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PewDiePie ist ein Clown, aber seine Entthronung ist ein schlechtes Zeichen

Das Ende von PewDiePie als erfolgreichster YouTube-Kanal zeigt, wie YouTubes Zukunft aussehen könnte.

von Eike Kühl
01 April 2019, 1:24pm

Felix Kjellberg aka PewDiePie | Screenshot via YouTube aus dem Video "Congratulations" von PewDiePie

Kein Aprilscherz – oder doch? PewDiePie ist nicht mehr der YouTuber mit den meisten Abonnentinnen – oder doch? In der vergangenen Woche hatte ihn jedenfalls der indische Musikkanal T-Series mit mittlerweile 92 Millionen Followern überholt. Zum Zeitpunkt dieses Textes liegt PewDiePie wieder mit knapp 10.000 Abonnenten vorne. Trotzdem dürften seine Tage als YouTube-König gezählt sein. Der 29-jährige Schwede gratulierte seinem Konkurrenten deshalb schon mal mit dem YouTube-Äquivalent eines feuchten Händedrucks: mit dem Diss-Track "Congratulations", der nach weniger als 24 Stunden schon weit über zehn Millionen Abrufe hat. "Guess to beat one Swedish boy you need a billion Asians", singt PewDiePie.

Ob gestern, heute oder erst in zwei Wochen: Der bis dato größte Abonnentinnen-Krieg in der Geschichte YouTubes neigt sich dem Ende zu. Seit Sommer 2018 lagen PewDiePie und T-Series, hinter dem eine indische Musik- und Filmproduktion steckt, gleichauf. Es war den Fans des Schweden zu verdanken, dass es überhaupt so lange spannend blieb. Sie nutzten den Super Bowl, schalteten Werbung auf dem New Yorker Times Square und hackten Drucker und Webcams, um neue Follower zu mobilisieren. Der Ausdruck "Subscribe to PewDiePie" wurde zum geflügelten Wort – und zuletzt durch den Livestream des Terroristen von Christchurch auch außerhalb der YouTube-Szene unrühmlich bekannt.

Eigentlich wäre die Sache beendet, sobald die Inder dauerhaft an PewDiePie vorbeiziehen. Doch hinter der ironischen Fassade von PewDiePies Glückwunschvideo, in dem er T-Series vorwirft, urheberrechtlich geschützte Videos zu veröffentlichen, und die Betreiber bittet, doch seine schwedischen Fleischbällchen zu lutschen, steckt ein ernsthaftes Problem: Der Kampf zwischen PewDiePie und T-Series ist auch ein Kampf um die Zukunft von YouTube.

YouTube im Jahr 2019 ist anders als im Jahr 2009

Wenn du vor zehn Jahren auf YouTube gegangen bist, konntest du lustige Katzen- oder Homevideos angucken und junge Menschen sehen, die sich mit einer schlechten Webcam in ihrem Wohnzimmer filmten. So begann die Karriere vieler heutiger YouTube-Stars. So begann auch PewDiePie, bürgerlich Felix Kjellberg, der sich bis heute selbst beim Computerspielen kommentiert. "Broadcast Yourself" war das Motto der Plattform, jeder konnte ein Millionenpublikum finden. Theoretisch.

Wenn du heute auf YouTube gehst, siehst du die aktuelle Ausgabe von Last Week Tonight With John Oliver, das jüngste Musikvideo von Capital Bra oder die neue Folge von Kliemannsland, unterstützt von Funk, dem "Content-Netzwerk der ARD und des ZDF". Oder eben Tausende Bollywood-Musikclips im Kanal von T-Series.

Natürlich gibt es immer noch Millionen Katzenvideos und jede Menge kranken, abseitigen Scheiß auf YouTube. Du willst dich dabei filmen, wie du im Wildschwein-Onesie ein Spiegelei brätst und Flat-Earth-Theorien spinnst? Nur zu, vielleicht bekommst du ein paar Hundert Abrufe. Trotzdem ist YouTube im Jahr 2019 ein anderes als 2009.

PewDiePie nennt als Grund "corporate takeover", also die Übernahme YouTubes durch Firmen, Musiklabel, Marketingagenturen, TV-Sender. Nun ist es einerseits ironisch, wenn ein YouTuber, der Millionen Euro im Jahr verdient und Buch- und Sponsoring-Deals hat, den Untergang der Plattform beklagt. Andererseits kritisierten auch andere Stars wie Philipp DeFranco und Casey Neistat die Zukunft von YouTube.

Sie sagen, YouTube wende sich von ihnen, den "Creators", ab und fördere stattdessen zunehmend traditionelle Medienunternehmen: TV-Sender, die ihre Shows auch auf YouTube spielen. Musiker und Schauspieler, die offizielle Musikvideos oder Promos veröffentlichen. Aggregatoren wie T-Series, die zwar wenig originelle Inhalte hochladen, aber dafür sehr viele Menschen erreichen. "YouTube erinnert immer mehr an MTV als an einen Zufluchtsort für Außenseiter und talentierte Persönlichkeiten", schrieb eine Journalistin der Gaming-Website Polygon.

Bekannte YouTuber beklagen die "Adpocalypse"

Tatsächlich sinken die Werbeeinnahmen für viele YouTuberinnen und YouTuber seit knapp zwei Jahren, nachdem YouTube die Anforderungen für vermarktbare Videos und Kanäle verschärfte. Das lag auch daran, dass die Werbetreibenden beklagten, dass ihre Anzeigen in teils fragwürdigen Kontexten auftauchten. Idiotische Fehltritte wie das Leichenfund-Video von Logan Paul und eine lebendige Verschwörungstheorie- und Fake-News-Szene halfen der Community der Videoplattform ebenfalls nicht. Vor allem kleinere und mittlere Kanäle bekamen die "Adpocalypse", wie die Aktion von YouTube in der Szene genannt wird, zu spüren.

Während viele YouTuber bemerkten, dass plötzlich weniger Kohle auf dem Konto landete, freuten sich Kanäle, die die Algorithmen des Dienstes bedienten – zum Beispiel T-Series. Sie veröffentlichen unzählige Videos, die sich inhaltlich ähneln, aber auch gerade deshalb so oft angeklickt werden. Wer auf Bollywood-Musik steht, kann sich tagelang nur im Kanal von T-Series aufhalten, und je mehr Klicks die Videos erhalten, desto weiter oben tauchen sie in den Suchergebnissen auf, desto besser lassen sie sich vermarkten und desto mehr Geld verdient letztlich auch YouTube.

Im Vergleich dazu ist es schwieriger geworden, mit individuelleren Inhalten auf YouTube erfolgreich zu sein. Der Clinch zwischen PewDiePie und T-Series steht deshalb stellvertretend für diese Entwicklung vom "alten" hin zum "neuen" YouTube.

PewDiePie mag in diesem Kulturkampf als Multimillionär mit 90 Millionen Abonnentinnen ein denkbar schlechter Anführer sein, doch er verkörpert dieses alte YouTube. Man muss seinen pubertären Humor nicht mögen, und seine wiederholt antisemitischen und sexistischen Äußerungen wären Grund genug, ihn zu verurteilen und ihm zu entfolgen.

Trotzdem steht der Schwede für das, was YouTube lange war: Nämlich eine Plattform, die einen quakenden Typen, der in seinem Jugendzimmer Games zockt, einem Millionenpublikum vorstellt. PewDiePie mag ein Clown sein, aber er hat unzählige Menschen dazu inspiriert, sich ebenfalls vor die Webcam zu stellen. Er hat Videospiele und Let's Plays gesellschaftsfähiger gemacht. Er hat mehr junge Menschen erreicht als viele TV-Sender.

Er war YouTubes Chef-Clown. Jetzt wird er gestürzt.

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