FYI.

This story is over 5 years old.

Prater-Mitarbeiter über die absurdesten Erlebnisse ihres Arbeitslebens

Wir haben die stillen Zeugen des alltäglichen Freizeitpark-Wahnsinns gefragt, was die schlimmsten, lustigsten und absurdesten Dinge sind, die ihnen in ihrer beruflichen Laufbahn bis jetzt widerfahren sind.
20.5.15
Alle Fotos von Stefanie Katzinger, VICE Media

Der Wurstelprater ist ein buntes, abartig lautes, an manchen Ecken etwas heruntergekommenes aber alles in allem wunderbares Freizeitdomizil, das Wiener, Nicht-Wiener, Schulkinder, Erwachsene und Greise seit ewigen Zeiten mit kindlicher Freude erfüllt. Aber wo so viele Menschen unterwegs sind, um die beste Zeit ihres Lebens (oder zumindest ihres Wochenendes) zu haben, da passieren natürlich auch kuriose und absurde Dinge. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Prater den Ruf hat, ein Ort zu sein, an dem man allerhand verrückten Scheiß erleben kann.

Da auch wir den Prater mit all seinen seltsamen Eigenheiten lieben, sind wir an einem brütend heißen Nachmittag losgezogen, um mit den stillen Zeugen des alltäglichen Prater-Wahnsinns zu sprechen: den Mitarbeitern und Betreibern, die im Prater ihren Lebensunterhalt bestreiten und euch die Jetons verkaufen. Wir wollten von ihnen wissen, was die seltsamsten, unterhaltsamsten und kuriosesten Dinge sind, die sie in ihrer Laufbahn als Prater-Mitarbeiter erlebt haben.

Klaus, arbeitet seit 13 Jahren beim „Super Top Dance"-ParcourHaus

Alle Fotos: Stefanie Katzinger

VICE: Was ist das Seltsamste, was Ihnen bei der Arbeit hier passiert ist?
Klaus: Eine Geschichte fällt mir da ein. Wir haben da diese Spiral-Rutsche, in der kannst du nicht stecken bleiben. Das ist unmöglich. Da ist schon ein Kerl mit 180 Kilo problemlos runtergekommen. Aber vor acht oder neun Jahren kommt plötzlich ein Kunde zu mir und ruft: „Da steckt einer in der Rutsch!". Sag ich: „Haha, das geht gar nicht." Der meint: „Oh ja, der steckt fest!" Ich schau also auf die Überwachungskamera und seh, dass sich dort oben wirklich schon ein Auflauf bildet. Also bin ich auch rauf, um zu schauen.
Steckt da tatsächlich ein älterer Mann—etwa um die 70—in der Rutsche. Die Füße waren irgendwie im Spagat, der eine steckte links fest, der andere rechts. Und das Beste: Der hat seinen Schuh im Mund gehabt. Ich schwöre. Der Schuh war im Mund. Ich rufe also in die Rutsche zu ihm: „Wie haben Sie das geschafft?" Ruft mir sein Kollege zu: „Der hat ein steifes Bein, deswegen hängt er." Anscheinend ist er in die Rutsche gestiegen, ausgerutscht, und nach der ersten Kurve ist das Bein stecken geblieben.

Was haben Sie dann gemacht?
Weiter nach unten durch die Rutsche wär er nicht gekommen. Ich hab mir zwei kräftige Leute gesucht, und ihnen gesagt: „Ich klettere jetzt kopfüber in die Rutsche, schnapp ihn mir, ihr haltet mich an den Beinen fest und zieht mich dann mit ihm raus." So haben wir das dann auch gemacht. Ich werde das nie vergessen, wie der da drinnen hängt und den Schuh im Mund hat.

Marko, arbeitet seit 4 Jahren beim Jagdschießstand

VICE: Passieren einem viele seltsame Dinge, wenn man an einem Prater-Schießstand arbeitet?
Marko: Naja, erst gestern wurde hier vor meinem Stand ein Boxkampf ausgetragen.

Ganz ernst oder aus Spaß?
Zuerst ganz ernst. Das war nicht lustig. Das war ein bisschen tragisch. Beziehungsweise es wurde fast tragisch. Aber dann hat der eine der beiden ein bisschen Angst bekommen und zu dem anderen gesagt: „Samma bitte wieder Freunde!" Eigentlich ist das hier aber ein sehr lustiger Job. Ich würde sagen, 80 Prozent der Gäste sind nett, und 20 sind schwierig. Man muss die Leute einfach gut unterhalten, damit sie nicht aggressiv werden.

Apropos aggressiv—ist das hier nicht gefährlich, mit den Betrunkenen und den Gewehren?
Ja, das ist gefährlich, vor allem bei Betrunkenen, Frauen und Kindern. Die glauben, das ist ein Spielzeug. Die Frauen haben keine Ahnung. Die drehen die Gewehre machmal um, da musst du echt aufpassen. Aber bis jetzt ist immer alles gut gegangen.

Elfi, 61, arbeitet seit 8 Jahren im „Jack the Ripper"-Geisterhaus

VICE: Erlebt man bei der Arbeit hier in einem Spukhaus eigentlich sehr kuriose oder lustige Sachen?
Elfi: Ganz ehrlich, lustig ist das nicht. Manchmal ist es schon eher fast traurig. Man verliert den Glauben in den Verstand der Menschheit. Da kommen Leute, zahlen 4,50 Euro Eintritt und gehen dann nicht mal einen Schritt ins Haus hinein. Sie bleiben vorm Eingang stehen, kommen zurück zu mir, überlegen, gehen wieder zum Eingang, kommen wieder zu mir und fragen: „Darf ich bitte raus?" Das ist doch nicht normal.
Wirklich seltsame Dinge gibts aber schon auch. Es gibt da zum Beispiel diese Person, die drei oder vier Mal in der Wochen kommt und so ein ganz kleines, buntes Kindertonbandgerät mit Mikrofon dabei hat. Dieser Mann stellt sich dann hier zum Gartenzaun und nimmt die Geräusche vom Spukhaus auf.

Wofür nimmt er sie auf?
Ich habe keine Ahnung! Er hängt sich über den Gartenzaun und hält das Mikrofon hinein. Aber nicht zehn Minuten oder so. Eine Stunde! Dann geht er wieder weg, und ein bisschen später kommt er wieder mit dem Mikrofon daher. Er würde aber auch nie direkt zu mir kommen und mich ansprechen. Bloß nicht!
Und dann gibt es da noch einen anderen Mann, der ist Monate lang jeden Samstag und Sonntag dagewesen. Er ist jedes Mal eine Stunde vor dem Haus nervös hin und her gelaufen. Ich glaube, es hat vier Monate gedauert, bis er sich dann reingetraut hat.

Das muss dann aber ein ziemliches Erfolgserlebnis für ihn gewesen sein.
Total, ich war dann auch stolz auf ihn. Ich kannte ihn einfach schon so gut und hab mich dann wirklich für ich gefreut. Ich war selber noch nicht einmal da drinnen, in all den Jahren nicht.

Pippo, arbeitet seit 7 Jahren bei der „Turbo Booster" Hardcore Zentrifuge

VICE: Pippo, deine Zentrifuge ist ziemlich rasant. Halten das alle Gäste aus?
Pippo: Naja, ich rede ganz viel mit meinen Gästen und versuche immer, die Fahrt für sie so lustig und angenehm wie möglich zu machen und ihnen die Angst zu nehmen. Die Leute zahlen ja auch 3,50! Ich rede vor der Fahrt mit ihnen, erkläre alles und wenn die Fahrt mit der Zentrifuge vorbei ist, dann gehe ich zur Türe, und begleite sie hinaus. Aber manchmal rasten Leute aus. Letztens hat mich eine Dame im Alter von 40 bis 50 Jahren am Kragen gepackt, nachdem ich die Türe aufgemacht habe, und gesagt: „Ich töte dich! Ich mach dich fertig!" Ich war komplett überrascht und habe gerufen: „Was war los, was hab ich falsch gemacht?" Sie meinte, „Das ist ja viel zu arg!" Ich sagte, „Das hab ich Ihnen doch schon vorher gesagt! Bitte lassen Sie mich los, ich habe eine Frau, wie sieht denn das aus!"

Musste schon mal jemand da drinnen kotzen?
Einmal. Vor etwa vier Jahren kam ein Paar zu mir und der Mann wollte total auf Gigolo machen und hat groß dahergeredet. Ich habe sie in die Zentrifuge gelassen. Der Kerl hatte offensichtlich viel gegessen. Es hat vielleicht 15 Sekunden gedauert, dann hat der sich dermaßen übergeben—und alles ist zurück in sein Gesicht geflogen. Ich habe gelacht ohne Ende. Ich hätte die Zentrifuge ja auch gestoppt, aber der Mann hat weiter auf cool gemacht und meinte „Weiter, mir gehts gut, wunderbar! Ich bin zwar besoffen, aber ist schon OK."

Harald, arbeitet seit 12 Jahren beim Tagada

VICE: Erlebt man als Tagada-Host viele lustige Dinge?
Harald: Naja, das ist ganz lustig: ich bin ja nur zweitberuflich hier. Ich bin eigentlich—und das ist einzigartig in Österreich, vielleicht ganz Europa—Lokführer. Ich fahre Schnellzüge, ich fahre Tauros, und hin und wieder eben Tagada. Ich mache das schon seit über 12 Jahren. Als ich selber im Teenager-Alter war, bin ich hier beim Tagada hängen geblieben, denn das Tagada hat den besonderen Anreiz, dass sich die Fahrgäste aktiv an der Fahrt beteiligen können. Mich hat auch die Technik und die Moderation interessiert. Ich bin auch ganz gut im selber Fahren, also ich könnt locker dort drinnen stehen. Und ich mache auch die Musik und die ganzen Jingles, die ihr da hört, das ist alles selber gemacht.

Moment, die ganzen Techno Songs, die hier laufen, die hast du gemacht?
Ja, ich hab da drei CDs rausgebracht: Lento-Tagada Vol. 1—3. Die sind auch gepresst und ganz professionell gemacht worden. Ich bin übrigens dann auch 12 Jahre mit dem Tagada auf Reise gegangen und habe auf Jahrmärkten die Durchsagen gemacht. Es ist tatsächlich schon mal passiert, dass ich in Niederösterreich als Lokführer die Durchsagen gemacht habe, und die Leute an der Stimme erkannt haben, dass das die Stimme vom Tagada ist. Dann sind sie nach vor zum Führerhaus des Zuges gelaufen und haben gefragt, „Bist du's? Bist du's?" Ich hab mir dann ein kleines Scherzchen erlaubt und ihnen erzählt, dass ich nur der Bruder vom Tagada-Mann bin.

Tori auf Twitter: @TorisNest