Drogen

Chemisch gestrecktes Cannabis: So groß ist das Problem in Deutschland

Wir haben mit einem Dealer, der Drogenbeauftragen, dem BKA und einem Toxikologen über die Verbreitung des giftigen Gras gesprochen.
13.1.21
Ein Dealer hält einen Sack mit Cannabis, das mit synthetischen Cannabinoiden gestreckt wurde
Foto: VICE

Zwei Männer in Sturmmasken verpacken sieben Kilo Cannabis in kleine Portionen und stecken die Ware in Sporttaschen. Daneben steht Banks, auch er trägt eine Maske. Der Dealer, der eigentlich anders heißt, erzählt kurz darauf von einem Problem: "Das in Deutschland verkaufte Gras, meistens als Haze bezeichnet, ist meiner Erfahrung nach zu 90 Prozent mit synthetischen Cannabinoiden gestreckt." Diese Chemikalien können die Wirkung von THC um ein Hundertfaches übertreffen. Und sie können zu lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen.

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Aber sind sie wirklich so weit verbreitet? "90 Prozent" scheint doch arg hoch gegriffen. Aber schließlich spricht Banks in der VICE-Dokumentation "Giftiges 'Chemie-Gras' überschwemmt Deutschland" nur von seinen eigenen Erfahrungen und nicht über die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien. Dennoch berichten nach der Veröffentlichung der Doku viele Konsumierende von negativen Erfahrungen mit synthetisch gestrecktem Cannabis. In YouTube-Kommentaren, bei Reddit und Instagram, wo der Cannabis-Vlogger @vinceandweed 43 Minuten lang Erfahrungsberichte von Betroffenen schildert. Anekdotische Hinweise, die nahelegen, dass es sich um mehr als nur eine einzelne Horrorgeschichte handelt. 

Also haben wir das Bundeskriminalamt, einen Toxikologen und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung gefragt, wie weit verbreitet mit synthetischen Cannabinoiden gestrecktes Cannabis wirklich ist. 

Bundeskriminalamt spricht von organisierter Kriminalität

Tatsächlich tauchen in den letzten Jahren laut Bundeskriminalamt vermehrt Cannabisprodukte auf dem Schwarzmarkt auf, die mit Neuen Psychoaktiven Stoffen (NPS) versetzt sind. Dazu gehören auch synthetische Cannabinoide. "Diese synthetischen Cannabinoide werden von organisierten Tätergruppierungen auf legale oder minderwertige Hanfprodukte (CBD-Hanf, Nutzhanf, Cannabisblüten) aufgetragen und verkauft", schreibt eine BKA-Sprecherin gegenüber VICE.

Das Gefährliche: Man könne die Wirkung nicht kalkulieren, Überdosierungen seien die Folge. "Die Konsumenten gehen in diesen Fällen davon aus, dass sie herkömmliches Cannabis konsumieren und nicht hochpotente, chemische Stoffe. Da es sich bei den Wirkstoffen meist um unerforschte Chemikalien handelt, die unter unbekannten Bedingungen im Ausland hergestellt werden, setzen sich Konsumenten unkalkulierbaren gesundheitlichen Gefahren aus. Wirkung, Toxizität, Abhängigkeitspotenzial, Wechselwirkungen mit Medikamenten und anderen Drogen, insbesondere Alkohol, Nebenwirkungen und Langzeitfolgen dieser Stoffe sind gänzlich unbekannt."

Für viele Konsumierende hat das ernste Konsequenzen. In mehreren hundert Fällen sei es im Zusammenhang mit dem Konsum von verschiedenen NPS zu teilweise schweren, mitunter lebensgefährlichen und Vergiftungen gekommen, schreibt das BKA: "Die meist jugendlichen Konsumenten mussten mit Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen bis hin zum Ausfall vitaler Funktionen medizinisch oder notfallmedizinisch behandelt werden. Daneben kam es in einigen Fällen zu aggressiven Reaktionen und unkontrollierten Übergriffen auf dritte Personen." Wie oft es bei diesen Fällen um mit NPS gestrecktes Cannabis ging, kann das BKA aber nicht beantworten.

Toxikologe: Manche Stoffe sind 300 Mal stärker als THC

Generell liegen einfach noch zu wenige Daten für Deutschland vor, sagt Fabian Steinmetz, Toxikologe und Mitglied beim Schildower Kreis, einem Experten-Netzwerk, das sich für eine alternative Drogenpolitik einsetzt. "Die Forensik der Polizei prüft nur bei einem Anfangsverdacht, ob eine Cannabis-Probe auch NPS enthält." Deshalb wisse man nur von wenigen Fällen. Aktuell warnt Berlins Drogenbeauftragte in einem internen Schreiben an Fachstellen vor einem gefährlichen Cannabinoid, das sich zur Zeit in der Hauptstadt verbreitet. "Auch in Berlin ist Haschisch aus dem Straßenverkauf versetzt mit dem synthetischen Cannabinoid MDMB-4en-PINACA aufgetaucht und hat bei Klienten zu Verwirrtheit, Schwindel bis hin zu Ohnmacht geführt", zitierte die Berliner Morgenpost aus dem Schreiben. 

In Deutschland klaffe eine große Datenlücke bei diesem Thema, sagt Fabian Steinmetz, auch weil Drug-Checking, also Einrichtungen, die prüfen welche Inhaltsstoffe in Drogen wirklich stecken, in Deutschland verboten sind. Es gebe zwar Leute, die Drug Checking nur für NPS betreiben und bei denen auch mal CBD-Blüten mit NPS landen. Aber das sei kein systematisches Drug Checking und die Zahlen daher nicht verwertbar.

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In deutschen Nachbarländern sieht das anders aus. Im November 2019 fand man in einer Cannabis-Probe in Österreich das synthetische Cannabinoid 4F-MDMB-BINACA und im Oktober 2020 in den Niederlanden MDMB-4en-PINACA. Das Drogeninformationszentrum Zürich analysierte zwischen Januar und August 2020 91 verdächtige Cannabis-Proben, von denen knapp über die Hälfte synthetische Cannabinoide enthielten. Besonders häufig MDMB-4en-PINACA und 5F-MDMB-PICA – einen Stoff, der in Deutschland mit fünf Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Noch bedenklicher ist, dass es in den Schweizer Proben auch Mischungen gab. "Das zeigt, dass es den Herstellern relativ egal ist, was die da reinmischen", sagt Steinmetz. 

Manche dieser Stoffe seien laut dem Toxikologen 30 Mal stärker als THC, andere 300 Mal. Das erhöhe nicht nur die Gefahr von Abhängigkeit und Nebenwirkungen entsprechend. Es mache die Stoffe auch attraktiv für Kriminelle. Denn je stärker eine Substanz, umso weniger muss man davon schmuggeln. Aufgrund der offenen Grenzen müsse man davon ausgehen, dass die gleichen Produkte in ganz Europa verteilt werden, also auch in Deutschland. "Ganz grob geschätzt dürften 10 bis 20 Prozent des Cannabis betroffen sein", sagt der Toxikologe. Weniger als die 90 Prozent, die Banks für die verschiedenen "Haze"-Strains angibt. Aber dennoch jeder fünfte in Deutschland gerauchte Joint. 

Drogenbeauftragte sieht keinen Grund für Regulierung

Auch für Daniela Ludwig, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, sei die Verbreitung dieser Stoffe "eine erschreckende Feststellung", wie eine Sprecherin schreibt. Auch deshalb fördere das Bundesministerium für Gesundheit die Seite www.legal-high-inhaltsstoffe. Dort wird regelmäßig vor Cannabis gewarnt, das mit neuen synthetischen Cannabinoiden versetzt ist. Außerdem unterstütze das Gesundheitsministerium die Studie Phar-Mon plus. Sie sammelt Informationen und Daten über neue Entwicklungen beim Konsum und der Verbreitung legaler und illegaler psychoaktiver Substanzen.

Banks fordert in der Dokumentation, Cannabis zu legalisieren und unter staatliche Kontrolle zu stellen. Nur so könne man verhindern, dass Kriminelle giftige Stoffe beimischen. Davon hält die Drogenbeauftragte wenig. Grundsätzlich sei eine Legalisierung von Cannabis für den nicht-medizinischen Gebrauch im aktuellen Koalitionsvertrag nicht vorgesehen, schreibt eine Sprecherin. "Eine Legalisierung von Cannabis dürfte zudem kaum einen Einfluss auf die Verbreitung von synthetischen Cannabinoiden haben."

Nach Maßnahmen gegen die Verbreitung gefragt, verweist die Sprecherin stattdessen auf die abschreckende Funktion des 2016 in Kraft getretene Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG).  Es sende "ein klares Signal an die skrupellos agierenden Händler und vor allem auch an die Konsumenten von NPS, die diese zu Missbrauchs-/Rauschzwecken konsumieren, (…) dass es sich um verbotene, sanktionsbewehrte und gesundheitlich gefährliche Substanzen handelt." 

Verbote zeigen keine Wirkung

Fabian Steinmetz zweifelt daran, ob die Abschreckungsfunktion des NpSG funktioniert. "Wer mit einer CBD-Blüte erwischt wird, auf der NPS drauf sind, wird womöglich geringer bestraft, als wenn die Blüte THC enthält." Das könne Dealer motivieren, lieber chemisch gestreckte CBD-Blüten zu verkaufen. Hier müsse man das Gesetz nachbessern. Außerdem zeige ja gerade die Verbreitung von NPS, dass das Verbot nicht funktioniere. Noch besser wäre demnach, das Gesetz komplett zu reformieren und Cannabis ganz zu legalisieren, sagt Steinmetz. "Ein regulierter Markt wäre wichtig. Mit Qualitätskontrolle, einem Sozialprogramm und Steuern basierend auf der Höhe des THC-Gehalts. Das wäre gelebte Harm Reduction, also Schadensminimierung bei der konsumierenden Bevölkerung."

Bis dahin rät der Toxikologe beim Cannabis-Konsum zu Safer-Use-Regeln – Vorsichtsmaßnahmen beim Drogenkonsum. Denn äußerlich könne man synthetische Cannabinoide auf Cannabisblüten nicht erkennen. Dass sie von außen auf die Blüten gesprüht werden, mache sie noch gefährlicher. "Wenn man diese Blüte zerbröselt und unter Freunden verteilt, zum Beispiel um sie portionsweise in einer Pfeife zu rauchen, kann es sein, dass eine Person gar nichts spürt, und die andere eine zehnfache Dosis abbekommt, weil sie vor allem äußere Blätter konsumiert." Eine zehnfache Dosis eines Stoffes, der im schlimmsten Fall bereits 300 Mal stärker als THC sein könnte. Deshalb solle man das Material immer erst komplett vermischen, rät Steinmetz. Damit wenigstens jede Charge die gleiche Potenz hat. 

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