Alternative Fakten

CDU-Spitzenpolitiker macht mit falschen Fakten zum Gender-Mainstreaming auf AfD

Jens Spahn gilt als potentieller Merkel-Nachfolger. Mit der Wahrheit nimmt er es allerdings nicht immer so genau.
19.10.17
Jens Spahn im Bundestagswahlkampf. Foto: imago | Rüdiger Wölk

Jens Spahn ist konservativ, Merkel-Kritiker und wirkt, als wolle er gerne Kanzler werden. Diese drei Infos finden sich in so ziemlich jedem Porträt über den Jüngsten aus dem CDU-Präsidium und Noch-Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Auf dem Weg ins Kanzleramt möchte Spahn die Union wieder nach rechts rücken, so wie es Sebastian Kurz gerade mit der ÖVP in Österreich gemacht hat. Am Sonntag war er bei Kurz' Wahlparty. Drei Tage später saß Spahn im ARD-Hauptstadtstudio und sollte über die Koalitionsverhandlungen von Schwarz-Gelb-Grün reden. Dabei zeigte er, dass "konservativ" sein, 2017 auch bedeutet, falsche Zahlen und Statistiken zu erfinden.

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Der Moderator Philipp Menn war gerade dabei, dem Politiker ein paar kurze und knappe Fragen zu stellen. Eine davon:

"Gender-Mainstreaming ist …"

Und Spahn antwortete:

"So wie es im Moment gemacht wird, wird alles, was man übertreibt, irgendwann … so, so 'ne … so 'ne … (stöhnt) Es wird einfach zu viel. Wenn wir mehr Lehrstühle für Gender-Mainstreaming haben, als wir mal für Allgemeinmedizin hatten, dann stimmt da irgendwas nicht mehr in der, in der Balance."

Aber hier ist Spahn selbst aus der Balance geraten.

Denn es gibt in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für Gender-Mainstreaming, weder an einer Universität noch an einer Hochschule.

Gender-Mainstreaming befasst sich mit der Gleichstellung aller Geschlechter. Das umschließt alle Ansätze, das generische Maskulinum in der deutschen Sprache abzulösen, ebenso wie Unisex-Toiletten und Wickeltische, zu denen auch Männer Zugang haben. Die EU hat sich schon Ende der 90er mit dem Vertrag von Amsterdam diesem Anliegen verschrieben. Ein Studienfach "Gender-Mainstreaming" oder eine Professur mit diesem Namen findet sich nirgendwo. Allgemeinmedizin hingegen ist – wenig überraschend – weit verbreitet.

Vermutlich hat Spahn sich nur versprochen (oder es nicht besser gewusst) und meinte die "Gender Studies". Da gibt es tatsächlich Lehrstühle und Institute: An 13 deutschen Universitäten und einer Hochschule kannst du Gender Studies oder Geschlechterforschung studieren. Das sind mehr als die Summe aller Universitäten, die hierzulande Namensforschung, Spaziergangswissenschaft und Freizeitmanagement anbieten. Aber: Ganze 39 Lehranstalten stecken dich unter dem Titel "Medizin" oder "Humanmedizin" in einen weißen Kittel. Jede von ihnen unterhält entweder ein Institut, einen Lehrbereich oder eine eigene Abteilung nur für Allgemeinmedizin. Spahns Aussage bleibt in diesem Fall falsch.

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Oder aber Spahn hat auf das Jahr 1347 angespielt. Damals gab es im Vor-Vor-Vor-Vor-Vor-Vorgänger der BRD, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, keine einzige Universität, somit auch keinen einzigen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. Das änderte sich erst ein Jahr später, als die Karls-Universität in Prag mit insgesamt vier Fakultäten den Betrieb aufnahm – darunter auch eine für Medizin. Da die Pest zur selben Zeit die deutschen Lande erreichte, war das sicherlich nicht die schlechteste Idee. Wenig überraschend gab es auch damals keine Fakultäten für Gender Studies. Der weltweit erste Kurs in Women's Studies, dem Vorläufer der wissenschaftlichen Disziplin, wurde erst 621 Jahre später angeboten.


Auch bei VICE: 10 Fragen an Jens Spahn


Und selbst wenn Spahn mit seinem Satz ein mögliches Zukunftsszenario ausgemalt hat, dann ist das in etwa so realistisch wie die Chance, dass Björn Höcke bei der Linken eintritt. Wahrscheinlicher ist nämlich, dass der Konservative Spahn mit Aussagen wie diesen alte CDU-Wähler wieder von der AfD zurücklocken möchte. Die steht nämlich sonst an der Spitze im "Kampf" gegen Gender-Mainstreaming – immer schön unterstützt durch einige von Deutschlands größten Zeitungen: Bei Bild, Welt, FAZ, Focus und dem Münchner Merkur war bereits vom "Gender-Wahn" zu lesen.

Einen "Fakten-Wahn" kann man Jens Spahn nicht unterstellen: Schon im Interview mit VICE während des Bundestagswahlkampfes hatte er behauptet, deutsche Schulen würden ihren Schülerinnen während des Ramadans Kleidungsvorschriften machen. Diese Aussage konnte sein Büro nicht belegen.

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