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Dieser Typ verdient im Monat mehrere hundert Euro mit 'Fortnite'-Nachhilfe

Daniel Keller ist Deutschlands zweitbester 'Fortnite'-Spieler. Hier erzählt er, wie er andere für den Shooter-Olymp fit macht und was er über Cheater denkt.

von Dominik Schott
23 November 2018, 12:55pm

Bild: Gamerlegion | Epic Games, Collage: Motherboard

Seit über einem Jahr ist das Multiplayer-Shooter Fortnite das meistgespielte Videospiel der Welt: Mehr als 125 Millionen Menschen kämpfen täglich um den Sieg, Promis wie Drake und Mesut Özil streamen live ihre Matches vor hunderttausenden Zuschauern und auch die Porno-Industrie will von der Fortnite-Begeisterung profitieren.

Mittlerweile hat der anhaltende Hype sogar ganz neue Berufsfelder erschlossen: Fortnite-Coaches greifen als Nachhilfelehrer schlechten Spielern unter die Arme, geben ihnen im Einzelunterricht Tipps, trainieren Strategien und machen Fehleranalysen — und dafür lassen sich die Profi-Spieler von ihren Schülern gut bezahlen.

Daniel Keller ist gemessen an seinen Gesamtsiegen Deutschlands zweitbester Fortnite-Spieler und einer der ersten Fortnite-Coaches des Landes. Während er offline als Produktgestalter in einem großen Unternehmen nahe Stuttgart arbeitet, hat sich der 29-Jährige unter dem Nickname "Likandoo" längst international mit dutzenden Turniersiegen als viel beachteter Fortnite-Profi etabliert. Wir haben ihn gefragt, wie viel Geld ein Fortnite-Coach eigentlich verdient, wie viele Menschen um Nachhilfe bitten und wie er über Fortnite-Cheater denkt.

Motherboard: Wie wird man eigentlich Fortnite-Coach?
Daniel Keller: Ich bin da eher zufällig reingerutscht, aber natürlich kann das nicht jedem passieren, sondern man muss schon wirklich sehr, sehr, sehr gut sein — und ein gewisses Talent fürs Unterrichten haben.
Eines Tages kontaktierte mich die Berliner Firma GamerLegion, die für ganz unterschiedliche Spiele Coaches engagiert und managed. Die haben mich dann zuerst auf die Spielemesse EGX in Berlin eingeladen, wo ich das Team kennenlernen durfte und direkt vor Ort ein paar Spielern etwas Unterricht geben durfte. Das hat super geklappt und dann fragten die mich, ob ich nicht Interesse hätte, bei ihnen mit einzusteigen. Und so bin ich Fortnite-Coach geworden.

Wie können sich denn Fortnite-Hilfsbedürftige bei dir für ein Coaching anmelden?
Über mein öffentliches Coaching-Profil können Interessierte einen Termin buchen, indem sie auswählen, wie viele Stunden sie nehmen wollen und im Kalender angeben, wann sie dafür Zeit hätten. Dann bekomme ich eine Email-Benachrichtigung und muss dann nur noch diese Anfrage bestätigen, so einfach ist das.

Wie läuft so ein Training bei dir ab?
Zuerst schicken mir die Schüler Replays, also Aufzeichnungen ihrer Matches, wo sie besondere Probleme hatten oder glauben, viele Fehler gemacht zu haben. So mache ich mir ein Bild von ihren Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Diese Analyse livestreame ich in einer privaten Sitzung, so dass mein Schüler direkt sehen kann, worauf ich achte und welche Dinge mir auffallen.
Wie es dann weitergeht, hängt ganz von den Fähigkeiten, aber auch Wünschen des jeweiligen Spielers ab. Entweder treffen wir uns im sogenannten Spielplatz-Modus von Fortnite, wo es keine Gegner gibt, um grundlegende Dinge wie das Bauen von Türmen zu üben. Oder wir spielen im Koop-Modus gemeinsam online und ich gebe in Echtzeit Tipps. Es ist aber auch möglich, dass nur ich für meinen Schüler im privaten Livestream ein paar Matches spiele und für ihn meine Vorgehensweise kommentiere. Im Grunde ist alles denkbar.

Hattest du auch schon hoffnungslos schlechte Fälle, denen du einfach nicht helfen konntest?
Ganz grundsätzlich gilt: Solange der Wille zum Lernen da ist, ist es auch kein hoffnungsloser Fall.Von den bisher rund 30 Schülern war bisher noch keiner dabei, der total schlecht war. Bisher hatten alle Leute, die zu mir gekommen sind, schon eine gewisse Vorerfahrung und auch schon kleinere Erfolge im Spiel.

Wieso nehmen Schüler eigentlich bei dir Nachhilfe, wenn sie doch gar nicht so schlecht sind?
Den Unterricht wollen meine Schüler in den meisten Fällen, um den nächsten, großen Schritt zu schaffen: Gut genug werden, um sich für eines der zahlreichen Fortnite-Turniere zu qualifizieren und eine Chance auf die meist deutlich drei- bis fünfstelligen Preisgelder zu haben.

Nach wie vielen Stunden hat ein normaler Mensch alles gelernt, was du über Fortnite weißt?
Das kann ich aus mehreren Gründen nicht sagen. Mein Coaching ist eher als Anstoß zu verstehen, der große Rest wird vom Schüler geleistet. Das ist vergleichbar mit Fußball: Der Trainer bringt dem Nachwuchs Strategien und Manöver bei, aber all das muss vom Spieler regelmäßig selber geübt werden. Wer bei mir zehn Unterrichtsstunden bucht, wird definitiv anschließend ein besserer Spieler sein, aber in jedem Spiel passieren so viele Dinge: Bis zu hundert Leute kämpfen um den Sieg, ständig musst du Entscheidungen treffen, welche Waffen du aufsammelst, wohin du als nächstes gehst, all sowas — das kann gar nicht alles in einem Coaching abgebildet werden. Da hilft dann nur "Muscle Memory", also durch ständiges Training verinnerlichte Taktiken und Manöver, und die eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen — und dafür gibt es das Coaching.

Wie viele Stunden sollte der Durchschnittsspieler bei dir nehmen, um das beste Preis-Leistungsverhältnis zu haben?
Optimal sind wohl so zwei, drei Stunden, um bestimmte Kniffe oder auch Grundlagen zu lernen und das dann anschließend selbst in normalen Matches anzuwenden. Wenn man dann irgendwann merkt, dass man nicht mehr weiterkommt oder sich von alleine verbessert, kann man wieder zwei, drei Stunden buchen, Fehler analysieren, schauen, wo man gerade steht und ganz gezielt Schwächen trainieren.

"Meine Schüler müssen niemanden um mein Honorar anpumpen."

Warum sollten Leute Geld für deinen Unterricht ausgeben, wenn sie online hunderttausende Gratis-Guides auf YouTube finden können?
Guides, frei verfügbare Livestreams, überhaupt jedes bisschen Information, das du aufnehmen kannst, wird dir auf jeden Fall weiterhelfen. Ich schaue mir diese Videos ja selbst an, um neue Techniken oder Strategien zu entdecken. Auch meine Schüler kennen häufig diese Guides und allgemeinen Tricks, scheitern aber dann an der Ausführung oder machen Fehler, die sie selber nicht erkennen. Für diese Fehleranalysen ist ein Coaching dann sehr sinnvoll.

Das Geld, das du mit Fortnite-Nachhilfe verdienst, kommt wahrscheinlich vor allem von Eltern. Wissen die, wofür sie Geld ausgeben?
Tatsächlich war ich mir am Anfang meiner Coaching-Karriere nicht sicher, ob meine Zielgruppe überhaupt den Unterricht bezahlen kann. Gefühlt ist der durchschnittliche Fortnite-Spieler 12 Jahre alt. Wahrscheinlich liegt der tatsächliche Schnitt höher, aber die Community erscheint mir eher jung als alt zu sein. Und die haben natürlich kein eigenes Einkommen, um mich bezahlen zu können. Das Problem hat sich bei mir allerdings nie ergeben, meine Schüler sind zwischen 16 und 40 Jahre alt und müssen niemanden für mein Honorar anpumpen.

Jetzt mal alle Karten auf den Tisch: Wie viel verdienst du mit Fortnite -Coaching?
Das kommt ganz darauf an, wie viel Zeit ich mir im Monat für das Coaching nehme. In guten Monaten bewege ich mich da so im niedrigen dreistelligen Bereich, also um die hundert Euro pro Woche. Davon kann man nicht leben, aber wenn ich deutlich mehr als 25 Euro die Stunde verlangen würde, dann würde das auch keiner mehr bezahlen wollen.
Das ist auch der Grund, warum ich mich nicht nur auf das Coaching alleine konzentriere. Stattdessen livestreame ich regelmäßig Fortnite und habe auch einen YouTube-Kanal, auf dem ich zum Beispiel Gratis-Fehleranalysen zufälliger Matches anbiete. Wenn ich da alle Einnahmen zusammen nehme, komme ich schon auf mehrere tausend Euro im Monat — wenn es gut läuft.

Wie ist deine ehrliche Meinung zu Fortnite -Cheatern?
Cheats sind ein Tabu, ganz einfach. Nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil sie auch den Fortbestand eines Spiels gefährden. Cheater können dafür sorgen, dass ein Online-Titel unspielbar wird, besonders in Fortnite kann ein einzelner Betrüger eine komplette Partie dominieren. Das ist einfach unfair und verdirbt allen anderen den Spaß.

Stell dir vor, du bist 13 und möchtest Fortnite -Nachhilfe nehmen. Wie überzeugst du deine Eltern, die das für totalen Quatsch halten?
Erst einmal finde ich das Vorhaben wirklich gut, Livestreaming ist ein Riesending, ein richtiger Beruf, der sich in Zukunft noch mehr etablieren wird, als es jetzt ohnehin schon der Fall ist. Aber Schule ist natürlich auch wichtig und deswegen würde ich immer zuerst darauf achten, wirklich alle Hausaufgaben zu erledigen, mich gut auf den Unterricht vorzubereiten und die übliche Freizeit dann in Livestreaming zu stecken. Und die skeptischen Eltern lassen sich dann, hoffentlich, mit den guten Noten überzeugen.