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Sex

Menschen in offenen Beziehungen sprechen über Geschlechtskrankheiten

Wie schützt man sich? Wie passen Geilheit und Gesundheit zusammen?

von Steven Meyer
29 Oktober 2019, 9:49am

Symbolfoto: imago images / Prod.DB

Einer der großen Unterschiede zwischen einem monogamen Paar und einem, dass in einer offenen oder polyamorösen Beziehungen lebt, ist ganz klar das Sexleben. Und zwar vor allem die Anzahl der Sexpartnerinnen und Sexpartner. Die einen schlafen regelmäßig mit Fremden oder Freunden – und die anderen eben nicht. Paare in offenen und polyamorösen Beziehungen müssen sich deshalb besonders gut vor sexuell übertragbaren Krankheiten (STDs) schützen.

Die Zahl der Neuinfektionen mit Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Tripper, steigt in Europa seit Jahren wieder an. So absurd es auch klingt, die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen anstecken, hängt mit der verbesserten Therapie zusammen. Die Angst, sich mit HIV zu infizieren, nimmt ab. Deshalb werden viele Menschen unvorsichtiger und benutzen keine Kondome mehr. Ein weiteres Problem: Weil die meisten STDs mit Antibiotika behandelt werden, kommt es bei manchen Krankheiten schon zu Resistenzen. 2018 gab es die ersten Fälle eines Super-Trippers in England, der auf kein Antibiotikum mehr anspricht. Was noch dazu kommt: Viele dieser Krankheiten verlaufen asymptomatisch, also ohne dass die infizierte Person irgendwas davon merkt.


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Wie schützt man sich also bei wechselnden Partnerinnen oder Partnern am besten? Um das herauszufinden, haben wir mit Personen gesprochen, die in offenen oder polyamorösen Beziehungen leben. Die Namen haben wir aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre geändert. Wir wollten von ihnen wissen, wie sie in ihrer Beziehung oder ihren Beziehungen mit dem Thema umgehen und wie sie es schaffen, trotz der sexuellen Freiheit ihre Gesundheit nicht zu vernachlässigen. Dabei kam heraus: Viele sind leider nicht vorsichtig genug.

Carmen, 32: "Es ist von Vorteil, dass ich Projektmanagerin von Beruf bin, weil das manchmal ziemlich kompliziert ist."

"Ich lebe polyamorös und habe einen Freund, eine Fickbeziehung und bin Teil eines Throuples einer heterosexuellen Beziehung. Außerdem gehe ich in meiner Freizeit gerne auf Sexpartys. In Beziehungen wie meinen sind Transparenz und Ehrlichkeit besonders wichtig. Wir alle versuchen das Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten so weit wie möglich zu minimieren. Ich verhüte aber nicht mit jedem meiner Partner. Genau deshalb gehen wir auch regelmäßig zum Arzt und lassen uns checken. Außerdem verlange ich, auch wenn es ziemlich unsexy ist, zwei Mal im Jahr von jeder Person einen HIV- und Syphilis-Test. Ich möchte medizinische Beweise – es geht schließlich um unsere Gesundheit.

Wenn jemand von uns Sex mit anderen Personen hat, informieren wir uns alle gegenseitig. Da ist es von Vorteil, dass ich Projektmanagerin von Beruf bin, weil das manchmal ziemlich kompliziert ist. Bisher ist es nur einmal vorgekommen, dass bei einem von uns Syphilis diagnostiziert wurde. Das weiß ich noch genau, ich hatte ziemliche Angst. Ich war im Ausland und habe mich gleich testen lassen – und der Test war negativ. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es nur eine Fehldiagnose war.

In polyamorösen Beziehung ist es besonders wichtig, offen über alles sprechen zu können, auch wenn es unangenehm ist. Es ist schließlich auch ein Zeichen von Liebe, wenn man auf die Gesundheit seiner Partner achtet. Wir könnten zwar noch strenger sein, solange aber bestimmte Regeln eingehalten werden, sind sexuelle Gesundheit und sexuelle Freiheit für mich absolut vereinbar."

Nesrin, 20: "Ich kann ehrlich gesagt selbst nicht mit Sicherheit sagen, dass ich keine sexuell übertragbare Krankheit habe."

"Mein Freund und ich haben uns vor eineinhalb Jahren kennengelernt und hatten anfangs nur Sex miteinander. Unsere Beziehung war aber von Anfang an offen und ich stehe auf Männer und Frauen. Bevor ich mit jemandem schlafe, frage ich immer, ob sie oder er auf sexuell übertragbare Krankheiten getestet ist. Mein Freund und ich sind uns auch darüber einig, immer ein Kondom mit fremden Personen zu verwenden. Wenn ich mit Frauen schlafe, benutze ich aber kein Lecktuch.

Ich habe zwar immer mal wieder Angst, mich mit etwas anzustecken, kann aber ehrlich gesagt selbst nicht mit Sicherheit sagen, dass ich keine sexuell übertragbare Krankheit habe. Bisher habe ich mich nur einmal auf HIV testen lassen, auf andere Krankheiten noch nie. Mir ist zwar bewusst, dass sich Geschlechtskrankheiten wieder stärker verbreiten, das blende ich aber aus. Ich schätze mein Risiko einfach nicht groß ein."

Max, 29: "Manchmal reicht dann auch ein einfacher Handjob."

"Ich habe meinen Partner Tom über seinen festen Freund Chris kennengelernt. Beide heißen aber eigentlich anders. Mit Chris hatte ich mal was. Beim ersten Mal von Tom und mir hatten wir dann in der gemeinsamen Wohnung von den beiden im Gästezimmer Sex, während Chris im Schlafzimmer schlief – mit offener Tür. Wir haben damals kein Kondom benutzt. Es ist einfach passiert und ich habe auch nichts als fahle Ausreden dafür.

Das ist mittlerweile schon länger her. Tom ist jetzt, neben Chris, auch mit mir zusammen, und wir sprechen offen über alles – auch wenn irgendein Blödsinn passiert. Wir erzählen uns im Detail von jedem Typen, mit dem wir was hatten. Das machen wir in erster Linie aber nicht für unsere sexuelle Gesundheit, sondern um ehrlich zu sein, weil es uns aufgeilt. Ich stelle mir gerne vor, wie er mit anderen Männern Sex hat.

Auch wenn ich keine Angst habe, finde ich es wichtig zu wissen, wie Geschlechtskrankheiten übertragen werden. Bis vor kurzem habe ich die PrEP genommen und mache alle drei, vier Monate einen HIV-Test. Ein STD-Screening mache ich nur, wenn ich Symptome habe. Und die hatte ich schon öfter. In den letzten zwei Jahren hatte ich zwei Mal Tripper und einmal Chlamydien. Mein Freund hat sich in der gleichen Zeit auch zwei Mal angesteckt.

Ich habe keine panische Angst vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Es kam aber schon vor, dass ich auf Sex mit so manchen Kerlen in Cruising-Lokalen oder Saunen verzichtet habe, weil ich kein Risiko eingehen wollte. Manchmal reicht dann auch ein einfacher Handjob. Das sind aber eigentlich wirre Gedanken, weil mich ja auch ein Typ nach dem nettesten Date aller Zeiten anstecken könnte.

Ich habe nunmal gerne Sex mit fremden Menschen, da gehören sexuell Übertragbare Krankenheiten leider dazu. Ich schätze sexuelle Freiheit, und die ist mit sexueller Gesundheit nie so ganz vereinbar. Ich versuche deshalb, mich nicht verrückt zu machen, wenn ich eine positive Diagnose bekomme. Das Warten auf die Laborergebnisse ist zwar mühselig, aber das schüttele ich schnell ab. Geschlechtskrankheiten sollten kein Tabuthema sein."

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