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Längst überfällig: Die Metal-Szene hat endlich auch eine MeToo-Bewegung

Wir haben mit den Frauen hinter KillTheKing und MetalToo gesprochen, die sich gegen Frauenfeindlichkeit und Rape Culture im Metal einsetzen.

von Kim Kelly
28 März 2018, 10:05am

Foto: imago/imagebroker

Im Februar trat die kontroverse Extrem-Metal-Band Deströyer 666 in der Stockholmer Konzerthalle Södra Teatern auf. Dabei schoss Sänger KK Warslut in einer Ansage gegen #MeToo, die weltweite Bewegung gegen sexuelle Gewalt und Frauenfeindlichkeit. Genauer gesagt richtete sich die Wut gegen #KillTheKing, eine von #MeToo inspirierte Kampagne. Diese wird von drei Schwedinnen geführt und setzt ein Zeichen gegen Belästigung, Missbrauch und Frauenfeindlichkeit in den örtlichen Metal-Szenen. Im ersten Statement von #KillTheKing wurden explizit Deströyer 666 als Beispiel für die schädliche Maskulinität genannt, die die gesamte Metal-Szene durchzieht. Und dieser Umstand ließ bei Warslut anscheinend einige Sicherungen durchbrennen.

Die schwedische Zeitung StockholmDirekt berichtete als erstes über den Zwischenfall und ließ Noisey eine Übersetzung des Artikels zukommen. Darin steht, dass sich der Sänger während des Auftritts sowohl über die Bewegung als auch die Frauen dahinter mehr als abfällig äußerte: "Einige Frauen in diesem Land haben ein Problem mit uns. Ich weiß genau, was die brauchen: einen harten Schwanz! Scheiß auf diese politischen Fotzenleckerinnen. Dieses Lied geht raus an die Fotzen von #KillTheKing."

Nachdem der StockholmDirekt-Artikel erschienen war, entschuldigten sich die Betreiber von Södra Teatern öffentlich und verurteilten die Aussagen der Band. Laut dem Booking-Agenten der Konzerthalle wurde der Auftritt auch nicht von Södra Teatern gebucht, sondern von einem örtlichen Promoter mit Verbindungen zu Deströyer 666. Die Band darf in Zukunft nicht mehr dort auftreten. Auf die Bitte einer Stellungnahme hat Season of Mist, das Label von Deströyer 666, noch nicht reagiert.

Währenddessen wurden Deströyer 666 vom Line-up eines Konzerts in San Francisco gestrichen, bei dem sie vor der schwedischen Black-Metal-Band Watain spielen sollten. Wie die Website Brooklyn Vegan berichtet, trafen die Veranstalter diese Entscheidung, nachdem sie von dem Vorfall in Stockholm erfahren hatten. Watain sorgte anschließend dafür, dass das Konzert in einer anderen Venue stattfand, damit sie trotzdem mit ihren Tour-Partnern spielen konnten. Im Facebook-Statement geben sich Deströyer 666 gewohnt konfrontativ und hängen am Ende ein prägnantes "Scheiß auf alle! Wir geben nicht auf!" an.


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Während das Drama um die Extreme-Metal-Band weitergeht, bleiben die Frauen, gegen die sich die Anfeindungen richten, nicht nur resolut, sondern auch zuversichtlich. "Es überrascht mich nicht, dass sich Deströyer 666 zu solchen Vollidioten machen", sagte Emelie Draper nach der Ansage beim Konzert gegenüber StockholmDirekt. Draper ist eine Sprecherin der schwedischen Antirassismus-Gruppierung Heavy Metal Against Racism und Mitbegründerin von #KillTheKing. "Echt schade, dass sie ihre durchschnittliche Musik mit weinerlichen Ansagen gegen uns ergänzen müssen. Aber genau wegen solcher Dinge gibt es #KillTheKing. Und die ganze Angelegenheit zeigt, dass unsere Botschaft ankommt."

Im Skype-Gespräch erklärt mir Emmy Sjöström, eine weitere #KillTheKing-Organisatorin, warum die Bewegung Deströyer 666 überhaupt als eine Art Aushängeschild für all das, wogegen sie kämpfen, deklariert haben. "Wir haben genau diese Band erwähnt, weil sie so ein gutes Beispiel abgibt", sagt sie. "Der Sänger KK zieht alles in den Dreck, vor allem Frauen. Er weiß von unserer Existenz und wir regen ihn so sehr auf, dass er sogar bei seinen Konzerten gegen uns schießt. Er macht genau das, wofür wir ihn anprangern, und schneidet sich so ins eigene Fleisch."

Diesen Kampf muss Sjöström nicht alleine führen. Neben ihr stehen eine Reihe anderer schwedischer Metal-Frauen von Dear Darkness, einer feministischen Instagram-Metal-Community, und von der bereits erwähnten Gruppierung Heavy Metal Against Racism. Laut Sjöström wurden die Frauen von Schwedens #MeToo-Bewegung inspiriert, denn sie sahen Parallelen zwischen den dazu geführten Diskussionen und ihren eigenen Erfahrungen als weibliche Metal-Fans. Auch andere Frauen haben sich auf ihre Seite geschlagen: Die Metal-Journalistin Sofia Bergström dokumentierte zum Beispiel ihre Erfahrungen mit Frauenfeindlichkeit im Metal in einem Editorial für die schwedische Zeitung Aftonbladet. Darin gibt sie #KillTheKing als die Inspiration für ihre Worte an. Inzwischen haben schon über 1.300 Menschen die #KillTheKing-Petition unterschrieben.

"Die #MeToo-Revolution wurde in Schweden dank mehrerer Petitionen ganz schnell sehr groß", erklärt die Dear Darkness-Sprecherin Frida Calderon. "Frauen aus der Musikbranche riefen ihre eigene Aktion ins Leben. Da schlossen wir uns mit einer eigenen Gruppierung für die Hardrock- und Metal-Szene an – weil es Frauen und nicht-binäre Menschen gerade in dieser Szene besonders schwer haben. Hier wird vieles verschwiegen, wie mussten die Frauen endlich zu Wort kommen lassen."

"Wir wollten etwas Eigenes starten, weil die Situation in der Metal-Community so schlimm ist", erzählt Sjöström. "Wir haben die Schnauze voll, also lasst uns den König töten. Wir initiierten die Kampagne und erklärten das Ende der männlichen Dominanz. Es war an der Zeit, Frauen und nicht-binäre Leute als gleichwertige Menschen wahrzunehmen. Genug ist genug."

Im Januar 2018 geriet der Stein richtig ins Rollen, denn da posteten die Verantwortlichen das #KillTheKing-Manifesto in den sozialen Netzwerken. Darin stellen sie Bands wie eben Deströyer 666 oder Pentagram und Venom Inc an den Pranger. Dieser Schritt erregte direkt viel Aufmerksamkeit und die ersten Reaktionen waren laut Sjöström überwiegend positiv: "Viele Frauen und nicht-binäre Menschen bedankten sich bei uns für die Initiative und die Worte über das anhaltende Problem." Obwohl es auch boshafte Gegenreaktionen von frauenfeindlichen Metal-Fans gab (anonyme Hasskommentare werden von Sjöström gelöscht und ignoriert), führte die positive Aufmerksamkeit dazu, dass die Frauen #KillTheKing über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinaus zu einer globalen Bewegung ausweiteten. Und Dear Darkness hat mit #MetalToo eine weitere Kampagne gestartet.

"Die #MeToo- und #KillTheKing-Bewegung muss auch weiterhin Menschen aller Gender, aller Ethnien und aller Länder miteinbeziehen", heißt es in dem dazugehörigen Post. "Frauen, nicht-binäre Menschen und Männer müssen sich über Grenzen hinweg vereinen, um zusammen für eine Hardrock- und Metal-Szene zu kämpfen, in der alle gleich sind. Eine Szene, in der wir unsere Liebe zur Musik alle gleich und sicher zelebrieren können. Die Musik vereint uns und die Musik sollte uns zusammenhalten."

Um ein Bewusstsein zu schaffen, sammelt #MetalToo Geschichten von Frauen aus der ganzen Welt darüber, wie sich sexuelle Gewalt, Belästigung, elitäres Gehabe und Frauenfeindlichkeit auf ihre Leben als Metal-Fans ausgewirkt haben. Diese anonymen Erfahrungsberichte werden über den Instagram-Account von Dear Darkness veröffentlicht. So hat man bereits erfahren, dass mehrere Bandmitglieder und auch Metal-Fans sexuell übergriffig geworden sein sollen. Auch Aftonbladet hat über 20 dieser #MetalToo-Geschichten und einen Aufruf der Gruppierung abgedruckt.

"Wir haben mit einer geheimen Facebook-Gruppe für Frauen und nicht-binäre Menschen angefangen und so einen Safe Space geschaffen, wo jeder seine Geschichte erzählen kann. Die anderen Mitglieder hören zu und geben seelischen Beistand", sagt Sjöström. "Die Geschichten, die wir da zu lesen bekommen, sind schrecklich. Es geht um Gewalt, Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe. So etwas passiert bei jedem Festival hier in Schweden. Bei jeder Show kommt es zu Zwischenfällen, zu denen es niemals kommen sollte. Diese Geschichten zu lesen – und vieles davon schon selbst erlebt zu haben –, ist nicht leicht, weil die Betroffenen von der Öffentlichkeit nicht ernst genommen werden. Nach dem Motto 'Komm schon, du bist in Schweden, hier passiert doch nie was Schlimmes'. Doch, das tut es."

Laut Sjöström lenken die Gender-Gleichheit, die Sozialhilfe, der hohe Lebensstandard, die zukunftsweisende Energiepolitik und die allgemeine Zufriedenheit in Schweden oftmals von den wahren Problemen ab. "Schweden gilt als Land, in dem Gleichberechtigung herrscht. Die Realität sieht aber anders aus", sagt sie. "In der Metal-Community müssen wir Frauen uns im Gegensatz zu den Männern immer wieder beweisen. Langsam haben wir da keine Lust mehr drauf. Wir wollen einfach genauso zur Szene gehören wie alle anderen auch. Wir wollen auf Konzerte gehen und uns dort betrinken. Wir lieben die Musik genauso wie die männlichen Fans."

"Uns war schon immer bewusst, dass diese patriarchale Einstellung auf der ganzen Welt vorherrscht und dass die von Männern dominierte Metal-Szene da keine Ausnahme bildet", fügt Calderon hinzu. "Die Schweden haben sich aber schon seit jeher gegen Ungerechtigkeiten ausgesprochen. Deswegen sind wir jetzt hier. Die Frauen der Generationen vor uns verlangten bezahlte Elternzeit, Empfängnisverhütung, Kinderbetreuung und kostenlose Abtreibungen. Sie sind für die Gesellschaft verantwortlich, in der wir heute leben. Deswegen mussten wir diese Tradition fortführen."

Der Name #KillTheKing stammt von der Heavy Metal Against Racism-Gruppierung. Banesa Martinez, eine langjährige Metal-DJane und weitere Sprecherin dieser Gruppierung, betont, dass man bei der Bewegung auf Intersektionalität setze und wie sich struktureller Rassismus von der schwedischen Gesellschaft aus in die Metal-Szene ziehe.

Laut Martinez vertusche das feminismusfreundliche Image Schwedens die dortigen Sozialprobleme, gegen die sich #KillTheKing ebenfalls einsetzt. "Die Zahl der Hassverbrechen in Schweden steigt, Ziele sind jetzt auch Asylanten-Wohnheime und Synagogen", erzählt sie. "Gemeinnützige Organisationen erhalten im Kampf gegen häusliche Gewalt nicht genügend Unterstützung von der Regierung und Vergewaltigungsopfer werden vor Gericht immer noch ungerecht behandelt. Gemessen an schwedischen Standards werden immer noch viele Frauen zu Hause von ihnen bekannten Männern umgebracht. Die Zusage für geschlechtsanpassende Operationen bekommt man – wenn überhaupt – erst nach Jahren."

Martinez weiß noch genau, wie sie früher bei Black-Metal-Konzerten oft auf offensichtliche Neonazis traf, diese irgendwann auf deren politische Einstellung ansprach und dann bei einem Festival von Rassisten brutal zusammengeschlagen wurde. In anderen Worten: Für Martinez (und alle anderen involvierten Frauen) ist das ein persönlicher Kampf.

Wie Calderon erzählt, haben sich die drei Gruppierungen aufgrund ähnlicher Erfahrungen in der schwedischen Metal-Community schnell zusammengefunden und ein gemeinsames Ziel gesetzt. Alle Frauen, mit denen wir gesprochen haben, rutschten als Teenagerinnen in die Szene und hatten nie das Gefühl, trotz ihrer Leidenschaft für die Musik dort wirklich akzeptiert zu werden. Man stempelte sie als "Groupies" ab, stellte ihr Metal-Fachwissen in Frage oder strafte sie ab, weil sie sich nicht in die von ihnen erwartete Rolle pressen ließen.

"Als Mädchen aus der Mittelschicht auf einer kleinen Ostseeinsel musste ich meine musikalischen Vorlieben quasi verstecken, um akzeptiert zu werden", erzählt Calderon. "Ich galt als Tomboy und befürchtete, dass meine Lieblingsbands dieses Bild nur noch verstärken würden. Ich war nicht 'girly' genug, um Metal-Shirts, Stiefel und kein Make-up tragen zu können. Das kam bei den Jungs nicht gut an. Heutzutage ist die Metal-Szene meiner Meinung nach gar keine Subkultur mehr, sondern ein globale Musik-Community. Eigentlich sollten sich dadurch alle Frauen und nicht-binären Menschen mit ihren musikalischen Präferenzen wohler fühlen, aber Sexismus und Lookismus sind präsenter denn je."

Wie geht es mit #MetalToo nun weiter? Das gesteckte Ziel ist auf jeden Fall die weltweite Verbreitung und mit #KillTheKing-Gruppen in verschiedenen Ländern ist dafür schon die Grundlage geschaffen. Calderon fordert alle Interessierten dazu auf, sich mit dem Hashtag an der Aktion zu beteiligen, die Petitionen zu unterschreiben, persönliche Geschichten zu teilen und vielleicht sogar eigene örtliche Gruppen zu gründen. Nur so könne der Kampf gegen Sexismus, Frauenfeindlichkeit und sexuelle Gewalt im Metal weitergehen.

"Der Spirit unseres Aufstands war von Anfang an klar. Wir wollten Geschichten teilen, uns gegenseitig unterstützen und klarstellen, dass wir nicht schuld sind, sondern dass es wegen der destruktiven Männerrolle ein strukturelles Problem in der Szene gibt", erklärt Martinez. "Man will uns Frauen mithilfe von sozialen Strukturen und strengen Normen klein halten. Als die ersten Geschichten unter #KillTheKing online gingen, überraschten uns die schrecklichen Erfahrungen nicht wirklich. Was wir aber nicht erwarteten, waren die Menge an Menschen, die etwas zu erzählen hatten, und einige Namen von Bands und Venues, die in diesem Zusammenhang fielen. Genau deswegen arbeiten wir aber umso härter und fokussierter."

"Viele Frauen außerhalb von Schweden haben sich entschlossen bei uns gemeldet und gesagt, dass sie bei sich auch so etwas bräuchten", fügt Sjöström hinzu. Es scheint, als haben immer mehr Frauen und nicht-binäre Metalheads die Schnauze genauso voll wie Sjöström und ihre Mitstreiterinnen.

"Wenn du seit über zehn Jahren in der Szene mitmischst und dir so viel Ungerechtigkeit widerfährt, dann fragst du dich irgendwann automatisch, ob du wirklich so behandelt werden willst. Ich wurde immer wütender", erzählt Sjöström. "Die Leute nahmen den ganzen Sexismus und die Frauenfeindlichkeit innerhalb der Metal-Community einfach so hin, weil es ja schon immer so gewesen sei. Mir sind diese Themen jedoch nicht egal, weil ich davon betroffen bin. Jetzt bin ich zusammen mit vielen meiner Kolleginnen wütend!"

"Beim Metal ist es schon immer darum gegangen, gegen den Strom zu schwimmen", fasst Sjöström die Situation zusammen. "Wenn man sich das aktuelle Weltgeschehen ansieht, findet man überall diese zerstörerische Maskulinität, Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Da ist die Metal-Community fast schon in der Pflicht, sich dagegen zu positionieren. Deswegen sollte man sich als Anti-Establishment-Metalhead nicht einfach mit der Rolle als Alpha-Mann abfinden, sondern sich uns anschließen. Wir provozieren nämlich und machen so gesehen also alles richtig."

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