Popkultur

Wir haben das 'Dexter'-Comeback angeschaut, damit ihr es nicht müsst

Mit dem Serienkiller kehren auch die Logiklöcher, billigen Metaphern und vorhersehbaren Wendungen zurück.
2.12.21
Ein Mann steht vor einem anderen Mann, der an einen Tisch gefesselt ist. Er trägt eine Schürze und Handschuhe und schaut erschreckt. Hinter ihm ist ein Kirchenfenster.
Das Bild stammt zwar nicht aus der aktuellsten Dexter-Staffel, aber bei unserem Bild-Hoster gab es keins und wenn wir ehrlich sind, ist das auch ein bisschen egal, oder? Bild: IMAGO / Everett Collection

Dexter war noch nie Unterhaltung mit Anspruch. Das ist OK, das war immer OK und das wird immer OK sein. Popkultur bringt nun mal neben klugen Dingen auch Trash hervor, der einfach nur Spaß machen soll. Wir alle bringen ab und zu Trash hervor und Dexter ist der größte Trash überhaupt. Das hat sich auch in der neuen neunten Staffel nicht geändert.

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Acht Jahre lang dachten wir, die konstruierte und wahnsinnig oberflächliche Handlung der Serie sei abgeschlossen. Die letzte Folge der achten Staffel kam 2013 raus. Nun gut, sagen wir vielleicht lieber, dass wir das sieben Jahre lang dachten, denn die Marketingkampagne für das große Comeback begann früh. Dexter würde zurückkommen, hieß es, und Fans der Serie freuten sich, dass das unsagbare Ende der achten Staffel nicht das Letzte sein würde, was sie von ihrem liebsten Serienkiller sehen würden.

Der Abschluss der Handlung der ersten acht Staffeln war nämlich nicht besonders zufriedenstellend. Wie der geläuterte psychopathische Serienmörder plötzlich zum holzhackenden Gutmenschen im menschenverlassenen amerikanischen Urwald wurde, war wenig glaubhaft. Wie er sein Kind zurückließ, den Anker seiner Persönlichkeit, und es der Frau anvertraute, die er kurz vorher noch bekämpft hatte. Aber so ist das mit Serien, die an ihrer eigenen Popularität erst wachsen, dann ausleiern und schließlich zugrunde gehen: Das Ende wird der ursprünglichen Prämisse einfach selten gerecht.

Denn im Prinzip ist Dexter ein umgekehrtes Breaking Bad: Der Killer wird zum Familienmensch und schafft es dadurch, seine Triebe zu kontrollieren. Der eine entwickelt ein Gewissen, der andere überwindet seins. Nur dass Breaking Bad als geschlossene Story funktioniert, weil sie von Anfang an so konzipiert war. Bei Dexter wirkt das nicht so. 

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Die neue Staffel Dexter: New Blood. Da lebt Dexter Morgan (Michael C. Hall) unter falschem Namen im unschuldig winterlich weißen Norden und verkauft Waffen. Sein Leben ist gut, er hat seinen Alltag und muss nicht mehr morden, weil er ja erstens geläutert ist und zweitens seinen Alltag hat. Und doch dauert es nicht lang, bis die Läuterung ihre Wirkung, der Alltag seine Stabilität und Dexter seine Beherrschung verliert. 

Das passiert, als er gerade ein majestätisch animiertes weißes Wild streichelt. Tagelang stellte er dem Tier nach, nun kann er ihn berühren, den fleischgewordenen Frieden in seinem Leben. Just in dem Moment aber erschießt ein fieser Schnösel das Wild aus der Ferne. Der ist gerade auf Jagdurlaub in dem Ort, benimmt sich schon seit Tagen daneben und hat natürlich auch Dreck am Stecken. 

Das weiße Fell des Tiers färbt sich rot, Dexter ist schockiert und die Metapher so perfekt und plump wie wir die Serie kennen. Dexter mochte das Tier, den Schnösel nicht und so ersticht er ihn in altbekannter Manier, mit durchsichtiger Folie auf den Tisch fixiert, das Messer in die Brust, und so weiter. Dexter ist zurück, es hat alles nichts gebracht, der Mörder in ihm bricht wieder hervor.

Das sollen wir einfach so glauben. Dass Dexter jahrelang clean war und dann innerhalb weniger Tage alles auf einmal passiert: dass sein verlorener Sohn ihn in der verschneiten Einöde findet, dass seine Mordlust zurückkommt, dass ein gruseliger Öl-Profiteur die Stadt besucht und irgendwo im Wald auch noch ein Serienkiller sein Unwesen treibt.

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Dass es die Kernfamilie ist, die den Menschen retten kann, war ja immer schon so eine blöde These der Serie, auf die man sich als Zuschauer nur deshalb einließ, weil diese Kernfamilie immer wieder ermordet wurde. Die These kehrt nun zurück, in Form von Harrison, Dexters Sohn, der seinen Vater findet, viele Jahre nachdem der ihn zurückgelassen hat. 

In einer Szene sagt Dexters neue Freundin über die leibliche Mutter ihrer eigenen Adoptivtochter, dass man mit ihr kein Mitleid haben müsse, mit einer Frau, die ihr eigenes Kind zurückgelassen hat, "fuck her". Dass Dexter das gleiche getan hat, verzeihen ihm hingegen alle schnell: seine Freundin wie das Publikum. 

Das ist alles nun schon reichlich kurz gedacht und frauenfeindlich und auch einfach ein bisschen billig konstruiert, aber das kennen wir ja bereits von dieser Serie. Dieser Serie, in der jede Staffel eine ähnliche Grundstruktur besitzt: Am Anfang sieht es gut aus für den Protagonisten mit seinen dunklen Gelüsten. Die Sonne scheint, das Sozialleben funktioniert und die Mordlust lässt sich auf Menschen kanalisieren, die es verdient haben. 

Dann passiert etwas, was die Sache verkompliziert, ein Serienkiller kommt dazu, eine familiäre Komplikation, die Schlinge wird enger und enger und zum Schluss passiert etwas, das alles auf einmal löst. Meistens resultiert diese Lösung gar nicht aus der Handlung, da explodiert zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle das richtige Sprengmittel. Da kommt der richtige Mensch zur richtigen Zeit an den richtigen Ort und kann glücklicherweise noch schnell alle Spuren beseitigen, bevor die Polizei eintrifft. 

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Wie die aktuelle, neunte Staffel aufgelöst werden wird, wissen wir noch nicht. Gerade liefen erst vier Folgen. Aber die sind schon voller Logiklöcher, glücklicher und unglücklicher Zufälle.

Klar bändelt Dexters Sohn gerade mit der Tochter der Freundin seines Vaters an und natürlich ist sie Rädelsführerin beim Protest gegen den bedrohlichen Ölmagnaten. Dass Dexters Freundin zufällig Chefin der lokalen Polizei ist, spielt ihm genauso in die Karten wie die Tatsache, dass niemand einen netten weißen Mann nach seinem Ausweis zu fragen scheint. Sonst wäre seine falsche Identität schnell aufgeflogen. Wie kommt es, dass die Polizeihunde den Leichnam nicht erschnüffeln können, der einen Meter unter der Erde des Geländes liegt, auf dem Dexter wohnt? Man muss kein Fan des Hundes sein, um dem süßen Tierchen mehr zuzutrauen.

Ansonsten bringt Dexter: New Blood dumme Cliffhanger am Ende jeder Folge. Die Art von Cliffhanger, denen man schon anmerkt, dass sie nur geschrieben wurden, um dem Publikum einen Grund zu geben, auch die nächste Folge zu schauen (die Serie erscheint wöchentlich bei Sky). Hat Dexters Sohn etwa auch die Mordlust seines Vaters?

Außerdem arbeitet sich die Serie von einer vermeintlich überraschenden Entdeckung zur nächsten. Sie alle sieht man kommen, viele schon in dem Moment, in dem die jeweiligen Charaktere eingeführt werden. Da ist der gruselige alte Typ. Der tut nett, aber wohnt da, wo der Killer killt! Der unsympathische Schnösel wird Dexters erstes Opfer und der weiße Hirsch der Auslöser. Außerdem, und das ist neu, nutzt die Serie Jump Scares. Ein- oder zweimal pro Folge erschreckt sie uns. Dafür hält oft die Figur von Dexters Schwester her, Debra (Jennifer Carpenter), die zwar in der letzten Staffel starb, nun aber als Wahnvorstellung zurückkehrt und damit Dexters Ziehvater aus den früheren Staffeln ersetzt. 

Die Jump Scares sind ein schlauer Zug, denn jenseits dieser Schock-Momente fällt es der Serie schwer, Emotionen zu erzeugen. Dafür sind die Charaktere zu flach und, bis auf wenige Ausnahmen, zu schlecht gespielt. Dexter: New Blood ist also genauso dümmlich, genauso vorhersehbar und genauso konstruiert wie wir es aus den acht früheren Staffeln kennen. 

Aber, wie zu Beginn gesagt, das ist in Ordnung. Die Serie sieht gut aus, das Winter-Setting ist hübsch und auch wenn die Computer-Effekte mitunter ziemlich schlecht sind, ist das alles schön anzuschauen. 

Und, auch das muss man ihr zugute halten, diese neunte ist bislang nicht die schlechteste Staffel. Allerdings waren es bei Dexter auch meistens die Staffelfinale, die besonders blöd waren. Da kann diese Staffel also noch aufholen. Zuzutrauen ist es ihr.

Robert ist selten begeistert. Mehr von seiner schlechten Laune erlebst du auf Twitter und Instagram. Mehr von VICE gibt's derweil auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.