Riek Machar telefoniert mit einem Satellitentelefon in der Nähe von Akobo, Südsudan. Fotos von Tim Freccia.
Wir haben es nach Akobo geschafft, dem Hauptquartier des Nuer-Aufstandes. Akobo liegt am östlichen Rand des Südsudans; auf der anderen Seite des Flusses beginnt Äthiopien. Die Stadt gehört zu dem Gebiet, das einst von Riek Machar kontrolliert wurde, einem Dreieck, das sich bis nach Bor, Bentiu und rüber nach Malakal am Nil erstreckt. Seit wir Waat in einem gestohlenen Wagen verlassen haben, haben wir es uns mit unseren Gastgebern verdorben, uns weitere 240 Kilometer lang gegenseitig das Leben schwer gemacht, unser Essen gejagt, uns gegenseitig Witze erzählt und Tims Laptop zerstört. Wir sind seit knapp einem Tag in Akobo, und unsere Gastgeber drängen uns, Machar zu treffen, den Anführer des Aufstands. Machar ist routiniert im Umgang mit der Presse.
Videos by VICE
Wir springen auf die Ladefläche eines anderen, ebenfalls mit Blut verkrusteten Toyota-Pickups und fahren die kurze Strecke zum Flugfeld. Vor uns nehmen wir im Schatten der Bäume eine große Versammlung wahr, deren Umrisse im Gegenlicht nur silhouettenhaft erkennbar sind. Machar und seine Frau Angelina Teny sitzen nebeneinander. Sie tragen zueinander passende frisch gebügelte grüne Armeeuniformen: die klassische afrikanische Buschkriegsmontur in einer klassischen afrikanischen Buschkriegskulisse. Machar ist seit 33 Jahren mit Teny verheiratet. Er hält in der einen Hand ein Notizbuch und in der anderen einen verzierten Holzstab, den man leicht mit einem kunstvoll gefertigten Spazierstock verwechseln könnte. Seine runde Elfenbeinspitze ist mit kleinen schwarzen Ochsenaugen verziert. Dies ist der berühmte Dang, eine Art Zauberstab, den der Prophet Ngundeng Bong angeblich Ende des 19. Jahrhunderts schwang. Verehrt wird Bong in dieser Region sowohl wegen seines erbitterten Widerstands gegen die anglo-ägyptischen Mächte als auch wegen seiner warnenden Weissagungen. Viele hier glauben, Bong hätte die gewaltsame Teilung des Sudans und die Ankunft eines bärtigen Mannes (Präsident Kiir, wie manche sagen), der von einem narbenlosen, linkshändigen Nuer (diese Beschreibung passt auf Machar) abgelöst würde, vorausgesagt. Der Legende zufolge war Bongs Macht eng mit dem Dang verbunden. Er beschwor seine göttliche Macht herauf, indem er ihn zum Himmel erhob, womit er seine Feinde (meist britische Kolonialtruppen und ihre Helfer) abwehrte oder tötete.
Einmal hätten die Briten Bong beinahe gefasst. Sie konfiszierten stattdessen seinen spirituellen Stab, aus Angst, dass dieser tatsächlich dafür verantwortlich sein könnte, dass Bong ein so überragender Gegner war. Der Stab wurde nach Großbritannien verschifft und erst mehr als 80 Jahre später an den Sudan zurückgegeben—oder, besser gesagt, an Machar.
Rechts von Machar sitzen die obersten Häuptlinge mit ihren Schärpen; zu seiner Linken hocken Soldaten und Leibwächter mit brandneuen Maschinengewehren und glänzenden Patronengürteln. Er unterbricht sich selbst, um einen Anruf entgegenzunehmen. Ein Assistent dreht Machars Stuhl ein wenig zur Seite, weg von den neugierigen Blicken des Publikums. Wir werden alle gebeten, leise zu sein, und dann schickt Machar seine Leibwächter mit einer Handbewegung fort. Einer der Assistenten regt sich sichtlich über Tims Fotos und Videoaufnahmen auf. Der Anruf ist privat. Er soll nicht dokumentiert werden. Machar bedeutet dem Assistenten, uns in Ruhe zu lassen: „Lass sie fotografieren.“
Während Machar am Telefon ist, sitze ich mit seiner Frau zusammen und mache Smalltalk. Es geht wie fast immer um den Bürgerkrieg. Die Bedrohung des Krieges ist hier allgegenwärtig. „Wir sind im Pyjama geflohen“, sagt sie, um die Uniform zu erklären. „Deshalb tragen wir das hier.“
Trotz ihrer strengen Frisur und der zu großen Männeruniform wirkt Teny sanft und mütterlich. Ihre Wurzeln liegen eher im urbanen London als im Busch, und die vergangenen 30 Jahre mit Machar haben ihr natürliches diplomatisches Wesen noch verstärkt. Der Mord an ihrem Hauspersonal und Freunden durch Kiirs Milizen am 15. Dezember 2013 nimmt sie noch immer sehr mit.
„Irgendwas stimmt da nicht“, meint sie und bezieht sich damit auf Kiirs prompte und brutale Reaktion auf den wachsenden Unmut in der Führungsspitze. Teny glaubt, dass die machartreuen Truppen Kiirs Soldaten geschlagen hätten, wären da nicht die vielen Tausend ugandischen Soldaten, Flugzeuge und Panzer gewesen, die die Nuer-Rebellen aus Bor, Malakal und Bentiu vertrieben hätten. Sie meint, eine solche Operation durchzuführen, sei in den drei Tagen, die es gedauert hatte, bis die Truppen ihr Haus erreichten, im Grunde unmöglich gewesen. Ihr erscheint das alles sehr geplant. „Die Regierung benutzt die Menschen zum Töten. Leute wurden angehalten und umgebracht, weil sie kein Dinka sprachen … Die Leute, von denen sie erschossen wurden, sprachen kein Nuer.“
Eine Gruppe abtrünniger SPLA-Soldaten, die für Machar kämpfen.
Machar bringt ihre derzeitige Lage auf den Punkt: „Es ist ein Dilemma.“
Sein Vorname, Riek, heißt „Ärger“, und Machar ist alles andere als ein traditioneller, stolzer, mit Narben gezeichneter Nuer-Krieger. Er hat sogar mal versucht, die traditionelle Narbenzeichnung zu verbieten, wurde aber von Einheimischen zurückgerufen, die ihm wegen seiner ausländischen Erziehung, seinem geschickten politischen Manövrieren und seinen wechselnden Allianzen vorwarfen, sich von den traditionellen Stammesstrukturen entfremdet zu haben. Seine langsame und bedächtige Art zu sprechen, zwingt seine Zuhörer—vor allem Westler und Journalisten—dazu, sich voll auf ihn zu konzentrieren. Die Zahnlücke verleiht seinem Lächeln etwas Ansteckendes. Nicht gerade das typische Aussehen eines abgebrühten Guerillakämpfers und lebenslangen Rebellen.
Machars Erscheinung unterscheidet ihn von den Nuer- und Dinka-Anführern wie Kiir. Zurzeit trifft man den ehemaligen Vizepräsidenten des Südsudans meist sitzend an—oder besser, lümmelnd—, mit leiser Stimme über eines seiner vielen Satellitentelefone gebeugt. Oder er spielt mit seinem Elfenbein-Dang oder liegt irgendwo ausgestreckt. Er plaudert sehr gern und setzt oft zu endlosen Erklärungen über irgendein Thema an, das ihn gerade interessiert. Das ist der öffentliche Machar. Der Politiker.
Doch seine Leutseligkeit lenkt mich nicht von der Tatsache ab, dass Machar sich hier im Busch versteckt, weil er seinem alten Boss und der Regierung effektiv den Krieg erklärt hat, was für die Beteiligten höchstwahrscheinlich tödliche Konsequenzen haben wird.
Machars Erfolg beruht darauf, dass er drei Rollen gleichzeitig beherrscht: die des westlichen Politikers, die des Stammesführers und die des mystischen Kriegers. Er ist ein Meister der Nuer-Tradition der Stammestreffen, bei denen jeder Teilnehmer das Recht hat, seine Ansicht kund zu tun und so lange zu sprechen, wie er möchte. Viele Nuer-Älteste beherrschen zudem das mystische Denken, sie glauben, dass alle wichtigen Belange des Staates und des Krieges prophezeit sind und durch spirituelle Reinigung gelöst werden können. Machar vollführt einen kontinuierlichen und widersprüchlichen Seiltanz, der den geschulten westlichen Pragmatismus und die spirituellen Traditionen der vielen ihm untergebenen ungebildeten Stammesmänner zu vereinen sucht.
Riek Machar Teny Dhurgon wurde am 27. Juli 1952 als 26. Kind einer angesehenen Nuer-Familie in Leer, Jonglei, geboren. Laut Machar war sein Großvater Dhurgon ein Mystiker—ein Heiler, der Geister beschwören konnte. Machars Vater war ein Unter-Häuptling, der mit fünf Frauen drei Dutzend Kinder zeugte. Machar erzählt mir, dass seine Mutter, Nya-gu-Nyang, sich dafür eingesetzt hat, dass er getauft wurde und schon früh lesen und schreiben lernen durfte. Außerdem bestand sie darauf, dass er sich die traditionellen Gesichtsnarben, die Gaar, auf die so viele Nuer-Jugendliche ganz wild sind, nicht machen ließ. (Nuer-Kinder sitzen dabei ganz still, während ein Ältester mit einer Rasierklinge vorsichtig sechs tiefe, horizontal verlaufende Schnitte in ihre Stirnhaut ritzt. Es dauert Monate, bis die Narben verheilen, und Jahre, bis sie nicht mehr hellrosa, sondern schwarz werden.) Machars Mutter war mit dem Anführer des Anyanya-Aufstandes verwandt und sicherte sich mit Bierbrauen ein zusätzliches Einkommen, das es ihr erlaubte, Machars Bruder nach Äthiopien zu schicken, damit er dort bei den Rebellenanführern studieren konnte. Machar schickte sie auf die Atar Intermediate School etwas außerhalb von Leer. Einer seiner Lehrer war der Vater seiner zukünftigen Frau, Angelina Teny. Seinen Abschluss machte er auf der Rumbek Secondary, wo er Klassenkameraden hatte, die später einmal eine wichtige Rolle im Kampf um die Unabhängigkeit des Südsudans spielen sollten.
Mit 16 wurde Machar auf eine weiterführende Schule nach Omdurman im Norden geschickt. 1972, nach der Unterzeichnung des Addis-Abeba-Abkommens, das den Ersten Sudanesischen Bürgerkrieg beendete, gehörte Machar einer Elitegruppe von 100 Südsudanesen an, die an der Universität von Khartoum angenommen wurden. Sein Maschinenbaustudium machte ihm viel Spaß, genau wie das Engagement für linke politische Studentengruppen der Südsudanesen mit Namen wie Afrikanische Nationalistische Front.
So hörte auch der spätere SPLM/A-Anführer John Garang bald von dem eloquenten jungen Machar. Der Dinka und begeisterte Marxist Garang hatte eine schwierige Vergangenheit. Auch er fiel durch seine Intelligenz auf und wurde ausgewählt, dieselbe Schule in Tansania zu besuchen, in der Ruandas Paul Kagame und Ugandas Yoweri Museveni zu zukünftigen afrikanischen Führern ausgebildet wurden.
Garang war in die sudanesische Armee eingetreten und entwickelte sich vielversprechend. Er bekam ein Stipendium für das Grinnell College in Iowa und kehrte zurück, um in die Anyanya-Rebellengruppe einzutreten. 1970 wurde er zur militärischen Ausbildung nach Israel geschickt. 1972 wurde der Friedensvertrag geschlossen, und 1974 schickte man Garang in die School of the Americas in Fort Benning, Georgia. Dieses kontroverse Programm wurde wegen seines intensiven Aufstandbekämpfungstrainings umgangssprachlich auch „School of Assassins“ genannt. Danach stieg Garang in den Rängen der sudanesischen Armee stetig auf, bis er am 6. Mai 1983 von seinen Befehlshabern entsandt wurde, eine Garnisonsmeuterei in der Nähe seiner Heimatstadt Bor niederzuschlagen. Anstatt Khartoums Befehle auszuführen, schlug er sich auf die Seite der Rebellen, gründete die SPLA und löste so den Zweiten Sudanesischen Bürgerkrieg aus.
Auch Machar führte nach dem College ein erfolgreiches Leben. Während sein Land zerfiel, studierte er in Nordengland. Es gelang ihm, eine der klügsten und attraktivsten Frauen seiner Heimatregion für sich zu gewinnen: Angelina Teny. Ihr Vater bestand darauf, dass seine 18-jährige Tochter kirchlich heiratete, und er forderte von Machar außerdem das traditionelle Brautgeld von 50 Kühen ein. Aber es gab noch eine Bedingung: Angelinas Vater wollte, dass Machar sich auf eine Ehefrau beschränkte. Die beiden heirateten 1981 und verfestigten damit ihren Ruf als politisches, ideologisches und im Westen ausgebildetes Machtpaar. 1984 verlieh die Universität Bradford Machar den Doktortitel in strategischer Unternehmensplanung. Er stand vor der Entscheidung, sich einen Job zu suchen oder an der neuen Revolution teilzuhaben, und entschied sich, der SPLA beizutreten und ihr Büro im äthiopischen Addis Abeba zu übernehmen.
Riek Machar hat beschlossen, den Südsudan zu retten.

More
From VICE
-

The lonely panoramic view from the restaurant at Pyongyang's 47-story Yanggakdo International Hotel (All Pictures by Kirill Sokolov)