Kotze, Paras und Panikattacken: High sein im Flugzeug ist die Hölle

"Alle um uns herum schauten angeekelt rüber. Mein Kumpel drehte komplett durch." – Connor, 34

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02 September 2018, 10:00am

Flugzeug: imago | Rüdiger Wölk (bearbeitet)

Keine Frage, es gibt viele Dinge, die bekifft ganz witzig sein können. Das Wildschweingehege im Wildpark zum Beispiel, Seth-Rogen-Filme, Mario Kart oder einfach im Bett sitzen und bei einer Folge South Park eine Schüssel Kuchenteig auslöffeln. Weniger witzig: wichtige Vorstellungsgespräche, endlos lange Termine beim Bürgeramt oder der Antrittsbesuch bei den Eltern deiner neuen besseren Hälfte in Paderborn. Oder, die buchstäbliche Definition eines Horrortrips: völlig breit durch den Flughafen-Check-in zu müssen, um dann stundenlang Tausende Meter in der Luft hinter der zurückgestellten Rückenlehne des Vordersitzes eingepfercht zu sein.

Hier sind Geschichten von Menschen, die es gewagt – und bereut – haben.


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Der Kotzkomet

Aiden, 35, und Connor, 34

Aiden: Connor ist in unserer Clique der sogenannte Anzünder. Er hat großen Spaß daran, andere bekifft zu machen – vielleicht ist es auch einfach purer Sadismus. Im Taxi auf dem Weg zum Flughafen bestand er jedenfalls darauf, dass ich ein paar von seinen Graskeksen esse, die er selbst gebacken und in einem Gefrierbeutel mitgebracht hatte.

Connor: Ich glaube nicht, dass Aiden die Sache so richtig geheuer war, obwohl ich zu ihm meinte, dass ich das schon zwei-, dreimal gemacht hatte. Er hat dann zwei Kekse gegessen. Er behauptet zwar, es seien drei oder vier gewesen, ich bin mir aber sicher, dass es zwei waren. Weil ich so nett bin, hatte ich sogar Milch mitgebracht, um die Kekse runterzuspülen.

Aiden: Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einlasse. Als wir durch die Sicherheitskontrolle gingen, merkte ich noch nichts. Anschließend hatten wir noch einen Drink an der Bar und ich merkte immer noch nichts. Als wir am Gate waren und ich zum Boarding aufstand, erwischte es mich dann mit voller Wucht. Ich dachte: "Heilige Scheiße! Das hat absolut nichts mehr mit einer kleinen Tüte zu tun!"

Connor: Er wurde etwas weiß um die Nase.

Aiden: Ich schaffte es irgendwie in den Flieger. Als ich auf meinem Platz saß, fühlte ich mich wie eingepfercht, ich bin richtig klaustrophobisch geworden. Ich hatte den Sitz in der Mitte zwischen Connor und einer jungen Frau und war total überfordert. Mir brach der kalte Schweiß aus und mir war richtig schlecht. Dabei hatte sich das Flugzeug noch gar nicht bewegt.

Connor: Es wurde immer schlimmer. Er fing an, richtig panisch zu werden. Ich versuchte, ihn mit etwas Musik abzulenken.

Aiden: Connor versuchte mich zu beruhigen. Ich setzte die Ohrstöpsel ein und hörte plötzlich Opernmusik. Er merkte, dass er Scheiße gebaut hatte, und fing an, sich zu entschuldigen.

Connor: Es stimmt nicht, dass ich ihm Opernmusik angemacht habe. Ich weiß noch, dass es "On and On" von Orbital war.

Aiden: Mit der Musik war es dann endgültig vorbei. Ich wusste, was mich als Nächstes erwartet.

Connor: Ich suchte hektisch nach einer Kotztüte, aber konnte keine finden. Also gab ich ihm die Plastikhülle, in der die Bordmagazine eingepackt waren. Leider traf er die Hülle nur so halb. Wir waren noch nicht einmal gestartet. Alle um uns herum schauten angeekelt rüber.

Aiden: Ich hatte mir mein weißes Hemd und die Khakihose komplett vollgereiert. Immerhin fühlte ich mich danach etwas erleichtert. Ich schleppte mich zum Klo, wo ich dann 20 Minuten auf dem Boden hockte. Ich dachte mir nur: "Was zur Hölle soll ich jetzt machen?" Dann klopfte es heftig gegen die Tür. Ich wurde mir schlagartig wieder meiner Situation bewusst. Ich gab mir einen Ruck und öffnete die Tür.

Die Flugbegleiterin war sehr freundlich. Ich versicherte ihr, dass es mir gut gehe. Sie setzte uns in den hinteren Teil des Fliegers. Ich ging mit gesenktem Kopf durch die Sitzreihen. Das war mein Walk of Shame. Meinen alten Sitz hatten sie mit Kaffeepulver eingerieben, um den Kotzgeruch zu überdecken.

Ich war unfassbar sauer auf Connor. Die Flugbegleiterin kam zurück zu mir und fragte, ob ich irgendwelche Drogen oder Alkohol genommen hätte. Sie hatte einen kleinen Block dabei und machte sich Notizen. Ich war super paranoid, aber blieb standhaft. Ich erzählte ihr, dass ich heftige Flugangst habe und mir schlecht sei.

Connor: Er hat ihr erzählt, dass er seit 9/11 extreme Angst vorm Fliegen habe und die Nerven mit ihm durchgegangen seien.

Aiden: Den Rest des Flugs habe ich einfach nur geschlafen. Ich war mir sicher, dass mich nach der Landung eine weitere Befragung erwarten würde, aber nichts ist passiert. Ich konnte es kaum abwarten, frische Klamotten anzuziehen und den Flughafen zu verlassen, aber es dauerte ewig, bis unsere Koffer auf dem Band auftauchten.

Die Freunde, die uns abholten, bemerkten sofort, wie fertig ich aussah. Nach dem Abendessen sind wir dann noch zu einer Party und ich bin wieder umgekippt.

High und trotzdem ganz unten

Jarrod, 36

Vor sechs Jahren bin ich von New York nach South Carolina geflogen, um einen Freund zu besuchen. Irgendjemand meinte zu mir, dass es lustig wäre, vor dem Flug einen Grasbrownie zu essen. "Ja", dachte ich mir, "warum eigentlich nicht?"

Ich aß den Brownie direkt vor dem Sicherheitscheck. Ich wollte auf keinen Fall breit sein, bevor ich sicher im Flugzeug saß. Mein Plan ging auf. Als der Brownie zu wirken begann, hatte ich an einen Fensterplatz und keine Sitznachbarn.

Eine gefühlte Ewigkeit nach dem Start schaute ich aus dem Fenster – und konnte immer noch ganz klar die Schwimmbecken, die Einfahrten und die Häuser erkennen. Wirklich hoch schienen wir nicht zu fliegen. War meine Zeit- oder meine Raumwahrnehmung vielleicht gestört? Als der Flugbegleiter mit dem Getränkewagen vorbeikam, fragte ich: "Entschuldigung. Können Sie mir kurz weiterhelfen? Ich habe das Gefühl, dass wir gerade ziemlich niedrig fliegen."

"Was meinen Sie mit niedrig?", fragte er.

"Unsere Flughöhe. Das kommt mir irgendwie nicht normal vor", sagte ich.

Er lehnte sich rüber und schaute aus dem Fenster: "Sie haben recht."

Ich fühlte mich bestätigt.

Zum Ärger der Passagiere, die auf ihre Getränke warteten, ließ er den Wagen im Gang stehen und ging zum Piloten. Als er zurückkehrte, meinte der Flugbegleiter, es würde wohl am Flugverkehr liegen.

Ich wollte nicht tiefer in die Materie eintauchen, also nickte ich einfach. Etwa 30 Sekunden später schoss das Flugzeug in einem steilen Winkel hoch in die Wolken.

Entweder waren wir wirklich wegen des Verkehrs so tief geflogen oder ich hatte gerade einen verpennten Piloten aufgeweckt.

Ganja-Gate

Alex, 34

Ich bin über die Feiertage von New York nach Vanvcouver geflogen. Auf meinem Regal lag noch ein kleines Stück Grasschokolade, die mir ein Kumpel bei seinem Besuch mitgebracht hatte. "Das ist das perfekte Mittel gegen meine latente Flugangst", dachte ich mir, und steckte es mir beim Rausgehen in den Mund.

Ich war spät dran. Im Taxi setzte langsam die Wirkung ein. Knapp vor der Schließung erreichte ich noch den Check-In-Schalter und musste mit meinen Habseligkeiten rumhantieren, um die Gewichtsgrenze nicht zu überschreiten. Zunehmend paranoid und ängstlich hastete ich durch den Sicherheitscheck. Als ich dann panisch beim Gate ankam, sah ich, dass mein Flug Verspätung hatte.

Während ich wartete, entfaltete die Schokolade ihre Wirkung. Ich fühlte mich von meiner Umgebung und meinem Körper entkoppelt. Der Flug wurde immer weiter nach hinten verschoben und der Rausch immer stärker. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Es war, als hätte ich jegliche Kontrolle verloren. Mit Mühe konzentrierte ich mich auf das Buch, das ich mitgebracht hatte. Um mich herum spürte ich nur noch negative Energien. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas höchst Illegales getan, als würde ich zehn Päckchen Koks in meinem Magen schmuggeln.

Zwei Kinder rannten lachend durch die Wartehalle und machten mich zusätzlich paranoid. "Die wissen definitiv, dass ich total dicht bin", dachte ich mir. Ich war mir sicher, dass mich alle anstarrten – und war kurz davor, durchzudrehen. Mit dem Sicherheitspersonal an US-amerikanischen Flughäfen ist bekanntermaßen auch nicht zu spaßen.

Im Flugzeug klang die Wirkung zum Glück langsam ab, beim Aussteigen fühlte ich mich wieder normal. Ich habe seitdem nie wieder vor einem Flug gekifft oder irgendetwas mit Gras gegessen. CBD-Öl hilft mir allerdings tatsächlich dabei, mich vor dem Fliegen ein bisschen zu entspannen. Ganz ohne Paranoia.

Das Therapietier

Conrad, 18

Ich bin von New York nach Irland geflogen und hatte auf dem Weg zum Flughafen einen Haufen Reiswaffeln mit Gras-Schokoladenüberzug gegessen. Die Wirkung setzte ein, als ich gerade beim Check-in war.

Weil die Schlange vor dem Schalter super lang war, entschied ich mich, erstmal einen kleinen Spaziergang zu machen. Natürlich habe ich mich verfranzt und bin in einem anderen Terminal gelandet. Ich war allerdings dermaßen tiefenentspannt, dass mich das überhaupt nicht gestört hat.

Als ich wieder am Schalter war, stellte ich fest, dass meine Tasche ein knappes Kilo Übergewicht hatte. Ich öffnete sie und fand darin eine gigantische Tüte Gummibärchen. Ich musste laut lachen. Die Frau vom Check-in lachte mit.

Das Lachen verging mir allerdings, als ich anschließend 40 Minuten im Sicherheitsbereich verbringen musste. Über die Sprechanlage wurde bekanntgegeben, dass sie uns mit einem Bombenspürhund kontrollieren würden. Obwohl ich wusste, dass der Hund nicht auf Drogen anschlägt, ahnte ich Böses. Ich bin nämlich kein Amerikaner, sondern Franzose. Die würden mich doch deportieren! Ich drehte innerlich durch und fing an, tierisch zu schwitzen. Jeder, der mich beobachtet hätte, hätte gesehen, wie nervös ich war. Bei dem Gedanken bekam ich nur noch mehr Angst.

Als ich dann am Hund vorbeikam, wollte ich ihn streicheln. Keine Ahnung, warum. Ich liebe Hunde einfach. Zum Glück konnte ich mich gerade noch zurückhalten. Im Flieger kam ich dann überhaupt nicht darauf klar, dass der Flugbegleiter einen starken britischen Akzent hatte. Das war doch eine amerikanische Airline? Vielleicht war das auch alles etwas viel für mich, weil ich bislang kaum alleine gereist war.

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