Alle Fotos: J. Henry Fair

Dieser Fotograf macht unsichtbare Umweltverschmutzung sichtbar

Aus 300 Metern Höhe sehen sogar die Mikrobenschlieren einer Klopapierfabrik aus wie Kunst – dank J. Henry Fair.

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21 Mai 2019, 11:59am

Alle Fotos: J. Henry Fair

Wenn du an Umweltverschmutzung denkst, siehst du vielleicht Strände voller Müll, Schildkröten mit Strohhalmen in der Nase oder eine dicke Schicht Smog über Peking. Aber es gibt auch Klimasünden, die wir gar nicht direkt sehen können. Genau die fängt der Fotograf und Aktivist J. Henry Fair seit Jahren ein.

Fairs Models sind Ölbohranlagen, Papierfabriken, Industriefarmen, Kohleabbaugebiete und Kunststoffproduktionen. Piloten brachten ihn in etwa 300 Meter Höhe, von dort konnte Fair seine Fotoreihe Industrial Scars schießen und damit die industrielle Umweltverschmutzung sichtbar machen, für die unser Massenkonsum verantwortlich ist. Wir haben uns mit Fair über seine aufrüttelnden Bilder und seinen Umweltaktivismus unterhalten.

phosphate waste agcriulture pollution
Dieses Abwasserrohr führt zu einer Phosphat-Stauanlage im US-Bundesstaat Florida

VICE: Was inspiriert dich?
J. Henry Fair: Durch die sozialen Medien leben wir heute alle in unserer eigenen kleinen Blase und bekommen nur Sachen angezeigt, mit denen wir sowieso schon vertraut sind. Ich hoffe deswegen, mit meinen Arbeiten etwas zu erschaffen, das über diese Blasen hinausgeht. Ich will einen Dialog anregen. Ich weiß, dass meine Bilder wahrscheinlich nicht ausreichen, um ein ganzes Weltbild über den Haufen zu schmeißen. Aber vielleicht werfen sie ja Fragen auf. Es sind zum Beispiel schon junge Menschen auf mich zugekommen, die sich wegen meiner Fotos jetzt vegetarisch ernähren.

Wie kommst du auf die Orte, die du fotografierst?
Weil ich schon seit Jahren alles in Datenbanken festhalte und tracke, weiß ich inzwischen ganz gut, was wo abgeht. Außerdem schaue ich, wo gerade über neue Umweltgesetze entschieden wird und ob ich da etwas bewirken will.

coal power plant germany pollution
Dampf steigt aus den Kühltürmen des Kohlekraftwerks im Süden von Grevenbroich auf

Auf welche Probleme willst du derzeit aufmerksam machen?
Die Kohlediskussion, die in Deutschland stattfindet. Ich habe mich in meiner letzten Ausstellung schon viel mit deutscher Braunkohle beschäftigt. Die Leute haben ja keine Ahnung, wie viel Kohle verbrannt wird und wie viele Wälder für den Kohleabbau weichen müssen. Die Folgen der Luftverschmutzung töten einer Studie zufolge jährlich fast 800.000 Menschen – und das nur in Europa. Unter den zehn größten CO2-Sündern Europas sind neun Kohlekraftwerke, eins befindet sich in Polen und sieben in Deutschland. Auf Platz 10 steht die Airline Ryanair.

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Die Abwasserentsorgung einer kanadischen Papierfabrik | Foto: J. Henry Fair / LightHawk

Kannst du das Foto von der Verschmutzung in der Papierfabrik etwas genauer erklären?
Auf dem Bild ist das Abwasser zu sehen, das bei der Herstellung von Kosmetiktüchern und Klopapier entsteht. In den braunen Haufen wird die Flüssigkeit angerührt, damit die flüchtigen organischen Verbindungen darin schneller verdampfen. Mikroben verspeisen gleichzeitig einen Teil des organischen Materials.

Übrigens: Wenn du nur noch Toilettenpapier benutzt, das aus Zeitungen hergestellt wird, rettest du damit im Laufe deines Lebens einen gesamten Wald – und tust etwas gegen den Klimawandel und Wasserverschmutzung.

aluminium production waste
Schaum bildet sich im Bauxitabfall einer Aluminiumhütte im US-Bundesstaat Louisiana

Wie wirken sich die Fotos auf dein persönliches Leben aus?
Ich esse nur wenig Fleisch und habe mir erst vor Kurzem mein erstes Smartphone zugelegt. Vorher hatte ich mich immer dagegen gewehrt, zum einen wegen der oben erwähnten digitalen Blase und zum anderen, weil ich weiß, wie schädlich Handys für die Umwelt sind. Es erleichtert die Recherche zu meinen Fotoprojekten aber ungemein.

Was ich durch meine Bilder ebenfalls gelernt habe: Die Umwelt hängt direkt mit uns Menschen zusammen. Das dürfen wir nie vergessen. So zivilisiert, wie wir heute leben, hat es den Anschein, als würden wir mit der Natur nichts mehr zu tun haben. Diese Annahme könnte gefährlicher nicht sein.

oil storage tank refinery
Ein Öltank im US-Bundesstaat Mississippi von oben | Foto: J. Henry Fair / SouthWings

Wie schaffst du es, über deine Fotomotive zu kommen?
Dafür stelle ich Piloten an, die mich auf rund 300 Meter Höhe bringen. Das ist bei meinen Arbeiten immer der schwierigste Aspekt, einen bereitwilligen Piloten mit Flugzeug zu finden. In Singapur habe ich das zum Beispiel nicht geschafft, obwohl ich dort gerne die vielen Erdölraffinerien fotografiert hätte.

Hatten deine Arbeit schon mal negative Folgen für dich?
Einmal wurde ich vom FBI verhört. Die Beamten waren aber ganz höflich. Seit dem 11. September ist man in den USA allgemein besonders paranoid. Ein Pilot hatte mich mal als potenziellen Terroristen gemeldet.

Ein anderes Mal hat eine Raffinerie die Polizei gerufen, weil wir mehrmals über das Gelände geflogen sind. An diesem Tag war es aber einfach nur besonders windig, deshalb hatte der Pilot Schwierigkeiten, das Flugzeug ruhig zu halten. Wir mussten zahlreiche Runden drehen, um das perfekte Foto zu bekommen.

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Grünes Abwasser fließt durch ein Gipsfeld, das bei der Herstellung von Phosphordünger im spanischen Huelva entstanden ist

Riechst du die Verschmutzung in dieser Höhe?
Ja, es stinkt wirklich extrem. Wenn du durch die Abgase eines Kohlekraftwerks oder einer Raffinerie fliegst, ist das echt unangenehm – und gefährlich für die Gesundheit.

paint production pollution
Das Rohmaterial einer Farbenfabrik im polnischen Stettin

Welche Botschaft willst du als Aktivist der Welt mitteilen?
Wir befinden uns mitten in einer Krise. Es ist fast schon zu spät. Wir müssen jetzt handeln. Viele Politiker hören nicht auf die Wähler, sondern nur auf große Unternehmen. Der Kapitalismus beruht auf Herstellung, Konsum und schließlich schmeißen wir alles weg. Die Leute, die von diesem Kreislauf profitieren, haben auch Kinder. Sie reden sich aber ein, dass ihr ganzes Geld sie vor den negativen Folgen schützen wird.

Wir haben schon viel verloren, können aber auch noch sehr viel retten. Und es gibt nur einen Weg, noch mehr Katastrophen zu verhindern: Wir müssen raus auf die Straße und unmissverständlich klarmachen, dass wir uns das alles nicht mehr länger gefallen lassen.

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