Popkultur

Trans-Ikone: Sophie hat mir beigebracht, dass ich mich vor niemandem rechtfertigen muss

Fans auf der ganzen Welt trauern um die Musikerin – vor allem Transmenschen wie mich trifft ihr Tod schwer.
Janus Rose
New York, US
2.2.21
Sophie bei einem Auftritt beim Coachella 2019, die Künstlerin war am 30. Januar bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Foto: Frazer Harrison / Getty Images

Als Sophie 2018 in einem Interview mit dem Paper Magazine gefragt wurde "glaubst du an Gott?", antwortete die Künstlerin: 

"Ja. Gott ist trans."

Zahlreiche Fans teilten das Zitat am Wochenende im Internet, nachdem sie die Nachricht vom plötzlichen Tod der 34-jährigen Transgender-Produzentin erreicht hatte. Besonders hart trifft der Verlust die Trans-Community, die den Popstar seit ihrem Coming-Out mit der Veröffentlichung von The Oil of Every Pearl's Un-Insides in ihr Herz geschlossen hatte. 

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Viele Transmenschen traf der unerwartete Tod der Künstlerin persönlich – und es ist offensichtlich warum. Sophie, die auch Songs für große Namen wie Madonna und Charli XCX produziert hat, war eine der wenigen Künstlerinnen, die es in den Mainstream schaffte, obwohl ihre Musik sperrig, ungewohnt und vor allem bedingungslos Trans war.

Lieder wie "Faceshopping" befürworten Body Modification und plastische Eingriffe als eine Form von Selbstbestimmung. Es ist ein Plädoyer für eine radikale körperliche Unabhängigkeit und eine vehemente Zurückweisung der von biologischem Determinismus gefärbten Argumente von Transgegnerinnen und -gegnern. Für mich war die Message eindeutig: Dein Körper und Geschlecht gehören dir und du kannst sie verändern und weiterentwickeln, wie du willst – und alle, die das als künstlich oder fake abtun, können sich ficken.. 

Durch Sophies Musik habe ich angefangen, mein eigenes Transsein als eine Form schöner Cyborg-Göttlichkeit zu verstehen. In den Wochen, Tagen und Stunden bevor ich Ende vergangenen Septembers endlich meine Facial Feminization Surgery machen ließ, also meinem Gesicht operativ weiblichere Züge geben ließ, habe ich immer wieder und wieder "Faceshopping" gehört. Der Song gab mir Rückhalt, während ich über die immensen Auswirkungen des geplanten Eingriffs nachdachte. Schließlich war ich kurz davor, einen Chirurgen zu bezahlen, einen Teil meines Schädels neu zu modellieren, damit meine körperliche Erscheinung besser dem weiblichen Selbstbild in meinem Kopf entsprach. Wie bei vielen Transmenschen war der Entscheidung eine jahrelange Odyssee durch ein feindseliges Gesundheitssystem vorausgegangen, das derartige geschlechtsangleichende Eingriffe als rein kosmetisch und nicht medizinisch notwendig ansieht.

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Während ich darauf wartete, unters Messer zu kommen, gingen mir immer wieder die gleichen Fragen durch den Kopf: Brauche ich das wirklich? War dieses Bedürfnis, meinen Körper zu verändern, nicht nur eine narrativ gut verpackte Form von Eitelkeit? War die Operation letztendlich nicht auch eine Kapitulation vor der Konformität – ein Versuch, den frauenfeindlichen und Cis-normativen Schönheitsstandards zu entsprechen? 

Sophies abrupt beendetes Lebenswerk machte diese Fragen irrelevant und überflüssig. Songs wie "Immaterial" behandeln die bizarre, andersartige und unergründliche Natur des Selbst. Der Körper ist darin lediglich eine Hülle, die wir nach Belieben verändern und neu erschaffen können – ohne dass wir irgendjemandem dafür eine ausgeklügelte Rechtfertigung schuldig wären. In Sophies Welt können wir unseren Körper verändern, weil wir es wollen. Wir können eine Transition machen, weil wir es wollen.

"Without my legs or my hair; Without my genes or my blood; With no name and with no type of story; Where do I live? Tell me where do I exist?"

Sophie war die Headlinerin einer der letzten Shows, die ich vor der Pandemie gesehen habe. Sie spielte im November 2019 das Closing-DJ-Set des Unsound Festivals. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner damaligen Freundin früher nach Hause ging. Wir waren beide erschöpft und uns sicher, dass wir noch zahlreiche Gelegenheiten bekommen würden, weitere Auftritte des Popstars zu sehen. Als uns die Nachricht von Sophies Tod erreichte, erdrückte es uns. Sie war eine der wenigen Transgender-Musikerinnen, die es in den Mainstream geschafft hatte. Jetzt ist sie nicht mehr da.

Aber neben dieser Trauer ist da auch eine tiefe Dankbarkeit für den kurzen Besuch, mit dem uns dieses feengleiche Wesen beehrt hatte. Mit ihrer Musik, die sich zwischen außerweltlicher Atmosphäre, anorganischem Krach und allen alienartigen Tönen bewegte, schien Sophie die chaotische und unmöglich in Worte zu fassende Schönheit in uns drin anzusprechen.

Für mich und zahllose andere Transmenschen, die sich immer noch durch Sophies göttliche Erscheinung verstanden fühlen, war es eine Begegnung, die wir so schnell nicht vergessen werden.

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