Porträts

Neun Menschen erzählen uns ihre schlimmsten Albträume

"Ich will nicht weiter ins Detail gehen, aber das Ganze endet in einer Geiselnahme. Ich hatte diesen Traum über mehrere Jahre und jeden Abend wurde er im Fernsehen Wirklichkeit." – Conan O’Brien

von Roc Morin
24 Oktober 2017, 8:45am

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Dieses Jahr bin ich vielen Menschen begegnet, die wirklich Albtraumhaftes durchgemacht haben. Ich habe über den grausamen Drogenkrieg auf den Philippinen berichtet und über einen Teenagermord in Israel / Palästina. Ich habe Holocaust-Überlebende interviewt, Zwangsprostituierte und Menschen, die einen Atombombenabwurf überlebt haben. Albträume sind ein wiederkehrendes Symptom solcher Traumata und in meinen Gesprächen waren sie häufig Thema.

Seit mittlerweile über drei Jahren sammle ich auf der ganzen Erde Träume für meinen World Dream Atlas. Dafür habe ich nicht nur Pornostars befragt, sondern stelle zu Halloween eine Sammlung der eindringlichsten und erschreckendsten Albträume zusammen, die mir im vergangenen Jahr erzählt wurden, und veröffentliche sie hier bei VICE. Nicht selten ist die reale Geschichte hinter dem Traum schrecklicher als die Fantasie.


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Du wirst auch von Albträumen geplagt? Dann habe ich einen Ratschlag von einem philippinischen Schamanen aus dem Dorf Gerona für dich: "Wenn du willst, dass deine Albträume aufhören, dann nagle dir den Schwanz eines Stachelrochens über die Tür. Seine Widerhaken werden die bösen Geister einfangen."

"Das ist ein wiederkehrender Albtraum von mir: Ich habe einen Auftritt, im Publikum sitzen nur sehr wenige Leute und die verliere ich auch noch. Sie beginnen, zu gehen. Ich versuche alles, um sie zum Bleiben zu bewegen, aber sie verlassen nur noch schneller den Saal. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, aber das Ganze endet in einer Geiselnahme. Ich hatte diesen Traum über mehrere Jahre und jeden Abend wurde er im Fernsehen Wirklichkeit." – Conan O'Brien in New York, USA

"Ich war sechs oder sieben, als ich mit meiner Mutter floh. Es war der Zweite Weltkrieg und wir flohen zehn Tage, bevor die Deutschen kamen und meine Familie ermordeten. Sie brannten die Straße, in der ich lebte, mit Bomben nieder. Wir fanden Zuflucht in einer Scheune und später in einem leerstehenden Gebäude. Es war mitten in der Nacht und wir hatten uns im Keller zusammengekauert, als es plötzlich an der Tür klopfte. Es war ein Mann mit einer Waffe. Er trug eine polnische Uniform mit einem roten Kreuz auf dem Arm. Wir verstanden nicht, warum er gekommen war. Eigentlich befand sich die polnische Armee auf dem Rückzug. Er setzt sich auf den einzigen Stuhl im Raum und erklärte uns mehrere Stunden, was mit uns Juden nach dem Krieg passieren würde. 'Hitler wird gewinnen', sagte er, 'und wir werden seine Verbündeten. Unsere erste Aufgabe wird es sein, euch auszulöschen.' Meine Mutter war verwundet und Blut tropfte von ihrem Arm. Er habe Verbandszeug dabei, sagte der Mann, aber sie antwortete: 'Nein, danke.' Er wiederholte immer wieder: 'Aber Sie bluten doch.' Ich erinnere mich noch, wie ich damals dachte, dass das unsere letzten Minuten auf Erden sein werden. Schließlich stand er aber auf, nahm seine Waffe und ging. Seine letzten Worte werde ich nie vergessen: 'Wir sehen uns nach dem Krieg. Ich werde zurückkommen.' Ich habe ihn viele Male in meinen Albträumen gesehen. Er kehrte zurück und brachte uns alle um." – Southfield, USA

"Manchmal wünsche ich mir, meine Schwester wäre nie geboren worden. Sie selbst hat gesagt, dass es ihre Schuld wäre, wenn Mamma und Papa früh sterben. Wir haben so viel wegen ihr durchgemacht. Mit Alkohol und Drogen bringt sie sich an den Rand des Todes. Sie hat gedroht, sich selbst die Kehle durchzuschneiden, und wurde in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Sie hat uns erzählt, dass sie tödlich an Krebs erkrankt sei und in sechs Monaten sterben werde. Es war alles erlogen. Sie hat einen Haufen solcher Dinge gemacht. Ich erinnere mich noch an einen Traum, den ich vor etwa zehn Jahren hatte. Meine Schwester und ich waren noch jung und im Schlafzimmer unserer Eltern. Wir stritten uns um irgendwas Blödes – ein Spielzeug oder so. Schließlich packte ich ihren Kopf und knallte ihn mit voller Wucht gegen das Fußende des Bettes. Ich brach ihr das Genick – die Wirbelsäule war komplett durch. Ihr Kopf hing einfach nur noch schlaff zur Seite runter. Ich hatte die eine Sache gemacht, die ich niemals hätte machen dürfen, und es war alles vorbei. Ich hatte meine Schwester mit meinen eigenen Händen umgebracht." – New York, USA

"Es war in einem Zimmer im Haus meiner Großeltern. Plötzlich wurde ein kleines schwarzes Loch in der Mitte des Raums sichtbar. Es wurde größer und größer. Ich wusste, wenn es mich erreicht, würde es mich in die Existenzlosigkeit saugen." – Berlin, Deutschland

"Die Frau meines Bruders ist Drogendealerin und die Gangs hier bringen alle Dealer um. Ich habe ihn angefleht, zurück in unsere Provinz Bulacan zu kommen, wo es sicher ist. Aber er wollte nicht hören. Letztens stand ich eines Abends direkt neben ihm, als drei maskierte Männer auf Motorrädern ankamen und ihn gewaltsam mitnahmen. Eine Stunde später entdeckten wir seinen toten Körper auf einem leeren Grundstück. Sie hatten ihm in seine Beine, seine Brust und sein Gesicht geschossen. Immer wieder sehe ich seine Entführung in meinen Albträumen. Ich höre, wie mein Bruder nach mir und unserer Mutter schreit. Ich renne hinter den Motorrädern her, aber sie verschwinden in der Ferne." – Manila, Philippinen

"Ich hatte lange Zeit einen wiederkehrenden Albtraum und er ist ultrarealistisch. Er beginnt an einem frühen Morgen. Ich lade mit meinem Sohn Gemüse in ein Fahrzeug aus den 1930er Jahren. Ich bin Mitte 30 – etwa so alt wie jetzt – und mein Sohn, den es nur in meinem Traum gibt, ist etwa 12. Wir fahren in den nächsten Ort und kommen schließlich auf einem kleinen Markt an, als es in der Ferne einen Tumult gibt. Fahrzeuge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs kommen in die Stadt gerast und Soldaten fangen an, auf dem Platz ein Massaker anzurichten. Sie sehen uns nicht als Menschen. Sie haben regelrecht Freude daran, uns auszulöschen. Ich werde von meinem Sohn getrennt und suche ihn verzweifelt. Ich finde ihn nie.

Mehrere Jahre hatte ich diesen Traum immer wieder. Ich erinnere mich an den besonderen Geruch und Geschmack, wenn ich darin auf die Erde falle. Diese spezielle Erde habe ich noch niemals irgendwo sonst gesehen. Sie hat einen basisch-mineralischen Geschmack – besonders fruchtbare, lehmige Tonerde. Vor allem erinnere mich aber an meinen Sohn – wie sehr ich ihn geliebt habe, wie stolz ich auf ihn war. Ich glaube nicht, dass ich jemanden wie ihn kenne. Er ist durch und durch gutmütig, so warmherzig und verspielt. Ich erinnere mich, wie ich ihm im Traum gezeigt habe, wie man Tomaten trimmt. Man muss da eine kleine Knospe entfernen, damit die Frucht süß bleibt. Er lernte schnell und verbesserte sofort noch meine Methoden. Er hatte immer bessere Ideen, als mir je einfallen wollen. Er war sehr schlau. Vielleicht war er vergleichbar mit mir in dem Alter – nur weniger verletzt. Ich bin als kleines Kind misshandelt und körperlich missbraucht worden. Dadurch bin ich extrem verschlossen geworden. Vielleicht war er das Kind, das ich hätte sein können, wäre mein Leben anders verlaufen." – Black Rock City, USA

"Ich habe geträumt, dass ich den Kopf meiner fünfjährigen Tochter mit einem Obstmesser aufgeschnitten habe. Ihr Schädel war weicher als ich gedacht hatte – wie Schweinehaut. Nachdem ich ihren Kopf geöffnet hatte, habe ich ihr das Gehirn rausgenommen. Ich wollte es nicht, aber es war zu ihrem Besten. So konnte ich ihr Leben neustarten – wie der Reset-Knopf bei einem Computerspiel. In mir spukte anscheinend die Vorstellung, dass ich, wenn ich sie neustarten kann, mich auch selbst neustarten könnte. Im echten Leben habe ich immer das Gefühl, dass wir unglaublich eng miteinander verbunden sind. Sie ist in gewisser Weise, wer ich immer sein wollte – mein inneres Kind. Sie wird geliebt und das weiß sie. Ich hingegen wusste das nie. Ich weiß immer noch nicht, ob meine Eltern mich gemocht haben oder nicht. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden. Manchmal bin ich auch etwas eifersüchtig auf meine Tochter. Wenn ich sie frage 'Du weißt, dass ich dich liebe, oder?', sagt sie nur: 'Das weiß ich.' Für sie ist das nichts Großes und es macht mich glücklich, wenn sie es so sagt – als wäre es nichts Besonderes. Liebe ist normal und daran herrscht in ihrem Kopf kein Zweifel." – Tokio, Japan

"Ich habe diesen wiederkehrenden Traum, in dem ich ein Kamikaze-Pilot im Zweiten Weltkrieg bin. Ich stehe beim Appell mit den anderen Piloten in einer Reihe und der Kommandeur fragt nach Freiwilligen. Natürlich geht es darum, sich mit dem Flugzeug auf ein Schiff zu stürzen. Die Freiwilligkeit ist eine reine Formalität. Ich weiß, dass ich nur hier bin, um zu sterben. Ich will ein Held sein, aber ich habe Angst – und ich schäme mich für meine Angst. Also stehe ich dort wie gelähmt auf dem Fleck, als meine ganze Reihe einen Schritt zurück macht. Auf diese Weise bin ich ausgewählt. Die Kamikaze sind ein Beispiel der japanischen Mentalität – einer Mentalität, die zurück bis zu den Samurai reicht. Bei dem Tod ging es nie um den Tod selbst, sondern viel mehr darum, zu leben, um einen ehrenvollen Tod zu finden. Es heißt, die Kamikaze hätten beim Sterben an den Kaiser gedacht. Anhand meiner Traumerfahrung würde ich aber eher vermuten, dass die allermeisten beim Sterben an ihre Familien gedacht haben." – Tokio, Japan

"Ein Vampir hat versucht, mir in den Hals zu beißen und mein Blut zu trinken. Bevor er allerdings die Gelegenheit dazu bekam, habe ich nach oben gegriffen und angefangen, ihm seine Zähne rauszureißen. Es waren Bonbons und ich habe sie alle gegessen – einen nach dem anderen." – Manila, Philippinen

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