Rudis Brille

Wien und seine Partys versinken im Sommerloch

Der Wientourismus und desillusionierte Clubbesitzer sind nicht ganz unschuldig.
26.7.17
Foto: Rave Oida

Heuer macht es den Eindruck, als wäre das Sommerloch in Sachen Innovationen im Club- und Eventsektor noch größer als in den vergangenen Jahren. Unverbesserliche Optimisten werden jetzt entgegenhalten, dass es eh einiges gibt. Das Popfest beispielsweise. Aber dennoch – sind wir mal ehrlich: So langweilig war es im Sommer partytechnisch noch nie. Die House- und Technoszene wird immer kleiner und überschaubarer und wer über 30 ist, bleibt überhaupt zu Hause oder legt sich lieber auf die Wiese. Die Zeit, in der man Wien noch als spannende Großstadt in Sachen Clubs und elektronischer Musik sah, ist definitiv vorbei.

"Fehlt nur noch, dass zu den jungen Städtetouristen gesagt wird: Bleibt zuhause, wir wollen keine Partys und ihr habt eh keine Kohle!"

Die Gründe hierfür sind mannigfaltig, die Hauptursache liegt meines Erachtens aber darin, dass der Wientourismus nichts für die Clubszene übrig hat, beziehungsweise den "jungen" Tourismus einfach nicht für förderungswürdig erachtet. Das wurde durch Aussagen der leitenden Personen jedenfalls mehrfach klargemacht. Zielgruppe eins sind Touristen, die die Kunstschätze und die Klassik sehen und hören wollen. Ein Modell à la Berlin oder Amsterdam ist bei uns undenkbar. Fehlt nur noch, dass zu den jungen Städtetouristen gesagt wird: Bleibt zuhause, wir wollen keine Partys und ihr habt eh keine Kohle!

Klar, die Stadt macht gerne ständig Werbung damit, dass sie auch "jung" und "dynamisch" sei, man rühmt sich mit dem Donauinsel- und Popfest. Es ist auch für viele OK, dass es diese Massenaufläufe gibt, aber ganz ehrlich: Abseits davon gibt es wenig Freiraum und Möglichkeiten für österreichische Künstler und Bands, vor einem großen Rahmen aufzutreten. Wie wir alle wissen, ist ohne Geld keine Musik möglich, wenn es also mehr Musik geben soll, dann sollten auch mehr Möglichkeiten her. Die Clubs bekommen sowieso seit Jahren nichts. Sie müssen sich selbst erhalten und tun das so gut oder schlecht sie können – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dass es immer weniger werden, ist augenscheinlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich nicht alle mit dem Prinzip Förderungen so gut auskennen oder das Lobbying hier einfach nicht funktioniert.


Auch das Hades hat nicht sehr lange überlebt:


Temporäre Projekte, wie zum Beispiel die Kantine, hat es trotz mehrmaliger Ankündigungen bis heute keine mehr gegeben. Die gönnerhaften Großinvestoren und Bau-Tycoone fallen eben nicht vom Himmel und für ein PopUp-Projekt eine Genehmigung zu bekommen, ist schwieriger, als im Lotto zu gewinnen. Früher, als noch alles mit Augenzwinkern und ein bisschen Wohlwollen gehandhabt wurde, war das einfacher. Eskalierende Partys etwa im Technischen Museum oder den Sofiensälen im Jahr 2017? Undenkbar.

Es wird abseits dessen auch immer schwieriger, wirklich gute, interessante Acts zu holen. Die neuen Booking- und Managementregelungen bei Künstlern haben einen irrwitzigen Preissprung ergeben. Dem Tode geweihte Märkte, wie Ibiza, verwässern den Markt zusätzlich und offenbar gibt es nun – im Gegensatz zu früher – weit mehr Regionen auf der Welt, wo die Finanzkraft keine Rolle spielt. Kroatien, Spanien, Holland, die USA, Brasilien, Australien und sogar Angola bieten Festivals an, von denen wir hierzulande nur träumen können.

Nach Festivals, wie dem Balaton in Ungarn, sucht man in Österreich vergebens. Foto: Sarah Fröschl

Genauso wie von den bezahlten Summen, die einen Act mit einem Schlag reich werden lassen. Bei uns ist dies alles unmöglich. Es fehlen sowohl die großen Clubs, als auch die Reichweite und die Akzeptanz. Von Festivals ganz zu schweigen, denn nach dem Ende des Urban Art Forms gibt es bei uns nur mehr (mittel)große EDM-, Indie- und Rockfestivals, die sich gegenseitig das Wasser abgraben und ein Drum'n'Bass-Festival in Wiesen, das halbwegs funktioniert. Glaubt man aber den jüngsten Aussagen, so hat auch hier das Angebot längst die Nachfrage überschritten. In Wien startete dieses Jahr mit dem Hyperreality immerhin ein neues Projekt, das die elektronische Clublandschaft ein wenig streift.

Foto: Christina Karagiannis

Damit kommen wir schon zur nächsten Frage. Womit kann man in Wien noch Interesse für Veranstaltungen generieren und/oder vielleicht mehr als 1.000 Leute ziehen? Wohin gehen die vielen Leute noch gerne? Dorthin, wo es nichts kostet! Zum Praterfestival zum Beispiel, ein Zirkus mit fünf Bühnen im Wurstelprater, den es immerhin einmal im Jahr geben darf. Auf OpenAirs zum Beispiel, die es bei uns nur illegal, oder als finanzielle Bruchlandung geben kann. Oder irgendwo im nirgendwo. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass es immer weniger anstatt mehr Freiluftveranstaltungen werden. Die meisten haben es wohl satt, ständig von den Beamten gejagt und bestraft zu werden. So muss man entweder die Partyapp Bloom bemühen, um zu wissen, wo noch Outdoor getanzt werden kann. Oder auf die wenigen offiziellen Möglichkeiten hoffen, wie etwa Himmel und Wasser oder am Cobenzl, wo neuerdings der unermüdliche David Kreytenberg sein Partyglück versucht.

Auch das Aufwind Festival scheitert an der veralteten Wiener Stadtbürokratie. Foto: Samazing

Zumeist werden OpenAirs aber sehr schnell von den zuständigen Behörden ab-, oder unerträglich leiser gedreht. Einerseits braucht es ja eine Betriebsanlagengenehmigung, andererseits müssen die Anrainer "geschützt" werden, was ein sehr dehnbarer Begriff ist, denn oft genügt einfach der Unwillen einer alten Hofrätin, die drei Kilometer entfernt wohnt, aber sehr gute Beziehungen nach "oben" pflegt, um ein Projekt so abzudrehen, dass es uninteressant wird.

Offiziell herrscht derzeit jedenfalls in Wien eine "Zufriedenheit" mit der vorherrschenden Situation. Alle Orte, die offiziell Musik spielen dürfen, tun das so leise, dass man den eigenen Garten schon bald vorziehen möchte, weil sie einfach nicht anders dürfen. Hier wäre einmal eine Initiative gefragt, die zumindest für die Beschallung untertags eine Lockerung erwirken könnte. 65 beziehungsweise 75 Dezibel sind für die meisten Ohren lediglich melodiöses Summen. Wenn dann dreimal im Jahr auf der Donauinsel laut gespielt werden darf und dies sogar zu mir in meine Wohnung hallt, dann muss dies reichen. Die Anrainer sind dann natürlich weniger offen für alle anderen OpenAirs.


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Mehr brauchen wir nicht in der Stadt der Pensionisten. Denn die werden sonst jemand anders wählen (Wen eigentlich, werben doch alle mit den jungen Leuten, sogar die FPÖ?). Dass wir nachts nicht aufdrehen können wie die Verrückten ist klar, aber tagsüber? Selbst Straßenverkehr- und Arbeitslärm sind lauter, als etwa die Musik an den meisten OpenAir-Locations mit "erlaubter" Soundbeschallung. Ich habe jedenfalls den Eindruck gewonnen, als ob es diesen Sommer noch strenger, noch humorbefreiter geahndet würde. Denn die wenigen Freiräume und "Scheißmirnix"-Zonen sind längst ausgetrocknet. Neue Locations wie Der Garten im Prater warten immer noch auf die Erlaubnis, wenigstens ein bisschen Hintergrundmusik zu spielen, die "Endstation 1er" wurde vor Jahren fast still gelegt.

"Die meisten, mit denen ich darüber reden wollte, sagen gebetsmühlenartig, dass alles passt und niemand zu laut sein wolle, aus Angst, die Lizenz zu verlieren."

Ein bisschen was geht noch in der "Creau", wo immer wieder Feste und Konzerte bis 22:00 Uhr stattfinden können. Kleine und spontane Happenings im Stadtpark, Augarten oder Karlsplatz (außer das Popfest)? Fehlanzeige. Am Donaukanal? Gastrozone mit Café del Mar-Gezirpe! Hummelsummen zwischen den Weingärten? Abgedreht, weil es angeblich einen Nachbar stört. Auf der Donauinsel abseits der hochoffiziell erlaubten Großevents? Schwer. Tanz durch den Tag mit dem Aufwind-Festival haben es dieses Jahr versucht und dafür viel Lob geerntet. Finanziell wollte man mit den OpenAir-Partys, die ein wenig länger hätten gehen sollen, noch ein wenig das Budget aufbessern. Doch der Bezirksvorsteher wollte es anders und drehte früher ab, obwohl man schon die Erlaubnis aus dem Rathaus hatte.

Die meisten, mit denen ich darüber reden wollte, sagen gebetsmühlenartig, dass alles passt und niemand zu laut sein wolle, aus Angst, die Lizenz zu verlieren. Offiziell hat niemand etwas zu sagen, will sich niemand beschweren. Noch nie war Wien diesbezüglich so angepasst. Alles in Ordnung also? Wo sind die Zeiten, als noch alle zusammen auf dem Ring für mehr "Freiheit" demonstriert haben? Im Sumpf der neuen Leistungsgesellschaft verschwunden. Wo ist das Rückgrat? Aufgeweicht. Wo ist der Mut? In der Sommerhitze geschmolzen? Wo sind die Leute? Ins Sommerloch gefallen oder auf den vielen tollen Festivals im Ausland. Würde ich auch tun, bei uns lässt es sich schön leben, aber Wien will doch lieber wieder eine Stadt für Greise bleiben. Oder für Bobos und Raunzer – wie mich!

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