Österreichs größtes Problem ist sein kleingeistiges Stammesdenken (ja, Stammesdenken)
Collage: VICE Media
Schon wieder Wahlen!!!

Österreichs größtes Problem ist sein kleingeistiges Stammesdenken (ja, Stammesdenken)

Der Sieg der Rechtspopulisten zeigt: Mit der Flüchtlingskrise ist dieses Denken zum Fetisch geworden, gegen den jedes logische Argument verliert.
18.10.17

"Ich habe in Wien mit vielen Menschen gesprochen, die zu mir gesagt haben, dass sie überlegen, ob sie nicht umziehen sollen, weil sie sich mittlerweile in ihrer eigenen Gasse schon etwas fremd fühlen." Dieser eine Satz ist mir im vergangenen Nationalratswahlkampf ganz besonders in Erinnerung geblieben. Er stammt von Sebastian Kurz – die Anekdote erzählte er bei seinem etwas sektenhaft inszenierten Wahlkampf-Event in der Wiener Stadthalle.

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Normalerweise geht mir fremdenfeindliches Geschwafel in österreichischen Wahlkämpfen beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus. Anders würde man als Österreicher auch sehr schnell sehr deppert werden. Aber diese eine Aussage hat mich ausnahmsweise am falschen Fuß erwischt. Wahrscheinlich, weil ich selbst in Wien lebe, für viele Österreicher "etwas fremd" aussehe, und diese sehr direkte Fremdenfeindlichkeit bisher eigentlich nur von den Freiheitlichen gewohnt war.

Ich persönlich habe die Situation ja immer eher andersrum empfunden, als die Leute, mit denen Kurz da offensichtlich geredet hat: Ich bin nach der Schule vom österreichischen Land in die Hauptstadt gezogen, weil ich sie als den einzigen Ort im Land empfinde, in der ich mich nicht die regelmäßig fremd fühlen muss; weil den meisten Leuten, die ich hier treffe, im Vergleich zum ländlichen Österreich ziemlich scheißegal ist, wie ich aussehe und ich bei weitem nicht so oft angegafft werde, als wäre ich ein Einhorn.


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Kurz hat für diese Aussage von ein paar Tausend weißen ÖVP-Jüngern in der Stadthalle jedenfalls Zwischenapplaus geerntet. Das waren Leute, die nicht aussahen wie die wütenden Vollzeit-Rassisten, die Fotografen auf FPÖ-Wahlveranstaltungen am Viktor-Adler-Markt so gerne porträtieren. Das waren eher lauter eh ganz lieb ausschauende Österreicher, wie sie durchschnittlicher nicht wirken könnten.

Jetzt, ein paar Wochen später, ist die Wahl geschlagen und Kurz hat wie erwartet gesiegt – mit einem Programm, das inhaltlich sehr ähnlich dem von Straches FPÖ ist. Dabei hatten die Rechtspopulisten in praktisch allen demographischen Gruppen die Nase vorn: Männer unter 29 wählten mehrheitlich Kurz, Frauen unter 29 sogar die FPÖ. Selbst bei Maturanten und Wählern mit Universitätsabschluss war die ÖVP Nummer eins.

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Diese eine Fremd-im-eigenen-Land-Floskel von Sebastian Kurz hat ungewohnt deutlich gemacht, worauf sein kompletter Wahlkampf – das gebetsmühlenartige Wiederholen von Migrationsthemen, das niemals enden wollende Palavern von der Balkanroute und der Kürzung Mindestsicherung für Flüchtlinge – im Grunde abgezielt hat: All diese Österreicher in ihrer Überzeugung zu bestärken, dass die anderen, die Fremden, die da ins Land gekommen sind, nach wie vor kein Teil von uns sind. Und es in absehbarer Zeit auch nicht werden. Und ihnen zu symbolisieren, dass man die Angst, dass diese Fremden unser kleines Volk von innen heraus unterwandern, wenn wir uns nicht vor ihnen verbarrikadieren, mit ihnen teilt.

Forscher wie der Religionswissenschafter Ernst Fürlinger sprechen bei dieser "Die"-und-"Wir"-Grundeinstellung übrigens tatsächlich von einem "Stammesdenken" – und sie weisen darauf hin, dass sich diese Denke in Österreich praktisch durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht.

Studien zeigen, dass sich Österreicher mit gesellschaftlicher Vielfalt tatsächlich messbar schwerer tun als die meisten westlichen Länder. Österreicher sind im Kopf der meisten Österreicher eben weiße Menschen, deren Vorfahren von hier oder zumindest aus dem umliegenden Europa stammen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass Leute, die nicht so aussehen, nicht die selbe Kleidung tragen, die selben Bräuche feiern, jemals wirklich Österreicher sein könnten.

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Andere europäische Nationen haben es spürbar besser hinbekommen, ihre nationale Identität in den letzten Jahrzehnten an anderen Kriterien – etwa gemeinsamen Werten – festzumachen. Frühere Kolonialmächte wie die Niederlande mussten sich zumindest ein Stück weit mit der Frage beschäftigen, wie sie mit den Menschen aus fremden Erdteilen umgehen, die zu ihnen kommen.

Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, sich neu zu erfinden. Österreich hat die Aufarbeitung der Nazi-Zeit bekanntlich über weite Strecken ausgelassen.

Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, sich bei der Frage danach, was es bedeute, Deutsch zu sein, neu zu erfinden. Österreich hat die Aufarbeitung der Nazi-Zeit ja bekanntlich über weite Strecken ausgelassen. Das soll nicht heißen, dass Deutschland oder andere westeuropäische Länder keine Probleme mit Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit haben. Der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag belegt das Gegenteil. Aber die Rechtspopulisten sind trotzdem nicht so stark in der Mitte der Gesellschaft verankert wie bei uns. Die AfD kann von Ergebnissen jenseits der 25 Prozent nur träumen.

Umso lustiger habe ich es immer gefunden, wie österreichische Boulevard-Medien über Stammesfehden zwischen Migrantengruppen berichten. Denn die, die sich in meiner Anwesenheit oft am meisten wie ein kleiner Stamm verhalten haben, waren tatsächlich Österreicher selbst. Wenn es um die direkten Nachbarn geht – die "Piefke" oder die "Itaker" –, hat die Stammesrivalität noch eine humorvolle (wenn auch abwertende) Komponente. Bei osteuropäischen Ländern wird es dann schon spürbar angespannter – und spätestens bei Türken, Arabern und Afrikanern schnell todernst.

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Das ist ein kleiner Vorteil, wenn man selbst als "fremd" wahrgenommen wird: Ich bin in meinem Leben viel zu vielen vermeintlich weltoffenen Österreichern begegnet, die mir an irgendeinem Punkt unfreiwillig ihre eigene Kleingeistigkeit präsentiert haben, als dass ich mich über ein Wahlergebnis wie das jüngste noch irgendwie wundern könnte.

Es ist ein Denken, das du in Österreich schon als Schulkind quasi nebenbei in den Kopf gepflanzt bekommst, wenn deine eigentlich recht intellektuell wirkende Lehrerin in der Klasse über die Türken oder Jugoslawen im Ort redet, als wären sie alles mögliche, aber sicher keine von ihnen. Es zeigt sich bei den Leuten, die jemanden mit dunkler Hautfarbe zwar keinesfalls direkt beschimpfen würden, aber bei denen du irgendwann merkst, dass sie ganz sicher keinen Schwiegersohn wollen, der so aussieht.

Das größte Problem sind nicht die offenen Rassisten. Es sind die Leute, bei denen du dir einfach nicht sicher sein kannst, ob sie auf der Seite von dir oder der der offenen Rassisten stehen, wenn es mal wirklich brenzlig wird.

Es ist für viele schwer nachvollziehbar, aber mein Problem waren nie so sehr die offenen Rassisten in diesem Land. Denen bin ich zwar zur Genüge begegnet – sie haben mich schon in meiner Kindheit beschimpft, manchmal bespuckt, und meinem kleinen Bruder irgendwann sogar die Zähne eingeschlagen. Und sie waren sehr häufig bekennende FPÖ-Fans. Aber sie waren für mich auch immer irgendwie hoffnungslose Gestalten, denen ich meine Energie gar nicht schenken wollte.

Die Leute, die mir immer ein viel größerer Dorn im Auge gewesen sind, waren jene, von denen ich eigentlich dachte, dass sie nicht so denken würden, aber bei denen irgendwann durchblitzte, dass sie mich eben doch nicht wirklich als einen von den ihren sehen. Weil du dir bei diesen Leuten einfach nicht sicher sein kannst, ob sie auf der Seite von dir oder den offenen Rassisten stehen, wenn mal wirklich brenzlig wird.

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Mir ist bewusst, wie viele Österreicher ihr Kreuz bei ÖVP gemacht haben, "weil sie das immer schon gemacht haben". Aber ich glaube auch, dass viele Kurz-Anhänger die Grundforderungen der FPÖ immer ganz gut gefunden haben. Sie haben nur die FPÖ selbst nicht gut gefunden. Sie wollen nicht als Nazis abgestempelt werden, aber sie wollen eigentlich auch nicht, dass eine größere Zahl an Leuten aus anderen Erdteilen in ihr Österreich einwandert, sich hier niederlässt, irgendwann womöglich auch noch wirklich mitredet – und schon gar nicht, dass es diesen Zuwandernden am Ende auch noch gut geht.

Sebastian Kurz hat in erster Linie eines erkannt: Wenn man Fremdenfeindlichkeit weniger radikal und dafür ein bisschen moderner und vor allem familienfreundlich genug verpackt, dann spricht sie in Österreich eine noch viel breitere Masse an. Sag nicht "Ausländer raus!", sondern "Ausländer raus, bitte", quasi.


Apropos: Barbara Rosenkranz im VICE-Interview


Ich stelle jetzt mal eine Behauptung in den Raum: Die meisten Leute, die sich von dieser rechtspopulistischen Rhetorik angesprochen fühlen, sind gar nicht so sehr an einer "guten Integration" interessiert. Denn auch integrierte Menschen sind für sie noch immer kein Teil der Gesellschaft.

Würde es diesen Wählern darum gehen, dringend nötige Konzepte für erfolgreiche Integration von Migranten zu finden oder den politischen Islam zu bekämpfen – und das sind extrem wichtige Aufgaben, die ja in erster Linie den Migranten selbst helfen –, gäbe es ja eine Reihe an Alternativen zu Schwarz und Blau. Praktisch alle Parteien waren sich im Wahlkampf einig, dass es beim Bereich Migration strenger Regulierungen und Maßnahmen bedarf, wenn sie funktionieren soll. Die Frage ist nur, wie man diese Ziele erreicht und wem man auf dem Weg dorthin vertraut.

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Die Flüchtlingskrise ist in Österreich zu einer Art Fetisch geworden: Die Frage rund um Flüchtlinge und Migranten ist für die Österreicher laut Umfragen wichtiger als das Rentensystem, Steuerpolitik oder die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Und die Illusion, dass man an diesem homogenen Österreich (das in dieser Form ohnehin längst nicht mehr existiert) in einer globalisierten Welt irgendwie festhalten kann, bringt Leute offensichtlich dazu, Parteien zu wählen, deren Programm abseits der Migrationsfrage in erster Linie den eigenen Leuten schadet.

Die Flüchtlingskrise ist in Österreich zu einer Art Fetisch geworden.

Die Abneigung gegen das Fremde ist so groß, dass jedes vernünftige Argument dagegen verliert: dass die Sozialleistungen für Flüchtlinge nur einen Bruchteil des Budgets ausmachen; dass die Kriminalität in Österreich im letzten Jahrzehnt fast kontinuierlich gesunken ist; dass die neue ÖVP über weite Strecken des Wahlkampfes gar kein vollständiges Wahlprogramm hatte und bis zuletzt eine Erklärung schuldig blieb, wie die versprochenen Entlastungen für Bürger bitte finanziert werden sollen. Das alles scheint egal zu sein, solange du dich nur modern gibst und dich überzeugender als deine Kontrahenten gegen Migranten aussprichst.

Dein Wahlprogramm kann so viel Sozialabbau enthalten wie du willst, solange du den Leuten überzeugend versprichst, dass du dich um die Bedrohung von den anderen Stämmen kümmerst. Leute sehen sich lieber selbst verlieren, als die Fremden (mit)gewinnen.

Und genau das ist der Punkt, der mir wirklich Sorgen macht: Wenn wir es als Land nicht schaffen, dieses Stammesdenken langsam aber sicher in den Griff zu bekommen, dann ist ziemlich klar, welchen Weg Österreich in absehbarer Zukunft gehen wird: einen, der von Isolation und autoritären Positionen geprägt ist und den unser Nachbar Ungarn schon vor ein paar Jahren eingeschlagen hat. So wie es aktuell aussieht, dürfte die nächste österreichische Regierung von zwei Männern geführt werden, die sich vor ein paar Tagen noch im Fernsehen öffentlich darüber gestritten haben, wer der bessere Freund von Viktor Orbán ist.

Damit schaden wir letztendlich niemandem auch nur annähernd so sehr wie uns selbst. Die restliche Welt wird sich trotzdem nur noch schneller und radikaler verändern. Für die gut gebildeten Migranten aus westlichen Ländern, von denen wir ja irgendwie doch gern ein paar hätten, werden wir so jedenfalls noch unattraktiver werden als wir es laut einer Studie eh schon sind. Und unser kleiner Stamm, der sich mit der Geschwindigkeit der Welt traditionell schon recht schwer tut, wird den Anschluss an die fortschrittlichere Welt noch schneller verlieren.

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Einzelnachweise Header-Grafik:
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Strache: Franz Johann Morgenbesser | Flickr |CC BY 2.0
Kurz: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres | Wikimedia | CC BY 2.0 Gemälde: Wikimedia | Public Domain