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Politik

#DankeAntifa: Es ist gut, dass ihr Probleme bekämpft, die der Staat verdrängt

Wir brauchen euch so dringend wie selten zuvor.

von Juri Sternburg
30 Juli 2019, 11:16am

Foto: imago | Carsten Thesing

Mein kleiner Bruder war 13 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit seinen Freunden das Tropical Islands besuchte. Für alle Nichtberliner: Das ist ein tropischer Freizeitpark in Brandenburg, der sich unter einer riesigen Kuppel befindet. Mein Bruder freute sich auf Badespaß unter Palmen aus Plastik, eine Gruppe junger Neonazis war auf der Suche nach Ärger. "Bist du links oder rechts?", fragten sie ihn und bekamen "Neutral" als Antwort. Er kassierte direkt die erste Faust: "Neutral gibt's nicht!" Mein Bruder konnte bisher viel weniger mit dem linken Polit-Aktivismus unseres Vaters anfangen als ich. Von diesem Tag an war relativ klar, was er war: links. Aktion und Reaktion. Ein einziger Ausflug, hinaus aus unserer gemeinsamen Wohlfühlblase Kreuzberg, reichte dafür aus.

Das Prinzip von Actio und Reactio ist ein Newtonsches Gesetz, ein Grundprinzip der Physik. Es besagt, dass jede Aktion gleichzeitig eine gleich große Reaktion erzeugt. Ein aktuelles, metaphorisches Beispiel für dieses Gesetz: US-Präsident Donald Trump, bekannt für flinke Wurstfinger und extrem unstabilen Twitter-Grind, hat kürzlich bekannt gegeben, dass er die "feige" Antifa als Terror-Organisation einstufen lassen möchte. Genauso wie beispielsweise MS-13. Die auch als Mara Salvatrucha agierende Gang ist in Latein- und US-Amerika vor allem durch Drogenhandel, Prostitution und Schießereien berüchtigt geworden.

Die Antifa wiederum kennt man in den USA vor allem, seit die extrem rechte Alt-Right-Bewegung sich immer aggressiver gebärdet. Vorher war die Antifa keine wirklich existierende oder handlungsfähige Bewegung. Doch nun organisieren und praktizieren sie aktiven Widerstand, wenn die Jünger Trumps mal wieder an irgendeiner Universität die Vorherrschaft der Weißen Rasse predigen möchten oder für den Erhalt von Denkmälern rassistischer Generäle demonstrieren. Sie stehen auf der Straße, wenn hauptsächlich weiße Männer mit sehr viel Liebe für Schusswaffen dafür kämpfen, dass alles so bleibt, wie es mal war. Also in den 50ern. Irgendwo in der Südstaatenprovinz. Aktion und Reaktion.

In Deutschland kam Trumps Plan bei vielen Menschen gar nicht gut an. #IchBinAntifa wurde schnell zum Nummer-1-Hashtag auf Twitter. Damit wollten sich Menschen mit denen solidarisieren, die von Trump als "ANTIFA" betitelt wurden. Und wo eine überfällige (Online-)Bewegung entsteht, gibt es schnell Leute, die todesmutig aufstehen und "Ja, aber…" brüllen. Wobei – die meisten brüllen eigentlich nur noch "Aber!". Denn ein Bekenntnis zum Antifaschismus ist längst keine Normalität mehr. ("Und, liebe Jung-Liberalen, Artikel 1 des Grundgesetzes – Die Würde des Menschen und so weiter – ist eine direkte Reaktion auf die Gräuel der Nationalsozialisten.") Wer sich in Deutschland als Antifaschist bekennt, der ist für viele: radikal, extrem, gemeingefährlich, plant tendenziell bereits, Schäferhunde anzuzünden und Autos zu vergiften. Oder er unterstützt solche Taten zumindest.

Dass es immer mal wieder Aktionen von Linksradikalen gibt, bei denen Luxusautos brannten, scheint den guten Deutschen extrem zu wurmen. Ganz so als hätten Linke ein Patent darauf. Fun Fact: Alle möglichen Leute zünden Autos an. In Berlin gibt es Anschlagsserien auf Autos, die Neonazis gehören, Autodiebe zünden Autos an, Pyromanen, gelangweilte Jugendliche, arbeitslose Feuerwehrmänner. Es gibt sogar Neonazis, die Autos anzünden. Aber, wir wollen hier gar keinen Whataboutism betreiben, ihr habt natürlich Recht: Es gibt Linke und Antifas, die Gewalt als legitimes Mittel sehen.


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Man kann darüber streiten, ob der Kleinkrieg zielführend ist, den sich etwa einige Bewohnerinnen der Rigaer Straße in Berlin seit Jahren mit der Polizei liefern. Man kann darüber debattieren, ob die peinliche Vehemenz, mit der sich zum Beispiel Antiimperialisten und sogenannte Antideutsche auf jedem Event (etwa vergangenes Wochenende beim Radical Queer March) über den Nahostkonflikt streiten, irgendwen in Israel oder Palästina interessiert. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob die Ausschreitungen beim G20-Gipfel von der Polizei provoziert wurden oder aus reiner Krawallgeilheit entstanden sind – oder beides.

Eine Sache allerdings ist nicht verhandelbar: Dieses Land braucht eine starke antifaschistische Bewegung. Jedes Land der Welt braucht eine Antifa. Es sollte Konsens sein, dass (Neo-)Faschismus unbedingt und unmittelbar dort bekämpft werden muss, wo er sich ausbreitet. Das lehrt uns die Geschichte. Und dass sich Rechtspopulismus und -extremismus ausbreiten, ist aktuell nun mal fast weltweit der Fall.

Es ist eine altbekannte Formel: Wo antifaschistische Strukturen stark sind, da sind Neonazis schwach. Wo Neonazis schwach sind, da sind weniger Menschen in Gefahr.

Wo die Polizei und ihr – von Law-and-order-Fetischisten wie der Heilige Gral vor sich her getragenes – Gewaltmonopol die Menschen nicht mehr schützen können, da braucht es Schutzstrukturen. Für Migrantinnen und Migranten. Für Homosexuelle. Für Menschen mit Behinderungen. Für Juden, Sinti, Roma, Muslime. Für alle Menschen, die nicht in das Bild des arischen Almans passen und sei es weil sie bunte Haare haben. Es ist eine altbekannte Formel: Wo antifaschistische Strukturen stark sind, da sind Neonazis schwach. Wo Neonazis schwach sind, da sind weniger Menschen in Gefahr, die allein aufgrund ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder was auch immer gejagt und verprügelt werden.

Wer jetzt mit dem "Ja, aber die Antifa schlägt ja auch zu"-Argument um die Ecke kommt, dem sei gesagt: Niemand muss Neonazi sein. Im Gegensatz zur Hautfarbe kann man sich das nämlich aussuchen. Wer sich bewusst dafür entscheidet, muss mit Gegenwehr rechnen. Zumindest noch.

Dass die Polizei in Deutschland keinen ausreichenden Schutz vor Neonazis bietet, dürfte mittlerweile auch dem letzten Hinterwäldler zu Ohren gekommen sein. Die unzähligen Skandale, bei denen es sogar so weit geht, dass vom Staatsschutz angefertigte Wohnungsskizzen linker AktivistInnen in den Händen von rechten Terroristen landen, sind allgemein bekannt. Ob NSU oder NSU 2.0, ob das Hannibal-Netzwerk oder Hakenkreuze in Polizei-Chats, die Vorfälle nehmen kein Ende. Zu Konsequenzen führen sie kaum. Ein weiterer Beleg dafür, dass man sich selber schützen muss, wenn man von Neonazis bedroht wird. Dass das oft nur militant geht, ist für einige aktive AntifaschistInnen mit Sicherheit auch ein Anreizpunkt, für viele Antifas aber einfach nur ein notwendiges Übel. Aktion und Reaktion.

Die Entwicklung der letzten Jahre hat allerdings dazu geführt, dass erwachsene Menschen in führenden Positionen dieses Landes Rechtfertigungen und Entschuldigungen einfordern, wenn eine 16-jährige Klimaaktivistin ein antifaschistisches T-Shirt trägt. Dass ein ehemaliger Herausgeber der FAZ Antifas "Linksfaschisten" nennt. Dass es ein Skandal ist, wenn in einem Tatort ein antifaschistischer Sticker erscheint.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die bloße Erwähnung des Labels "Antifa" die Verfechter und Verfechterinnen der Hufeisen-Theorie ("Linksextremismus ist das gleiche wie Rechtsextremismus") aus ihren Löchern treibt und sie auch noch Gehör finden. Dass die aktive und militante Bekämpfung von Faschismus als illegitim angesehen wird. Als hätten wir nicht lange genug zugehört. Als könnte man Faschisten mit Diskussionsrunden und Verständnis entgegentreten. Als könnte und sollte man mit Neonazis verhandeln.

Die aktuelle Debatte ist deswegen an Dämlichkeit und Unsinnigkeit kaum zu übertreffen. Ähnlich wie die Frage "Oder soll man es lassen?", wenn es um ertrinkende Menschen geht. Denn erstens ist "die Antifa" keine homogene Gruppe. Sie besteht aus Tausenden kleinen Gruppen, viele mit vollkommen unterschiedlichen Vorstellungen und Ideologien, die nur eine Ansicht eint: "Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus." Wer sich dagegen ausspricht, ist weder in der Mitte verortet noch konservativ, sondern geschichtsrevisionistisch und gefährlich.

Als Walter Lübcke ermordet wurde, wiesen Recherchen der Antifa nach, dass sein Mörder noch immer Verbindungen zu Neonazis hat.

Und zweitens zeigt uns ein aktuelles Beispiel, wie wichtig die Strukturen der Antifa hierzulande sind: der Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke. Als die Geheimdienste, große Teile der Medien und die Staatsanwaltschaft nämlich noch schwadronierten, der mutmaßliche Täter Stephan Ernst, sei seit Jahren nicht mehr aufgefallen oder in Kontakt mit der rechtsextremen Szene gewesen, waren es Recherchegruppen der Antifa, die diese Behauptung relativ schnell widerlegen konnten. Sie hatten Fotos von Ernst, die ihn bei einem Treffen der Combat-18-Szene zeigten. Wenige Monate vor dem Anschlag auf Lübcke. Der Geheimdienst hatte diese Fotos entweder nicht oder wollte sie nicht rausrücken. Beides wäre höchst besorgniserregend. Mittlerweile gibt es ein zweites Gutachten, dass den Ergebnissen des ersten Gutachtens widerspricht, welches es als "praktisch erwiesen" ansah, dass es sich auf den Fotos um Ernst handelt. Der Sachverständige des ersten Gutachtens bleibt jedoch bei seiner Beurteilung.

Und noch etwas gehört zur bitteren Wahrheit. #IchBinAntifa ist zwar nett gemeint und unterstützenswert, entspricht jedoch meist nicht der Realität. Denn Antifa zu sein, bedeutet nicht nur, sich auf Twitter zu positionieren. Antifa zu sein, heißt auch nicht, Neonazis doof zu finden. Antifa zu sein bedeutet, Repressionen von Staat, Neonazis und ihren Helfern und Helferinnen zu erdulden. Antifa zu sein, bedeutet, sich selbst in Gefahr zu bringen, um andere zu schützen. Seine Freizeit zu opfern. Oftmals auch sein Privatleben zu vernachlässigen. Archive anzulegen. Kameradschaften auszuspähen. Verbindungen sichtbar zu machen. Sich mit der Kamera im Gebüsch bei irgendwelchen Neonazi-Konzerten im Hinterland zu verstecken, um Strukturen aufzudecken. Antifa zu sein, heißt: auch mal aufs Maul zu kriegen. Im Gefängnis zu sitzen. Unverständnis von Familie und Umfeld zu ernten.

Nach wie vor muss es deshalb heißen: Danke Antifa! Oder von mir aus auch #DankeAntifa. Denn wo sie stark ist, sind Schutzbedürftige meist sicher. Egal ob in Deutschland oder in den USA. Es gibt nämlich nur eine einzige Losung, die Faschisten davon abhält, das zu tun, was sie normalerweise so tun: Neonazi zu sein, heißt, Probleme zu kriegen. Aktion und Reaktion eben.

Update vom 02.08.2019, 11:15 Uhr: In einer ersten Version fehlte der Hinweis, dass es zu der Frage der Anwesenheit von Stephan Ernst bei einem Combat-18-Treffen unterschiedliche Sichtweisen und Gutachten gibt. Wir haben den Hinweise ergänzt.

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