erinnerungskultur

Jemand hat den bekannten "Never Again"-Schriftzug im Wiener Augarten übermalt

Andere Graffitis in unmittelbarer Nähe blieben stehen.
Foto, aufgenommen im Mai 2017: Christoph Schattleitner | VICE Media

Die Wiener Flaktürme sind – ähnlich wie das "Hitler-Haus" in Braunau – Orte, an denen seit jeher die österreichische Erinnerungskultur auf die Probe gestellt wird: Wie soll man als aufgeklärte Gesellschaft mit ideologischen Altlasten umgehen? Der Flakturm in Mariahilf wurde zum Beispiel zum Haus des Meeres, das aber auch die Ausstellung "Erinnern im Innern" zeigt. Viele wünschen sich für die anderen Türme, die Wien im Zweiten Weltkreig vor Luftangriffen schützen sollten (aber zu spät fertiggestellt wurden), etwas Ähnliches.

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Womit wir beim Flakturm im Wiener Augarten wären. Abgesehen davon, dass die "78er" hier eingestiegen sind und Fotos gemacht haben, ist mit diesem Monsterbau noch nicht sehr viel passiert – und es ist auch weiterhin unklar, was damit geschehen soll.

Ein Unternehmen wollte zum Beispiel 5000 Server für ein Hochsicherheits-Datencenter unter dem Turm unterbringen. Anfang 2017 sagt die zuständige Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger (Grüne) gegenüber meinbezirk.at: "Wir wollen definitiv kein Datencenter im Flakturm haben. Er ist ein historisches Mahnmal. Bei seiner Errichtung wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Diese Geschichte muss in einer kleinen Dauerausstellung dokumentiert werden."

Aktivisten dürfte das alles zu lang gedauert haben. Sie gaben dem Turm deshalb kurzerhand selbst eine Deutung: "Never Again" steht da zu lesen. Der Schriftzug prangt seit Sommer 2016 in großen Lettern von der Wand des Turms. Und anders als viele Graffiti in Wien blieb es stehen. Vermutlich, weil man sich mit seiner Bedeutung auch außerhalb von Sprayer-Kreisen doch halbwegs großflächig identifizieren kann.

In der Nacht vom 7. bis 8. September 2017 wurde es übermalen. Nachdem in sozialen Medien die Österreichischen Junbauernschaft (ÖVP) dahinter vermutet wurde, forderten die Grünen in einer Pressesaussendung Sebastian Kurz zu einer Stellungnahme auf. Der Grund: Am 9. und 10. September tritt der ÖVP-Chef beim Erntedankfest auf, das mit Blick auf den Turm im Augarten stattfindet.

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Der Pressesprecher der Jungbauernschaft, David Süß, weist die Vorwürfe und die Kritik im Gespräch mit VICE scharf zurück: "Die Österreichische Jungbauernschaft hat damit überhaupt nichts zu tun. Wir distanzieren uns zu 100 Prozent von der Entfernung." Persönlich ist er der Meinung, dass das Graffito seine Richtigkeit hatte: "Es war gut so, wie es war. Es hat schon einen Grund gegeben, warum es oben stand."

Süß grenzt die Übermalung zwischen 20 Uhr (Ende der Aufbauarbeiten) und 06 Uhr Früh (Beginn der Aufbauarbeit) ein. "Das war ganz sicher nichts Offizielles. Davon hätten wir ja informiert werden müssen."

Die Pressestelle des Lebensministeriums, das den Augarten verwaltet, erklärt VICE, dass ihre Organisationen keine Übersprühung veranlasst haben. Der eingezäunte Flakturm falle aber unter die Verwaltung der Burghauptmannschaft. Deren Sprecher Reinhold Sahl erklärt: "Die Burghauptmannschaft hat mit der Entfernung nichts zu tun." Im Gegenteil: "Wir veranlassen eine Anzeige wegen unbefugten Betretens des Areals".

Und tatsächlich sei das "Never Again"-Tag seit 2016 von der Burghauptmannschaft toleriert worden, erklärt Sahl. Nur Graffiti mit rechtswidrigen Inhalten würden entfernt werden. Inhaltlich will Sahl nicht mehr dazu sagen, außer: "Es ist einfach falsch, was passiert ist. Wir zeigen das an."

Christoph auf Facebook und Twitter: @Schattleitner

Foto aufgenommen am 19.9.2017: Josef Zorn | VICE Media

Update 19.9.2017, 10:20: Beim Erntedankfest der Jungbauernschaft befestigten Grüne Aktivsten mit Unterstützung der Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger ein "Never Again"-Transparent am Zaun vor dem Flakturm. In der Früh vom 19.9.2017 erreichen uns mehrere Fotos, dass der Schriftzug nun wieder vom Flakturm selbst prangt.