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Verbrechen

Wie es ist, mit einem von Sydneys größten Gangsterbossen zu feiern

Pasquale Barbaro wurde im November 2016 von Gangkollegen ermordet. Wir haben mit einem Typen gesprochen, der mit ihm feiern war.

von Sergei Hedayat
19 Dezember 2017, 12:09pm

Foto: Instagram

Bevor er im November 2016 vor dem Haus eines Gangkollegen ermordet wurde, galt Pasquale Barbaro als eine der umstrittensten Figuren in Australiens Unterwelt. Laut dem Journalisten Keith Moore, war Barbaro ein Mitglied der berüchtigten und mächtigen kalabrischen Mafia – und wahrscheinlich einer der größten Drogendealer in ganz Sydney.

Zum Zeitpunkt seines Todes soll sich Barbaro mit "Bikern, Ganggrößen aus dem Nahen Osten und diversen Drogendealern verschiedener Nationalitäten rumgetrieben haben". Einem weiteren Gerücht zufolge betrieb Barbaro ein ähnliches Geschäftsmodell wie der legendäre Bostoner Gangster Whitey Bulger: Er erpresste offen Schlüsselfiguren von Sydneys Unterwelt, während er gleichzeitig im Geheimen mit der Polizei als hochkarätiger Informant zusammenarbeitete.

Wie dem auch sei, Barbaro ist jetzt tot. Um einen besseren Eindruck davon zu bekommen, wer er wirklich war und wie er sein Ende fand, haben wir uns mit einem Typen unterhalten, der anonym bleiben möchte und den wir der Einfachheit halber von nun an "Robbie" nennen. Robbie hat Barbaro eines Abends in dessen Stripclup in Sydneys Rotlichtbezirk King's Cross kennengelernt. Im weiteren Verlauf dieser verhängnisvollen Nacht erhaschte Robbie dann einen Blick hinter die harte Gangster-Fassade.


Auch bei VICE: Was es braucht, um in eine Gang aufgenommen zu werden


VICE: Wie genau hast du Pasquale Barbaro kennengelernt?
Robbie: Mein Chef wollte mich und meine Kollegen belohnen, weil wir unsere Ziele mit Bravour erreicht hatten. Natürlich fiel unsere Wahl sofort auf den Rotlichtbezirk, um unser Bonusgeld bei Stripperinnen zu verprassen.

Der Abend war schon gut am laufen, als ich vier stark tätowierte Schränke an der Bar sitzen sah. Ich versuchte, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden und einfach meine Drinks zu bestellen. Der Barkeeper zeigte aber rüber zu Pasquale und sagte: "Die Runde geht auf ihn." Er muss gesehen haben, wie viel Geld wir schon ausgegeben hatten und wollte sich wohl revanchieren. Ihm gehörte der Laden anscheinend. Ich bedankte mich und bevor ich mich versah, folgte ich ihm schon in ein privates Hinterzimmer, um Lines von Stripperinnen zu ziehen.

Anfangs hatte ich schon etwas Schiss, aber dann kam mein niederländischer Übermut durch. Das Ganze eskalierte sehr schnell: Von einer Sekunde auf die andere verwandelte ich mich von einem lallenden Suffkopf in einen paranoiden Druffie.

Wie war dein erster Eindruck von Pasquale?
Sein Ego überstrahlte alles. Er machte direkt klar, dass er die Fäden zog. Jedes Mal, wenn wir uns unterhielten, starrte er mir direkt in die Augen. Wenn er dir vertraute, machte er keinen Hehl aus seinen Geschäften. Mir kam nie der Gedanken, dass er ein Informant sein könnte. Aber das ist wohl auch nichts, was irgendjemand verraten würde. Er betonte immer aggressiv, wie sehr er jegliche Autorität hasse.

Er war stets gut gekleidet, trug einen Haufen Schmuck und war von seinem Gangster-Dasein geradezu besessen. Der Bildschirmhintergrund seines iPhones war ein Bild der Mafialegende John Gotti. Er erzählte mir, dass er die gleiche Uhr wie Rick Ross trage – seine sei allerdings mit VVS-Diamanten besetzt. Ich weiß immer noch nicht, was VVS bedeutet, aber es klang sehr cool.

"Sie waren alle extrem breit gebaut, tätowiert und sahen aus wie Actionfiguren."

Wie waren seine Freunde drauf?
Einer von ihnen hat mich ständig Weißbrot genannt und gefragt, warum ich so paranoid sei. Sie lachten ständig über mich und wollten wissen, ob ich nicht doch ein Bulle sei. Sie waren alle extrem breit gebaut, tätowiert und sahen aus wie Actionfiguren. Es schien alles eine Art komischer Test zu sein, um zu sehen, ob sie mich einschüchtern können oder so.

Es dauerte aber nicht lange, bis sie mir gegenüber doch freundlich wurden. Das lag wahrscheinlich daran, dass sie so eine Wall-Street-Vorstellung von meinem Job hatten. Sie dachten bestimmt, dass ich ihre Kohle über Nacht durch irgendwelche Aktientricks in ein Vermögen verwandeln könnte. Es war ihnen auch wichtig zu betonen, dass sie "dieses Schulding nicht gemacht haben" – als würde es den Status in der Gangster-Hierarchie verbessern, je früher man die Schule abgebrochen und je mehr Geld man gemacht hat.

Komischerweise waren sich alle irgendwie fremd. Jeder zeigte seine Liebe und Loyalität auf diese aufgepeitschte, MDMA-mäßige Art und Weise. Pasquale stand definitiv im Mittelpunkt. Seine Kollegen interessierten sich aber auch sehr für das Koks und ihren teuren Schmuck. Er konnte nicht sagen, was sie noch so vorhatten – oder zumindest wollte er das nicht zugeben.

Pasquale sagte immer wieder, dass jeder im Raum alles tun und haben könne, so lange ihm niemand in den Rücken falle. Es musste sich um nichts gekümmert werden und es gab keine Regeln. Wir konnten wirklich tun und lassen, was wir wollten, ohne dass es jemanden interessierte. In einem Raum voller Krimineller ist wohl alles, was ich normalerweise als krass oder haarsträubend ansehen würde, total normal.

Das erinnert mich an Wolf of Wall Street.
Ja, so ähnlich – bloß noch zehnmal extremer. Jeder trug total teure Versace-Seidenhemden, Diamantketten und Goldzähne. Die Party war mehr wie ein Rap-Video als Wolf of Wall Street. Ich habe mich immer gefragt, ob Kriminelle nicht glamouröser gemacht werden, als sie eigentlich sind – ob sie wirklich so Party machen. Aber das tun sie tatsächlich. Und wenn man wie ich aktiv dabei ist, nimmt das Ganze noch mal viel intensivere Züge an.

Ich fragte Pasquale, warum er überhaupt so Gas gebe. Er zuckte nur mit den Schultern und ignorierte meine Frage. Eine Stunde später war ich von drei hübschen Frauen umringt. Er schaute mich an, lachte, deutete auf die Frauen und sagte: "Deswegen!" Wir waren alle viel zu drauf, um nach Hause zu gehen, und zogen deshalb weiter zu Pasquale.

"Außerdem stand eine riesige Schüssel voller Pillen herum, an der sich jeder bediente, als wären es Skittles."

Wie muss man sich Pasquales Zuhause vorstellen?
Riesengroß. Und Versace-Sachen soweit das Auge reichte. Er hatte außerdem Poster der bekanntesten Hollywood-Mafia-Charaktere an den Wänden hängen und zeigte mir ständig seine Instagram-Seite. Er verglich unsere Party mit Dan Blizerians Posts und schickte private Nachrichten an Ariana Grande – er wollte sie bei ihrem nächsten Aufenthalt in Melbourne ausführen. Zusammen mit ein paar Mädels aus dem Club jagten wir uns weiter massive Mengen Koks in die Nasen. Außerdem stand eine riesige Schüssel voller Pillen herum, an der sich jeder bediente, als wären es Skittles.

Hattest du Angst?
Nicht wirklich, dafür war ich viel zu drauf. Ich war mir der Situation nicht wirklich bewusst. Und jedes Mal, wenn ich fast wieder nüchtern war, lagen schon wieder drei neue Lines bereit – alle so lang wie meine Hand. Ich machte einfach mit. Als dann die Sonne aufging, wurde es plötzlich komisch. In kurzen Momenten der Klarheit schaute ich mir die anwesenden Frauen an und realisierte, was sie mit ihren Körpern und Gesichtern angestellt hatten. Sie sahen aus wie aufgeblasene Plastikpuppen. Und die Gangster nutzten sie nur völlig emotionslos aus. Sie sprachen nicht mal wirklich miteinander. Trotzdem hingen die Frauen gerne mit diesen Typen ab und kämpften um deren Aufmerksamkeit. Pasquale blockte allerdings alles ab. Er schritt lediglich wie der Meister einer Zeremonie durch die Räume. Er war der König der Party und wusste das auch.

"Die einzige Sache, die er scheinbar nicht hatte, konnte er sich mit keinem Geld der Welt kaufen: einen Menschen, der sich wirklich um ihn sorgt und mit dem er reden kann."

Als ich ihm schließlich sagte, dass ich ans Gehen dachte, wollte er wissen, warum. Ihm ging nicht in den Kopf, wie irgendjemand keine Lust mehr auf sein verschwenderisches Partyfiasko haben konnte. Keine Ahnung, aber inmitten der ganzen Scheiße machte er einen richtig einsamen Eindruck. Als er – umgeben von seinen muskulösen Kumpels – zum Beispiel einen Lapdance bekam, war er geistig abwesend. Ihm war das egal, er war nicht zufrieden. Vielleicht wusste er, dass das Ganze nicht echt war. Die einzige Sache, die er scheinbar nicht hatte, konnte er sich mit keinem Geld der Welt kaufen: einen Menschen, der sich wirklich um ihn sorgt und mit dem er reden kann. Er verstand nicht, warum er das nicht kaufen konnte.

Hast du Pasquale nach der Party noch mal gesehen?
Ich sah in erst wieder in den Nachrichten, als ein richtig brutales Bild gezeigt wurde, auf dem er blutend und mit dem Gesicht nach unten auf dem Gehsteig lag. Ich weiß noch, wie schockiert meine Freundin darüber war, dass sie so etwas im Fernsehen ausstrahlten. Und ich habe mit dem Typen und seinen Freunden gefeiert. Da wurde mir schlagartig bewusst, dass das alles echt ist und Leute wirklich sterben. Das ist der Preis dieses anfangs vielleicht noch cool und erstrebenswert wirkenden "Live fast, die young"-Lebensstils. Dann triffst du aber auf jemanden, der dich fertig machen will, und die Folgen sind offensichtlich fatal.

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