Popkultur

Was wir von 'Die Höhle der Löwen' über Deutschland lernen können

Eine der großen Erkenntnisse nach vier Staffeln des Erfolgsformats: Deutschland war nie cool, ist nicht cool und wird auch nie cool sein.

von Lisa Ludwig
22 November 2017, 10:20am

Foto: MG RTL D | Bernd-Michael Maurer

VOX hat es geschafft. Der Sender betreibt die erfolgreichste Dauerwerbesendung im deutschen Fernsehen: Die Höhle der Löwen. Über drei Millionen Deutsche verfolgen regelmäßig, wie Nachwuchsunternehmerinnen und -unternehmer vor laufenden Kameras um Finanzspritzen für ihre Produkte konkurrieren: von veganem Camembert bis zu Katzenstreuschippen. Übellaunig kommentiert von den dramatisch als "Löwen" inszenierten Investoren Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Carsten Maschmeyer und Dagmar Wöhrl, die in der aktuellen Staffel den ausgestiegenen Jochen Schweizer ersetzt. Das Format gehört zum Erfolgreichsten, was Dienstagabends im deutschen Fernsehen läuft. Deutschland sucht den Superstar für Businessleute und solche, die es werden wollen.

Eins muss man zugeben: Die Sendung ist lehrreich. Ihr Erfolg legt so einige schmerzhafte Wahrheiten offen – nicht über wirtschaftliche Abläufe, nicht über den Kapitalismus, nein, über uns Deutsche.

Deutsche Unternehmer leben in einer Parallelwelt

Zugegeben, es ist nicht so wahnsinnig einfach, noch innovativ zu sein, wenn es schon nahezu alles gibt, was man sich überhaupt vorstellen kann. Klar, ein Heilmittel für AIDS wäre super. Eine Möglichkeit, aus beispielsweise Steinen Trinkwasser zu gewinnen. Oder auch einfach nur ein Service, der Pfandflaschen abholt und wegbringt, und dafür 20 Prozent der Einnahmen behalten darf. Stattdessen bekommen wir bei Die Höhle der Löwen regelmäßig Produkte vorgestellt, die für eine spezielle Kaste von Menschen entwickelt wurde, die VIELLEICHT irgendwo in Deutschland leben, aber ganz sicher nicht Dienstagabends VOX schauen.


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Hatte irgendjemand von euch schon mal das Problem, dass sein Einstecktuch in der Jacketttasche einfach immer verrutscht? Kauft euch den Einstecktuchhalter ManPlan und fühlt euch Patrick Bateman so nah wie nie zuvor. Ihr könnt euch nichts Schöneres vorstellen, als fremde Menschen in eure Wohnung einzuladen und ihnen scharfe Messer in die Hand zu drücken? Besorgt euch die "Social Dining"-App Chef.One und findet heraus, wie viel Nervenkitzel sich nicht mehr in billigem Rotwein ertränken lässt.

Es scheint eine Art Parallelgesellschaft in Deutschland zu geben, die zu viel Geld und/oder absolut keinen Respekt vor sich selbst und ihren potenziellen Kunden hat. Wer sonst soll Geld für eine abwaschbare Festival-Latzhose ausgeben, in der man aussieht, als würde man Promo für ein Fischfachgeschäft machen und kostenlos Sardellen in der Fußgängerzone verteilen? Eine ernährungsbewusste Mutter gelangte in der Sendung immerhin zu der Erkenntnis, dass ihr überschaubares Bio-Mittagessen im Einmachglas für 8,50 Euro nicht unbedingt die Mitte der Gesellschaft abholen wird: "Das ist kein Massenmarkt, das ist mir klar." Eine Einsicht, die den Entwicklern der "weltweit einzigen Modekollektion, die von Affen designt wurde" offensichtlich noch verwehrt geblieben ist. (Womöglich sollte jemand den designenden Menschenaffen klarmachen, dass nur sieben Prozent der Einnahmen ihnen und ihren Artgenossen zu Gute kommen.)

Deutsche sind Meister der passiv-aggressiven Ausreden

Wenn man uns Deutschen etwas nicht vorwerfen kann, dann ist es falsche Freundlichkeit. Wo sich Japaner scheuen, selbst im hart umkämpften Wirtschaftsbereich das Wort "Nein" zu verwenden, und Amerikaner einem auch dann noch das Gefühl geben, man sei die Business-Liebe ihres Lebens, wenn sie einem schon hinterrücks die eigene Idee wegpatentieren, sind die Deutschen pragmatisch bis ehrlich. Echten Gefühlsausbrüche sieht man bei Die Höhle der Löwen aber eher nicht – schließlich sind wir hier bei einer vermeintlich seriösen Investment-Show und nicht beim Sommercamp der Stars.

Judith Williams probiert ein Produkt, das Pferdeschwänze voluminöser machen soll | Foto: MG RTL D | Bernd-Michael Maurer

Wenn einer der "Löwen" also das Gefühl hat, dass ein Bewerber mit einem absoluten Schwachsinnsprodukt seine Zeit verschwendet, bekommt er keinen Wutanfall, er wird nicht mal laut. Er oder sie sagt Dinge, die sich irgendwie motivierend anhören, eigentlich aber nichts anderes ausdrücken als: Ich verachte dich, ich verachte dein Produkt und ich verachte alles, wofür ihr beide steht. Da sagt man dann eben nicht "Ich finde das sehr langweilig und habe keinerlei Motivation zu verstehen, wie es funktioniert", sondern: "Ich wünschte, ihr Produkt wäre etwas einfacher. Und etwas innovativer."

Die "Löwen" reden sich regelmäßig damit heraus, dass sie nur deswegen nicht investieren würden, weil das Produkt nicht zur eigenen "DNA" passe. Oder man lügt den Leuten direkt schamlos ins Gesicht und vermittelt dabei den Eindruck, letzte Nacht vor Pinterest-Spruchbildchen eingeschlafen zu sein: "Ich bin mir gar nicht so sicher, dass sie dieses Investment brauchen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Dinge selbst zu tun." Was Jochen Schweizer in diesem Moment wahrscheinlich eigentlich sagen wollte: "Mit euch kann ich kein Geld verdienen. Verpisst euch."

Deutsche sind bereit, zwei Stunden am Stück Werbung zu gucken – und finden es auch noch gut

Die Höhle der Löwen ist eine Sendung, die primär eines möchte: uns etwas verkaufen. Das liegt in der Natur der Sache, schließlich geht es darum, dass ausgewählte Start-up-Gründer Schrägstrich "Innovatoren" ihre Produkte vorstellen und auf Investitionen hoffen. Statt einen realistischen Einblick zu geben, wie man es schafft, seine Ideen erfolgreich auf den Markt zu bringen, bekommen wir allerdings die vermeintlichen Vorteile von "Erfindungen" vorgebetet, die wir zum Großteil weder brauchen noch herbeigesehnt haben – unterbrochen von lauwarmem Löwen-Feedback. An was erinnert euch das? Richtig, Dauerwerbesendungen, die man als Kind morgens immer weitergezappt hat, wenn man auf der Suche nach seinen Lieblingscartoons war.

Foto: MG RTL D | Frank Hempel

Interessant ist nämlich: Berichten zufolge platzt ein gewisser Teil der vor Kameras abgeschlossenen Deals im Nachhinein. Das heißt, die realistische Motivation der Teilnehmer ist es nicht, als zukünftiger Großindustrieller das Fernsehstudio zu verlassen, nachdem man erfolgreich um die Aufmerksamkeit erfolgreicher Geschäftsmenschen gekämpft hat. Sie nutzen das Format vielmehr als Plattform, um direkt zum potenziellen Kunden zu sprechen – uns. Schließlich gibt es viele der Produkte auch ohne Unterstützung der Promi-Investoren bereits zu kaufen. Somit ist das VOX-Erfolgsformat nicht viel mehr als jede Menge Werbung, unterbrochen von Werbeblöcken. Zwei Stunden Homeshopping ohne künstliche Euphorie und angeklebte Fingernägel, quasi.

Deutschland war nie cool, ist nicht cool und wird auch nie cool sein

So gerne Deutschland auch hipper Innovationsstandort sein möchte, wenn wir nach Die Höhle der Löwen gehen, kann dieses Unterfangen nur scheitern. Wenn Deutsche nämlich etwas nicht sind, dann: ungezwungen, cool und ansteckend in ihrer Euphorie für eine Idee. Wenn Bundestrainer Jogi Löw selbst nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft den Eindruck erweckt, als stünde er gerade bei der langsamsten Kasse im Supermarkt an – wie soll mir dann ein deutscher Hobby-Unternehmer glaubhaft vermitteln, dass diese Katzenstreuschaufel mein Leben verändern wird?

Wenn deutsche Erfinder den Silicon-Valley-Swagger auspacken wollen, wirkt es bestenfalls irgendwie krampfig. So als hätten sie jede Handgeste vorher vor dem Spiegel eingeübt. Der deutsche Unternehmer versucht, seinen Mangel an natürlichem Charisma deshalb dadurch wettzumachen, dass er nahezu willkürlich möglichst viele englische Begriffe einstreut. Denn Englisch klingt nicht so sperrig und wird in den USA gesprochen, dem Ursprungsland motivierender YouTube-Videos. Deswegen heißt "die vegane Käsealternative", die bei VOX vor Kurzem um Investorengelder bettelte, auch Happy Cheeze, und ein mobiles Bidet nicht "glücklicher Arsch", sondern HappyPo. Seinen unglückseligen Höhepunkt fand das Denglisch-Massaker bei den Organisatoren einer alkoholfreien "Detox-Party", die ankündigten: "Wir machen healthy sexy!"

Wenn selbst Englisch nicht mehr hilft, schnappt sich der Wirtschaftsboss von morgen einfach irgendetwas, das die Jugend bewegt (eine Hit-Single von Haftbefehl beispielsweise) und macht es zum Teil seines Produkts. An dieser Stelle Shoutouts an die coolen Gangsta von BABO Blue. Wenn es eine Topliste der unangenehmsten Produktvorstellungen aller Zeiten gäbe, ihr wäret mit eurem blauen Bier ganz oben mit dabei. True story.

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