Psychologie

Wie soziale Netzwerke erkennen, ob du depressiv bist

Immer mehr Studien ziehen Parallelen zwischen Social-Media-Nutzung und der psychischen Erkrankung – und werfen die Frage auf, inwiefern Frühwarnsysteme den Betroffenen helfen können.

von Steven Blum
13 September 2016, 6:13am

Photo by Alexey Kuzma via Stocksy

Forscher versuchen seit einiger Zeit zu verstehen, wie an Depressionen erkrankte Menschen ihre Gefühle über Twitter, Instagram, Facebook und Tumblr teilen. Manche hoffen sogar, aus den Ergebnissen einen Algorithmus entwickeln zu können, der Warnsignale erkennen und Hilfe vermitteln kann.

Aktuell veröffentlichte die Brown University eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass junge Menschen wahrscheinlicher unter Depressionen leiden, wenn sie im Internet gemobbt oder anderweitig angegriffen werden. Kurz zuvor hatte eine andere Studie suggeriert, dass es eine Korrelation zwischen der Filterwahl bei Instagram und dem eigenen Wohlbefinden gibt.

Andrew Reece, Datenanalyst der Harvard University, und Professor Christopher Danforth von der University of Vermont untersuchten 43.950 Instagram-Fotos von 166 Freiwilligen. Sie fanden heraus, dass die Probanden mehr dunkle Bilder in Grau- und Blautönen posteten, je depressiver sie waren. Helle und farbenfrohe Bilder mit Freunden waren hingegen selten. Depressive Instagram-User verwendeten generell auch weniger Filter. Und wenn doch, dann griffen sie vor allem auf den Schwarz-Weiß-Filter Inkwell zurück.

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Andere Wissenschaftler konzentrierten sich auf den Sprachgebrauch in sozialen Netzwerken. Megan Moreno, eine Forscherin am Children's Hospital in Seattle, untersucht das sich ständig ändernde Vokabular der SVV-Gemeinschaft (selbstverletzendes Verhalten) auf Instagram. Sie fand heraus, dass von den 18 verschiedenen Hashtags, die sie in dem Zusammenhang entdeckte—inklusive vermeintlich harmloser Begriffe wie #cat, #secretsociety123 und #blithe—, nur sechs ein Warnsignal provozierten, das User auf eine Seite mit Hilfsangeboten weiterleitet.

„Big-Data-Ansätze, die mit Texterkennung arbeiten, sind oftmals darin beschränkt, dass sie den korrekten Begriff und die korrekte Schreibweise benötigen, um greifen zu können. Das sind beides Parameter, die sich mit der Zeit verändern, da Jugendliche ständig ihren eigenen Slang verfeinern und erneuern", sagt Moreno gegenüber Broadly.

Als Instagram zum Beispiel begann, Warnungen für Begriffe wie #selfharm zu schalten, hätten die User zwei weitere m's zum Hashtag hinzugefügt, so ein Ergebnis der Studie. Die betroffenen Nutzer fühlen sich am Anfang vielleicht besser, wenn sie ihr Leid mit anderen teilen können. Moreno fand im Laufe ihrer Forschung allerdings heraus, dass sich manche Menschen schwer damit tun, eine solche SVV-Community wieder zu verlassen, sobald sie einmal mit anderen Usern vertraut sind. „Manche Teenager empfinden SVV-Gemeinschaften zu Beginn als einladend und unterstützend, aber haben dann Probleme, sich wieder loszusagen, sobald es ihnen besser geht", erklärt Moreno. „Es hat sich gezeigt, dass Bilder mit Schnittverletzungen selbstzerstörerisches Verhalten fördern können, indem sie Selbstverletzung als mögliche Bewältigungsstrategie von Stress oder negativen Emotionen präsentieren."

Big-Data-Ansätze, die mit Texterkennung arbeiten, sind oftmals darin beschränkt, dass sie den korrekten Begriff und die korrekte Schreibweise benötigen, um greifen zu können.

Andere Wissenschaftler wiederum wollen sich die Rohdaten der Handysensoren zu Nutze mache. Vor allem Ortungsdienste scheinen besonders erfolgsversprechend zu sein. Stephen Schueller, ein Verhaltenspsychologe an der Feinberg School of Medicine der Northwestern University sagte gegenüber dem Wall Street Journal, dass sich depressive Menschen tendenziell zielloser in einer Stadt bewegen. Mithilfe dieser Information könnten zukünftige Geräte bei entsprechendem Verhalten ein Pop-Up auftauchen lassen, das einen fragt, ob man Hilfe benötigt. Eine dänische Studie hat vor Kurzem den Ton von Stimmen und Umgebungsgeräuschen untersucht, die über das Handymikrofon aufgenommen wurden. Man fand heraus, dass depressive Menschen eher eine „langsame, tonlose Ausdrucksweise" haben, berichtete Wired.

Foto: Markus Spieske | Pexels | CC0

Dabei bleibt umstritten, ob Social Media im Allgemeinen eher nützlich oder schädlich für depressive Menschen ist. Laut einer Studie, die in der Fachzeitschrift Depression and Anxietey erschienen war, leiden die aktivsten Social-Media-Nutzer doppelt so häufig unter einer Depression wie die Gesamtbevölkerung. Wie Vocativ schreibt, sind depressive Menschen tendenziell mehr auf Social Media aktiv als glückliche Menschen.

Die Art, wie Menschen ihre Depressionssymptome präsentieren, variieren in der Regel allerdings von Plattform zu Plattform. Aus eigener Erfahrung heraus würde ich sagen, dass Twitter-Nutzer ihre schlechte Laune gerne mit etwas Lockerem kontrastieren. „Du wirst diese Woche keine traurige Musik hören und nicht deprimiert sein", postete ein User zusammen mit einer WikiHow-Illustration eines Mannes, der auf sich selbst im Spiegel zeigt.

Rosen sind tot. Veilchen sterben. Äußerlich lächle ich. Innerlich weine ich.

Twitter-User verwenden außerdem häufig den Begriff „depressiv", um eine vorübergehende Gefühlslage zu beschreiben—oder um einen Witz etwas bissiger zu machen. Autorin Mira Gonzalez twitterte zum Beispiel vor Kurzem: „Das Ariana Grande während ihres Auftritts Sport gemacht hat, ist all den depressiven und untrainierten Menschen vor den Fernsehern gegenüber sehr respektlos. #VMAs". Auf Instagram hingegen scheinen die User offener und direkter zu sein. Hashtags wie #cutting und #depressed werden oft mit Schwarzweiß-Fotos kombiniert. Ein User hat sogar ein Gedicht als Bio umgeschrieben. „Rosen sind tot. Veilchen sterben. Äußerlich lächle ich. Innerlich weine ich."

Viele depressive User verwenden—ähnlich wie Mädchen, die ihre Posts über Essstörungen mit #ana und #thinspiration versehen—Hashtags wie #broken und #failure. Selfies sind selten, genau so wie Farben, Essen, Strände oder so ziemlich alle typischen Motive des gängigen Instagram-Lifestyles.

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Autorin Jamie Lauren Keiles beschrieb in einem Essay den Reiz, ihre Depression bei Instagram zu dokumentieren. „Mit Instagram habe ich eine Nische des Internets gefunden, in der ich mich sicher fühlte, Bilder meines grauenvollen Lebens rauszuhauen. Ich musste weder irgendeinen Wunsch formulieren, noch eine Rechtfertigung oder Erklärung dafür abgeben", schrieb sie. „Es hat sich gut und echt angefühlt, Eckpfeiler einer Art Erzählung aufzubauen, während ich eigentlich nur im Bett lag und darauf gewartet habe, dass sich endlich etwas ändert."

Auch wenn Wissenschaftler vielleicht schon bald einen Weg gefunden haben, um Smartphones zu einem effektiven Interventionsmittel umzubauen, wird es wahrscheinlich Jahre dauern, bis ein Algorithmus entwickelt ist, der all die unterschiedlichen Facetten depressiver Verhaltensweisen berücksichtigt, die Menschen an den Tag legen—egal ob mit oder ohne Publikum.


Titelfoto: Tim Gouw | Pexels | CC0