Interview

"Leave Britney Alone!": Im Gespräch mit einem der ersten YouTube-Stars

Niemand verteidigte die gefallene Pop-Prinzessin dramatischer als Chris Crocker. Zehn Jahre später dreht er Pornos – und hadert noch immer mit der Schwulen-Community.
11.9.17
Foto: Chris Crocker [bearbeitet]

Im September 2007 stand der damals 19-jährige Chris Crocker gerade mit seiner Oma an der Kasse eines kleinen Lebensmittelgeschäfts in Tennessee. "Oh mein Gott, ich habe dich gerade in den Nachrichten gesehen!", soll die Kassiererin gerufen haben. Seine Großmutter seufzte. "Wovon spricht sie?", flüsterte sie ihrem Enkel zu. Als sie dann nach Hause kamen und den Fernseher anschalteten, sahen sie, dass angefangen bei TMZ über NPR bis hin zur New York Times einfach in allen großen US-amerikanischen Medien Chris' Gesicht zu sehen war. Der Grund: Eines der ersten YouTube-Videos, das damals wirklich jeder kannte.

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Nach Britney Spears misslungenem Auftritt bei den VMAs 2007 postete Chris ein Video, in dem er vor einem weißen Vorhang steht und unter Tränen Britney verteidigt. "Lasst Britney Spears in Ruhe", heult er. "Ich meine es ernst! Jeder, der ein Problem mit ihr hat, kriegt es mit mir zu tun. Ihr geht es zur Zeit einfach nicht gut." Die Pop-Prinzessin war bei einem Auftritt vergleichsweise unkoordiniert über die Bühne gestolpert und hatte es außerdem gewagt, nicht mehr ganz so überirdisch durchtrainiert wie zum Höhepunkt ihrer Karriere auszusehen. Die Kritik war vernichtend.

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Vor "Leave Britney Alone" hat er hauptsächlich lustige Videos gepostet, die nur von wenigen angeschaut wurden. Plötzlich lachte die halbe Welt über ein Video, das er – trotz theatralischer Mimik – todernst gemeint hatte. Chris wurde praktisch über Nacht zu einem der ersten prominenten Vertreter des Phänomens, das wir heute als YouTube-Star kennen.

Im gleichen Jahr zog Chris dann nach Los Angeles, um als Reality-TV-Star groß durchzustarten, doch der Erfolg blieb aus. Für die konservativen Heterosexuellen war er eine Witzfigur und schwule Männer schämten sich für ihn. Nach sieben Monaten in Hollywood kehrte Chris nach Tennessee zurück. Seitdem hat er in schwulen Pornofilmen mitgespielt und sich zum Thema Gender-Nichtkonformität ausgesprochen. HBO hat ihm sogar eine Dokumentation gewidmet, die viel positive Kritik bekam. In einem Telefoninterview hat Chris mit uns über die Hintergründe zu "Leave Britney Alone" und sein bizarres kulturelles Vermächtnis gesprochen.

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Broadly: Wie sah dein Leben vor 2007 aus?
Chris Crocker: Ich bin in einem sehr kleinen Ort aufgewachsen und habe in der achten Klasse die Schule geschmissen, weil ich gemobbt wurde. Deswegen war sehr verschlossen und viel alleine. Ich habe Bücher von Sylvia Plath gelesen und war ein totaler Emo. Ich war immer in meinem Zimmer.Damals habe ich angefangen, Videos zu drehen, um irgendeine Möglichkeit der Interaktion zu haben. Das erste habe ich damals noch auf MySpace gepostet. Den Großteil der Videos habe ich in meinem Zimmer gedreht, weil ich die nicht drehen konnte, wenn meine Großeltern in der Nähe waren.


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Bist du damals so ein großer Britney-Fan geworden?
Ich war schon seit der vierten oder fünften Klasse ein Riesen-Fan von ihr. Ich habe Musik allgemein geliebt, und Britney war seit Baby One More Time meine Lieblingssängerin. Meine Oma hat mir all ihre CDs gekauft und ich hatte alle möglichen Fanartikel. Mein ganzes Zimmer war mit Britney-Postern tapeziert. Als sie ihre schwierige Zeit hatte, wurde mir klar, dass sie nicht nur Popstar, sondern ein ganz normaler, verletzlicher Mensch ist. Deswegen sage ich in dem Video auch: "Sie ist ein Mensch."

Es war mir so wichtig, sie zu verteidigen, weil meine Mutter gerade aus dem Irak-Krieg zurückgekehrt war. Sie war eine ehemalige Soldatin, hatte damals gerade mit ihrer Drogensucht zu kämpfen und wurde obdachlos. Ich habe jahrelang Therapie gemacht, um mit allem klarzukommen. Ich wollte irgendwie versuchen, meiner Mutter zu helfen und war deswegen sowieso schon ziemlich aufgewühlt. Und als ich dann gesehen habe, dass meine Lieblingskünstlerin, die auch private Probleme hatte, so fertig gemacht wurde, hat mich das richtig wütend gemacht. Auch, weil es diese Parallele gab.

Chris Crocker bei sich zu Hause, 2017 | Foto: Chris Crocker

Sind dir diese Parallelen zwischen deiner Mutter und Britney während deiner Therapie bewusst geworden?
Als ich das Video gedreht habe, war ich 19. Dass es diese Parallelen gab, wurde mir erst vier, fünf Jahre später klar, als HBO die Doku über mich gedreht hat und mir all diese Fragen gestellt wurden. Bis dahin hatte mich niemand wirklich nach dem Warum gefragt. Und das Video fiel definitiv aus der Reihe, denn davor habe ich nur witzige Videos gepostet. Ich war damals sehr eingeschüchtert und wusste nicht, wie ich mich während Interviews verhalten sollte. Mir war klar, dass die meisten mich bereits für eine Witzfigur hielten.

Was hattest du dir von Britneys Auftritt bei den VMAs erwartet?
Sie hätte im Rollstuhl auf die Bühne kommen können, ich hätte sie trotzdem gefeiert. Ich habe mich einfach unglaublich darüber gefreut, dass sie zurück war.

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Warst du danach enttäuscht?
Das kommt darauf an, wie man es sieht. Ich fand ihren Auftritt auf eine ganz besondere Art schön. Davor war sie immer die makellose Britney gewesen, der unantastbare Popstar. Es war schon fast eine Art Performance-Kunst, wie sie auf die Bühne gekommen ist und ihr Ding trotz ihrer Probleme einfach durchgezogen hat.

"Viele schwule Männer haben nach meinem Video gesagt, dass Leute wie ich dafür verantwortlich seien, dass so viele eine schlechte Meinung über Schwule hätten."

Und wann hast du dich entschieden, das Video zu drehen?
Ich hatte nach ihrem Auftritt online viele gemeine Kommentare gelesen, es wird wohl also der Morgen darauf gewesen sein. Alle denken immer, ich war unter einem Bettlaken oder so, dabei waren es einfach meine Gardinen. Mein Zimmer war einfach nur Wand zu Wand voll mit Britney-Postern. Es roch wahrscheinlich nach Desinfektionsspray. Wir sind nicht die bürgerlichste Familie!

Waren deine Tränen echt?
Die Wahrheit ist: Obwohl ich weiß, dass es echt war, kann ich auch die Meinung anderer Leute nachvollziehen und verstehen, warum viele dachten, dass ich das lustig meine. Ich bin nun mal sehr melodramatisch, wenn ich traurig und sauer bin.

Wie haben deine Großeltern auf das Video reagiert?
Am meisten waren sie wohl von meiner eher unmännlichen, hysterischen Art überrascht. Wirklich betroffen hat es sie aber nur insofern, als dass mein Gesicht auf der ersten Seite unserer Tageszeitung zu sehen war. Die Leute von der Zeitung wollten von mir wissen, wie es war, als Schwuler in dieser kleinen Stadt aufzuwachsen. Später hat die Kirche, in die meine Großeltern immer gegangen sind, eine Privatsitzung mit ihnen gemacht, um mit ihnen über mein Video und mich zu sprechen. Das ist aber das einzige Mal, dass ich ihnen Probleme gemacht habe. Ich möchte nicht, dass das, was ich tue, ihnen schadet. Trotzdem wäre es gelogen, zu sagen, dass es ihnen nichts ausgemacht hat. Meine Familie ist sehr lange in diese Kirche gegangen.

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Haben dir die negativen Reaktionen etwas ausgemacht?
Nein. Viel wichtiger war mir, dass Britney wusste, dass ihre Fans weiterhin hinter ihr stehen. Mich hat es nur an dem Punkt wirklich getroffen, als ich Todesdrohungen bekommen habe. Deswegen habe ich mir auch einen Künstlernamen zugelegt.

Heutzutage werden YouTuber gefeiert und wirken umso authentischer, wenn sie zu ihrer Homosexualität stehen. Wie war das bei dir?
Ich freue mich, dass es jetzt eine Plattform ist, in der queere Leute sie selbst sein können. Damals war es aber schrecklich, auf YouTube offen schwul zu sein. Es war schwer, zwischen ernst gemeinten Todesdrohungen und denen, die nur "Spaß" machen, zu unterscheiden. Mein Verhältnis zur Schwulen-Community war zum Zeitpunkt meines Coming Outs auch nicht das beste, weil viele es nicht gut fanden, wenn man von seiner Art zu reden oder sich zu verhalten klar als schwul erkennbar war. Viele schwule Männer haben nach meinem Video gesagt, dass Leute wie ich dafür verantwortlich seien, dass so viele eine schlechte Meinung über Schwule hätten. Das war alles, was ich von meiner offenen Homosexualität hatte. Damals hat man mich für meine Art gehasst, heute liebt man mich dafür.

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