10 Fragen

10 Fragen an einen LKW-Fahrer, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie sehr leidet deine Körperhygiene unter deinem Beruf? Benutzt du Trucker-Pussys? Hast du schon an Elefantenrennen teilgenommen?

von Jan Karon
15 Mai 2018, 5:00am

Alle Fotos: Hakki Topcu 

Egal wo Tony Heisterhagen-Preißler hinfährt, in seiner Kabine hat er immer einen Plüschaffen dabei, eine Sachsen-Fahne und einen viereckigen blauen Würfel mit dem Namen seiner Freundin. Außerdem: ein Brotmesser und Pfefferspray im Handschuhfach. "Man weiß ja schließlich nicht, auf wen man an Raststätten trifft", sagt der 27-Jährige, "gerade wenn man über Nacht bleibt und dort fünf Leute kommen und deinen Lkw leerräumen, musst du dich verteidigen können."

Heisterhagen-Preißler sagt, er habe als Lkw-Fahrer seinen Traumberuf gefunden. Seit drei Jahren erkundet er deutsche Autobahnen wie Money Boy den Gucci-Shop am Kohlmarkt in Wien und ballert bis zu 70 Stunden in der Woche über den Asphalt. Tony sagt, seitdem sein Vater – ebenfalls Fernfahrer – ihn als kleines Kind in seinem 7,5-Tonner mitnahm, wollte er Lkw-Fahrer werden. Nach der Schule arbeitete er als Elektriker und Gerüstbauer, bis er den C-Führerschein für Lkw machte.

Heute transportiert er Stahlteile: als Träger, Wellen oder Rohre; die Ladung darf insgesamt bis zu 40 Tonnen wiegen. Seine Touren erstrecken sich von Sachsen nach Nordrhein-Westfalen, von Berlin nach Kassel, von Halle nach Nürnberg. "Ich liebe die Freiheit, jeden Tag ungestört unterwegs zu sein, etwas Neues zu sehen und keinen Chef am Arbeitsplatz zu haben."

Wir haben Fragen.

VICE: Wie krass untervögelt bist du?
Tony Heisterhagen-Preißler: Meine Freundin und ich holen das meistens am Wochenende nach. Ich bin daran gewöhnt, dass mir Sexualität während der Woche fehlt. Ich kann als Lkw-Fahrer aber trotzdem ein guter Freund sein. Mir geht es sogar besser, wenn ich meine Freundin nicht jeden Tag sehe. Wir haben uns gefunden und wollen heiraten – aber ich kann auch sagen: Es würde nicht gut gehen, wenn ich jeden Tag bei ihr daheim sein würde. Wir brauchen auch Ruhe und Abstand voneinander. Zwar bin ich unter der Woche durchaus untervögelt, aber ich habe mich daran gewöhnt – und meine Freundin und ich können das am Wochenende nachholen.

Benutzt du Trucker-Pussys?
Ich habe das schon oft gehört und ich habe solche Thermoskannen auch tatsächlich öfter mal in Fahrerkabinen gesehen, aber ich selbst habe das nicht. Das wäre mir zu blöd. Ich weiß aber, dass Kollegen sogenannte "Nuttenwaggons" aufsuchen, die gibt es zum Beispiel auf der A2 bei Braunschweig. Ich bin in meiner Anfangszeit einmal langsam an solchen Wohnwagen vorbeigefahren. Eine Frau kam dann raus und hat mich gefragt, was für Leistungen ich will. Ich habe ihr erklärt, dass ich kein Interesse an Sex habe. Daraufhin haben wir dann zusammen auf der Ladefläche gefrühstückt und Butterbrote geteilt.

Hast du schon mal etwas von deiner Ladung mitgehen lassen?
Das macht aktuell keinen Sinn bei mir, weil ich Stahl ausfahre. Da geht das gar nicht. In meiner früheren Firma habe ich aber zum Beispiel mal Bremsenreiniger mitgehen lassen. Andere Fahrer haben Schokolade oder Spielzeuge von ihrer Ladung entwendet – und diese dann mit anderen Lkw-Fahrern getauscht. Es gibt auch Fahrer, die schmuggeln. Am häufigsten werden Zigaretten geschmuggelt. Auf der Ladefläche zwischen den Paletten kann man zum Beispiel super Zeug mitnehmen, weil dort selten kontrolliert wird. Außerdem gibt es in manchen Ländern Besonderheiten: Wenn Lkw-Fahrer nach Schweden fahren, dürfen sie eigentlich keinen Alkohol importieren [Anm. d. Red.: weil der schwedische Staat das Monopol auf Alkoholverkauf hält]. Dann decken sich Fahrer immer wieder heimlich mit Alkohol ein. Ich selbst schmuggele aber nichts.

Gaffst du, wenn auf der Autobahn ein Unfall passiert?
Da bin ich ganz ehrlich: Ja, das mache ich. Aber ich achte immer darauf, dass ich nicht langsamer werde und meine Geschwindigkeit halte. Wenn Lkw-Fahrer vom Gas gehen, um einen Unfall zu bestaunen, ist das saugefährlich. Als ich mal auf der Autobahn den Berg heruntergefahren bin, ereignete sich auf der Gegenseite ein Auffahrunfall. Die Lkw vor mir haben mich damals durch das Gaffen dermaßen ausgebremst, dass ich links ausweichen musste, weil ich sonst einen Unfall gebaut hätte. Und so Zwischenfälle lassen mich schon daran zweifeln, warum ich diesen Job eigentlich ausübe.

Was war die ekligste Erfahrung, die du an deutschen Raststätten gemacht hast?
Mein ekelhaftester Moment war an einer Raststätte in der Nähe von Kassel. Ich hatte damals einen Magen-Darm-Virus und musste dringend aufs Klo. Auf der Raststätte war aber jede Toilette von oben bis unten zugeschissen. Die Toiletten war unbegehbar und ich konnte mich nirgends draufsetzen. Ich musste mein Geschäft dann hinter einem Busch erledigen.


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Wie sehr leidet deine Körperhygiene unter deinem Beruf?
Es leidet eher die Gesundheit als die Hygiene. Am schlimmsten ist das Essen: Am Abend will ich etwas Warmes essen, also Cheeseburger und Hamburger. Dann folgt das erste Bier. Und um wach zu bleiben, trinke ich pro Woche bis zu drei Liter Energydrinks. Am Anfang, als ich über Nacht gefahren bin, habe ich noch mehr getrunken. Und so werde ich immer dicker. Weil ich mich derzeit in meinem Körper nicht wohl fühle, versuche ich, auf der Raststätte abends ein paar Runden joggen zu gehen oder Klimmzüge am Lkw-Dach zu machen.

In meiner Firma gab es mal einen Fahrer, der wirklich alles übertraf. Das ist ein alter Mann, der modrig riecht. Ich bin selbst nicht der Ordentlichste und gehe auch nicht jeden Tag duschen, sondern alle zwei bis drei Tage. Aber als ich in der Firma angefangen habe, sollte ich den Lkw des Fahrers nutzen. Die Matratze war zerfleddert, der Schlafsack hat nach altem Mann gestunken, das Lenkrad war verklebt, die Fußmatten mit Verpackungen zugemüllt. Ich habe dann meinen Chef angerufen und gesagt: "Sorry, aber diesen Lkw fahre ich nicht."

Hast du schon an einem Elefantenrennen teilgenommen?
Oft genug. Alle haben Stress und müssen ihre Ladung pünktlich runterkriegen, weshalb sie ab und an rasen. Dazu ist der Alltag eintönig, weshalb Elefantenrennen eine willkommene Abwechslung darstellen. Du fährst berghoch, hast 15 Tonnen drauf, der andere 20 Tonnen. Die fünf Tonnen machen schon einen riesigen Unterschied in der Geschwindigkeit. Du willst ihn also auf dem Berg überholen, dann hört der Berg auf, und der neben dir wird schneller, weil er seinen Wagen mit dem höheren Gewicht den Berg runterrollen lassen kann. Wenn ich merke, dass ich nicht vorbeikomme, werde ich wütend, aber ziehe dann hinten rein. Für den Verkehr sind solche Elefantenrennen nämlich gefährlich.

Autofahrer regen sich immer wieder über Lkw-Fahrer auf. Was nervt euch an Pkw-Fahrern?
Ich hasse es, dass wir für Pkw-Fahrer die Arschlöcher sind. Dass wir die Blöden sind, die alles blockieren, im Berufsverkehr auf dem rechten Streifen stehen und an jedem Stau schuld sind. Dass wir die Deppen sind, die nur mit 60 auf der Landstraße und mit nur 80 auf der Autobahn fahren. Ich finde, jeder Pkw-Fahrer, der sich über Lkw-Fahrer aufregt, sollte einen Tag lang in der Fahrschule verbringen und im Berufsverkehr einen Lkw fahren. Es ist ein verdammt harter Job.

Als ein Autofahrer mich und meinen Kollegen mal geärgert hat, indem er uns immer wieder ausgebremst hat, habe ich mit Kollegen Funkkontakt aufgenommen. Wir haben den Autofahrer dann eingeschlossen: Vor ihm, neben ihm und hinter ihm fuhren dann Lkw und wir haben ihn dann eine Zeit lang nicht rausgelassen. Es gibt halt Sturköpfe, die sich denken, Lkw-Fahrer absichtlich ärgern zu können. Dann revanchiere ich mich aber.

Wie oft brichst du Verkehrsregeln?
Ich muss sagen: bestimmt täglich. Manchmal passiert das ungewollt, aber auch oft bewusst. Ich überschreite regelmäßig Geschwindigkeitslimits, fahre über eine dunkelgelbe Ampel oder halte im Parkverbot. Oder ich ignoriere Stoppschilder und fahre dicht auf, obwohl ich Abstand halten sollte. Ich werde auch des Öfteren geblitzt. Manchmal sieht man ein Geschwindigkeitsschild nicht, manchmal will man es nicht sehen. Gerade tschechische oder polnische Lkw fahren teilweise 125 Kilometer pro Stunde. Die stehen massiv unter Zeitdruck und wollen so schnell wie möglich nach Hause. Die verdienen höchstens 800 bis 1.500 Euro im Monat – nicht mal halb so viel wie wir deutschen Fahrer.

Ich bin auch schon des Öfteren beim Fahren eingeschlafen. Ich habe damals gemerkt, dass ich müde werde und wollte den nächsten Rastplatz ansteuern, dann war es aber schon zu spät. Wir haben aber alle möglichen Sicherungssysteme im Lkw, die piepen, wenn man den rechten Streifen zu weit übertritt oder nicht rechtzeitig bremst, wenn der Vordermann blinkt. Im Notfall haut das System selbst die Bremse rein. Dann kommt der Lkw zum Halten, egal, wie viele Tonnen ich drauf habe.

Schauen dich die Leute seit den Anschlägen von Berlin und Nizza anders an, wenn du am Steuer sitzt?
Ich bin zwei Wochen nach dem Anschlag in Berlin an einem Weihnachtsmarkt vorbeigefahren. Da war ich etwas zu schnell unterwegs. Als mich die Menschen ängstlich angeschaut haben, bin ich langsamer geworden und habe an einer Ampel angehalten. Dort habe ich meine Fensterscheibe heruntergekurbelt, weil ein Polizist mit mir sprechen wollte. Er sagte, dass die Leute direkt zur Seite gegangen sind und Panik bekommen haben. Das war für mich eine große Lehre.

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