Politik

Rassismus: Schluss mit dem Betroffenheitsporno!

Was bei der jüngsten Rassismusdebatte schiefgelaufen ist. Ein Gastbeitrag von Ferda Ataman.
07 Juli 2020, 1:55pm
Symbolbild zur Rassismusdebatte, eine schwarze Frau wird von der Sprechblase aus dem Mund eines weißen Mannes erdrückt. Es zeigt, wie wenig fortschritte die Gesellschaft nach vier Wochen Rassismusdebatte gemacht hat
Symbolbild: imago images | ikon images | Alice Mollon

Fast einen Monat lang wurde in Deutschland über Rassismus diskutiert - so ausführlich wie noch nie. Vermutlich klopfen sich gerade viele Menschen in deutschen Redaktionen auf die Schulter und fühlen sich so richtig woke, weil sie endlich Schwarze Menschen vor die Kamera geholt haben. Für Menschen, die von Rassismus betroffen sind, war die Debatte leider anstrengend, ernüchternd und frustrierend.

Tagesschau, heute journal, Spiegel, Focus, Zeit, Springer-Medien, egal ob links oder rechts: überall war Rassismus das Topthema, fast vier Wochen lang. Zum ersten Mal gab es Talkshows, in denen es um strukturellen Rassismus ging. Natürlich wurde auch schon vorher über Rassismus berichtet. Nach den Anschlägen von Hanau und Halle oder wegen des NSU-Komplexes gab es Talkrunden und Sonderschwerpunkte. Aber damals ging es um Rechtsextremismus – dieses Mal war das anders.


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Die erste richtige, große Rassismusdebatte im Land, das die Rassenlehre erfand, wurde aus dem Ausland angestoßen: durch die Polizeigewalt in den USA. Bemerkenswert ist auch, dass das Pendel inzwischen schon wieder in die andere Richtung ausschlägt. Statt über Black Lives Matter diskutieren wir über die Frage, wie man die deutsche Polizei vor randalierenden "Ausländern" in Stuttgart schützen soll. Papiere aus Bosnien, Portugal, Iran, Irak, Kroatien, Somalia und Afghanistan hatten die Täter, wurde berichtet. Für den Polizeivizepräsidenten Thomas Berger war es ein "bunter Mix rund um den Globus".

Schwupps, da steckten People of Color also schon wieder in ihrer traditionellen Rolle: die der kriminellen Täter und nicht der Opfer.

Also, wie haben wir uns geschlagen?

Weil die Debatte schon wieder abgeblasen ist, lohnt sich ein Blick zurück. Die vergangenen Wochen waren einzigartig. Endlich kamen viele Betroffene und Schwarze Expertinnen zu Wort und wurden angehört. Endlich trauten sich alle, das Wort "Rassismus" auszusprechen und wichen nicht mehr auf die antiquarische "Fremdenfeindlichkeit" aus. Selbst in verstaubten Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen oder beim Mitteldeutschen Rundfunk (in AfD-Wohlfühlhausen) konnten sie Rassismus endlich buchstabieren. Vermutlich sind sich auch mehr Menschen als vorher bewusst, dass es einen tiefgreifenden, gesellschaftlichen Missstand gibt – eine wichtige Voraussetzung für Verbesserungen. Doch in der Debatte zeigte sich auch, dass Deutschland in dieser Hinsicht ein völliges Entwicklungsland ist.

Das Niveau der Diskussionen war oft unterirdisch. Viele, die fleißig über Rassismus diskutierten, glänzten dabei durch komplette Unwissenheit und semantische Schnitzer. Anne Will sprach von einem "Rassenproblem". Der Blogger Nasir Ahmad hat nachgeschaut, wie viele Medien den Begriff "Rassenunruhen" verwendet haben. Ergebnis: fast alle – von NZZ bis Zeit Online. Politikerinnen, Journalisten und Talkshow-Moderatoren verwendeten kolonialgeschichtliche Worte wie "Farbige". Immer wieder wurde in Menschen "schwarzer" und "weißer Hautfarbe" unterschieden. Dabei muss man nicht einmal Fachfrau sein um zu wissen, dass es weder das eine noch das andere geben kann.

Wer mitreden will, sollte wissen, dass Schwarz und Weiß im Rassismusdiskurs keine Beschreibungen der Hautfarbe sind, sondern politische Kategorien für den Diskriminierungsgrad. Und auch, dass es problematisch ist, das englische Wort "race" einfach mit "Rasse" zu übersetzen. Denn während der deutsche Begriff an Zoologie denken lässt, hat der englische Begriff eine Wandlung durchlaufen und heute eine ganz andere, politische Bedeutung.

Vielen Deutschen fehlt der Grundkurs Rassismus

Rassismus hat nicht ausschließlich mit bösen Neonazis zu tun. Die meisten Schwarzen Menschen und People of Color sind auch dann von Rassismus betroffen, wenn sie gerade nicht von einem AfD-Politiker angetwittert werden oder von Neonazis ermordet. Das ist vielen offenbar neu.

So neu, dass Schwarze Menschen in Interviews knallhart gefragt wurden, "ob" sie schon mal Rassismus erlebt hätten, wie kürzlich Aminata Touré in der Zeit. Natürlich haben sie das! Richtig wäre die Frage: von wem, wann, wo – und mit welchen Konsequenzen? Oder besser noch: Was muss geschehen, damit Sie davor geschützt werden?

Stattdessen lehnten sich viele Weiße Journalistinnen und Journalisten bequem in ihren Drehsesseln zurück und kreisten um die Betroffenheit. "Wie war das für Sie? Wie haben Sie sich gefühlt? Was macht das mit Ihnen? Herrje, schlimm, schlimm!"

Auch nach dem Anschlag von Hanau verliefen übrigens viele Debatten so. Betroffene wurden genötigt, ihre unangenehmen Erfahrungen vor einem breiten Publikum auszubreiten. Einkaufen, Disco-Tür, Wohnungssuche: "Welche Erfahrungen mit Rassismus im Alltag haben Sie gemacht?"

Oje, hat’s weh getan?

Dieser Betroffenheitsporno stört viele Schwarze Expertinnen und Akteure of Color. Auch weil diese Art des Gesprächs dazu einlädt, Rassismuserfahrungen als individuell abzutun. Von ihrem Weißen Gegenüber dürfen sich Betroffene dann bei Markus Lanz oder maybrit illner anhören: "Also ich erlebe deutsche Polizeibeamte ja vollkommen anders." Ja, klar. Darum geht es ja.

"Seit Jahren müssen sie [BPoCs] immer wieder ihre Rassismuserfahrungen belegen und werden danach nicht selten mit Kommentaren hinterfragt", kritisierte die Journalistin Hadija Haruna-Oelker im Deutschlandfunk.

Viele Schwarze Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner hätten sicher viel lieber über das Phänomen Rassismus gesprochen als über persönliche Erfahrungen. Aber da war wohl die Sendezeit schon für den Schockmoment verplant: "Ist so was noch möglich, in Deutschland?" Ja, so was ist möglich. Weil Politikerinnen und Medienleute die letzten Jahrzehnte offenbar so angestrengt und aktiv wegschauten, dass sie heute überrascht sind, dass Rassismus – auch bei uns – zum Alltag gehört.

Leider keinen Schritt weiter

Die Debatte kam also nicht nennenswert voran. Es ist nach vier Wochen nicht einmal gelungen, den Begriff "struktureller Rassismus" verständlich zu machen und zum Allgemeinbildungskanon der Deutschen hinzuzufügen. Oder zu vermitteln, dass die Benachteiligung in Deutschlands Institutionen, Gesetzen, Schulen und Behördenroutinen passiert. Dass dahinter keine individuelle, böse Absicht stecken muss.

Wir sind leider auch keinen Schritt weiter bei der entscheidenden Frage: Wie man institutionellem Rassismus begegnen soll. Mit einer Quote? Mit härteren Gesetzen? Mit einer Polizeireform?

Ein Grund dafür ist vermutlich, dass niemand diejenigen gesprochen hat, die es wissen könnten, zum Beispiel Maisha-Maureen Auma, Nivedita Prasad oder Vassilis Tsianos. Die (wenigen) Rassismus-Forscherinnen und Experten nämlich, die sich schon lange damit befassen. Vermutlich kennen viele Journalistinnen und Politiker ihre Namen nicht einmal. Noch immer nicht. Es fehlen ja auch die entsprechenden Lehrstühle zu Rassismus und Professuren für Black Studies. Ist übrigens auch so eine Folge von strukturellem Rassismus.

So gesehen war Deutschlands erste richtige Rassismusdebatte ziemlich mau. Da es aber sicher nicht die letzte war, könnten wir wenigstens daraus lernen.

Dass sie können, wenn sie wollen, haben die Medien doch gerade in der Corona-Debatte gezeigt. Sie haben sich das Fachvokabular drauf geschafft und Worte wie Neutrophile, Killer-T-Zellen oder Basisreproduktionszahl gelernt. Sie haben ständig Expertinnen und Experten gesucht und sogar neue Persönlichkeiten wie den Supervirologen Christian Drosten erschaffen. Geht doch.

Die Gastautorin Ferda Ataman ist Journalistin und Vorsitzende im Verein Neue deutsche Medienmacher*innen, der größten bundesweiten Vereinigung von Journalistinnen und Journalisten of Color und Sprecherin im postmigrantischen Netzwerk neue deutsche organisationen.

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