Menschen

Zufallsbegegnungen: Ich vermisse die völlig fremden Menschen im Club

Alle vermissen gerade ihre Freunde. Doch was ist mit den Menschen, die nur kurz durch unser Leben huschen?
22.1.21
Die Autorin steht in ihrer Küche neben einem Mann mit nacktem Oberkörper der die Zufallsbegegnungen symbolisiert die sie in der Pandvermisst
In dieser Serie berichten wir über das Lockdown-Leben: Über Stimmungen und Hoffnungen und über alles, was wir vermissen.

Auf dem Weg nach Hause nach einer Nachtschicht an einer Clubgarderobe fahren zwei Typen auf einem Fahrrad an mir vorbei, gefolgt von einer Frau. Sie schlingern. 

"Hab ich auch noch Platz auf dem Rad?", rufe ich ihnen zu.

Habe ich nicht, aber sie laden mich trotzdem ein, um noch ein bisschen zu chillen. Sie arbeiten im Haus zum Rüden oder so. Das ist ein Restaurant für Schweizer Spezialitäten direkt am Fluß hier in Zürich. Dann sitze ich mit ihnen in einer Wohnung, stopfe Ovomaltine-Kekse und Käsekrainer in mich hinein, die einer von ihnen aus Wien mitgebracht hat. Wir hören "I hope you die" von Molly Nilsson, sprechen zu viel über Dinge, von denen wir keine Ahnung haben und sehen uns nach diesem Abend nie wieder. 

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Alle sprechen immer davon, wie sehr sie ihre Freunde umarmen wollen und wie sehr sie es vermissen, denen nahe zu sein, die ihnen am nächsten stehen. Doch was ist mit den Menschen, die man nicht kennt, die nur kurz in unser Leben huschen? Für solche Begegnungen ist während der Pandemie kein Platz. Natürlich. Das Risiko ist zu groß. Aber genug Platz in mir, um sie zu vermissen, habe ich schon. 

Gerade sind unsere Tage vorhersehbar. Ich gehe abends spazieren und empfinde es fast schon als Angriff, wenn ich vor die Tür trete und die Straße, die vor mir liegt, noch dieselbe ist wie gestern. 

"So I waited for nothing, and nothing arrived", meinen meine Kopfhörer, während ich Richtung Kanal schlendere.


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Fremde sind die unberechenbare Variable. Sie Zufallsbegegnungen zu nennen, ist eigentlich eine Untertreibung, weil sie sich in dem Moment oft nicht anfühlen wie ein Zufall. Wenn ich und der Typ neben mir verschwitzt und zufrieden auf einer Raucherraum-Couch glauben die Antwort auf alles zu haben, weil wir die Musik gerade so fühlen, dann ist das doch Schicksal. Oder wenn sich italienische Touristen in einem Café zu mir rüberbeugen und fragen, was denn Kombucha sei und ich es ihnen genau erklären kann.

Bei diesen Begegnungen muss ich nicht ganz sein. Ich existiere kurz in deren Welt, nebenbei, nur so ein bisschen. Das ist einfach. Ich bin eine junge Frau, die gerade ihr Glas ausgetrunken hat, die so aussieht, als sollte sie endlich mal nach Hause, die sich gerade auf dem Weg zum Club auf dem Fahrrad die Hand verstaucht hat und jetzt trotzdem hier ist. Einfach. Ich muss nur kurz oder für einen Abend in irgendeiner schemenhaften Gegenwart Gestalt annehmen. 

Bei meinen Freunden habe ich Konturen. Ich bin Anna, die Meinungen hat und Dinge sagt, Sachen weiß oder auch nicht und mal ihre Meinung zu diesem oder jenem Ding abgeben soll. Vielleicht bin ich deshalb so müde im Lockdown, weil ich so sehr gekannt werde, so sehr ich selbst sein muss. Ich will mal wieder mit Leuten sprechen, bei denen es egal ist, warum ich Jeff Koons oder Christian Kracht hasse, weil ich mir einfach einen Grund ausdenken kann.

Vielleicht wünsche ich mir einfach, dass jemand an meine Fensterscheibe klopft, um mich zu fragen, ob ich mit ihm das Teil, das er zwischen den Polstern eines Clubsofas gefunden hat, teilen will. Nicht weil ich ja sagen würde, sondern weil sich mal wieder was anfühlen soll wie im Film. In diesen Teenie-Filmen gehen zwei Protagonisten in der Mitte der Straße, weil es Nacht ist und keine Autos fahren. Sie tun etwas komplett Triviales und trotzdem scheint es in diesem Moment so bedeutsam. So ist es auch Fremde zufällig kennenzulernen. Es scheint in dem Moment manchmal so unglaublich wichtig.

Meine ersten Anfragen für Texte kamen von völlig Fremden in Clubs. Die allererste war eine Kurzgeschichte für einen Fußfetischisten. Die zweite das Texten einer Webseite für einen Typen, der ein Escort-Business betreibt. Sie trauten mir etwas zu, obwohl sie mich nicht kannten. Ich vermisse das. Ich vermisse es Leuten zu vertrauen, weil wir gerade am selben Ort sind. Ich vertraue irgendeinem Fremden, der mich kurz für eine Line in die Clubtoilette mitnimmt, aber nicht den Süßungsmitteln im Vanille-Skyr. Klar, an sich schwierig. Trotzdem will ich das zurück. Corona nimmt mir jegliche Möglichkeit dumme Entscheidungen zu treffen. Vielleicht kaufe ich bald künstlich gesüßtes Joghurt.

Ich vermisse alle diese Fremden, denen ich noch begegnen werde. Wenn das alles vorbei ist, dann sehen wir uns. Ich warte an der Bar oder in der Toilettenschlange oder auf der Couch im Raucherraum.

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