everything is love

Was wir von Beyoncés und Jay Zs neuem Album über Liebe lernen

'The Carters' machen mit ihrer Musik mal wieder Beziehungstherapie. Aber auch wir Normalverdienenden und -liebenden können uns von dem Superhelden-Paar viel abgucken.

von Rebecca Baden
19 Juni 2018, 3:32pm

Screenshot aus dem Video: APESH**T - THE CARTERS | Beyoncé | YouTube

Würden Beyoncé und Jay Z ihr Business-Modell um eine private Dr.-Sommer-Sprechstunde erweitern, hätte wohl kaum jemand genug Geld, um sich von den beiden Beziehungsratschläge geben zu lassen. Trotzdem gibt es gute Gründe, dem Ehepaar Carter einen Ehrenplatz im Festplatten-Ordner für motivierende Liebes-GIFs zu widmen: In ihrem neuen Album Everything is Love öffnen die Superstars ihr eigenes Therapie-Büchlein – und lösen öffentlich Beziehungsprobleme, die fast jeder von uns schon mal erlebt hat.

Es gab einmal eine Zeit, in der die privatesten Infos von Beyoncé und Jay Z Paparazzi-Bilder waren, auf denen sie sich vor Cannes auf dem Sonnendeck ihrer Yacht geräkelt haben. Dann passierte das Prügel-Intermezzo im Fahrstuhl – und als sich die Türen des Aufzugs öffneten, traten nicht nur ein geschlagener Jay Z, eine wütende Solange und ihre besonnene Schwester Beyoncé aus dem Lift heraus, sondern auch ziemlich viele Gerüchte über die Beziehung der Carters. Mittlerweile haben sowohl Beyoncé als auch Jay Z in ihren Solo-Alben musikalisch bestätigt: Der Typ hat seine Frau betrogen – und das Gefühl danach war offensichtlich ziemlich unglamourös.

Mit ihren epischen Solo-Alben Lemonade und 4:44 haben die Eheleute Carter ihre anschließende Beziehungskrise zwar nicht nur öffentlichkeitswirksamer, sondern auch gewinnbringender verarbeitet als die streitenden Nachbarn aus dem zweiten Stock eures Hauses. Dennoch zeigen Beyoncé und Jay Z mit dem am Samstag erschienen Versöhnungs-Album Everything is Love nicht nur, wie sie aus einer Scheiß-Situation Gold (oder Platin) machen. Sie zeigen etwas, das nicht nur in Tinder-Zeiten die meisten von uns betrifft: wie man richtig liebt.

Überraschung: Du kannst nicht immer nur 'Crazy in Love' sein

Ihr könnt stundenlang Drunk in Love am Strand von Warnemünde rumknutschen und Pläne darüber machen, nach welcher Farbe ihr euer Erstgeborenes benennen wollt. Irgendwann kommen in jeder Beziehung ein oder mehrere Momente, in denen euer Herz schmerzt und ihr euch fragt, ob es das alles wert ist. Bei Beyoncé dürfte das gewesen sein, als Jay Z sie mit einer Frau betrog, die die Welt seit 2016 (und der Veröffentlichung von Lemonade) lediglich als "Becky with the good hair" kennt.


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Eine so komplexe Erfahrung wie Liebeskummer lässt sich wohl kaum auf wenige Zeilen runterbrechen. Beyoncé schafft es im Track LoveHappy auf dem neuen, gemeinsamen Album trotzdem, ihre Emotionen ziemlich nachfühlbar zu beschreiben – und zeigt, dass ein Betrug nicht immer das Ende einer Beziehung bedeuten muss.

“You did some things to me
Boy, you do some things to me
But love is deeper than your pain and I believe you can change”

“Sometimes I thought we'd never see the light
Went through hell with heaven on our side
This beach ain't always been no paradise
But nightmares only last one night”

"Everything is Love ist der letzte Teil der Trilogie ihrer Ehe", heißt es dazu auf dem Blog Lainey Gossip. "Lemonade war das Manifest einer Schwarzen Feministin, 4:44 ein Plädoyer für Vergebung." Das gemeinsame Album sei nun die Versöhnung. Für viele Menschen wäre Betrug wohl das Ende ihrer Beziehung: In einer deutschen Online-Umfrage von 2013 gaben rund 53 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer an, dass Untreue für sie ein Trennungsgrund sei. Beyoncé und Jay Z zeigen: Es kostet viel harte Arbeit, ein paar Therapie-Stunden im Studio und wahrscheinlich noch mehr Bauchschmerzen. Aber wenn die Liebe stark genug ist, lohnt es sich, die Krise zu überwinden. "Für sterbende Beziehungen", sagt die Paartherapeutin Esther Perel, "bedeutet eine Affäre die Totenglocke." Für andere sei sie eine Möglichkeit, ihre Beziehung neu zu erfinden – und zusammen noch stärker zu werden.

Es ist OK, für die Beziehung auch mal sein Ego einzupacken

Wer richtig Mist baut, muss sich auch richtig entschuldigen. Das wird Jay Z nicht erst wissen, seit seine Frau ihm vor zwei Jahren mit Lemonade ein episches Wut-Manifest um die Ohren gehauen hat. Ihre empowernde Message für Betrogene: Wenn dein Partner dich nicht so schätzt, wie du es verdienst, muss er oder sie dir dabei zusehen, wie du deinen fabelhaften Hintern zu einem besseren Menschen hinüberschwingst.

Jay Z hätte nach Lemonade in einen ultimativen Defense Modus verfallen und sich schmollend auf den Boden werfen können. Stattdessen widmete er Beyoncé mit seinem Solo-Album 4:44 eine lyrische Entschuldigung und zeigt auch im gemeinsamen Versöhnungs-Album, dass er sein Ego in seinem Business-Plan etwas zurückstellt und seine Fehler anerkennen kann.

"To get her back, I had to sweat her
Y'all could make up with a bag, I had to change the weather"

Jay Z weiß offensichtlich, dass der Becky-Move uncool war. Aber so, wie Beyoncé ihr Ego zurücksteckt, um ihn nicht täglich darauf hinzuweisen, dass er ein treuloses Arschloch ist, setzte er den Himmel in Bewegung, um seine Frau zurückzugewinnen. Das mag viel Reife (und Geld) erfordern. Am Ende ist es aber ein auch schöner Beweis dafür, dass das Wohl seiner Partnerin wichtiger ist als die Tatsache, dass Jay Z mit seiner öffentlichen Reue auch ein beschissenes Image riskiert: das des Typen, der niemand Geringeres als Beyoncé höchstpersönlich betrogen hat.

Get yourself a man, der dich so anschaut wie Jay Z Beyoncé, während sie die Kamera dominiert | Screenshot: YouTube | Beyoncé | APESH**T – THE CARTERS

Jede Beziehung kann #couplegoals sein

Schon kurz nachdem sie im Herbst 2001 anfingen zu daten, haben sich Beyoncé und Jay Z als Bonnie und Clyde inszeniert, heute sind sie eher politisch und black-panthers-mäßig unterwegs. Die Rhetorik bleibt: Als Paar sind sie "ride or die", ein Team wie Barack und Michelle, eine Institution, die gegen den Rest der Welt kämpft. Im Track Apeshit betreiben die Carters aus dem eigens angemieteten Louvre Systemkritik: Jay Z rappt, dass er aus Protest nicht zum Superbowl ging und dass er als erfolgreicher und wohlhabender Schwarzer Mann noch immer rassistischen Vorurteilen ausgesetzt ist. Beyoncé singt im Refrain: "I can't believe we made it." Im Song Boss droppt sie eine Line, die Trump wohl seine toupierten, blonden Haare raufen lässt:

"My great-great-grandchildren already rich
That's a lot of brown children on your Forbes list"

Natürlich lieben nicht alle Paare so politisch wie zwei Superstars: weil sie nicht von Diskriminierung betroffen sind, weil ihr gemeinsamer Kampf darin besteht, jeden Monat die Miete heranzuschaffen, oder weil sie keinen Bock darauf haben, händchenhaltend die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu bekämpfen.

Eine Beziehung mag ein Großprojekt sein, das von Fahrstuhl-Streits, haarigen Beckys und gelegentlichen Misstrauens-Anfällen geschüttelt wird. Es kostet Tränen und harte Arbeit, solche Krisen zu überwinden. Wenn es blöd läuft, gelingt das nicht. Im besten Fall, das zeigen uns Beyoncé und Jay Z ist die überarbeitete Beziehung aber ein ziemlich gutes Investment: in eine neu entdeckte Liebe, einen gemeinsamen Weltverbesserungs-Plan – oder einfach in ein gut gefülltes Bankkonto.

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