"Alle attackieren einander bis aufs Blut" – Billy Howerdel von A Perfect Circle im Interview
A Perfect Circle, v. l. n. r.: Matt McJunkins, James Iha, Billy Howerdel, Maynard James Keenan, Jeff Friedl | Foto: Tim Cadiente
Interview

"Alle attackieren einander bis aufs Blut" – Billy Howerdel von A Perfect Circle im Interview

Wir haben mit Billy Howerdel von A Perfect Circle über das erste Album nach 14 Jahren, die Arbeit mit Tool-Ikone Maynard James Keenan und den Einfluss von "schrecklichen Entwicklungen" in den USA auf seine Musik gesprochen.

Vierzehn Jahre sind lange genug, um zu vergessen, dass es eine Band überhaupt gibt. So lange haben A Perfect Circle sich mit ihrem neuen Album Zeit gelassen. Unvergessen geblieben ist die 1999 gegründete Alternative-Rock-Band um Sänger Maynard James Keenan und Gitarrist und Mastermind Billy Howerdel trotzdem. Mit Eat the Elephant liefern APC nun einen mehr als würdigen Nachfolger zu ihrem Antikriegs-Cover-Album von 2004, Emotive.

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Eat the Elephant betört mit der episch-ohrwurmigen Düsternis und verträumten Melancholie, die Fans von der Band erwarten, gleichzeitig gibt es Experimente und neue Einflüsse – darunter sicher auch die politische Lage in den USA. Vom symbolschweren (und eher gewöhnungsbedürftigen) Cover bis zum letzten Song zieht sich dystopische Aufbruchsstimmung durch die Scheibe.

Speziell in den Singles "The Doomed" und "TalkTalk" übt Keenan Kritik am amerikanischen Status Quo. Zumindest ist davon auszugehen, der Sänger hütet die Gedanken hinter seinen Texten so gewissenhaft, wie er für APC seinen Kahlkopf unter Perücken versteckt. Fans von Keenans Hauptband Tool warten auch seit 12 Jahren auf neuen Stoff, inzwischen befürchten einige, der 54-jährige verliere stimmlich an Reichweite und Volumen. Eat the Elephant beweist: Nix da, Maynard James Keenan kann's noch. Und auch seine jugendliche Wut hat er wieder im Zwerchfell. Vielleicht ist Trump ja doch zu was gut.

Keenan hat kaum Zeit für all seine Projekte, geschweige denn Interviews – neben den Bands APC, Tool und Puscifer betreibt er quasi hauptberuflich ein Weingut in Arizona. Billy Howerdel hat sich die Zeit für Noisey genommen und spricht mit uns über kreatives Tauziehen mit Keenan, Terror und die Liebe zur dunklen Seite.

Noisey: Wie ist es für dich, nach 14 Jahren wieder mit A Perfect Circle zu starten?
Billy Howerdel: Es ist schön, das Album fertig zu haben, aber ich bin noch nicht mal an dem Punkt, dass ich es mir zum Spaß angehört habe. Ich frage mich noch: "Ist das jetzt wirklich passiert?" Es ist so ein großer Prozess: Wir arbeiten ewig dran, dann wird gemixt und gemastert, das Artwork kommt dazu, und dann müssen wir auf die Reaktionen warten – eine komische Zwischenphase. Ich fühle mich im Moment, als würde ich eben erst aufwachen, ganz groggy.

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War es schwierig, wieder reinzukommen und gemeinsam an neuen Songs zu arbeiten?
Das erste Drittel ist immer schwierig, man weiß nicht, wohin alles noch führt – und das ist auch gut so. Als die ersten Songs Form angenommen hatten, hatte ich schon ein gutes Gefühl. Dann fing Maynard an, unfassbar gute Texte zu schicken, da ging bei mir die Spannung richtig los. Womöglich ist das unser bestes Album. Solche Einstufungen in "besser" und "schlechter" sind auch komisch – aber es ist das beste Album, das wir jetzt hätten machen können, als die Menschen, die wir heute sind.

Welche neuen Einflüsse hören wir auf Eat the Elephant?
Vor eineinhalb Jahren habe ich zum ersten Mal die Musik für einen Spielfilm komponiert. Dabei habe ich mit Streichern, Pauken, Waldhorn und solchen Sachen gearbeitet. Vieles davon ist gar nicht im Film gelandet, sondern auf diesem Album. "The Doomed" und "The Contrarian" sind zum Beispiel aus solchen Anfängen entstanden. Ich musste im Dienste einer anderen Sache komponieren, statt wie sonst völlig frei zu sein. Inzwischen versuche ich, die Musik so anzugehen wie im Film: Du bist der letzte Erzähler, nach den Autoren, dem Regisseur und den Schnittleuten. Du als Filmkomponist sollst den Leuten jetzt sagen, wie sie sich zu fühlen haben, und das finde ich echt interessant. Sollen alle sich fragen, ob das ein Killer ist, oder sollen Zuschauer der Figur vertrauen? Das Album kam direkt nach dem Film und dieser orchestrale Ansatz hat mir sehr geholfen.

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Und statt Filmfiguren inszenierst du darin Maynard?
Ja. Das klingt jetzt vielleicht ziemlich uncool, aber bei dieser Platte dachte ich: "Was muss ich tun, um das Beste aus ihm herauszuholen?" Auf den Gesang achten die meisten Leute einfach als erstes, deshalb ist das ja auch sinnvoll. Ich definiere meine Aufgabe als Musiker so: Ich muss es hinkriegen, dass du dir das lange anhören kannst. Dass diese Musik zu einem Wegbegleiter in deinem Leben werden kann. Auf etwas Besseres kann ich nicht hoffen.

Du schreibst bei A Perfect Circle alles bis auf die Gesangsparts. Du hast also eine komplette Vision, dann kommt Maynard an und nimmt Einfluss darauf. Entsteht daraus ein visionäres Tauziehen zwischen euch?
Ja, und auf diesem Album sogar noch mehr als sonst. Er war nicht so viel anwesend wie damals, aber war sehr entschlossen, bestimmte Dinge zu probieren. "TalkTalk" ist einer meiner Lieblingssongs, aber der war besonders schwierig – mit Favoriten ist es immer hart. Er mochte den Song, aber er fand darin keinen Part für sich. Letztendlich änderten wir den Takt von 4/4 zu 3/4. Ich wollte fast sagen: "Pass auf, ich geb' dir einfach einen neuen Track." Aber am allerletzten Aufnahmetag bekamen wir es hin. Und zwar ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt hatten. Es ist definitiv ein Tauziehen, es sind Egos im Spiel und es kann eine ziemliche Herausforderung sein. Ich kann jetzt besser darüber sprechen als noch vor zwei Monaten.

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"Man kann kein großartiger Lyriker wie Maynard sein und gleichzeitig in jeder Lebenslage freundlich und ausgeglichen bleiben."

Wie weißt du, bei welchen Dingen du stur bleibst und bei welchen du nachgibst? Je nachdem, wie intensiv Maynard mit dir streitet?
Es gibt Sachen, die bringen einen sofort aus der Fassung. Aber wenn du dann kurz einen Schritt zurück nimmst und überlegst, denkst du: "OK, vielleicht ist da was dran …" Oder es handelt sich nur um einen Machtkampf. Du musst immer neu abwägen. Er ist ein emotionaler Mensch, ich bin ein emotionaler Mensch – darum haben wir ja diesen Beruf. Das bringt einen gewissen Ballast mit sich. Eine Frage, die ich in Interviews schon gar nicht mehr beantworten mag: "Und, wie ist es so, mit Maynard zu arbeiten?" Das ist, als würden sie fragen: "Wie war es, von deiner Mutter gestillt zu werden?" Ich weiß nicht, verglichen mit was denn? Das ist alles, was ich kenne.

Ich muss auch sagen: Man kann kein großartiger Lyriker wie Maynard sein und gleichzeitig in jeder Lebenslage freundlich und ausgeglichen bleiben. In meiner Zeit als Gitarrentechniker hatte ich mit einigen zu tun, die schwierig waren – Axl Rose, Trent Reznor, Billy Corgan. Dabei habe ich gelernt, mit starken Persönlichkeiten umzugehen. Du kannst nicht erwarten, dass alles nach deiner Vorstellung läuft. Und wenn du sowieso alles besser kannst, warum überhaupt mit anderen arbeiten? Ich habe großen Respekt vor Maynards Fähigkeiten und seiner Perspektive, und ich vertraue darauf. Er steckt nicht so tief in dem ganzen Prozess wie ich, also sieht er die Dinge manchmal klarer.

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Die Musik von A Perfect Circle hat eine schwere, düstere Stimmung. Woher kommt die Faszination für die dunkle Seite?
Den richtigen Ursprung kenne ich nicht. Wer weiß schon, wer wir als Kinder wirklich sind, aber meine vier älteren Schwestern erinnern sich an mich als einen sehr glücklichen Jungen. Ich rannte draußen rum und spielte im Dreck – in der Hinsicht einfach ein typisches Kind. Aber ich habe mich immer zu viel dunkleren Dingen hingezogen gefühlt. Die Musik ist wohl meine Art, das auszudrücken. Die Alben Pornography von The Cure und Tinderbox von Siouxsie and the Banshees hatten großen Einfluss auf mich. Fröhliche oder euphorische Sachen mochte ich nur selten, aber als ich selbst Musiker wurde, versuchte ich mich auch daran. Zum Beispiel "The Hollow" von unserem ersten Album. Anfangs klang der Song noch viel mehr nach The Cure und erinnerte auch stark an "King Volcano" von Bauhaus. In der letzten Minute änderten wir "The Hollow" dann zu einer Art Rock-Hymne – in Moll ist der Song trotzdem.

Euer neues Album wirkt sehr politisch. Habt ihr während der Arbeit die Weltlage besprochen?
Wir haben auf persönliche Art über diese Themen geredet. Das Großartige bei Maynard und mir ist, dass wir mehr wie Brüder als Freunde sind. Selbst wenn wir uns nach langer Zeit wiedersehen, ist die Beziehung so stark wie vorher. Wir verstehen uns mit wenigen Worten. Wenn wir also über die Weltlage reden, müssen wir nicht genau aufdröseln, wie wir das im Album verarbeiten. Wir haben in der letzten Zeit einige persönliche Helden verloren, die für uns eine große Inspiration waren. Das war hart für uns. Wir haben das alles einfließen lassen, ich auf nonverbale Art und er verbal.

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Komplett unpolitisch sein kann man heutzutage ja kaum.
Absolut, das geht nicht. Außer, man konzentriert sich auf Realitätsflucht und das war's. Ich schätze, wenn ich die Texte geschrieben hätte, dann hätte ich mich auch fragen können: "Wie weit kann ich mich von dem ganzen realen Schlamassel entfernen?" Es frisst einen ja auf. Als ich so im Januar 2017 mit der Arbeit an dem Album anfing, steckte ich viel zu tief in diesem obsessiven Drang, immer die Nachrichten im Blick zu haben. Und jede Nachricht handelte von neuen schrecklichen Entwicklungen in den USA – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Art, wie die Menschen darauf reagierten. Alle suchen sich ein Team, wie beim Sport, und attackieren das andere Team bis aufs Blut. Ich verstand es nicht und war richtig schockiert, weil diese Entwicklung so schnell kam. Ich musste mir das alles aus dem Kopf schlagen, um das Album zu machen, aber dazu brauchte ich schon so zwei Wochen.

Euer Bassist Matt McJunkins war mit seiner Ex-Band Eagles of Death Metal auf der Bühne, als IS-Terroristen das Bataclan in Paris stürmten. Hat euch das beeinflusst?
Sehr. Ich rede mit Matt darüber, aber ich lasse ihn entscheiden, wohin die Unterhaltung geht. Ich bewundere ihn so sehr dafür, dass er sich wieder in den Sattel schwingt und weitermacht. Es ist hart, und wir haben das alle im Hinterkopf. Aber letzten Endes können wir nicht in Angst leben. Warum fahren Leute jeden Tag U-Bahn, obwohl dort auch was passieren kann? Dass die Jungs sofort weitergemacht haben, ist beeindruckend, aber ich denke, es ist auch der einzige Weg. Nach Hause fahren und alles sacken lassen, ist oft am schlimmsten. Gleich nach dem ersten Album von A Perfect Circle verlor ich meinen Vater. Zum Glück war ich auf Tour, das hat mich durch diese Zeit gebracht. So konnte ich es nach und nach verdauen.

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Als Kreative haben Musiker aber einen Vorteil gegenüber Leuten, die einfach nur U-Bahn fahren.
Ja, es ist ein Ventil. Wir sollen immer alles in uns reinfressen, und vor allem der Arbeitsplatz ist nicht der richtige Ort, um emotional zu werden. Aber in unserem Beruf müssen wir das sogar sein, zumindest im Schaffensprozess. Wenn die Kreativität durchgehend fließt, staut sich nichts an. Wie ein Riss, der sich bei einem Erdbeben auftut.

Lass uns mit etwas Positivem abschließen. Hörst du Musik, die niemand in deiner Playlist erwarten würde?
Ich bin ein großer Country-Fan. Aber nur klassische Country-Musik. Ich bin mit der Musik aufgewachsen, die bei meinem Vater lief. Das waren Patsy Cline, Hank Williams Senior, aber auch Nat King Cole. Mein Vater hatte eine Country-Western-Bar in New Jersey. Die Melodien und die Botschaft im Country sind so mitreißend klar, es ist eine Botschaft der normalen Leute – einfach, aber mächtig. Die Songs sind so gemacht, dass jeder sie singen kann. Ich denke, das hat meinen Umgang mit Melodien ziemlich stark geprägt.

Hank Williams als Einfluss auf A Perfect Circle hätte ich wirklich nicht erraten.
Alles, was wir tun, hat einen Einfluss auf uns, oder? Vielleicht liege ich auch völlig daneben – ich rate nur.

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Eat the Elephant erscheint am 20. April.

A Perfect Circle spielen am 17. Juni in der Zitadelle in Berlin.

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