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„Der Tod ist ein Feminist“—Leichenbestatterin Caitlin Doughty im Interview

„Egal ob Frau oder Mann, reich oder arm—der Tod reduziert uns alle auf weiße Knochen und zeigt, dass wir unter der Haut alle gleich sind.“ Leichenbestatterin Caitlin Doughty über die Benachteiligung von Frauen in der Bestattungsindustrie.

von Suzana Knezevic
18 Oktober 2016, 12:50pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Caitlin Doughty

Präsentiert von ING-DiBa Austria
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Caitlin Doughty ist Unternehmerin, Bloggerin und Autorin. Was ihre Karriere jedoch noch einen Tick einzigartiger macht, ist die Thematik, mit der sie sich beschäftigt: Caitlin ist ausgebildete Bestatterin und Totengräberin. Mit ihrer Organisation „The Order Of The Good Death" will sie Menschen die Angst vor dem Tod nehmen und längst vergessene Bestattungsarten wieder aufleben lassen. In ihrem Bestseller Smoke Gets In Your Eyes: And Other Lessons From The Crematory und ihrer Youtube-Serie „Ask a Mortician" beantwortet die Sterbe-Theoretikerin außerdem auf ihre ganz eigene Art Fragen zu ihrem Beruf und generell zum Thema Tod.

Caitlin bezeichnet sich selbst als Feministin und will junge Frauen dazu ermutigen, bislang von Männern dominierte Berufsfelder zu wählen und dort leitende Positionen anzustreben. Im Falle von Leichenbestattern war es beispielsweise Jahrhunderte lang üblich, dass diese Tätigkeit unbezahlt von Frauen ausgeübt wurde. Heute wird der Beruf hauptsächlich von Männern ausgeübt, laut einer Statistik aus dem Jahr 2011 lag der Frauenanteil in Deutschland bei gerade einmal 25,5 Prozent.

Mehr lesen: Im Gespräch mit dem „Geisterfotografen"

Bevor Caitlin am 22. Oktober auf der TEDx Vienna als Speakerin auftritt, haben wir uns mit ihr zu einem Skype-Gespräch verabredet und über ihren Job, arbeitende Mütter und den Gender Pay Gap unterhalten. Die ING-DiBa Austria ist ebenfalls bei der TEDx vor Ort, wird Besucher und Besucherinnen für das Thema Gender Pay Gap sensibilisieren und im Zuge einer interaktiven Live-Umfrage brandaktuelle Daten erheben.

Broadly: Was meinst du damit, wenn du in einem deiner YouTube-Videos sagst „Der Tod ist ein Feminist"?
Caitlin Doughty: Der Tod symbolisiert für mich Gleichheit. Egal ob Frau oder Mann, reich oder arm—der Tod reduziert uns alle auf weiße Knochen und zeigt, dass wir unter unserer Haut alle gleich sind. Niemand wir hier bevorzugt oder benachteiligt.

Was ist eigentlich „The Order Of The Good Death"?
„The Order of the Good Death" habe ich im Jahr 2011 gegründet. Wir sind eine Non-Profit Organisation, bestehend aus Akademiker_innen, Bestattungsexperten_innen, Wissenschaftler_innen, Künstler_innen—Menschen, die sich damit beschäftigen, anderen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Wir leisten viel Aufklärungsarbeit um das Thema Tod, der Tod gehört zum Leben und ist an sich etwas sehr Spannendes. In unserer Veranstaltungsreihe „Death Salon" halten wir Lesungen und sprechen mit Menschen über den Tod, ihre und unsere Erfahrungen und beantworten Fragen. Außerdem bin ich Geschäftsführerin des alternativen Bestattungsunternehmens „Undertaking LA".

Was macht ein alternatives Bestattungsunternehmen anders als ein klassisches?
Es gibt sehr viele Unterschiede. Geld ist beispielsweise nicht unser Fokus. Wir arbeiten hauptsächlich mit einkommensschwachen Familien, die sich eine Bestattung im traditionellen, westlichen Sinne nicht leisten können. Das ist der alternative Aspekt an unseren Bestattungen: Sie werden ohne Holz- oder Metallsärge und ohne chemische, teure Einbalsamierungen vollzogen. Bei uns wird der Körper in einem Erdloch vergraben—so wie es früher gemacht wurde. Am wichtigsten ist es, die Familie in den Bestattungsprozess zu involvieren. Das heißt, dass man als Angehöriger dabei sein kann, wenn das verstorbene Familienmitglied angekleidet wird oder auch die schlichte Möglichkeit hat, eine Totenwache zu halten—also den Leichnam im eigenen Haus zu haben und Abschied zu nehmen, wie es früher üblich war.

Was war dein Berufswunsch als junges Mädchen?
Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich zu Halloween als Immobilienmaklerin verkleidet war—meine Mutter hat diesen Beruf ausgeübt. Ich bin in ihren Kleidern von Haus zu Haus spaziert und habe sowas gesagt wie: „Hallo, ich bin ihre Maklerin, Trick or Treat. Kaufen Sie oder mieten Sie?" Ich wäre wohl eine schreckliche Maklerin geworden. Als Kind hatte ich zwar sehr prägende Erfahrungen mit dem Tod, aber es war niemals so, dass ich mir damals gedacht habe: Hey, daraus mach' ich eine Karriere! Erst mit Mitte Zwanzig habe ich das herausgefunden.

Wie ist das abgelaufen? Wie ist aus dir eine Bestatterin geworden?
In der High School wollte ich eigentlich Pathologin werden. Diesen Traum habe ich aber schnell aufgegeben, weil man dafür ja Medizin studieren muss. Dann wollte ich Anwältin werden. Studiert habe ich letztendlich Mittelalterliche Geschichte mit dem Fokus auf Soziologie, der Kultur und der Geschichte des Todes. Als ich mit der Uni fertig war, hatte ich nicht wirklich einen Plan. Ich habe überlegt, ans Theater zu gehen, um Regisseurin zu werden und habe nebenbei in Cafés gejobbt. Irgendwann habe ich dann begonnen, in einem Krematorium zu arbeiten. Ab da wusste ich genau, was ich wollte.

Es ist einfach unheimlich peinlich, wenn ein Betrieb keine Frauen in der Chefetage hat.

Wieso gibt es so wenige Frauen in diesem Beruf?
Historisch gesehen waren es immer Frauen, die zu Hause dafür verantwortlich waren, den Körper zu bestatten. Dass diese Aufgabe irgendwann Männer in dunklen Anzügen übernommen haben, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Den Beruf des Bestattungsunternehmers gibt es noch nicht so lange und durch seine Professionalisierung wurde er natürlich schnell zu einem reinen Männerberuf. Frauen haben diese ehemals selbstverständliche Aufgabe innerhalb der Familie übernommen, ohne dafür bezahlt zu werden. In den letzten 150 Jahren waren es dann fast nur Männer, die damit Geld gemacht haben.

Hat sich das heute schon ein wenig geändert?
Ja, heute ist es schon anders. Während meiner Ausbildung haben mit mir fast nur Frauen abgeschlossen. Für mich stellt sich dabei aber die Frage, in welchem Berufsumfeld diese Frauen dann später arbeiten. Ist es eines, in dem all ihre Vorgesetzten Männer sind? Wenn ja, werden Ideen und Wünsche dieser jungen Frauen gleichermaßen angenommen und anerkannt? Und wenn es künftig mehr Frauen in diesem Business gibt, wie wird das den Berufsstand verändern? Entwickelt sich der Beruf des Bestatters zu einem typischen „Frauenberuf"? So wie das bei Krankenschwestern oder Lehrern der Fall ist—allesamt Berufe, die in den letzten Jahren immer weniger Anerkennung erfahren haben, schlechter bezahlt sind und als weniger attraktiv wahrgenommen werden.

Nervt es dich eigentlich, wenn dich vor allem Medien ständig danach fragen, wie es ist, eine weibliche Bestatterin zu sein?
Ich finde es immer sehr lustig, wenn Menschen den Fakt, dass ich weiblich bin, so betonen. Was bedeutet das überhaupt? Dass ich High-Heels trage und mich schminke und gleichzeitig Leichen eingrabe? Etwas, was ich auf jeden Fall merke, ist, wie sich die Art und Weise, wie über mich geschrieben wird, verändert hat. Damals hieß es in den Medien: „Junge, weibliche Bestatterin unterhält die Öffentlichkeit über das Thema Tod." Die Berichte haben sich sehr auf mein Alter und mein Geschlecht fokussiert. Heute wird vorwiegend über mein Unternehmen und die Aufklärungsarbeit, die ich leiste, geschrieben. In meinem Fall hat sich das positiv entwickelt.

Am 11. Oktober war in Österreich der „Equal Pay Day", der symbolisch jenen Tag markiert, an dem Männer das Jahreseinkommen von Frauen bereits erreicht haben. Werden deine weiblichen Kollegen schlechter bezahlt als deine männlichen?
Unsere Organisation besteht aus vier Frauen und einem Mann. Im alternativen Bestattungsgewerbe überwiegt generell der Anteil an Frauen. Dass dort weniger Geld fließt, liegt nicht an den Frauen selbst, sondern daran, dass wir den Menschen keine Dinge verkaufen, die sie nicht brauchen. Ich habe mich damals bewusst für weniger Geld und gegen das traditionelle Bestattungs-Business entschieden, wo Männer im Anzug mit Gold verzierte Särge oder ganze Mausoleen verkaufen. Zumal man als Frau dort trotzdem weniger bezahlt bekommt. Oft ist es in diesem Bereich so, dass Frauen eher gerne im Vordergrund positioniert werden: am Telefon, um mit der Familie zu sprechen oder die Blumen zu liefern.

In Österreich werden arbeitende Mütter nach wie vor kritisiert. Wie ist die Lage in Amerika?
Ehrlich gesagt kenne ich in meinem Umfeld keine einzige Mutter, die nicht arbeitet. Ich finde, das sollte für jede Frau, die sich für eine Karriere entschieden hat, machbar sein. Eine Frau, die „nach oben" kommen möchte, muss arbeiten. Und dabei sollte man so früh wie möglich unterstützt werden—allem voran mit Kinderbetreuung am Arbeitsplatz. Wenn beide Elternteile arbeiten, soll es nicht automatisch an der Frau liegen, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Hier sollten beiden Geschlechtern alle Optionen offenstehen.

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Um den Gender Pay Gap zu schließen, gibt es verschiedene Ansätze, wie zum Beispiel anonymisierte Bewerbungsverfahren. Wie denkst du darüber?
Ich denke, dass es wichtiger ist, ganz bewusst Frauen oder Menschen verschiedener Nationen einzustellen. Einerseits profitiert ein Unternehmen davon, andererseits motiviert das mehr Frauen, sich für bestimmte Positionen zu bewerben. Anonymisierte Verfahren haben ihre Daseinsberechtigung, wenn man auf diverse Studien blickt, die eindeutig zeigen, dass Frauennamen oder „schwarze" Namen weniger oft angestellt werden. Andererseits wissen wir, dass weiße Männer von Beginn an privilegierter aufwachsen als zum Beispiel schwarze Frauen. Sie hatten also schon sehr früh bessere Möglichkeiten, bessere Ausbildungen und möglicherweise schon den ein oder anderen guten Job—ihr Lebenslauf ist also länger und so hat er auch im nächsten Job bessere Chancen. Im Vergleich würden dabei viele Frauen einfach schlechter abschneiden.

Deine generellen Gedanken zum Gender Pay Gap und zum Mangel an Frauen in Führungspositionen?
Es ist einfach unheimlich peinlich, wenn ein Betrieb keine Frauen in der Chefetage hat oder diese schlechter bezahlt werden. Und es ist wirklich peinlich, wenn sich ein Unternehmen dessen nicht bewusst ist.

Caitlin Doughty wird am 22. Oktober als Speakerin bei der TEDxVienna 2016 zu Gast sein. ING-DiBa Austria ist mit Live-Experimenten und Installationen vor Ort. Mit dem Hashtag #haveasay kannst auch du mitdiskutieren und deine Fragen und deine Meinung zu diesem überaus relevanten Thema abgeben.