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Wir haben deutsche YouTuber gefragt, ob YouTube ein Sexismusproblem hat

Thumbnails mit halbnackten Frauen, stereotype Geschlechterbilder – die deutsche YouTube-Szene sieht sich aktuell mit harten Vorwürfen konfrontiert. Zu recht? Wir haben bei YouTube-Stars nachgefragt.
20.7.16
Collage: Sarah Schmitt

„Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show." Ein Vorwurf, der in der vergangenen Woche für Aufregung sorgte. Marie Meimberg, als Produzentin und Jury-Vorsitzende des deutschen Webvideopreises bestens mit der hiesigen YouTube-Landschaft bekannt, schrieb einen Text für Broadly, in dem sie die fragwürdigen Rollen- und Geschlechterbilder anprangerte, die Influencer mit Millionenpublikum an ihre jungen Fans weitergeben. Nicht jeder teilte diese Ansicht und so kam es nicht nur zwischen YouTubern, sondern auch ihren Fans zu heftigen Diskussionen—vornehmlich über Twitter.

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Man würde lieber mit dem Finger auf andere zeigen, als Probleme bei sich selbst zu suchen. Nicht YouTube sei sexistisch, sondern die ganze Gesellschaft. Man solle den Leuten selbst die Entscheidung überlassen, worüber sie lachen wollen … Die, deren Namen im Text fielen, fühlten sich zu Unrecht beschuldigt. Anderen schien es ein willkommener Anlass, auf ihren sozialen Kanälen ausführlich über das Thema sprechen zu können.

Aber wie ist das denn nun? Hat die deutsche YouTube-Szene, die wahlweise als Zukunft oder Untergang der Medienbranche bezeichnet wird, ein Sexismusproblem? Wir haben bei YouTubern nachgefragt—und ein paar wollten auch tatsächlich über das Thema reden.

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Michael Buchinger, 129.800 Abonnenten

YouTube ist auf jeden Fall sexistisch. Abgesehen von den unzähligen „Was JUNGS an MÄDCHEN total doof finden"-Videos oder problematischen Aussagen, die junge Zuschauer einfach Eins-zu-Eins übernehmen, merke ich auch oft, dass der herrschende Sexismus viele Creator (nicht nur die weiblichen) in eine Schublade drängt. Eine Freundin von mir, die Beauty-Videos macht, hat sich zum Beispiel oft bei mir über die Angst beklagt, nicht ernst genommen zu werden, wenn sie mal Comedy oder Videos zu ernsten Themen machen will. Ihr Argument: Frauen können doch auf YouTube nur mit Beauty so richtig Erfolg haben. Wieder eine andere Freundin, nennen wir sie FunnyJulia, macht zwar oft Comedy-Videos, verwendet aber als Schlagwort eines jeden Videos „FunnyJulia hot", da laut Statistik mit dieser Wortkombination am häufigsten nach ihr gesucht wird. So gesehen gibt es für Frauen zwei Optionen auf YouTube: Beauty-Lady oder sexy Ulknudel.

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Luna Darko, 534.000 Abonnenten

Wir haben insgesamt in unserer Gesellschaft ein Sexismusproblem und YouTube ist nur eine Plattform von vielen, auf der das deutlich wird. Viele von uns sind ganz selbstverständlich mit Geschlechterstereotypen aufgewachsen und manche kommen nie zu dem Punkt, an dem sie all das hinterfragen, deshalb tragen sie es so an die nächste Generation weiter. „Was mögen Jungs wirklich an Mädchen?" oder „Dinge die jedes Mädchen heimlich macht!" sind Videos, die super funktionieren, weil sie eine Zielgruppe bedienen, die in der Selbstfindungsphase ist: Unsichere Teenager die erst noch herausfinden müssen, wer sie sind, wo ihr Platz ist und wie diese Welt funktioniert. Ich bin mir sicher, dass ich im Alter von 12 auch höchst interessiert draufgeklickt und mir die Inhalte zu Herzen genommen hätte und genau da liegt meiner Meinung nach das Problem! Die Individualität einer jeden Person wird klein gehalten, weil sowohl Mädchen als auch Jungs sich dazu gezwungen fühlen, sich in Rollenbilder hineinzupressen.

Wenn Bezeichnungen wie ‚Hoe' und die Sexualisierung von Frauen normal für den YouTuber sind, sind sie das auch für seine Fanbase.

Wir alle haben eine Verantwortung und wenn Bezeichnungen wie „Hoe" und die Sexualisierung von Frauen normal für den YouTuber sind, sind sie das auch für seine Fanbase. Dass man sowas dann vielleicht „gar nicht so meint" ändert nichts an den Folgen von einem solchen Verhalten. Auch mich begleitet Sexismus in meinem Alltag, meine besten Freunde sind männlich und ich lebe mit ihnen zusammen in einer Wohnung. Außerdem filme und schneide ich das Backstage-Material für ihre Band und etwas, was ich nicht selten zu hören kriege, ist, dass ich die „Bandhure" sei und von den Jungs „geteilt" werde. Ich werde nicht als gleichwertige Person betrachtet, sondern als ein Objekt, was lediglich für die Männer in meinem Umfeld existiert. Viele sehen diese Problematik nicht, weil sie selbst nicht davon betroffen sind, aber solange andere es sind, sollte man sich zusammenreißen und sein Verhalten überdenken! Die Veränderung fängt bei einem selbst an. Wenn man sich mit solchen Themen auseinandersetzt und sie versteht, rutschen einem auch nicht mehr aus Versehen sexistische Äußerungen raus, weil man die Problematik dahinter erkennt. Ich wünsche mir eine Welt, in der Individualität groß geschrieben wird und jeder sich frei entfalten kann.

Dima, 1,3 Mio. Abonnenten

Sexismus bedeutet für mich persönlich nichts anderes, als es im Grunde ist und zwar eine auf das Geschlecht eines Menschen bezogene Diskriminierung, die sich dadurch auszeichnet, dass Frauen und Männer in bestimmte Muster gesteckt werden oder bestimmten Geschlechterrollen/-stereotypen entsprechen müssen, wodurch sie nicht den gleichen gesellschaftlichen Status haben. Dabei hatte ich bei der Diskussion oft das Gefühl, dass für Einige der Mitdiskutierenden die Bedeutung des Wortes tatsächlich sehr unterschiedlich ausfiel und von der Kernaussage abwich. Ich selbst bin in Russland aufgewachsen (bin erst mit 17 Jahren nach Deutschland umgezogen), einem Land, in dem die Mutter meist die Hausfrauenrolle übernommen hat, während der Vater für das Einkommen sorgte. Dass es nicht in allen Ländern so ist, war mir schon immer bewusst, aber ich habe mir ehrlich gesagt nie wirklich Gedanken darüber gemacht ob ich das gut oder schlecht finde. Ich hatte zumindest nie ein Problem damit, „typisch Mann" zu sein, kann es aber auch nachvollziehen, wenn sich jemand in einer ihm von der Gesellschaft vorgeschriebenen/aufgedrückten Rolle nicht wohl fühlt.

Was darf ich dann überhaupt als Comedian? Wie weit darf Comedy gehen und über was darf man lachen?

Was mein grundsätzliches Problem bei der Diskussion aber ist, ist die Tatsache (zumindest aus meiner Sicht), dass das kein plattformbedingtes Problem, sondern ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist, weswegen ich das Thema nicht nur auf YouTube oder sonst irgendeine andere Plattform beziehen würde. YouTube hat genauso ein Sexismusproblem wie das Fernsehen, die Hollywood-Filme, die Musik oder sonstige Medien, von denen wir täglich umgeben sind und womit wir aufwachsen. Das nur auf eine Plattform zu reduzieren oder auf eine Art der Reichweitenträger (in dem Fall: Social-Media-Influencer) löst meiner Meinung nach nicht das Problem. Schon gar nicht, wenn den meisten der in dem Artikel genannten Beispiele zum Teil nicht mal bewusst ist, dass ihr Content sexistische Werte vermitteln könnte—da diese eben überall in der Gesellschaft vertreten sind und vom Großteil als „normal" angesehen/empfunden und vermittelt werden. Nicht YouTube ist sexistisch, sondern die ganze Welt!

Wenn man das Problem lösen will, muss man meiner Meinung nach ganz wo anders anpacken (vielleicht sogar in der Politik?) und vor allem welt- und plattformübergreifend denken und nicht den Sündenbock auf irgendeiner Plattform suchen, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Ein weiteres Problem stellt für mich die Frage dar: Was darf ich dann überhaupt als Comedian? Wie weit darf Comedy gehen und über was darf man lachen? (Denn auch da gibt es sehr unterschiedliche Ansichten/Meinungen) Wie der Comedian Chris Tall mal sagte: „Darf er das?" Ich bin da eigentlich der gleichen Meinung: Entweder man lacht über alles und jeden oder über gar nichts. Aber auch diese Diskussion existiert wahrscheinlich genauso lange wie Sexismus selbst!

Ich halte es für vertretbarer, auf meinem Kanal öffentlich zu kiffen, anstatt ein sexistisches, mittelalterliches Arschloch zu sein.

Suzie Grime, 10.800 Abonnenten

YouTube ist eine Plattform, auf der überwiegend junge Menschen rumhängen. Danach gestaltet sich dann natürlich auch der Content, dessen Anspruch nicht hoch ist, weil er Geld durch Massen-Mainstream macht. Mario Barth halt. Sexismus ist eine der dümmlichen Nachwehen, die unsere Gesellschaft noch immer mit sich trägt, obwohl sie es eigentlich längt besser weiß. Das spiegelt sich wiederum in vielen Videos auf YouTube wider: Teenager werden aus ihren Kinderzimmern heraus zu Stars und geben Werte an Gleichaltrige weiter, die logischerweise teils unbedacht sind. Dass mit einer großen Reichweite auch große Verantwortung kommt, ist vielen nicht bewusst. Es zählen die Klicks. Titten-Thumbnails und Bild-Headlines ziehen nunmal.

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Körperteile von Mädchen erraten, worauf stehen Jungs, Gay Prank an meinem Vater!? Ein Klischee folg dem nächsten. Und kaum einer schwärzt die Verantwortlichen an—weil der durchschnittliche Zuschauer auf der Plattform jung und unreflektiert ist. YouTuber wie Michael Buchinger und Mirellativegal, die witzigen, kritischen und reflektierten Content machen, gibt es bisher leider zu wenige. Für mich fühlt es sich aber langsam an, als passiere, als bewege sich etwas. Nicht zuletzt, weil durch Broadly die Sexismus-Debatte angestoßen wurde. Ich für meinen Teil halte es für vertretbarer, auf meinem Kanal öffentlich zu kiffen, anstatt ein sexistisches, mittelalterliches Arschloch zu sein.

Der YouTuber Flo setzte sich ebenfalls in einem Video mit dem Thema auseinander

Taddl, 1 Mio. Abonnenten (nicht mehr aktiv)

Schon wenn man die Startseite aufruft und einem Videos mit Titeln wie „10 Dinge, die Jungs an Mädchen hassen" oder „Das will jedes Mädchen über Jungs wissen" ins Gesicht springen, sollte es eigentlich klar sein, dass die deutsche YouTube-Szene ein Sexismusproblem hat. Ich bin aber fast überzeugt davon, dass niemand, der solchen Content produziert, irgendwelche böswilligen Absichten verfolgt; ich glaube viel mehr, dass diese YouTuber nie weit genug gedacht haben, um überhaupt die Problematik dahinter zu verstehen. Sie fühlen sich nicht betroffen und sehen deswegen auch nicht, wieso jemand davon betroffen sein sollte—das würde zumindest die engstirnigen Reaktionen auf die Kritik zu dem Thema erklären. Natürlich liegt es auf der Hand, dass Eigenschaften und Interessen nicht mit dem Geschlecht in Verbindung stehen, aber man muss wohl Verständnis dafür aufbringen, dass das nicht jeder ohne ausführliche Erklärung direkt begreift. Immerhin sind diese Leute auch nur Menschen, die von dem Bild, das ihnen die Medien übermittelt haben, beeinflusst wurden.

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Ich selbst zum Beispiel habe damals Brüste für meine Thumbnails benutzt, einfach weil ich's nicht besser wusste. Und wenn ich darauf angesprochen wurde, konnte ich mich sogar halbwegs plausibel rechtfertigen—zumindest habe ich mir das eingeredet. Damit will ich niemanden in Schutz nehmen, der ohne darüber nachzudenken sexistische Werte in die Welt posaunt, sondern nochmal darauf hinweisen, was das eigentliche Problem ist. Im Endeffekt ist es einfach schön zu sehen, dass die Thematik endlich öffentlich—und dazu noch sehr laut—diskutiert wird. Die Hoffnung, dass diese Menschen in naher Zukunft begreifen, was sie den Kindern da einflößen, ist für mich noch nicht gestorben.

OlgaSays, 29.800 Abonnenten

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Ich glaube, dass die deutsche YouTube-Szene viele Probleme hat … wie die ganze Medienwelt. Es fängt mit der Zeitung beim Frühstück an und hört beim Porno vor dem Schlafengehen auf. Eigentlich ist alles versext. Nur komisch, dass der Stock im Arsch der Deutschen gefühlt immer größer wird. Meine Antwort ist sehr allgemein, weil ich mir ehrlich gesagt so gut wie keine deutschen YouTube-Videos anschaue. Mir ist auch egal, wer mit wem Beef hat oder welche zehn Arten von Fußpilz dein Leben verändern, weil deine Brüste gigantisch werden. Ich persönlich habe einen sehr versauten Humor. Das bedeutet allerdings nicht, dass mich ein Video unterhält, nur weil jemand „Hurensohn" oder „Penis" sagt.

YouTube ist für mich kein Ort für Bildungsbeiträge.

Natürlich kann man behaupten, dass große YouTuber Vorbilder sind und sich Gedanken über ihren Content machen sollten—das haben Stars aus dem TV, Kino und der Musikbranche allerdings auch und trotzdem gibt es dann eine vollgestopfte Promi-McDonald's-Werbung. Warum? Wegen dem Geld. Wenn man Inhalte haben möchte, die tiefgründiger sind, muss man sie suchen. So ist unsere Welt nunmal gestrickt. Das gilt für alles. Wenn du keine Antibiotika in deinem Essen haben willst, musst du dich erstmal damit auseinandersetzten und schauen, was die Optionen sind. Die meisten Menschen sind einfach faul und nehmen das, was Ihnen serviert wird. Und bei YouTube sind es eben auf der Startseite Titten und Ballerspiele. Wenn ich Titten hätte, würde ich sie auch präsentieren. Es kommt darauf an, wie.

Keiner beschwert sich über den Pirelli-Kalender, wo es eigentlich nur um die nackten Frauen und ihre Brüste geht. Ich empfinde eine Brust als etwas Wunderschönes. Natürlich rede ich hier nicht von den aufgeblasen-Melonen-mit-roten-Pfeilen-Thumbnails. Da ist mehr Titte im Thumbnail als im Inhalt. YouTube ist für mich aber auch kein Ort für Bildungsbeiträge. Natürlich kann man auch auf YouTube interessante und wissenswerte Beiträge finden, aber auch hier gilt: Erstmal suchen.

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Mirellativegal, 292.700 Abonnenten

Auf Sexismus stößt man überall, auch auf YouTube. Schon nach kurzer Zeit findet man Formate, Titel und Thumbnails, die sexistisch sind. Was mir dabei unbegreiflich ist, sind die vielen Beauty-Gurus und weiblichen YouTuberinnen, die sich mit den Themen „Beauty, Fashion & Lifestyle" beschäftigen und jedes zweite Video mir dabei als „Mädchen" erklären soll, was ich zu denken habe, wie ich mich verhalten soll und welche Produkte ich UNBEDINGT brauche. Bedenklich dabei ist die wahnsinnig junge Zielgruppe von 12 bis 14 Jahren. Mit ihren bunten, grellen und mit Emojis übersäten Thumbnails erreichen sie 500.000 bis 1.000.000 Zuschauer. Klingt so als ob ich neidisch wäre, oder? Ja, bin ich auch. Mit den Bikinibildern und Neonfarben im Thumbnail kann ich wirklich nicht mithalten.

Ich frage mich aber wirklich, inwieweit sich solche YouTuber bewusst sind, welche Botschaft sie vermitteln bzw. wie inhaltslos und klischeehaft diese Videos sind. Wird da nur an der Geldmaschine gedreht und jede moralische Verpflichtung über Board geworfen? Oder fühlen sich auch viele dazu gezwungen, solche Videos zu drehen, um relevant zu bleiben und immer erfolgreicher zu sein? Hierbei erinnere ich mich an die Aussage: „Die Zuschauer bestimmen den Content". Das ist auch bei vielen erfolgreichen YouTubern der Fall. Ob man damit langfristig zufrieden und glücklich sein kann, bleibt hierbei außen vor.