Festivals

Auf diesen 11 Arten von Electro-Festivals wirst du diesen Sommer raven

Von den protzigen und wohltuenden bis zu den deprimierenden und dreckigen – hier sind all deine Wochenenden von Juni bis September.

von Angus Harrison
31 Mai 2017, 2:37pm

Besucher des Festivals Sonne, Mond und Sterne im Jahr 2012. Foto: imago / Thomas Müller

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP UK erschienen

Der Sommer ist da! Die Straßen riechen nach Teer und sonnengereiften Mülltonnen! Dir läuft der Schweiß den Rücken hinunter! Die Leute essen ihr Mittagessen auf dem Parkplatz! Modjos "Lady" schallt dir von jeder Ecke entgegen! Und weißt du, woran du noch merkst, dass der Sommer da ist? Du wirst bald eine Menge Festivals besuchen, nicht wahr? Du kleiner Glückspilz!

Die Festivalsaison ist, im Gegensatz zur Jagd- oder der Skisaison, die wichtigste Saison, ja, die wichtigste Zeit des Jahres. Diese besonderen paar Monate, in denen wir unsere Differenzen hinter uns lassen und uns bei illegalen Drogen, fettigem Essen und dem entfernten Wummern eines Joy-Orbison-Sets, das wir gerade offensichtlich verpassen, zusammenfinden. Die Arbeitswoche plätschert vielleicht genauso monoton vor sich hin wie eh und je. Aber wer gibt da schon einen Floating Points? Freitag stehst du schon wieder ungeduldig vor dem Bürodrucker und wartest, dass er dein Easyjet-Ticket ausspuckt. Währenddessen träumst du von antiken Gemäuern und engen Badehosen. Das erste Flughafenbier kannst du bereits auf deiner Zunge schmecken.

Früher waren Festivals für Rockbands reserviert. Das war, als es noch "richtige Musik" gab – als Musiker wie Van Morrison und Acker Bilk noch richtige Instrumente gespielt haben, anstatt wie moderne "DJs" nur noch auf den Play-Knopf zu drücken. Leider sind diese Zeiten vorbei und Electro-Festivals machen einen Großteil des Marktes aus. Sogar bei vermeintlich traditionellen Festivals dominieren DJs mittlerweile die Line-ups. Und da man in der Musikindustrie von Tradition aus die Quantität der Qualität vorzieht, gibt es jedes Jahr mehr von diesen Festivals, weshalb du in der diesjährigen Saison eine größere Auswahl hast als jemals zuvor. Und du – den Körper voller Energie und die Taschen voller Geld – wirst sie alle besuchen, nicht wahr? Ich kann dich schon sehen, wie du zum mittlerweile dritten Mal diesen Monat die Hände zum Set von Fatima Yamaha in die Luft wirfst. Ich erkenne den schieren Wahnsinn des frühen Sonntagmorgens in deinen Augen, während du versuchst, nicht einzuschlafen, bevor Robert Hood gleich anfängt.

Voller Vorfreude darauf und auf all die anderen Abenteuer, die du erleben wirst, haben wir jedes elektronische Musikfestival aufgelistet, das du diesen Sommer besuchen wirst. Los geht's!

Das zweitägige Besäufnis im Stadtpark

Welch ein Glück: Für dieses Festival musst du nicht einmal das Land verlassen. Nein, du musst noch nicht einmal die Stadt verlassen! Ja, richtig gelesen. Der große Park nämlich, in dem du einmal im Sommer mit deinen Freunden und einem Haufen Kaltgetränke abhängst, kostet jetzt einen Fuffi Eintritt pro Nase (oder fast das dreifache, wie beim Lollapalooza 2016 in Berlin). Abgefahren!

Nachdem du deinen Handyakku bereits in der Schlange vor dem Eingang leergeswiped und es endlich rein geschafft hast, wirst du von einem Karaoke-Taco-Van, einem Karussell und DJ-Sets von jedem Mitglied von Hot Chip über das ganze Wochenende verteilt in Empfang genommen. Die äußerst praktische Lage des Veranstaltungsortes führt jedoch dazu, dass du am zweiten Tag etwas bequem wirst und vor lauter "Vorglühen" nicht mehr aus der Wohnung kommst, weshalb du gerade so noch das Ende von Flying Lotus' Headliner-Set mitbekommst – ein Set, das nicht über die Boxentürme verstärkt wird, um Lärmbeschwerden der Anwohner zu vermeiden.


Auch von THUMP: Flosstradamus auf dem Gathering Of The Juggalos:


Das mit der "wirklich unglaublichen Location"

Wenn die geschundenen Arbeiter des Bulgarischen Reiches doch nur in die weit entfernte Zukunft geblickt und gesehen hätten, was die Steintürme und das übrige Gemäuer der mittelalterlichen Festungen einmal beheimaten würden, die sie unter extremer körperlicher Belastung errichtet haben. Schaut nur Bojidar, Grozdan, Dragomir und Nikola: Es ist Adam Beyer und die ganzen Bagage von der Identification of Music Group! Genau so hätte es Simeon der Große gewollt.

Das "neue Kroatien"

Dein Kumpel meint es nur gut. Das merkst du auch. Er will wirklich, dass du eine gute Zeit hast. Und du glaubst ihm, wenn er zu dir sagt, dass er kaum abwarten kann, was Hot Since 82 aus der Anlage der Second Stage rausholt. Aber – und das ist ein großes, geradezu substantielles aber – wenn du so willst ... die Pitcairinseln sind nicht so ganz das sonnenverwöhnte Adria-Paradies. Nein, du frierst dir gerade regelrecht den Arsch ab und außerdem ist euer Proviant alle – die nächste geplante Lebensmitteltransport soll erst morgen Nachmittag eintreffen. Und die Einheimischen, alle 45 von ihnen, scheinen nicht ganz so angetan von Steve Lawlers Set zu sein wie dein Kumpel. Aber keine Sorge, nächstes Jahr ist "das neue Kroatien" auf der Bouvetinsel. Das hört sich doch schon mal netter an. Aber vielleicht doch mal googeln, wenn du nach Hause kommst?

Das unbarmherzig innovative Festival

An diesem Wochenende wird sich irgendwo in Osteuropa auf einem sonnigen Feld ein Haufen Menschen zusammenfinden, die alle der Meinung sind, mehr über Ambient-Techno zu wissen als jeder andere. Hitzige Diskussionen über Biosphere, POLE, den "frühen Aphex Twin" und GAS werden sich in dunklen Wolken über dem gemähten Gras und den Recyclingstationen zusammenbrauen. So laut wird das Gezeter anschwellen, das die zahllosen und endlosen Monologe über Hiroshi Yoshimura Call Supers Set irgendwann komplett verschluckt. Wenn die Sonne untergeht, wird die Stimmung zusehends aggressiv, bis schließlich Gewalt und Chaos ausbrechen. Erst als der letzte Stehende mit den Trägern seines Lobster Theremin-Jutebeutels erdrosselt ist, kehrt endlich echte Stille ein und erst dann werden die ganzen Ambient-Prolls die ultimative Entspannung gefunden haben, auf die sie so lange gehofft hatten.

Das aufgeblasene und pyrotechnik-affine Carl Cox-legt-von-einer-gigantischen-Roboterschlidkröte-aus-auf-Festival

Du und hunderttausende andere Menschen stehen auf einem großen Feld und sehen dabei zu, wie Patrick Topping wAFF-Remixe auf einem gigantischen Bühnenaufbau auflegt, der aussieht wie eine Rockmusical-Adaption von Pans Labyrinth. Aber spar dir deine Kräfte auf. Krewella spielen später in einem 30 Meter hohen Nachbau von Erich Kästners Kinderzimmer. Das wird übelst krass!

Der pittoreske "Geheimtipp"

Du hast es endlich geschafft! Endlich sind du und deine Freunde auf diesem einen Festival, auf das ihr schon seit Jahren hinfiebert. Es ist "der absolute Geheimtipp". Und Baby, ist das schön hier! So schön, dass du es etwas 74293139-mal am Tag auf Instagram festhalten musst. Es gibt Bäume, Lichterketten und coole Kunstinstallationen, auf denen du im Schneidersitz der aufgehenden Sonne entgegentrippen kannst. Scheiße, du wirst dein ganzes Datenvolumen am ersten Tag verballern. Aber hey, du hast so lange darauf gewartet. Gönn dir! Das Line-up ist – natürlich! – großartig und du freust dich vor allem auf Four Tet und Daphni, die natürlich total geil werden. Und du malst dir schon aus, wie du irgendwann bei einer kleinen Zeltparty landest, wo alle E-Bowle trinken. Das wird das beste Wochenende ever!

Aber, oh nein! Es ist Samstagnacht und nachdem du deinen drölfzigsten Kommilitonen getroffen hast, hast du aus Versehen eine Line Gesichtsglitzer gezogen und musst schnell ins Erste-Hilfe-Zelt. Ganz schön unfluffig, Babes!

Menschen tanzen im Matsch auf dem Woodstock 2011 in Polen. Foto: imago / newsplx

Das Alter, Alter, Alter, Alter Alter, Alter, Alter, Alter Alter, Alter, Alter, Alter Alter, Alter, Alter, Alter Alter, Alter, Alter, Alter Alter, Alter, Alter, Alter, Aaaalter Festival

Uuund ab geht's! Du und die Jungs wolle es diesen Sommer so richtig wissen und von Split/Budapest/Amsterdam/Meppen wird nichts mehr übrig bleiben, wenn ihr erstmal damit fertig seid. Eure Taschen sind vollgepackt mit knappen Badehosen und furchtbaren, selbstgemixten Pülverchen, denen ihr Namen wie "Kreatamin" gegeben habt – für's extra lustige Pumpen! Ebenfalls eingepackt ist die Bräunungscreme und sechs verschiedene Gürteltaschen – für jeden Anlass eine. Das wird der totale Abriss, so viel steht fest! Ihr werdet euch alle richtige 10er-Bräute klar machen. Nein, es wird definitiv nicht mit einem verwackelten Video von dir enden, wie du mit nicht mehr als einem Schnorchel bekleidet einen Strand entlang taumelst, nachdem du dir vorhin bei Richy Ahmed eine Viagra eingeworfen hast – einfach für den Fun. Besagtes Video wird definitiv nicht von Lad Bible geteilt werden und du wirst definitiv nicht auf ein Atoll im Pazifik auswandern müssen.

Das sehr wichtige Industrie-Treffen

Ja, natürlich kannst du auch herkommen, wenn du einfach nur Fan der Musik bist. Dir könnte aber ziemlich langweilig werden. Es gibt einen Haufen wichtiger Vorträge, Präsentationen, Podiumsdiskussionen, Symposien und runde Tische, die absolviert werden wollen, bevor auch nur ein Ton Musik erklingt. Zu den großen Themen dieses Jahr gehören "How to Optimise Your Brand for the VR Ecosphere", "We Need to Talk About Water Organs" und "Streaming: Bad or What?" Natürlich alles auf Englisch, man ist hier international. Wenn du auf so ein Festival gehst, wirst du wahrscheinlich mit jemandem ins Gespräch kommen, der dem FACT Magazin einmal einen Artikel über die "Probleme" des zeitgenössischen Clubmusikjournalismus vorgeschlagen hat. Diese Person wird dir ausgiebig von Autoren erzählen, von denen du entweder noch nie gehört hast oder die dich nicht interessieren. Wahrscheinlich wirst du auf einem Foto des Facebook-Accounts der Red Bull Music Academy auftauchen und insgeheim mit dem Gedanken spielen, es zu deinem Profilbild zu machen. Oh, und Soichi Terada wird ein viel gefeiertes Set spielen, das weder du, noch irgendjemand, den du kennst, tatsächlich gesehen hat.

Das verstrahlte, dreckige und besonders basslastige Festival

Die Art von Festival, die es problemlos schafft, die Disziplinen Dubstep und Zirkus miteinander zu verbinden. Untenrum trägst du deine schickste Haremshose, obenrum dein liebstes Gammel-Tanktop und dein Herz macht Luftsprünge bei dem Gedanken daran, mit einem Teilzeitschauspieler zu sprechen, der im "Wonderland"-Teil des Festivalgeländes den verrückten Hutmacher mimt. Freu dich auf Breakcore, Dub, Ragga, Hardstep, Jungle, Jungletek, Techstep, Raggamuffin, Reggae, Neurofunk, Liquid Funk, Acid-Jazz, Deep, Drumfunk, Swing, Electro-Swing, Electrocrunk, Funkstep, Sambass, Psytrance, D'n'B-Noise, Drill'n'Bass, Garage und Impro-Comedy.

Das reiche-Menschen-tänzeln-zu-House-Festival

Es gibt keine bessere Party als eine, auf der ein Haufen Medien-Leute mit einem Jahresgehalt von mindestens 50.000 Euro zu einem Set von Hunee tanzen. Hier geht's lang zu Papierfächern, Strasssteinchen, Lidschatten, Schampus und einer Menge Koks. House ist keine Musik, sondern ein Gefühl – und fühlt sich noch viel besser an, wenn du den ganzen Morgen vedischen Yoga gemacht und in einem klimatisierten Bungalow geschlafen hast, das du dir mit deiner Architektenfreundin teilst, die einen Haufen Geld von ihren sehr, sehr reichen Eltern bekommen hat.

Fusion

Ups, fällt dieses Jahr ja aus. Sorry dafür!

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