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Sex

Wie es ist, drei Frauen gleichzeitig zu lieben

Es ist gar nicht so einfach, dabei kein Arschloch zu sein.
Foto: Ivan Bandura

Ich bin kein Arschloch. Männer, die gleichzeitig mit mehreren Frauen schlafen, werden gerne als Macho-Schweine dargestellt. Das trifft zumindest in meinem Fall nicht ganz zu. Mir ist aber klar, dass mir fast niemand glauben wird, wenn ich sage: Ich war auf ehrliche Art und Weise gleichzeitig in drei Frauen verliebt.

„Geht doch gar nicht!, mag sich der monogame Leser jetzt denken. Aber: Das geht sehr wohl! Nach vier glücklichen Beziehungsjahren stand ich plötzlich alleine da. „Die Eine" hatte mich verlassen. Unfähig, mit der Situation auch nur ansatzweise umzugehen, versuchte ich, mich ganz klischeehaft in einer Badewanne voller Selbstmitleid zu ertränken. Auf dem Weg zur vollständigen Selbstzerstörung kehrte ich der desillusionierenden Monogamie den Rücken zu.

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Foto: Corinna Dumat | Flickr | CC BY 2.0

Über Monate hinweg lebte ich in einer (zumindest was mich betraf) perfekten Vierecks-Beziehung. Jede Beteiligte wusste, dass sie nicht die einzige sein konnte, aber keine wusste etwas von den anderen. Keine Beziehung und keine Exklusivität, das war der Deal. Doch die Realität ist leider mehr Arschloch als Hollywood und so verliebte ich mich Stück für Stück zuerst in Sofia, dann in Mia und schließlich auch in Laura. Gemeinsam wurden diese drei Frauen zur Liebe meines Lebens, weil sie sich gegenseitig zu meiner Traumfrau ergänzten. Aber wie jede gute Geschichte konnte auch diese kein glückliches Ende nehmen.

Innerhalb weniger Wochen hatte ich Sofia, Mia und Laura kennengelernt. Sofia begegnete ich das erste Mal bei einer Wohnungseinweihungsparty. Sie wirkte mit der Hornbrille und dem Pony-Haarschnitt wie eine Sekretärin aus meinen versautesten Porno-Phantasien. Mia kannte ich aus der Schulzeit und sie hatte sich soeben von ihrem Freund getrennt—einem Typen, mit dem sie jahrelang zusammen gewesen war. Bei unserem ersten Date wurde aus dem Abendessen im Restaurant ein gemeinsames Frühstück in ihrem Bett. Und Laura lernte ich im Urlaub kennen. Die Tage verstrichen und wir verließen das Hotelzimmer nur für Essen und Wasser. Als wir wieder zu Hause waren, behielten wir unseren Liebes-Rhythmus einfach bei.

Es gibt wahrhaft schlimmere Schicksale, als drei Frauen pro Woche zu daten. Ich gebe offen zu, dass mir diese Expedition ins Reich der Polyamorie große Freude bereitete. Da ich rein gar nichts zu verlieren hatte, spielte ich von Anfang an mit offenen Karten: Nein, ich wolle keine Beziehung. Nein, auch nicht in absehbarer Zeit. Selbst den Tabusatz schlechthin sprach ich frei von der Leber weg: Ich will einfach meinen Spaß haben und eine gute Zeit mit dir verbringen. Wieso ich für diesen Spruch keine Ohrfeige kassierte, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

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Wenn du deine Freizeit zwischen drei Frauen aufteilen musst, wirst du zwangsläufig zur eierlegenden Wollmilchsau. Am Freitag ins Kino mit Laura, am Samstag eine heiße Nacht mit Sofia und am Sonntag ein Spaziergang mit Mia. Und das waren nur die Wochenenden. Hast du schon mal versucht, eine Liebschaft nur am Wochenende zu treffen? Unmöglich.

Zeitweise entwickelte ich deshalb eine richtiggehende Paranoia: Ich konnte keine Textnachrichten mehr versenden, ohne mehrfach zu checken, ob sie auch wirklich die richtige Adressatin erreichen würden. Ich muss zugeben, es war unglaublich stressig, sich mit drei Frauen zu treffen. Beklagte ich mich mal wieder bei Freunden, kam stets dieselbe Antwort: „Die meisten Männer würden für deine Probleme töten. Also halt endlich die Schnauze!"

Natürlich war es in vielerlei Hinsicht genial, zwischen drei Frauen auswählen zu können. Ich hatte mehr Sex als jemals zuvor—oder irgendwann zwischen damals und jetzt. Besoffen nach der Party einen Quickie? Ich konnte ohne Voranmeldung zwischen drei Adressen auswählen. Affären, die man über längere Zeit pflegt, haben zudem den Vorteil, dass der Sex immer besser wird. Ich sah mich deswegen nicht als Frauenhelden und prahlte auch niemals damit. Ich war der still genießende Liebhaber. Mein Arrangement hatte natürlich auch seine Schattenseiten. Trotz aller Offenheit musste ich regelmäßig Ausreden erfinden, damit ich meinen nächsten „Termin" einhalten konnte. Zeitmanagement wurde schnell essenziell. Meinem Gewissen hatte ich antrainiert, sich in diesen Momenten, in denen ich Ausreden erfand, sprich log, totzustellen. Ich bewegte mich hart an der Grenze mit dem, was ich mit mir selbst vereinbaren konnte.

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Sex gehört auch zu Liebe:


Darüber hinaus stellte ich fest, dass ich keinen bevorzugten Typ Frau habe. Alle drei waren unglaublich verschieden oder gar gegensätzlich und zu jeder einzelnen fühlte ich mich auf eine andere Art hingezogen. Stehen zum Mittagsmenü drei Mahlzeiten zur Auswahl entscheide ich mich sicher 100-mal um, bevor der Kellner ungeduldig meine Bestellung aufnimmt. Ein Symptom der Generation Y, schon klar.

Doch es kam, wie es kommen musste, und der Reihe nach hoben nicht nur in meinem Bauch die beschissenen Schmetterlinge zum Tanz ab, sondern auch in jenen von Sofia, Mia und Laura. Und jede stellte mich einzeln vor die Wahl: Jetzt oder nie! Entscheide dich! Meine Seifenblase aus null Verantwortung und naivem Spaß drohte zu platzen. Wie hätte ich zwischen diesen drei Individuen auswählen können, für die ich inzwischen echte Gefühle hegte? Ich war verzweifelt. Ich dachte sogar daran, alle drei Frauen miteinander bekannt zu machen. Vielleicht hätten sie sich super verstanden. Vielleicht wären wir heute zu viert in einer glücklichen Beziehung. Ja gut, vermutlich wären wir das nicht.

Foto: Andy Templeton | Flickr | CC BY 2.0

Ein angebliches Johnny-Depp-Zitat besagt: „Wenn du zwei Personen zur selben Zeit liebst, entscheide dich für die zweite. Denn hättest du die erste wirklich geliebt, hättest du dich nicht in die zweite verliebt." Und was ist, wenn's drei Frauen sind? Und wenn man sie beinahe gleichzeitig kennenlernt? Ach Johnny, ich komm mit dir ans Filmset, die Realität ist viel zu kompliziert für uns.

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Trotz einer riesigen Angst vor dem Alleinsein musste ich eine radikalen Entscheidung fällen. Die totgesagte Monogamie zwinkerte mir verschmitzt zu: „Na, hast du's doch nicht gepackt?" Es gab kein Entkommen. Also regierte zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder die Vernunft über mein Leben und ich machte mit allen Schluss: Sofia, Mia, Laura und meinen träumerischen Vierecksbeziehungs-Fantasien. Bis heute frage ich mich trotzdem, ob diese drei Frauen wirklich die Liebe meines Lebens waren. Natürlich vermisse ich die Aufmerksamkeit und das Gefühl, gebraucht zu werden. Ob ich es wieder tun würde? Wahrscheinlich schon, aber nicht mehr in diesem Leben.

Foto: Jan Fidler | Flickr | CC BY 2.0

Aus der Retrospektive lässt es sich gut klugscheißen. Ich kam damals aus einer Beziehung und war verletzt. Eine bessere Entschuldigung habe ich nicht auf Lager. Nüchtern betrachtet bereue ich mein unbeholfenes Vorgehen. Nicht, dass ich diese Frauen kennengelernt habe und auch nicht, dass ich mich in sie verliebt habe. Jedoch habe ich durch meine Entscheidungsfaulheit Menschen verletzt, die mir sehr viel bedeutet haben. Mich selbst eingeschlossen. Ja, die Geschichte wuchs mir über den Kopf hinaus und ja, ich war ein Feigling. Und ich vermisse alle drei verdammt doll! Doch ich war nicht ehrlich. Am wenigsten mir selbst gegenüber. So kam es, dass ich vier Herzen brach. Ich hätte zuerst meinen eigenen Scheiß in Ordnung bringen sollen, bevor ich mich von einem Abenteuer ins nächste stürzte. Facebook-Beziehungsstatus „es ist kompliziert"? Ihr habt ja keine Ahnung!


Titelfoto: Ivan Bandura | Flickr | CC BY 2.0