Erinnerungen

1989: So hat sich die erste Loveparade auf dem Ku´damm angefühlt

"Als ob man vom Schwarz-Weiß zum Farbfernsehen gewechselt hätte. Berlin wurde plötzlich bunt", erzählt Danielle de Picciotto, Organisatorin der ersten Techno-Demo Berlins.

von Danielle de Picciotto; aufgeschrieben von Marleen Fitterer
02 Juli 2019, 10:43am

An der ersten Loveparade am 1. Juli 1989 nahmen um die 150 Leute teil || Alle Fotos: Erik-Jan Ouwerkerk

Danielle de Picciotto (*1965) ist eine US-amerikanische interdisziplinäre Künstlerin, die seit 1987 in Berlin lebt. Sie arbeitet als Musikerin, Malerin, Autorin und Filmemacherin. Zusammen mit ihrem Mann Alexander Hacke, Mitbegründer der Band "Einstürzende Neubauten", ist sie als Sängerin aktiv und hat schon zahlreiche Alben produziert. Ihre Bilder und Installationen stellt sie weltweit aus. 1989 organisierte sie zusammen mit ihrem damaligen Partner Matthias Roeingh (Dr. Motte) die erste Loveparade, eine als politische Demonstration angemeldete Musik-Parade für eine friedliche Weltrevolution.

Als ich 1987 nach Berlin kam, war da sehr wenig. In Berlin gab es viel Brachland. Alles war basic, kein Luxus, kein Firlefanz, keine Designerläden. Das Schickste war das KaDeWe. Ich kam aus New York und hatte das Gefühl in einem Nachkriegsland gelandet zu sein, in einer Nachkriegsstadt. Jeder hat sich bei mir für den Krieg entschuldigt. Berlin war die Hochburg dieses melancholischen Schuldgefühls. Ich habe direkt an der Mauer gewohnt, mit einem Wachturm vor dem Fenster. Berlin war dunkel, es war traurig und düster. Alle trugen schwarz, man führte existenzialistische Gespräche. Menschen nahmen viele Drogen, waren auf Heroin, Menschen starben daran.

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Es war das erste Mal, dass Menschen nicht im Untergrund, sondern auf der Straße tanzten

Vor der Loveparade, vor der Wende gab es in Berlin keine Durchmischung der Szenen, sondern säuberlich von einander abgetrennte Subkulturen: Rocker, die Schwulenszene, die Neue Deutsche Welle oder ein bisschen Hip Hop, der aus den USA rüber geschwappt ist. Die Tanzclubs gehörten im Vergleich zu anderen Städten in Deutschland nicht reichen Zuhältern oder Menschen mit Geld. In Berlin waren es die Kunstschaffenden, die die Clubs eröffneten. Clubs in Kellern von heruntergekommenen Gebäuden. Clubs, die weder schick noch schön waren, sondern staubig und geheimnisvoll.

Am Potsdamer Platz war damals das erste WMF, das war in einem Herrenklo. Da mussten wir durch ein kleines Loch klettern, durch den Boden rein, in enge, gekachelte Gänge. Da waren zum Teil bis zu 300 Leute an einem Abend und das ohne Notausgang.

Mein Zimmer in einer 600 Quadratmeter-Wohnung mit vier anderen Leuten hat 30 Mark Miete gekostet.

Ich habe Motte kennengelernt und wir wurden ein Paar, das war 1988.

Motte war DJ, führte einen eigenen Club und bekam deshalb auch regelmäßig neue Platten aus England geschickt. Dadurch habe ich mitbekommen, dass da etwas Neues rüberkommt, neue Musik, eine neue Stilrichtung. An einem Abend im Mai 1989, der Kalte Krieg war kurz vor dem Ende, die Mauer gerade am Fallen, hat Motte in einem Club aufgelegt. Man konnte dort nicht mal richtig stehen, musste gebückt auflegen, bekam Rückenschmerzen. Danach war man meistens komplett dreckig und erschöpft. Als Motte nach Hause kam, meinte er zu mir: "Ich habe eine Idee. Ich will, dass diese Musik rauskommt, dass sie an die frische Luft kommt und nicht immer nur im Underground vor sich hin staubt. Lass uns eine Parade machen. Wir müssen nicht nach Brasilien. Wir machen das einfach selber. Wir machen das mit unserer Musik."

Wir fanden Paraden schon damals gut, wir wollten immer mal nach Rio de Janeiro. Für mich machte das sofort Sinn. Wir waren unglaublich kreativ zusammen, haben davor schon Events organisiert, DJ Battles oder Modeshows mit Kunst, Musik und Secondhand. Alles immer ohne Geld. In Berlin war ja damals sowieso kein Geld. Mein Zimmer in einer 600 Quadratmeter-Wohnung mit vier anderen Leuten hat 30 Mark Miete gekostet. Geld war damals relativ egal. Man hat zweimal die Woche in Cafés gearbeitet, und das hat gereicht.

Wenn man nicht die ganze Zeit ums finanzielle Überleben kämpfen muss, kann man sich mit anderen Sachen beschäftigen, wie mit der Organisation der ersten Loveparade. Also haben wir losgelegt.

Wir wollten endlich ans Licht, an die Sonne, wir wollten raus aus diesen dunklen Kellern.

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Mit der Loveparade wollten Danielle und Motte eine positive Demo ins Leben rufen

Wir wollten endlich ans Licht, an die Sonne, wir wollten raus aus diesen dunklen Kellern. Wir wollten Farbe. Wir wollten eine andere Struktur. Wir wollten etwas Neues. Wir wollten zeigen, dass diese Musik über Mauern hinweg schwebt, dass sie für jeden da ist, dass sie keine Grenzen kennt. Unser Grundgedanke war ein sehr politischer, aber auf der anderen Seite auch gar nicht. Berlin war ja schon immer eine Proteststadt. Aber alles war immer gegen irgend etwas. Wir wollten eine neue Bewegung, eine Demo für etwas Positives – instinktiv aus reiner Lebensfreude. Also haben wir unsere Parade als Demo angemeldet. Ich habe bunte Kleider für die Teilnehmenden genäht, Motte die neue Musik aus England gesammelt. Wir haben uns einen kleinen Pick-up organisiert und eine Musikanlage draufgepackt. Wir haben Flyer gedruckt, die überall verteilt, in der U-Bahn, in Cafés, Läden und Clubs, auf der Straße.

Unser Motto: "Friede, Freude, Eierkuchen." Friede für die Abrüstung. Freude für und durch Musik, als Mittel der Kommunikation. Und Eierkuchen für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung.

Es waren erstmal mehr Polizisten dort als Teilnehmende. Als es dann nach vier wurde, meinte der Einsatzleiter irgendwann: "Wollen wir jetzt mal?"

Dann war es soweit. Samstag, 1. Juli 1989, Wittenbergplatz. Die erste Loveparade.

Wir haben extra den Ku’damm als Ort gewählt. So dass auch andere Leute unsere Aktion sehen, nicht nur die Clubleute. Der Himmel war bewölkt, es nieselte. Auf uns wartete ein großes Polizeiaufgebot, es waren erstmal mehr Polizisten dort als Teilnehmende. Die dachten sicher, das sei wieder eine Randale-Demo. Die konnten uns überhaupt nicht einordnen. Als es dann nach vier wurde, meinte der Einsatzleiter irgendwann: "Wollen wir jetzt mal?"

Dann haben wir die Generatoren angeschmissen, die Musik angemacht und einfach angefangen zu tanzen. Wir wussten ja auch nicht, was wir jetzt machen sollen.

Wir waren so um die 150 Leute. Dann hat es angefangen zu regnen, wodurch die Stimmung noch euphorischer wurde. Alle waren klatschnass. Die Leute am Straßenrand haben uns fassungslos angeschaut, haben uns tanzen gesehen zu der neuen Musik, mit den neuen Farben. Dadurch, dass wir so einen großen Spaß hatten, ist die Euphorie übergesprungen. Die Hausfrauen mit ihren Einkaufstüten, die aus dem KaDeWe kamen, haben angefangen zu lachen, sich mit uns zu freuen. Es war magisch. Danach sind wir noch ins Ufo und haben dort eine After-Party gemacht.

Dieser Tag war der Anfang einer Kulturrevolution. Mit der ersten Loveparade fing alles an sich zu verändern. Das kam ohne fließenden Übergang, das war etwas komplett Neues. Als ob man von Schwarz-Weiß zum Farbfernsehen gewechselt hätte. Berlin wurde plötzlich bunt. Nichts mehr hat ins Schema gepasst. Weder die expressionistische, schwarze Kunst, noch die Mode oder die Clubs. Das war ein Komplettumbruch. Das habe ich seitdem so extrem nicht mehr erlebt.

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Es blieb nicht bei einer Veranstaltung. Die Loveparade existierte bis 2010

Wir dachten, wir machen das ein Mal und das war’s. Aber alle wollten, dass wir es wieder machen. Es war ein universelles Gefühl, der Bedarf danach war so groß, nur keiner wusste, wonach. Also haben wir 1990 wieder eine Loveparade gemacht und im darauffolgenden Jahr wieder und wieder. Es wurde zu einem Selbstläufer. Wir haben bewusst keine politischen Reden gehalten. Das Laufen an sich war genug. Wir wollten die Veranstaltung deshalb so naiv und unschuldig wie möglich halten, ohne Reden, ohne Radikalität. Einfach laufen, für den Underground, für den Frieden, für unsere Träume und Visionen.

Gelaufen ist man mit den verschiedensten Leuten. Es gab die Ostler und die Westler, die alten Rocker, die jungen Techno-Kids, die Reichen aus dem Grunewald, die armen Berliner Künstler*innen und die perspektivlosen Jugendlichen aus dem Osten. Es ging über alle Grenzen und durch alle sozialen Schichten. Es hat kein Geld gekostet. Man konnte einfach mitlaufen und Spaß haben. So ist ein Schmelztiegel entstanden, bei dem es kein einziges Mal Gewalt gab. Tausende von Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken haben zur gleichen Musik getanzt, waren friedlich, haben aufeinander aufgepasst. Dieses Gemeinschaftsgefühl war etwas Neues für Deutschland. Das machte diese neue Musik: Techno.

Nach der Wende war Techno für Berlin genau die richtige Musik.

Nach der Wende war Techno für Berlin genau die richtige Musik. Techno veränderte die herkömmlichen Musikstrukturen. Es gab keine Sänger mehr, alles wurde auf den Rhythmus reduziert. Die DJs und Produzenten der frühen 90er haben diese Musik selbst gemacht und selbst erfunden. Es war eine Musik, die ganz bewusst keine Heroes hatte. Damit konnten sich gerade die Ost-Kids identifizieren. Sie sind in einem System groß geworden, das gerade zusammengebrochen war. Die Techno-Kultur fing sie auf, holte sie ab. Dort konnten die Jugendlichen sich selbst verwirklichen, selbst produzieren, dekorieren, projizieren, organisieren, ohne viel Geld.

Durch den Erfolg der Loveparade haben Clubs mehr Geld verdient. Die ganze Kultur hat sich dadurch erweitert. Die Designer aus London kamen, machten Läden auf. Die Menschen haben angefangen Klamotten zu kaufen, anstatt selbst zu nähen. Die Loveparade wurde zu Berlins Aushängeschild. Es gab ja nach dem Mauerfall nicht viel für Touristen in Berlin. Die Stadt, die Hotels, die Clubs, alle realisierten, welches Potential dahinter steckte. Alle wollten mitmachen. Berlin verdiente dadurch sehr, sehr viel Geld.

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Die Begeisterung war riesig. Nach wenigen Jahren nahmen bereits über eine Million Menschen an der Loveparade teil

Motte und ich haben uns 1993 das erste Mal getrennt. Bei der Loveparade mitgelaufen bin ich aber trotzdem noch. 1995 habe ich dann gemerkt, dass es nicht mehr das ist, was ich wollte.

Es wurde mir zu groß und kommerziell. Techno wurde Mainstream. Ich habe den Zusammenhalt und die Gemeinschaft nicht mehr gespürt. Motte und ich waren 1996 noch mal ein Paar, da machten dann schon CDU-Politiker bei der Loveparade mit, um jugendaffin zu wirken. Ich habe dann den Versuch unternommen, das Potential, diese Kraft, wieder für etwas Ideales zu nutzen. Ich wollte um die Loveparade herum ein ganzes Wochenende mit Workshops und Seminaren organisieren, mit mehr Inhalt. Die Loveparade als Plattform nutzen, um über Themen zu reden, die uns damals wichtig waren. Aber die anderen Organisatoren hatten kaum Interesse daran. Ich habe 1997 und 1998 trotzdem wieder zusammen mit Motte am Tag vor der Parade eine Artparade organisiert, zu der ich Künstler*innen eingeladen habe, ihre Kunst auszustellen. Danach haben wir die Kunstwerke in der Staatsgalerie Stuttgart auktioniert. Den Erlös haben wir einer Musiktherapie-Stiftung gespendet. Ich wollte zeigen, dass diese Bewegung jetzt zwar Mainstream war, aber dass der Grundgedanke ein anderer war, als einfach nur oben ohne auf Trucks zu Techno zu tanzen. Aber auch daran hatten die anderen Macher außer Motte kaum Interesse oder Zeit. Dann hatte es für mich keinen Sinn mehr.

Ende der 90er hat ja plötzlich jeder eine Parade gemacht.

Ich habe dann an Paraden kein Interesse mehr gehabt. Ende der 90er hat ja plötzlich jeder eine Parade gemacht. Es gab die Sexparade, die Hateparade, die Fuckparade, die Schlagerparade, den Karneval der Kulturen sowieso und den wichtigen CSD, den es bis heute gibt und noch so viele mehr. Demos nehme ich ernst, aber wenn alles zu einer Parade wird, kann man dort zwar mittanzen und dabei sein, aber trotzdem mit dem ganzen System drum herum konform sein. Dann hilft es nichts, hat keine Aussage außer sich dem Hedonismus zu frönen. Es kommt ja eigentlich darauf an, wie man lebt, wenn man nach Hause kommt. Also habe ich mich mehr auf den Individualismus konzentriert.

Motte hat bei der Loveparade weitergemacht und versucht, unseren Idealismus dort weiter spürbar zu machen. Als Vater der Loveparade sah er sich dazu in der Pflicht. Viel Geld verdient hat er damit nicht, auch wenn man das meinen würde. Aber ihm ging es bis ans Ende um unseren Grundgedanken: Friede, Freude, Eierkuchen.

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