The Restless Youth Issue

Dieser junge Muslim setzt sich für Meinungsfreiheit ein – und gegen Flüchtlinge

Danial Mirza ist Brite pakistanischer Abstammung, studentischer Aktivist und ein großer Fan von Donald Trump. Wir haben uns mit ihm zusammengesetzt und versucht zu verstehen, was ihn antreibt.

von Ben Bryant
25 Juni 2017, 1:00pm

Porträt von Jonnie Craig

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"Hi, Leute. Mein Name ist Danial. Ich habe eine kurze Ansage für euch." Danial Mirza blickt auf die rund 60 erwartungsvollen linken Aktivisten herab. Der 20-Jährige hat sich äußerst kurzfristig noch auf die lange Rednerliste des Anti-Trump-Protests am University College London (UCL) setzen lassen. Er holt tief Luft. Viel Zeit wird er nicht haben, das weiß er. "Meine Botschaft an euch lautet: Make America great again! Her mit der Mauer! Kein Zutritt für Flüchtlinge! Danke." Totenstille im Raum. Für einen Mic Drop ist Mirza zu höflich, also reicht er das Mikro der Moderatorin zurück. "Wow", sagt die, als die Menge in Buhrufe ausbricht. Beflügelt spaziert Mirza in die Bibliothek, um sich wieder der österreichischen Marktwirtschaft zuzuwenden. Auf dem Weg dorthin hält ihn ein Mann auf, der Geld für ein Hilfsprojekt sammelt. Er hat Mirzas Rede offensichtlich verpasst. "Möchten Sie gern Flüchtlingen helfen?", fragt der Mann. "Nein, danke. Ich unterstütze die Flüchtlingsbewegung nicht", antwortet Mirza. "Die sind für mich illegal."

Danial Mirza ist ein britischer Muslim und Sohn pakistanischer Einwanderer. Auf seinem Cap steht "Make America Great Again", er hatte mal eine Schusswaffenlizenz, ist Einserstudent und trägt Schnurrbart. Mirza ist Mitbegründer der Young British Heritage Society (YBHS), einer rechten, libertären Studierendenvereinigung. Mit so etwas haben die Organisatoren des Protests nicht gerechnet. Julia Hashimoto Schaff, die ihm das Mikro gereicht hat, ist überrascht, dass jemand mit derartigen Ansichten sich traut, sie auf dem UCL-Campus kundzutun – "Vor allem, weil er sich ja auch als Muslim bezeichnet hat."

"Meine Anfrage war sehr vage. Ich habe nie explizit vorgegeben, ihre Ansichten zu teilen", sagt Mirza bei unserem Treffen im März.

In Großbritannien wie auch in anderen Ländern wirken sich Stereotype in der Regel negativ auf Minderheiten aus. Im März veröffentlichte der neokonservative Thinktank Henry Jackson Society eine umfassende Analyse aller terroristischen Straftaten im Vereinigten Königreich. Britisch-pakistanische Männer in Mirzas Alter wurden am häufigsten wegen islamistischer Taten verurteilt. Man könnte meinen, dass "Racial Profiling" Mirza beschäftigt oder sogar verärgert, aber: "Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand es jemals auf mich abgesehen hätte", sagt er mir. Über Mirzas eigene Erfahrungen lässt sich nicht streiten. Insgeheim frage ich mich aber, ob er sich mit dieser Antwort nicht auch von der angeblich überempfindlichen "Generation Schneeflocke" distanzieren will, die er so entschieden ablehnt.


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"Mir ist bewusst, dass viele Menschen rassistische Diskriminierung erleben", sagt er bei unserem Gespräch in der George Tavern, einem historischen Pub in Ost-London. "Das ist furchtbar, und das sollte es in unserer Gesellschaft nicht geben. Ich denke, es hat damit zu tun, dass so viele noch immer von diesem Konstrukt der 'Rasse' besessen sind."

Die Bar trägt den Namen des englischen Schutzheiligen, und obwohl Mirza sich nicht dem alten englischen Brauch hingibt, freitagmittags schon vier Pints zu trinken, schwört er auf andere Traditionen. "Mir geht es um Dinge wie Meinungsfreiheit, also fundamentale Werte der Aufklärung, die britische Denker vorangetrieben haben", sagt er und nippt an seinem Kaffee. "Dinge wie Rechtsstaatlichkeit und die Magna Carta."

Die Idee zur Gründung der YBHS sei auf einer Chinareise entstanden, so Mirza. Dort habe er erkannt, was es heiße, "Dinge nicht öffentlich sagen zu dürfen", und beschlossen, für die Werte der Aufklärung einzutreten. Diese hochgeistige Erklärung lässt mich vermuten, dass Mirza eine Privatschule besucht hat, doch tatsächlich hat er als begabter Schüler das öffentliche Schulsystem durchlaufen. Seiner Familie ist sein exponiertes Auftreten eher unangenehm.

Mirza setzt sich mit seiner Organisation für Redefreiheit auf dem Campus ein. Die Liste der Dinge, die in Großbritannien als anstößig gelten, ist gewachsen, und rechte sowie einige linke Kritiker sehen die Diskussionskultur gefährdet. In den letzten Jahren haben Kampagnen gegen mehrere Rednerinnen Aufsehen erregt. Studierende drohten, einen Auftritt der Komikerin Kate Smurthwaite am Londoner Goldsmiths' College mit einem Protest zu stören, weil sie sich für das nordische Modell der Prostitutionspolitik ausspricht; die Veranstaltung wurde abgesagt. Als die Feministin Germaine Greer an die Cardiff University eingeladen war, versuchte man erfolglos, die Veranstaltung zu unterbinden, weil ihre Ansichten zur Transgender-Thematik missfielen. Auch einige rechte Unizeitungen wurden abgeschafft. Mit jedem solchen Vorfall verstärkt sich der Eindruck, Millennials seien von schwierigen Themen überfordert.

Mirza plant YBHS-Ableger für weitere Hochschulen, um so der No-Platform-Politik der britischen National Union of Students entgegenzutreten. Er möchte die YBHS-Gruppen nutzen, um islamistische Prediger herauszufordern. Selbst ihnen würde er eine Plattform bieten – solange sie sich kritischen Fragen stellen. Das ist auch insofern kontrovers, als die britischen Antiterrorgesetze bestimmte Aussagen von der Redefreiheit ausnehmen, da­runter Aufrufe zur Unterstützung von Gruppen wie dem IS.

"Ich möchte meinen muslimischen Glauben mit meiner konservativen Haltung vereinbaren."

"Ich gehöre der Ahmadiyya-Gemeinschaft an, die im Westen als eine der liberaleren und moderneren Strömungen des Islam gilt – sogar bei einigen meiner persönlichen Helden in der politischen Rechten", sagt Mirza.

"Natürlich werden wir dafür in Pakistan und anderen Ländern verfolgt. Wenn es in den Medien heißt, die meisten Opfer des islamistischen Terrors seien Muslime, sind damit sehr häufig Ahmadis gemeint.

"Die Ahmadi-Bewegung konzentriert sich vor allem in Pakistan, wo die Regierung sie mit eigens dafür geschaffenen Gesetzen diskriminiert. Das verstärkt die Ächtung der Ahmadis und den Hass auf andere 'Ungläubige', was letztendlich wohl auch zum Terrorismus beiträgt." Die Ahmadis lehnen Gewalt allgemein ab und befürworten den Dialog mit anderen Kulturen. "Ich würde sagen, viele Probleme im Islam sind eher kulturell als fundamental", sagt Mirza. "Konservative sind der Religion gegenüber oft erstaunlich aufgeschlossen, wenn sie einmal richtig zuhören. Eins meiner Hauptziele ist, meinen muslimischen Glauben mit meiner konservativen Haltung zu vereinbaren."

Ein Konservativer, bei dem Mirzas Botschaft offensichtlich noch nicht angekommen ist, ist Milo Yiannopoulos, der bis vor Kurzem als Liebling der Alt-Right-Bewegung galt. Er ist ein erbitterter Islamkritiker und behauptet regelmäßig, die Religion lasse sich nicht in den Westen integrieren. "Wir haben kein islamistisches Terrorproblem", betont er in Interviews, "sondern ein Islamproblem."

Mirza hat Yiannopoulos eingeladen, in London zu sprechen – sein einziger Auftritt außerhalb der Staaten im letzten Jahr. Zu Yiannopoulos' Einstellung befragt, sagt Mirza: "Zum Islam hat er eine unversöhnlichere Haltung als ich, und das ist sein gutes Recht." Zum ersten Mal klingt Mirza etwas genervt. "Ich stimme ihm nicht hundertprozentig zu, aber wir teilen viele Kritikpunkte am Islam."

Ich habe Yiannopoulos letztes Jahr mehrmals getroffen. Er sagte Trumps Wahlsieg voraus, doch den Regierungsposten, den er sich davon versprach, bekam er nicht. Sein Pochen auf "Meinungsfreiheit" wirkte teils wie ein Vorwand für unerträgliches Verhalten und teils wie eine Fassade für seine eigene Form des Libertarismus. Für die Trump-Kampagne war er aber ein echter Gewinn. Als er später die Grenzen des Akzeptablen überschritt, ließen ihn die mächtigen Konservativen fallen. Yiannopoulos war ohnehin ein etwas zu skandalträchtiges Aushängeschild für eine Bewegung, deren Wertesystem eher in die 1950er passt. Doch es waren nicht die Twitter-Mobs, die er anzettelte, und auch nicht die Islamkritik, die zu weit ging, sondern seine anscheinende Befürwortung von Sex zwischen erwachsenen Männern und 13-jährigen Jungen. Doch Mirza steht hinter ihm. "Für mich ist Sex mit 13-Jährigen, wie für die meisten, eine schreckliche Vorstellung", sagt er. "Ich unterstütze Milo aber weiter, weil ich ihm in vielem zustimme. Ich halte das Ganze für eine Hexenjagd."

Mirza ist ein ausgesprochen höfliches Bündel an Widersprüchen. Trotz seines Idealismus kann man sich vorstellen, dass er in den USA schnell Yiannopoulos' Schicksal teilen könnte: für seinen Eigensinn aus einer Bewegung gedrängt, die sich nie wirklich für Menschen wie ihn interessiert hat. Doch in Großbritannien zählt das Motiv auf seinem Schlips – das Logo des neoliberalen Thinktanks Adam Smith Institute – möglicherweise mehr als seine Herkunft oder Religion. Hier besteht die Ironie seiner Position vielleicht vor allem in einem: Je mehr er sich dem Mainstream annähert, umso mehr beweist er, dass der Islam mit der politischen Rechten und sogar der extremen Rechten vereinbar ist. Er mag zwar nicht dem Stereotyp entsprechen, doch angepasst ist er allemal.

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