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Typologie: Alle Social-Media-Nutzer, die sich nach Attentaten zu Wort melden

Die Reaktionen auf Jens R.s grausame Tat zeigen eine neue Dimension des Wahnsinns.

VICE Staff

VICE Staff

Symbolbild: rawpixel.com | Pexels | CC0 || Trauerbekundungen in Münster: imago | epd || Montage: VICE

Als die erste Push-Mitteilung um 16:33 Uhr auf den Smartphones erscheint, badet Deutschland kollektiv in der Aprilsonne. Am bis dahin wärmsten Tag des Jahres, als Millionen Menschen bei Temperaturen jenseits der 20 Grad Eis schlecken und den Grill einweihen oder spazieren gehen, fährt in Münster ein Kleintransporter in eine Menschenmenge.

Noch bevor die Faktenlage gesichert ist, stapeln sich die Reaktionen in den Twitter- und Facebook-Timelines. Trauer mischt sich mit Wut, Anteilnahme mit Schuldzuweisungen, Verschwörungstheorien mit Gerüchten. Die Diskussion eskaliert, wie so oft bei Anschlägen. Schuld hat daran nicht nur die AfD, wie die Analyse der unterschiedlichen Reaktionen zeigt.

Die konventionell Trauernden

Was ist die logischste, die besonnenste Reaktion, wenn Menschen Opfer eines Attentats wurden? Anteil nehmen und trauern. Viele Nutzer sprechen Betroffenen ihr Mitgefühl aus und verweisen darauf, dass sie selbst mit den Gedanken bei den Opfern und deren Angehörigen seien, zu ihnen gehören die meisten Politiker. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion, aber gerade weil sie so standardisiert ist, klingt sie eben auch nicht nach Mitgefühl, sondern nach einem Pressesprecher, der das Naheliegendste in seine Tastatur tippt.

Die Dankbaren und die Mutmacher

Nachdem der erste Schock verdaut ist und Trauer bekundet wurde, gehen viele User dazu über, ihren Dank zu äußern. Sie schreiben an die Polizisten, die den Tatort gesichert, Fakten nach außen kommuniziert und die Ermittlungsarbeit aufgenommen haben.

In den nächsten Stunden wird das Spektrum der Dankbarkeit erweitert: Die Nutzer danken Seelsorgern, Rettungskräften, Blutspendern und der mithelfenden Zivilgesellschaft. Schließlich kommen die, die die "bunte Gesellschaft" beschwören. Auch weil sie sehen, was rechte Hetzer parallel dazu schreiben.

Die rechten Hetzer

Fährt irgendwo ein Fahrzeug in eine Menschenmenge, dauert es nicht lange, bis Rechte und Rechtsextreme ihr Smartphone in die Hand nehmen. Sie glauben zu wissen, wer (DIE Moslems!) beziehungsweise was (DER Islam!) hinter der Tat steht. Aus vergangenen Anschlägen wie denen von Nizza oder Berlin leiten sie, ohne die Ermittlungen abzuwarten, einen Schuldigen für jede neue Tat ab. Die Hetzer sind zugleich Panikmacher: Sie überhöhen die Tat, indem sie sofort eine radikale Ideologie dahinter vermuten. Außerdem stigmatisieren sie eine Glaubensgruppe, weil sie diese kollektiv für die Tat eines Einzelnen verantwortlich machen.

Die politischen Ausschlachter

Die politischen Ausschlachter sind mit rechten Hetzern geistesverwandt, versuchen aber, nicht nur Muslime für die Tat verantwortlich zu machen, sondern auch politisches Kapital aus der Tat zu schlagen. Sie machen nicht nur den Täter selbst für die Tat verantwortlich, sondern auch diejenigen, die es dazu haben kommen lassen. Die stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch witterte nur kurz nach Bekanntwerden der Tat einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und schrieb:


Aus dem VICE-Netzwerk: Waffen aus dem Onlineshop


Jene, die zwischen Einordnung und Whataboutism schweben

Wie einige Nutzer schnell anmerken, reagieren Rechte sehr selektiv auf Gewalttaten. Einen Tag vor dem Attentat von Münster raste ein Mann in Cottbus ebenfalls in eine Gruppe und verletzte zwei Menschen. Über den polizeibekannten 25-Jährigen, der sich in der Vergangenheit rechtsextrem geäußert hatte, verlor die rechte Filterbubble keinen Tweet.

Die deeskalierende Polizei

Bei so vielen verfrühten Schlussfolgerungen muss die Polizei eingreifen und die Nutzer auffordern, nicht weiter Fotos und Spekulationen zu verbreiten. Im schlimmsten Fall behindern die sogar die Ermittlungsarbeit. Sie muss die tobende Meute gleichzeitig beruhigen und informieren. Zumindest sollte sie das. Während G20 verbreitete selbst die Polizei Tweets, die ein fragwürdiges Bild der Ausschreitungen erzeugten.

Zweieinhalb Stunden und gefühlte 641.312 Tweets nach der ersten Eilmeldung schreibt die Süddeutsche Zeitung, dass Jens R., ein 48-jähriger Deutscher, der Täter sein soll. Die Diskussion in Sozialen Medien erreicht damit eine neue Eskalationsstufe.

Die Zurechtstutzer, die übers Ziel hinausschießen

Grünen-Politiker Cem Özdemir und andere nutzen die neue Information, um mit AfD-Politikern abzurechnen, die mit ihren Schnellschüsse falsch lagen. Özdemir und andere gehen allerdings noch einen Schritt weiter: Sie mutmaßen, die Rechten seien "enttäuscht" darüber, dass ein Deutscher das Attentat verübt hat. Belege dafür nennen sie nicht.

Die Sich-alles-Zurechtbieger von rechts

Doch Rechte haben längst ihre eigene Antwort gefunden. Beatrix von Storch oder der Journalist Roland Tichy stilisieren den Attentäter Jens R. jetzt einfach zum "Nachahmer islamischen Terrors". Problem gelöst.

Die immergleichen Verschwörungstheoretiker

HALT. STOP. Von wegen Nachahmer! Wir werden belogen. Von den Medien, der Polizei – und den staatlichen Stellen sowieso. Der Täter ist in Wirklichkeit Kurde, will ein Verschwörungstheoretiker wissen. Seine Quelle: ein rumänischer Fernsehsender (der allerdings auf Trolle reinfiel). Ganz sicher sei er kein "Biodeutscher", stellt ein anderer fest. Na ja, oder vielleicht doch, allerdings zum Islam konvertiert, schreibt ein ehemaliger AfD-Bundesvorstand. Und überhaupt:

Die Zuerst-an-die-AfD-Denker

Die AfD und andere Rechte und Rechtsradikale haben verändert, wie alle Teile der Gesellschaft über Anschläge sprechen. Teilweise so sehr, dass – wie bei diesem FDP-Politiker – Anstand und Problemlösung zur Nebensache werden:

Die Medienkritiker

In Münster starben zwei Menschen, drei schweben am Montagmorgen noch in Lebensgefahr, zahlreiche weitere müssen schwere Verletzungen und die Bilder des Attentats verarbeiten. Die Diskussion zwei Tage nach der Tat dreht sich nicht um die Opfer und die Ermittlungen dauern an. Warum zog und zieht es Menschen überhaupt in die Sozialen Medien? Manche meinen, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Trödel-Auktionen von Bares für Rares zeigte, während die BBC bereits berichtete. Fraglich allerdings, ob eine zeitnahe Berichterstattung die ritualisierte Twitter-Eskalation verhindert hätte.

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