Riot-Oma

Eine Oma sprayt gegen das Schweizer Bünzlitum

Anneliese Adolphs Hausverwaltung verbot Kindern, vor dem Haus Fußball zu spielen. Grund genug für die 85-Jährige, zur Sprühdose zu greifen.
03 Oktober 2017, 11:04am
Links: Alex Harvey auf unplash | Rechts: pixabay

Wer denkt, dass das Alter entradikalisiert, kennt die 85-jährige Anneliese Adolph noch nicht. Sie gesellt sich wohl als neuestes Mitglied in die Reihen der Riot-Omas, die sich 2017 bereits beim WEF mit der Polizei anlegten, eine Wand vor der Schweizer Nationalbank besprühten oder einfach auch mal gegen das Hornverbot für Schiffe auf dem Zürichsee anschwammen. Anneliese lebt in einem Mehrfamilienhausquartier im St. Galler Ort Wittenbach. In ihrem Quartier leben auch viele Familien mit Kindern, die tun, was Kinder halt so tun und dazu gehört auch Fussballspielen auf der Wiese vor den Häusern. Weil das wohl einigen Bewohnern zu laut war, beschloss die Hausverwaltung diesen Sommer trotz einer "familienfreundlicher Wohngegend" ein Fussballverbot, wie der Blick berichtet. Ein Verbotsschild mit einem rot umkreisten Fussball weist seitdem die Kinder darauf hin, dass sie ihre Bälle besser woanders kicken sollen.

Anneliese, die selber auch Urgrossmutter ist, stösst das sauer auf. "In was für einer Welt leben wir eigentlich? Kinder machen Lärm, das ist eine Tatsache. Wer das in einem Familienquartier nicht akzeptieren kann, sollte besser in einen einsamen Wald ziehen", sagt die Rentnerin zum Blick. Schon im Sommer setzte sie erstmals zur Tat an und überklebte das Verbotsschild, worauf es zu Wortgefechten mit Anwohnern kam, die das Verbot unterstützen. Nun hat Anneliese also nochmal einen draufgelegt, und das keineswegs im Affekt.

In einem Geschäft fragte Annelies nach rotem wasserfesten Spray und begab sich anschliessend zum dem ungeliebten Verbotsschild. Am hellichten Tag übersprayte sie das Schild: "Mit einer Hand hab ich gesprayt, mit der anderen habe ich einer glotzenden Anwohnerin auf dem Balkon zugewinkt", erzählt sie dem Blick. Weil die Anwohnerin die Polizei rief, hat die Rentnerin jetzt ein Strafverfahren am Hals. Die tapfere Kämpferin gegen das Bünzlitum stört das jedoch wenig. Weil sie Ergänzungsleistungen bezieht und sich die Strafe kaum leisten kann, will sie im Quartier Spenden sammeln. Oder auch einfach ein paar Tage in den Knast gehen: "Dann erlebe ich in meinem Alter noch einmal etwas Neues", erzählt sie dem Blick. Dort hat Anneliese dann auch wieder Zeit, sich den anderen Kämpfen zu widmen, die sie bereits begonnen hat – wie zum Beispiel in Leserbriefen geschützte Lebensräume für Frösche zu fordern.

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