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Was ich über die AfD gelernt habe, als ich auf Facebook allen folgte, denen Alice Weidel folgt

Neben der Seite "Gottkaiserin Alice Weidel" und der 'Gala' folgt Weidel auch einem Typen, der sich selbst "Nazi" nennt.

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06 Februar 2018, 2:49pm

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"Bevor du über jemanden urteilst", besagt ein altes Sprichwort, "musst du einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen sein." Im Prinzip ist das immer noch wahr – nur dass Mokassins heute nur noch von Bankern im Urlaub getragen werden und generell niemand mehr viel auf seinen Füßen herumläuft. Dafür verbringen wir viel mehr Zeit im Internet. Um in Zeiten von Filterblasen und personalisierten Algorithmen jemanden wirklich zu verstehen, muss man also Zeit in seiner Timeline verbringen.

Versuche, in die rechte Filterblase einzutauchen, gab es schon einige. Dieses Experiment soll allerdings die Facebook-Erfahrung einer bestimmten Rechten so genau wie möglich replizieren: Alice Weidel.

Weidel bietet sich dafür besonders gut an, weil eigentlich niemand diese Frau versteht. Auf der einen Seite präsentiert sie sich oft als das freundliche Gesicht der AfD: selbstironisch, zugänglich und nicht so streng wie zum Beispiel Alexander Gauland. Auf der anderen hat sie aber selbst strammrechte Ansichten: Schon 2013 schrieb sie laut Berichten der Welt in einer Mail, deutsche Politiker seien nur "Marionetten der Siegermächte" und "Schweine", die die Aufgabe hätten, das deutsche Volk "klein zu halten" und durch "Überfremdung" Bürgerkriege anzuzetteln. Heute ist sie selbst eine deutsche Politikerin und glaubt, dass der Kinderkanal unschuldige deutsche Mädchen zu Haremsdamen umerzieht. Höchste Zeit, einmal tiefer in Weidels Gedankenwelt einzutauchen.

Weidels Blase ist tiefblau

Screenshot: Facebook

Um Weidels Timeline, so gut es geht, zu klonen, muss man alles liken, was Weidel auch likt. Und das ist eine Menge: Insgesamt 139 Facebook-Seiten likt sie mit ihrem privaten Profil. Das meiste davon sind offenbar Gefälligkeits-Likes für andere AfD-Seiten: Abgeordnete, Parteikollegen, aber vor allem ein Haufen Landes-, Kreis- und Ortsverbände. Auffällig: Für Björn Höcke hat Weidel keinen Like übrig.

Natürlich dürfen die klassischen rechten Portale wie die Junge Freiheit, Tichys Einblick oder die Achse des Guten nicht fehlen (die einzige internationale Nachrichtenseite auf der Liste ist dann auch Breitbart). Allerdings lebt die AfD-Spitzenfrau nicht vollständig in ihrer Blase. Eine ganze Reihe Likes gehen an Feindsender, Seiten wie ZDF-heute, den SWR oder das Morgenmagazin. Sogar die Seite der ZDF-Moderatorin Dunya Hayali hat eines abbekommen.

Bemerkenswert: Weidel gefällt eine Seite namens "Hannah Arendt - Leben und Werk". Wenn sie die Seite der berühmtesten Totalitarismus-Forscherin des 20. Jahrhunderts mag, ist vielleicht noch nicht alles verloren. Es sei denn, sie sieht "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" nicht als Warnung, sondern als Gebrauchsanweisung.

Interessante Likes: "Gala", "Dieter Hallervorden", "Idiopathic Toe Walking", "Gottkaiserin Alice Weidel"

Wirklich unheimliche Likes: "Frank Kraemer". Bundesweit bekannter Neonazi und Rechtsrock-Urgestein. Wir werden ihm noch begegnen.

Eine normale Stunde im Weidelbook

Wie diese Like-Liste dann in der Praxis aussieht, davon bekommt man vielleicht den besten Eindruck, wenn man sich einfach wahllos eine Stunde aus der Timeline pickt. Am Freitag den 2. Februar zum Beispiel sah das so aus:

  1. Der AfD-Bundesverband teilt ein Video, in dem die israelische Geheimdienstlegende Rafi Eitan Grüße an die AfD ausrichtet. Früher jagte Eitan Nazis wie Adolf Eichmann, heute scheint er sich mehr Sorgen darüber zu machen, "die muslimische Masseneinwanderung nach Europa zu stoppen". Dass die AfD selbst ein massives Antisemitismus-Problem hat, haben sie Eitan wahrscheinlich nicht verraten.
  2. Der "AfD - Kreisverband Reutlingen" teilt ein Video von der Rede eines AfDlers im Landtag von Baden-Württemberg.
  3. Dr. (!) Rainer Podeswa, Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg, postet einen Welt-Artikel über die Gewalt unter Flüchtlingen in Calais mit dem Kommentar "Wir wollen solche Zustände nicht in Deutschland. Wir wollen keine zusätzliche Migranten-Gewalt und -Schießereien."
  4. Der AfD-Abgeordnete Uwe Witt berichtet stolz, er habe "die Altparteien" mit seiner Rede im Bundestag "an den Pranger gestellt".
  5. Die AfD Oranienburg teilt ein von PEGIDA eingestelltes Live-Video von der Demonstration gegen Gewalt durch Flüchtlinge in Cottbus.
  6. Der Abgeordnete Enrico Komning postet einen extra produzierten Video-Kommentar "zur heutigen Debatte im Bundestag". (Er beklagt sich unter anderem, dass Regionen wie seine Heimat, das östliche Mecklenburg-Vorpommern, "von der selbstgerechten Entourage um Merkel und Schulz schlicht ignoriert" werden.)

Das ist eine typische Mischung, die ganz gut abbildet, was die AfD aktuell beschäftigt: ihr eigenes Bild in der Öffentlichkeit, die wahnsinnig tolle Arbeit, die ihre Vertreter in den Parlamenten machen (meistens "entlarven" sie irgendwas und schauen den "korrupten Altparteien" auf die Finger), und die Gefahr, die von muslimischen Einwanderern ausgeht.


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Die stetige Selbstversicherung des eigenen Erfolgs führt noch zu etwas anderem: AfDler sind verrückt nach Titeln. In der Hinsicht muss Weidel als relativ entspannt gelten, einfach nur, weil sie sich trotz Doktorarbeit über das chinesische Rentensystems schlicht "Alice Weidel" nennt. Viele ihrer Parteikollegen sind dagegen sehr erpicht darauf, dass auch jeder Facebook-Streuner mitbekommt, dass sie mal richtig lange auf ihrem Arsch gesessen und eine Doktorarbeit rausgepresst haben. Jörg Meuthen präsentiert sich auf seiner Facebook-Seite als "Prof. Dr. Jörg Meuthen".

Rechtsextremes ist auch dabei

All das ist oft ein bisschen schrill und manchmal auch unangenehm, zum Beispiel wenn der Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio in einer Rede den "zur Regel entarteten Doppelpass" beklagt (und der Grüne Anton Hofreiter daraufhin einen Wutanfall bekommt, weil er das für Nazi-Sprech hält). Offen rechtsextrem ist es aber noch nicht.

Screenshot: Facebook

Dafür ist dann eben Frank Krämer da. Warum und wann Weidel die Seite des Neonazis und Mitgründers der Rechtsrock-Band "Stahlgewitter" gelikt hat, wissen wir nicht, die AfD-Fraktion hat eine Anfrage dazu noch nicht beantwortet. Er spült jetzt jedenfalls regelmäßig Content in ihre Timeline. Zum Beispiel ein Video-Interview, in dem er seinem Interviewer seelenruhig erklärt, warum es ihm nichts ausmacht, als "Neonazi" bezeichnet zu werden – er findet nur das "neo" ein bisschen unsinnig: "Neu ist an der Anschauung gar nichts. Die gibt es, solange es Menschen gibt, das ist natürliches Stammesdenken und später dann Volksdenken." Der Interviewer nickt verständnisvoll.

Und dann gibt es noch den Bundestagsabgeordneten Enrico Komning, der auch mal ein Spruchbild postet, auf dem "Regierung plant den Volkstod!" steht. Die Erklärung für diese steile These: Angela Merkel hat 2011 mal ein Buch gelobt, das der Rat für Nachhaltige Entwicklung herausgegeben hatte. Dafür hatte der Rat 82 junge Menschen befragt, wie sie sich die Zukunft im Jahr 2050 vorstellen. Und weil ein paar der Kids fabulierten, dass Wörter wie "Migrationshintergrund" oder "Normalbürger" 2050 nicht mehr relevant sein würden, war für Rechte damals klar, dass das die Blaupause für den finsteren Plan der linksgrünen Gutmenschen sein musste. Heute erinnert sich kaum jemand an dieses Buch. Aber für ein schönes "Volkstod!"-Spruchbild graben AfD-Abgeordnete gerne auch mal eine tote Ente von 2011 aus.

Die AfD lebt wirklich von ihrer Opferrolle

Ein großer Teil der AfD-Posts dreht sich um Unrecht, das der AfD angetan wurde. Es wirkt fast so, als warteten sie permanent darauf, dass irgendwo irgendjemand etwas gegen sie sagt, damit sie sofort aufspringen, mit dem Finger auf ihn zeigen und "Undemokratisch! Undemokratisch! Undemokratisch!" schreien können. Drei typische Beispiele:

  1. Der Berlin-Abgeordnete Dr. (!) Hugh Bronson hat sich offenbar um eine Mitgliedschaft in dem Verein "Europa-Union e.V." beworben. Der Verein hat ihn abgelehnt, woraufhin Bronson in eine seiner Sitzungen geplatzt ist, um den Vorstand damit zu konfrontieren, wie empörend er das findet. Eine Tonaufnahme dieser Konfrontation hat er auf Facebook gepostet. Das Ganze wirkt wie ein einziger PR-Stunt, denn der Verein setzt sich für einen europäischen Bundesstaat ein – also für etwas, wogegen die AfD kämpft. Übrigens: Könnte sein, dass Bronson für den Stunt noch Ärger bekommt, die Europa-Union bezeichnet die Aufnahme nämlich als "illegal".
  2. MdB Dr. (!) Dirk Spaniel reagiert mit einem offenen Brief auf Kida Khodr Ramadan. Der Schauspieler hatte sich in verschiedenen Interviews und in den sozialen Medien recht kritisch über AfD geäußert ("FICKT EUCH HURENSOHN PARTEI !!!!! #fickdieAFD"). Dr. Dirk Spaniel ist nicht begeistert ("Darf ich Sie zuerst einmal freundlich darauf hinweisen, dass es in Deutschland keine Hurensohn-Parteien gibt"). Er verlangt von den deutschen Fernsehsendern "Konsequenzen für die inakzeptable Entgleisung" Ramadans.
  3. Der AfD-Kreisverband Reutlingen beschwert sich über Eintracht-Chef Peter Fischer, weil der keine AfD-Mitglieder in der Eintracht haben will. "Die gezielte Diskriminierung von Wählern einer demokratischen Partei ist zutiefst undemokratisch", schreibt der Kreisverband.

Sehr viel von dem "Content", den die AfD produziert, besteht also aus Reaktionen auf Anfeindungen durch andere. Noch interessanter ist aber, wie die AfD vorgeht, wenn sie gerade niemand anfeindet: Sie produziert die Gelegenheiten einfach selbst.

Das Prinzip, nach dem Bronson dem Verein Europa-Union einen Streich gespielt hat, nutzt auch Björn Höcke in seinen Reden. So sagte Höcke Ende Januar, das Ziel der AfD sei, dass "am Bosporus" Schluss ist mit dem Islam. Die Medien reagieren entsetzt und titelten, Höcke wolle jetzt den Islam schon in der Türkei verbieten. Darauf konnten dann AfDler wie Dr. (!) Marc Jongen sofort aufspringen, um "FAKE NEWS!" zu schreien – Höcke habe ja nur gemeint, "der Islam darf sich nicht über den Bosporus hinaus ausbreiten, er soll dort Halt machen". Damit hat er bei seinen Fans wieder einen Punkt gegen die "Lügenpresse" gemacht. Was die AfD mit den knapp 4,5 Millionen muslimischen Menschen, die in Deutschland leben, machen will, hat Höcke übrigens in seiner Rede nicht erklärt.

Fazit

Am auffälligsten an Alice Weidels Timeline ist die permanente Beschäftigung ihrer Partei mit sich selbst. Das ist in gewisser Weise verständlich: Die AfD wird kritisiert wie keine andere Partei – und hat es trotzdem als drittstärkste Kraft in den Bundestag geschafft. Dass sich die neuen Abgeordneten jetzt ein paar Wochen lang begeistert auf die Schultern klopfen wie Kinder, die in den Süßigkeiten-Laden eingebrochen sind, ist nachvollziehbar.

Was man innerhalb der Filterblase noch lernt: Die AfD lebt auch vom Gemecker über die AfD. Was also tun: Sie ignorieren oder für all ihre politische Inkompetenz und Menschenverachtung kritisieren? Es ist die Frage, die sich das politische Deutschland schon seit den ersten Tagen dieser Partei gewordenen Troll-Strategie stellt.

Was dieser Ausflug in die AfD-Filterblase gezeigt hat: Die AfD liebt es immer noch, wenn man sich über sie aufregt. Erstaunlich ist es, dass die AfDler auf Alice Weidels Timeline eines auch nach über vier Monaten im Bundestag relativ wenig umtreibt: eigene politische Inhalte.

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