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Leipzig

Wie sich Polizei und Antifa in Leipzig wegen eines Graffitis bekriegen

Mittlerweile sind Beamte vor Ort, die sonst bei Terroranschlägen im Einsatz sind.

von Benedikt Niessen
18 September 2017, 11:09am

Foto: Screenshot twitter.com/MyConnewitz

Im Leipziger Stadtteil Connewitz spielen die Antifa und die Polizei mit den Muskeln. Der Schauplatz: ein Streetball-Platz mit einem Graffiti.

Dort prangt seit mehr als einem Jahr der Schriftzug "Antifa-Area". Darüber steht in etwas kleineren Buchstaben "No Nazis" und "No Cops". Es dauerte nicht lange, bis Leipziger Politiker sich einschalteten.

CDU-Stadtrat Ansbert Maciejewski stellte August vergangenen Jahres eine Anfrage an den Leipziger Stadtverwaltung und forderte, den Schriftzug zu entfernen. Fortan entwickelte sich ein munteres Kräftemessen zwischen den Behörden und der linken Szene um das Kunstwerk.

Immer wieder ließ die Stadt den Schriftzug "No Cops" übermalen, nur damit er wenige Tage später erneut an der Mauer stand. Die "freie Gestaltung der Mauer" mit den Schriftzügen "No Nazis" und "Antifa-Area" toleriere man, erklärte die Stadt der Leipziger Volkszeitung. Nur das "No Cops" eben nicht. "Da sich der Schriftzug 'No Cops' auch auf deutsche Polizisten bezieht und als polizeifreie Zone (Polizisten unerwünscht) oder rechtsfreier Raum interpretiert werden kann, kann dies nicht am Eigentum der Stadt Leipzig toleriert werden", so die Stadt weiter.

Der Bürgermeister Heiko Rosenthal von den Linken gab sich kämpferisch. "Wir werden das 'No Cops'-Graffito wieder überpinseln. Und wenn es sein muss, wieder und wieder und wieder", hatte er Mitte Juli der Bild-Zeitung erklärt. Das letzte Mal rückte die städtische Reinigungstruppe Ende August an, wie die Polizei Leipzig gegenüber VICE sagte.

Einige Beobachter sehen das Spielchen mittlerweile sportlich: Aktuell steht es laut des Blogs Mein Connewitz 5:5.

Jetzt berichtete die sächsische Morgenpost, dass mittlerweile zwei Beamte "Tag und Nacht" das Kunstwerk bewachen sollen. Das löste Empörung aus, beispielsweise auf Twitter, wo ein User etwa die Polizei-Patrouillen im Stadtteil als "sinnlos und traurig" beschrieb.

"Die Beamten sind nicht nur wegen eines Graffito dort", entgegnet wiederum ein Sprecher der Polizei Leipzig gegenüber VICE. "Sie sind in ganz Connewitz unterwegs, weil dort in letzter Zeit öfters etwas passiert." Auf die Nachfrage, was genau dort geschehe, heißt es nur: "Es kommen dort schnell viele Leute aus der linken Szene zusammen und dann entstehen eben auch solche Graffiti. Wenn wir vor Ort sind, können wir schnell reagieren." Als ein Twitter-User am Sonntag anmerkte, dass "so viel Aufmerksamkeit bei Flüchtlingsheimen" eine prima Sachen wäre, antwortete die Polizei Sachsen: "Wenn es dort keinen Polizeirassismus mehr gibt, können wir uns auch um andere Sachen kümmern."

Das ist nicht nur falsch, schließlich sind Polizisten keine Rasse. Sondern sorgte auch für reichlich Diskussionen unter dem Tweet. Einige User regten sich darüber auf, dass es offenbar wichtiger sei, sich um ein harmloses Graffiti zu kümmern, anstatt tatsächlich für Sicherheit zu sorgen – zum Beispiel in und um Flüchtlingsheime.

Connewitz geistert regelmäßig durch die Medien. Das sogenannte Bermuda-Dreieck im Stadtteil gilt als linksautonomes Zentrum der Stadt. Hier liegen das alternative Jugend-Kulturzentrum "Conne Island", wo auch mal "Offene Antifa Treffen" organisiert werden. Oder das "Könich Heinz", die Vereinskneipe des Fußballklubs Roter Stern Leipzig, der sich der antirassistischen Arbeit verschrieben hat. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU) erklärte vor einem Monat, dass die Stadt ein "Biotop" für Linksextreme sei. Polizeipräsident Bernd Merbitz (CDU) hatte gewarnt, dass es rechtsfreie Räume in Connewitz gebe und vor über drei Jahren eine umstrittene Polizeidienststelle eröffnen lassen.

Das stieß auf Gegenwehr von Anwohnern. Anfang 2015 griffen rund fünfzig Personen mit Pflastersteinen, Feuerwerkskörpern und Farbbeuteln die Dienststelle an und fackelten einen Streifenwagen ab. Vor einem Monat warfen 50 Maskierte Böller auf einen Linienbus und blockierten eine Straße mit brennenden Mülltonnen. Ein Bekennerschreiben auf der mittlerweile verbotenen linken Seite Indymedia erklärte, dass der Hintergrund die Räumung des Berliner Szene-Ladens "Friedel54" sei. Auch die Rechten mischen mit in Connewitz: Im vergangenen Jahr griffen etwa 250 Neonazis mehr als 20 Läden an und hinterließen eine Spur der Verwüstung.


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In der Auseinandersetzung mit der linken Szene fährt die Polizei mittlerweile schweres Geschütz auf. "Bei den eingesetzten Einheiten handelt es sich um Mitglieder des Einsatzzuges 'Lebensbedrohliche Einsatzlagen', der bei Geiselnahmen sowie Terrorlagen zum Einsatz kommt", so die Polizei Leipzig zu VICE. Da es selten zu Geiselnahmen oder Terroranschlägen käme, würde sie mit bis zu sechs Beamten ihre Kollegen auf Streife unterstützen. Statt in der Kaserne zu warten, stünden sie nun in Connewitz auf Bereitschaft und warteten. Sprich: Wenn es gerade keine Terroristen gibt, macht man eben Jagd auf Sprayer.

Unterdessen sprachen Beobachter auf Twitter der Antifa ein inoffizielles 6:5 zu: Im Leipziger Stadtteil Stötteritz tauchte der Schriftzug "Antifa – No Cops – No Nazis" an einem Eingangsbereich einer Schule auf. Fortsetzung folgt.

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