Fake-Fotos

Dieser "Kriegsfotograf" hat mit Fake-Bildern jahrelang Medien auf aller Welt verarscht

Mossul, Rakka, Gaza-Streifen – “Eduardo Martin” geht dahin, wo es weh tut. Seine eigene Biographie ist dramatisch. Das Problem: Alles war erfunden – wie jetzt nach einem Interview von ihm aufflog.

von Johannes Hausen
08 September 2017, 11:31am

Auf seinem mittlerweile gelöschten Instagramm-Profil postete Eduardo Martin regelmäßig gefakete Kriegsbilder. Screenshot: Instagram via BBC

"Bei der Arbeit in der Stadt Aleppo in Syrien" – mit diesen Worten postet Eduardo Martin auf Instagram ein Bild, das ihn vor einer zerbombten Hochhaus-Kulisse zeigt. Auf seinem mittlerweile gelöschten Instagram-Kanal präsentierte sich der 32-jährige Brasilianer als Kriegsfotograf, der dahin geht, wo es weh tut: "Fokus auf sozialen Problemen auf der ganzen Welt".

Martins Bilder berühren: Sie zeigen vom Krieg gebeutelte Kinder und alte Menschen, immer nah dran an der humanitären Katastrophe. Die Fotos kommen nicht nur bei seinen 125.000 Followern gut an – auch Medien wie The New York Times, BBC, VICE oder Getty Images, eine der größten Bildagenturen der Welt, bedienen sich gerne.

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Doch nicht nur mit seinen emotionalen Bildern erregt Martin die Aufmerksamkeit der Medien. Er geht auch mit seiner dramatischen Biographie hausieren: Als Kind sei er missbraucht worden, als 18-Jähriger an Leukämie erkrankt und daraufhin mehrere Jahre in Therapie gewesen. Die Geschichte zieht, internationale Magazine interviewen den sympathischen Draufgänger.

"Ich habe nur Angst vor dem Krebs", erklärt er dem M Journal im März 2015 auf die Frage, ob er sich denn nicht vor den Bomben fürchte, denen er als Kriegsreporter tagtäglich ausgesetzt sei. "Im Irak hielt ich einmal an, um einem Jungen zu helfen, der von einem Molotow-Cocktail getroffen worden war. In solchen Momenten höre ich auf, Fotograf zu sein und werde ein Mensch", verrät er anderthalb Jahre später dem Recount Magazine.

Zu dieser Zeit bezeichnet er sich als "UN-Fotograf" und redet am liebsten von seinem humanitären Engagement. Dazu kredenzt er dramatischer Bilder aus Mossul, Rakka, dem Gaza-Streifen. Schließlich klopft sogar BBC Brasilien für ein Interview bei Martin an. Es sollte der Wendepunkt in seiner beispiellosen Karriere werden.

Zwar veröffentlichte die BBC das Interview samt Fotostrecke, doch BBC-Korrespondentin Natasha Ribeiro, Einsatzgebiet Mittlerer Osten, schöpfte Verdacht. Sie forschte nach und fand heraus: In Syrien und dem Irak gab es keine einzige Personen, ob auf Seite der Behörden, NGOs oder Journalisten, die je von Eduardo Martin gehört hatte. Auch eine Anfrage bei der UN, für die Martin angab zu arbeiten, sorgte lediglich für Schulterzucken.

Doch wenn es Eduardo Martin gar nicht gibt, wer ist dann die immer wiederkehrende Person auf den Kriegsfotos? Wie BBC Brasilien herausfand, handelt es sich beim Mann auf den Bildern um den britischen Profi-Surfer Max Hepworth-Povey. "Als mir ein Freund die Bilder zeigte, dachte ich erst, jemand würde sich einen Spaß mit mir erlauben", erklärt dieser gegenüber BBC.

Stattdessen hatte der unbekannte Betrüger, der hinter Eduardo Martin steckt, Hepworth-Poveys Konterfei verwendet, um eine von vorne bis hinte konstruierte Geschichte zu erfinden.

Der Betrüger stahl dabei nicht nur Bilder von Hepworth-Povey. Die Fotos, die er an seine zahlreichen internationalen Kunden verkaufte, klaute er von tatsächlichen Kriegsfotografen, wie Daniel C. Britt, der sich nach Bekanntwerden des Falls bei der BBC meldete. Indem er die geklauten Bilder leicht bearbeitete, sorgte der Betrüger dafür, dass sie von Plagiats-Software, wie sie Fotoagenturen einsetzten, nicht erkannt wurden. Es reichte ihm laut BBC dafür zum Beispiel, die Bilder einfach zu spiegeln.

Bereits im August hatte der brasilianische Fotograf Fernando Costa Netto ebenfalls Verdacht geschöpft, dass bei der Person Eduardo Martin etwas nicht stimmte. Er wollte für eine Ausstellung in Sao Paulo auch vermeintliche Bilder von Martin verwenden. Netto informierte Martin, dass es Gerüchte über dessen falsche Identität gebe.

Nachdem sich Martin dann für eine Woche in allen Kommunikationskanälen totstellte, erhielt Netto eine überraschende WhatsApp-Nachricht: "Hey bro. Ich bin in Australien. Ich hab mich entschlossen, ein Jahr in einem Van um die Welt zu reisen. Ich breche alle Verbindungen ab, auch Internet. Und ich habe meine Instagram-Kanal gelöscht."

Genug Geld, um ein Jahr im Van zu leben, dürfte Eduardo Martin mit seinen gefaketen Bildern da tatsächlich bereits verdient haben.