Männer

Pick-Up-Artists haben keine Ahnung, was „Alpha” bedeutet

Männerrechtsaktivisten und Pick-Up-Artists benutzen gerne an der Tierwelt inspirierte Taktiken, um Frauen anzugraben. Wir haben uns mit ein paar echten Wölfen und einem Experten getroffen und herausgefunden: Sie liegen komplett falsch—wie bei so vielem.
3.11.16
Illustration by Benjamin O'Connor

Wenn du schon mal im Internet unterwegs warst, bist du wahrscheinlich auch schon mal über den ein oder anderen Mann gestoßen, der von anderen Männern als „beta cuck" bezeichnet wurde.

„Cuck" ist die Kurzform von „Cuckold", abgeleitet von dem französischen Wort für Kuckuck. Gemeint sind damit Männer, deren Frauen eine Affäre haben und da der Kuckuck dafür bekannt ist, dass er seine Eier in das Nest anderer Vögel legt, ist ein Cuck gleichzeitig auch jemand, der eventuell die Nachkommen eines anderen großzieht.

Der Begriff „Beta" kommt aus der Verhaltensforschung—der Wissenschaft, die sich mit den Verhaltensweisen von Tieren beschäftigt. Ursprünglich wurde der Begriff durch die Beobachtung von Wolfsrudeln geprägt, bei denen das Beta-Tier dem Alpha-Tier unterstellt ist. Die gesamte Beleidigung lässt sich also auf Folgendes reduzieren: Männer, die Qualitäten von Tieren besitzen, die in der Rangordnung an zweiter Stelle stehen.

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„Beta" und „Cuck" sind aber längst nicht die einzigen an der Tierwelt inspirierten Begriffe, die in der Manosphere kursieren—dem dunklen Abgrund des Internets, wo sich Männerrechtsgruppen, alternativ-rechte Typen und Pick-Up-Artists herumtreiben und sich beschweren, dass Feministen und Feministinnen die natürliche Weltordnung stören. Gleichzeitig liegt bei all den Tiermetaphern der Schluss nahe, dass sie selbst sich in die Steinzeit zurückwünschen. Ob das auch die unbestrittene Herrschaft der Männern über die Frauen, die aggressive Zurschaustellung von Männlichkeit und Kindstötung mit einschließt, ist nicht ganz klar. Es ist schwer zu sagen, wie viele tierische Merkmale wir annehmen müssten, wenn wir in der Manosphere leben würden.

Die Gemeinschaft der selbsternannten Verführungskünstler bedient sich in jedem Fall ausgiebigst an der Tierwelt: Peacocking beispielsweise ist der Versuch, die Aufmerksamkeit anderer durch ein auffallendes Äußeres auf sich zu ziehen—wie ein Pfau eben. Einer Frau gemischte Signale zu senden, nennt sich „protean behavior", inspiriert an dem Verhalten von Amöben. Außerdem gibt es da noch das sogenannte Sarging, was eigentlich einfach nur heißt, dass man um die Häuser zieht, um Frauen aufzureißen. Benannt ist das Ganze nach Sarge, dem Kater des Pick-Up-Gurus Ross Jeffry. (Anders als bei dem tatsächlichen Paarungsverhalten von Katern sollen Männer den Frauen beim Sarging aber vermutlich nicht in den Nacken beißen, um sie in den fügsamen Zustand eines jungen Kätzchens zurückzuversetzen, bevor sie mit ihrem stacheligen, widerhakenartigen Penis in sie eindringen.)

Aber wie wissenschaftlich fundiert ist denn eigentlich diese Alpha/Beta-Hierarchie, die im Internet gerade eine echte Renaissance feiert? Auf der Suche nach Antworten bin ich in einen Wolfspark gefahren, um mir selbst ein Bild vom „Pirsch- und Jagdverhalten" von Wölfen zu machen.

„[Alpha] ist ein Begriff, der durch die Biologie geprägt wurde. Es ist einfach der erste Buchstabe im griechischen Alphabet und schlichtweg zweckdienlich", sagt Monty Sloan, leitender Tierpfleger und Fotograf im Wolf Park. „Der Begriff wurde durch die öffentliche Wahrnehmung und ihrer Vorstellung von der Bedeutung des Begriffs allerdings verzerrt." Zuallererst gibt es in einem Wolfsrudel immer zwei Alphas: ein Männchen und ein Weibchen. „In jedem Rudel gibt es zwei Alpha-Tiere. Das ist kennzeichnend für ein Rudel. Das Rudel könnte auch nur aus zwei Wölfen bestehen, aber aus sozialer Sicht, sind sie die Ranghöchsten. Sie sind die Alphas. Wenn sich Wölfe dem Rudel anschließen, unterwerfen sie sich ihnen. So entwickelt sich eine lineare Hierarchie."

[Der Alpha] ist einfach nur der Papa-Wolf.

Diese beiden Alphas sind in der Regel auch die Zuchttiere und—wie bei Wölfen aus dem mittleren Westen der USA festgestellt wurde—bewegen sich Wolfsrudel in der Regel in Kernfamilien. Aus diesem Grund haben Wolfsforscher den Begriff „Alpha" zum Teil auch komplett verworfen. So wie David Mech, durch dessen Buch The Wolf die Vorstellung vom Alpha-Wolf in den 70er-Jahren geprägt hat. „Sie sind bloß die Zuchttiere oder Eltern und so nennen wir sie heutzutage auch", schreibt er auf seiner wissenschaftlichen Website. Der männliche Alpha-Wolf hat also keinen Harem aus Wolfsdamen, die auf Abruf für ihn bereitstehen, weil er so stark und männlich ist—er ist einfach nur der Papa-Wolf.

„Um die Position des Alpha-Wolfs wird für gewöhnlich auch nicht gekämpft, sie wird vererbt. In der Regel hat jeder Wolf zur richtigen Zeit die entsprechende Stellung im Rudel", sagt Sloan. „Alles, was sie tun müssen, ist Nachkommen zu zeugen, die sich ihren Eltern ebenfalls unterwerfen. Das ist alles."

Foto: Johannes Jansson | Wikimedia Commons | CC BY 2.5 dk

Laut der Webseite To Be An Alpha, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Männern dabei zu helfen, die Alphas ihres Rudels zu werden, müssen Alphas, die die Kontrolle übernehmen wollen, „entschieden und laut sein" und „haben auch keine Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen."

Auch dominante Alpha-Wölfe haben keine Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen, sie legen sich aber auch mit niemandem an. „Dominante Wölfe stolzieren normalerweise nicht herum oder demonstrieren anderen Wölfen, wie aggressiv sie sind", sagt Sloan, „Wenn ein Wolf so etwas tut, dann ist das in der Regel ein Zeichen von mangelndem Selbstvertrauen. Das heißt, das Tier ist ironischerweise nicht besonders selbstbewusst, wenn es sich so verhält und es fühlt sich dabei auch ganz sicher nicht wohl."

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Ein weiterer großes Irrglaube ist, dass weibliche Alpha-Tiere von den männlichen dominiert werden. „Die Dominanz zwischen den Geschlechtern spielt bei Wölfen keine so große Rolle", sagt Sloan.

Die Wölfe, die ich im Wolf Park gesehen habe, waren eine Gruppe von Geschwistern: Kanti, Bicho und Fiano. Kanti ist das männliche Alpha-Tier, Fiona das weibliche. Sie steht in der Rangordnung über Kanti. „Wenn es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Weibchen und Kanti gibt, legt sich Kanti als Zeichen der Unterwerfung auf den Rücken", sagt Sloan. „Obwohl sie kleiner ist als er, ist sie der ranghöchste Wolf des Rudels." Das ist typisch für die Rudel im Wolf Park.

Das weibliche Alpha-Tier ist meist der ranghöchste Wolf des Rudels. Das ist wie bei Jay Z und Beyoncé: Sie stehen beide ganz oben an der Spitze, aber am Ende des Tages gibt es nur eine Beyoncé und einen Mr. Beyoncé.

Alpha-Tiere haben auch kein exklusives Recht darauf, sich fortzupflanzen. „Die Beziehungen zwischen den Wölfen sind alle ganz individuell. Das heißt, jeder Wolf hat eine ganz individuelle Beziehung zu jedem anderen Wolf des Rudels", sagt Sloan. Beim letzten Mal, als der Wolf Park ein Zuchtrudel hatte, wurden drei Weibchen von drei verschiedenen Männchen schwanger. Ein anderes Mal hatte das weibliche Alpha-Tier in einem Jahr Junge mit dem männlichen Alpha-Tier und im nächsten Jahr mit seinem Bruder. Der Alpha wurde also zum Cuck.

Während es für Männer laut der Manosphere scheinbar nichts erbärmlicheres gibt, als der Beta zu sein, könnte es für Wölfe kaum etwas besseres geben. „Wenn du die Nummer Zwei deines Rudels bist, wirst du irgendwann automatisch auch die Nummer Eins, weil du ja schon eine höhere Stellung hast als alle anderen unter dir", sagt Sloan. „Ein Beta zu sein, ist also ziemlich gut. Die meisten unserer Alpha-Tiere waren zuerst Betas."

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Was ist mit den anderen PUA-Techniken, die an der Tierwelt inspiriert wurden? Ich habe versucht Fiano zu peacocken, indem ich mich ihr durch den Zaun in einem strahlend roten Blazer und einem auffälligen Filzhut genähert habe. „Dein Fell ist so glänzend", meinte ich zu ihr. „Du benutzt sicher einen guten Conditioner." Diese Technik nennt sich Negging, was bedeutet, dass ich ihr negative Komplimente mache. Fiona bleibt sichtlich unbeeindruckt.

„Sie benutzt tatsächlich Conditioner", wirft Sloan von der Seite ein. „Reheingeweide!"

Wie sich herausgestellt hat, peacocken noch nicht einmal Pfauen. Wir denken zwar immer, dass ihre Darbietung ziemlich v sein muss, aber Pfauenweibchen achten gar nicht unbedingt darauf, wie die Männchen aussehen. Sie hören ihnen zu. Pfauen bewegen ihre Schwanzfedern in zwei bestimmten Mustern. Sie twerken quasi.

Durch ihr Getwerke entstehen niederfrequente Vibrationen, von denen die Pfauenweibchen angelockt werden. „Forscher haben diese niederfrequenten Geräusche aufgenommen und sie den Vögeln mit einem hochbelastbaren Subwoofer vorgespielt", schrieb Bryce Hoye für die BBC. „Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Pfaue haben auf diese Geräusche geantwortet." Eine neue Technik, über die die Pick-Up-Artists mal nachdenken sollten.