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Ich habe mich als Kannibale durch das Ödland von ‚Fallout: New Vegas‘ gegessen

Alles fing mit ein wenig Geknabber an, doch dann geriet das Ganze außer Kontrolle.

von Jake Tucker
29 Juli 2015, 7:57am

Dem Vault Boy von Fallout gefallen deine Essensgewohnheiten.

Anfangs war es nur ein wenig Geknabber.

Ich hatte Obsidians 2010er Rollenspiel Fallout: New Vegas bereits einige Male gespielt, aber dieses Mal hatte ich ein neues Level erreicht und eine Option gefunden, der ich vorher noch nie begegnet war: Kannibalismus.

„Mit dem Kannibalen-Extra hast du im Schleich-Modus die Möglichkeit, eine Leiche zu essen, um kräftiger zu werden. Aber jedes Mal, wenn du das machst, verlierst du an Karma und wenn du dabei beobachtet wirst, wird es als Verbrechen gegen die Natur angesehen."

Ich weiß, dass das in vornehmer Runde nicht gerne gesehen wird, aber das hier ist das Ödland der Mojave-Wüste, da geht es ums Überleben. Richtig?

Die ersten Leute, die ich gegessen habe, waren Pulverbanditen, Kriminelle zweiten Ranges, die ein Gefängnis in der Nähe der Eröffnungsstadt bewohnen. Es war für mich ein Ritual beim Spielen geworden, zu ihrem Hauptquartier zu gehen und sie auszulöschen ... ein paar Stangen Dynamit und sie waren ruhig. Das hat mir erlaubt, meine neue, gesunde Ernährung auszuprobieren. Nach einem herzhaften Mahl war es Zeit, sich die Fakten anzusehen: Ich hatte gerade eine komplette Subkultur innerhalb der New-Vegas-Welt verschlungen.

Ich grinste düster.

Kannibalismus ist eines der letzten Tabus in Videospielen: Sowohl bei The Walking Dead als auch bei The Last of Us gibt es Charaktere, die schlimme Dinge tun, aber Kannibalismus soll das Schlimmste herausstellen.

Obwohl es mit dem charakteristischen Humor von Fallout behandelt wird, geht New Vegas weiter, als Kannibalen einfach als Bösewichte zu besetzen, und fügt dem ganzen eine Nuance hinzu, indem es dich zum Monster macht. Könnte mein Kannibalismus in einem Spiel, in dem ich möglicherweise der Heilsbringer für das Ödland bin, jemals wirklich verziehen werden oder war ich der Bösewicht?

Um das herauszufinden, musste ich mehr Leute essen. Aus Forschungszwecken.

Boone, bevor ich ihm das Gesicht abgenagt habe

Ich habe es zunächst geschafft, meinen Hunger einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Die Rechtfertigung, dass ein paar tote Figuren besser für meinen Charakter waren als das, was auch immer ich von einem riesigen mutierten Skorpion bekommen konnte, war stichhaltig. Es waren nur ein paar böse Typen oder Leute, die sowieso durch andere Gefahren des Ödlands getötet werden würden. Ich habe in den meisten Rollenspielen immer eine Art heiligen Nomaden gespielt, also fiel es mir schwer, jemanden unbegründet zu töten: Immerhin könnten sie bei einer zukünftigen Aufgabe noch eine Rolle spielen oder eine Hintergrundgeschichte haben, die ich entdecken könnte.

Die Dinge spitzten sich zu, als ich zum ersten Mal auf Boone traf. Boone ist ein ehemaliger Sniper einer Spezialeinheit mit einer düsteren und schrecklichen Hintergrundgeschichte, aber einem ausgeprägten Sinn für Richtig und Falsch, trotz der schrecklichen Taten der Vergangenheit.

An dieser Stelle entglitten mir die Dinge. Ich begegnete mitten auf der Straße einem toten Dorfbewohner und fing an, ihn zu essen. Boone hatte schlimme Dinge getan, bevor wir zusammen rumhingen, also war es für ihn sicher in Ordnung, dass ich an ein paar übergebliebenen Rippchen nagte. Der Dorfbewohner brauchte sie ja nicht mehr.

Boone war definitiv nicht einverstanden damit. Er brach sofort das heilige Vertrauen zwischen Spieler-Charakter und Nicht-Spieler-Charakter, indem er mich angriff. Später, als ich seine Überreste aß, dachte ich mir: „Wenn ich der Bösewicht sein soll, dann verhalte ich mich auch so."

Munchies: Wenn Menschen Menschen essen

Anstatt mich von den Überresten des Ödlands zu ernähren, wurde das Ganze zu einem All-you-can-eat-Büffet. Ich fing an, Menschen zum Essen zu jagen. Ich führte einen kulinarischen Ein-Mann-Krieg, in dem ich bei meinem allumfassenden Wunsch zu essen, ganze Siedlungen zerstörte.

Anders als viele andere Spiele schützt New Vegas viele der zentralen Nicht-Spieler-Charaktere nicht vor dem Tod. Wenn du es nicht auf eine der wenigen Figuren abgesehen hast, die als „zentral" eingestuft werden, dann kannst du jede einzelne Figur der Spielwelt töten (und essen), vorausgesetzt, du bist tough genug, sie zur Strecke zu bringen. Mein „Erst kauen und später Fragen"-Ansatz bedeutete, dass es sich als recht schwierig herausstellte, Aufgaben zu beginnen und zu beenden.

Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass sich das Spiel an meine Taten anpasste. Die Neuigkeiten verbreiteten sich im Land und die Siedler wurden zunehmend feindseliger, sobald ich die Stadt betrat. Bei Fallout: New Vegas basiert dein Ruf auf einem Fraktionssystem. Wenn du Mitglieder einer Fraktion tötest, dann wird die Fraktion anfangen, dich nicht mehr zu mögen. Wenn du die Feinde einer Fraktion tötest, dann „erfährt" diese Fraktion von deinen Taten und mag dich mehr. Die zwei Hauptfraktionen des Spiels haben mich beide angegriffen. Letztendlich haben sowohl die RNKs als auch die Caesars Legion angefangen, Mordkommandos zu schicken, um das gefürchtete Monster des Ödlands zur Strecke zu bringen.

Die Caesars Legion besteht auch aus Kannibalen, also fand ich ihre aggressive Position etwas heuchlerisch, aber ich schätze, Logik ist nicht dein stärkstes Attribut, wenn du versuchst, eine postapokalyptische amerikanische Einöde wie ein römischer Legionär gekleidet zu durchstreifen.

Ich stelle es mir gerne so vor, dass Kannibalen zu essen mein Äquivalent eines Turduckens war, bei dem es unter jeder Schicht einen neuen Geschmack zu entdecken gibt. Und meine erste Überraschung war der verborgene Bonus für das Verspeisen von vier verschiedenen Figuren: „Meat of Champions" verleiht dir jedes Mal, wenn du isst, zeitweise die Kräfte des verspeisten Quartetts. Diese Figuren sind wichtige Aufgabengeber und Fraktionsführer, was bedeutet, dass viele Leute nicht einmal eine essen, geschweige denn den ganzen Satz.

Mr House ist einer der vier Charaktere, die du essen musst, um dir den „Meat of Champions"-Bonus zu sichern. Guten Appetit ...

Die zweite Überraschung war, wie viel Spaß es machen kann, den Bösewicht zu spielen. Ich hatte damit schon ein wenig Erfahrung, als ich in der Mitte von Prototype 2 realisierte, dass ich vielleicht der Bösewicht war, aber New Vegas ist anders, weil ich meinen eigenen Pfad der Bösartigkeit gehen konnte. In Spielen, die dich zwingen, den Bösewicht oder Antihelden zu spielen, wird dein Verhalten meistens als nicht so schlimm angesehen, wenn du ein Cabrio klaust und einen Rentner überfährst. Aber anstatt einfach die Rebellen-Option zu wählen und mich gegenüber ein paar Aliens wie ein bockiges Kind zu verhalten, war ich bei New Vegas nach meinen eigenen Regeln der Arsch und auf dem heimtückischsten aller Pfade unterwegs.

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Nach der Hälfte meiner Gourmet-Tour wurde mir klar, was für ein Monster ich war. Die Pulverbanditen kehrten nie zurück. Die Städte, in denen ich meine Festmahle abgehalten hatte, waren zu leeren Geisterstädten geworden. Die Straßen von New Vegas waren übersät mit abgenagten Körpern, die übergebliebenen, unverwundbaren Kinder spielten gespenstisch zwischen den Leichenteilen.

In Grand Theft Auto scheint es nicht dieselben Auswirkungen zu geben: Du begehst Massenmord, bevor du dir eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferst, aber kurz danach ist alles wieder normal. Es gibt keine Konsequenzen: unendlich viele Leute, unendlich viel Schaden. Du bist ein Witzbold mit einem Militär-Arsenal. Bei New Vegas konnte ich mich frei in der Einöde bewegen, die ich erschaffen hatte, nicht in einer, die schon immer da war und auf die meine Taten keine großen Auswirkungen hatten. Ich habe ein paar Stunden damit verbracht, durch die Gegend zu ziehen und mir das Ausmaß meiner Zerstörung anzusehen. In der Einöde der Mojave lagen immer noch die halb gegessenen Körper meiner Durchreise.

Ich hatte das Ödland aufgegessen.

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