas nicht erzählte. Dass sie immer vorsichtiger wurde mit dem, was sie sagte. Ich dachte viel darüber nach, was Freundschaft eigentlich bedeutet. Es war schließlich ihre Angelegenheit, an was sie glaubte oder zu wissen glaubte. Meinen religiösen Freunden muss ich Atheistin ja auch nicht ständig erklären, dass das, was sie glauben, Schwachsinn ist.

Ein paar Wochen sah es so aus, als würden wir uns verstehen wie früher: ohne große Worte. Aber das Thema war nicht verschwunden, nur weil wir nicht darüber sprachen. Bald kamen wir trotzdem immer wieder darauf. Ich änderte meine Strategie und wurde aufgeschlossener, fragte weniger offensiv. Es war an einem dieser endlosen Nachmittage zu zweit, wieder bei mir am Küchentisch, als sie endlich richtig mit der Sprache rausrückte. Und dann kam der Hammer.

Denn die Wahrheit ist die: In Wirklichkeit werden wir von Reptilien-Außerirdischen regiert. Sie sind dabei, große Teile der Bevölkerung auszulöschen. Zum Beispiel mit Fluor im Trinkwasser und Gift in Kondensstreifen und Krieg im Nahen Osten. Der Rest wird dann wie Ameisen für eine kleine Gruppe von "Reptiliens" arbeiten. Aber noch können wir gerettet werden: Denn gute Aliens senden uns Signale aus dem Weltall, zum Beispiel aus dem Orion. Auf die müssen wir hören. Sie kreieren gerade auch eine neue, bessere Rasse Mensch, die hoffentlich den Planeten übernehmen wird.

Das war Sinas Wahrheit. Und das Schlimmste: Man kann dagegen nicht argumentieren. Alle Fragen laufen ins Leere: Ab wann wird ein Machthaber von "denen" übernommen? Ist es nur Merkel? Oder auch ihr Staatssekretär? Oder schon der Bundestagskandidat in Bielefeld? Gibt es ein Massen-Reptilierungs-Ritual, sobald eine Partei in die Regierung gewählt wird? Und warum wollen "die" überhaupt alle töten, wer soll dann noch arbeiten? Der Kapitalismus funktioniert doch schon ganz gut?

Diese Diskussion endete wie alle, die noch kommen sollten: von Sinas Seite und mit den Worten: "Eines Tages wirst auch du die Wahrheit erkennen. Wenn du bereit bist."

Mir blieb vor so viel Gedankenfaschismus jedes Mal der Atem weg. Ich konnte ihr nie klar machen, wie viel Aggression und Menschenverachtung in solchen Theorien stecken. Angst verbreiten, um dann Profit daraus zu schlagen und das System am Laufen zu halten: Verschwörungsideologen bedienen sich genau der Strategie, die sie "denen" vorwerfen. Zu dieser Zeit war ich überzeugt, der Dritte Weltkrieg würde nicht von Russland, USA oder dem Nahen Osten angefangen, sondern von Menschen wie David Icke und meiner Freundin Sina.

Wenn wir uns jetzt trafen, hatte ich vorher Bauchschmerzen. Ich weiß nicht, wie sie es empfand, aber ich hatte keine Geduld mehr für Gespräche, die jedes Mal im Nichts endeten. Es ist nicht fair und ganz sicher nicht freundschaftlich: Aber irgendwie verlor ich den Respekt vor Sina und ihrem Lebensweg. Und ich schämte mich deswegen. Wir bewegten uns immer noch im selben Freundeskreis. Aber wenn wir zusammen in Parks oder Bars rumhingen, wählte ich nicht mehr den Platz neben ihr.

Sie zog dann mit John los und weg aus Berlin, verließ ihn aber nach zwei Wochen für einen neuen Freund. Sie leben jetzt zusammen im Haus seiner Eltern. Sina will nie mehr arbeiten und ich glaube, sie verbringt ihre meiste Zeit online. Manchmal schreiben wir auf Facebook, aber ich habe immer ein bisschen Angst davor, auf ihr Profil zu schauen.

Und nur, dass ihr es wisst: Die Ice-Bucket-Challenge war in Wahrheit ein reinigendes Ritual, mit dem die Illuminati das größte Menschenopfer aller Zeiten vorbereiten.

*alle Namen geändert, um die Identität der Handelnden zu schützen.

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