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Warum Mallorca gerade das Paradies für Fußball-Schlägertruppen ist

Leverkusener prügeln sich mit Kölnern, Herthaner jagen Unioner. Die Party-Insel bietet derzeit den perfekten Nährboden für Fußball-Asozialität – und für rechte Übergriffe einiger Hooligans.

von Bastian Krauss
30 Juni 2017, 4:15pm

Mallorca. Bierkönig. Im bunten Teppich des feuchtfröhlichen Partyvolks öffnet sich ein runder Spalt. Hocker und Fäuste fliegen. Es wird gemuckt und gespuckt. Auf der einen Seite stehen mehrere Männer mit T-Shirts von Bayer Leverkusen. Ihnen gegenüber einige Fans des 1. FC Köln. Der Bierkönig buht die randalierenden Gäste aus. "Vizekusen Vizekusen"-Sprechchöre sind zu hören. Der Grund der Rangelei: Ein kölsches Lied – und König Fußball.

Das Video der Rangelei aus der letzten Woche erreichte mit Schlagworten wie "Leverkusener Ultras" und "Hooligans" die deutsche Öffentlichkeit. Wenige Tage später kursierte ein weiterer Clip in den sozialen Medien: Zwei deutsche Gruppen bitten zum Straßenkampf – sie sollen Fans von Schalke und dem BVB sein. Das verwundert nicht: Der Ballermann, seine Sauftempel und der ganze Party-Tourismus sind der ideale Nährboden für Fußballjungs in Ekstase. Von den deutschen Mallorca-Urlaubern – alleine 609.000 im Juli 2016 – pilgert, trotz Kampf gegen den "Sauftourismus", noch immer ein Großteil zum Ballermann. Unter ihnen Fußballfans und Mitglieder der aktiven Fanszenen.

"Und das sind schon Kampftruppen hier, keine Kasperle-Fans oder so", erzählt Oliver Lipp. Der Journalist des Onlinemediums malleBZ – der "Ballermann Zentrale auf Mallorca" – lebt seit 11 Jahren auf der Insel und veröffentlichte als Erster einen Bericht über die Schlägerei im Bierkönig. "Das sind Jungs, die schon mit Handschuhen und Ausrüstung herkommen." Laut Lipp seien in diesem Jahr schon aus jeder Stadt, die einen größeren Klub und ein bisschen Fankultur hat, eine Gruppe auf der Insel gewesen. "Wir hatten hier auf der Insel Magdeburger da, Herthaner, Unioner, die Boyz aus Köln sind immer hier, die Desperados aus Dortmund oder die Hugos von Schalke", erzählt der gut vernetzte Journalist.

Dass in den wenigen Urlaubsmonaten auch mal versehentlich oder geplant für das gleiche Wochenende gebucht wird, lässt sich kaum vermeiden. So waren laut Lipp auch die beiden Hauptstadtklubs Hertha und Union zur gleichen Zeit am Ballermann. "Die Herthaner waren hier schon auf der Suche nach den Unionern. Mit einigen Unionern hab ich mich getroffen, die hatten ihre Tattoos verdeckt und sogar ein kleines bisschen Muffensausen. Vor allem deswegen, weil sie 20 oder 25 Jungs waren und die Herthaner an die Hundert."

Ultras nehmen ihre eigene Kultur und ihre Regeln mit auf die Insel. "Hier gibt es optimale Voraussetzungen für etwaige Auseinandersetzungen, da es keine Folgestrafen gibt", so Lipp. Es gibt kein Stadionverbot und keine gezielte Verfolgung durch die Polizei. Wie Wald und Wiese – nur mit sonnenbefluteter Promenade und eiskalten Drinks. "Es muss schon sehr viel passieren, bis hier überhaupt mal die Personalien aufgenommen werden", so Mallorca-Kenner Lipp. "Hier sind Kölner herumspaziert und haben Gladbachern ohne groß zu reden auf die Fresse gehauen und die Trikots geklaut", erinnert sich Lipp. "Und dann haben sich die Gladbacher an irgendwelchen Kölnern gerächt." Mallorca-Urlauber Max aus dem Kölner Ultra-Umfeld kann das bestätigen. "Wenn Ultras in Gruppen in den Urlaub fahren, wird unsere Kultur schon weiter ausgelebt – das sind ja die gleichen Jungs, mit denen man im Stadion die Lieder singt", so Max, dessen Name aus Schutz ein Pseudonym ist. "Ich persönlich habe auf Mallorca keine gewaltsamen Erfahrungen gemacht, weil ich ohne eindeutige Fanutensilien herumgelaufen bin. Aber es kann sehr gefährlich werden, wenn man mit dem falschen Trikot herumläuft – gerade unter verfeindeten Gruppen. Der Alkohol fördert das natürlich auch."

Mallorca und Fußball gehören so zusammen, wie Sonne zu Palma und Alkohol zum Bierkönig. Auf dem Ballermann zapfen die Partytempel jeden Vormittag Freibier und es dröhnen stimmungsvolle Schlagerhymnen aus den Musikboxen, die die tausenden Kehlen zum Mitkrakeelen animieren. Der Ballermann schafft die Basis einer Wohlfühloase für Fußballjungs. Von Bierkönig bis Megapark begießen sich Kreisklassen-Trümmertruppen und Profiteams gerne mal zusammen – bis auch der Drittligaprofi des FC Magdeburg wie ein Kreisliga-Kabinenclown nackt auf dem Tisch den Pimmel-Propeller zum Drehen bringt. Und nicht nur Ultras wissen, dass Malle ein munteres Zusammenkommen von Gleichgesinnten ist: Die damaligen Zweitliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld und der MSV Duisburg feierten gleich ihren Aufstieg zusammen am "Balneario". Und weil die Fußballer den Ballermann so lieben, liebt der Ballermann die Fußballer.

Der Bierkönig – eine Freiluft-Großraum-Diskothek, in die knapp 7.000 Menschen passen – installierte 2013 eine neue HD-Leinwand für Fußball-Übertragungen. Währenddessen statten die Straßenverkäufer die Malle-Pilger mit Schland-Utensilien und Shirts mit Sprüchen wie "Timo Werner ist ein Hurensohn" aus. Und die einfallslose Malle-Schlagerindustrie sucht ihre musikalische Inspiration mittlerweile in den Fanszenen und kopiert munter Kurvenklassiker. So sangen 10.000 Gladbach-Fans im Jahr 2013 in Rom den Kult-Gesang "Wir versaufen unser Geld – In den Kneipen dieser Welt", zwei Jahre später mixten findige Malle-DJs ein bisschen EDM-Geschredder darunter und produzierten einen Ballermann-Hit. Noch extremer macht es der derzeitige Senkrechtstarter und neue Mallorca-Star Ikke Hüftgold, der sich immer mehr bei Fußballsongs bedient: Vom Modeste-Song über den englischen Kult-Fangesang "Please don't take home" bis zum "Huh"-Jubel der isländischen Nationalmannschaft.

Der Vorteil: Fertig getextete Fanlieder sind schon so massenkompatibel wie Schlagerhits, doch sie müssen der Masse nicht mehr beigebracht werden. Ikke Hüftgold schreckt nicht mal davor zurück, das "Timo Werner ist ein Hurensohn"-Fanlied als "Imo Erner Urensohn"-Song zu verkaufen. Dass das Geld rücksichtslos aus einer Hetzjagd heraus auf dem Rücken eines 21-Jährigen gescheffelt wird – egal. Ikke Hüftgold und sein Label Summerfield Music, das unter anderem auch Songs wie "Auswärts sind wir Asozial" produziert, haben sich auf eine Anfrage von VICE Sports nicht gemeldet. Wer solch ein Klima schafft, darf sich dann aber nicht über den asozialen Rattenschwanz wundern: Bei einem Auftritt von Malle-Star Mia Julia, die auch mit dem Label Summerfield Music zusammenarbeitet, präsentierte ein Dutzend rechtsradikaler Bierkönig-Besucher eine Reichskriegsflagge. Mia Julia brach den Auftritt ab und forderte: "Nimm die Fahne weg, Alter! Das geht gar nicht."

Solche rechtsradikalen Reisegruppen können sich natürlich mit Fußballfans auch überlappen. "Wenn die Dresdner oder die Hamburger in der Stadt sind, dann knallt es auf alle Fälle mit den afrikanischen Straßenverkäufern. Die haben wohl komplett rechte Tendenzen", erzählt Journalist Oliver Lipp mit Blick auf vergangene Schlägereien, von denen auch Videos in den sozialen Netzwerken kursierten. "Beim VIP-Opening waren im Bierkönig auch Jungs aus Braunschweig dabei, die mit Fahnen 'Good Night Left Side' da ankamen." Einen Aufschrei gab es nicht. "Da wird es toleriert, weil die VIP-Tickets haben." Auch Ultra Max erinnert sich an eine schlagfertige Truppe aus Braunschweig: "Als wir dieses Jahr da waren, war die Szene Braunschweig stark vertreten. Also mit Hannover-96-Kluft wäre es denk ich schon gefährlich gewesen. Ich habe aber nicht mehr im Kopf, ob da rechte Kleidung getragen wurde." Schon im Jahr 2011 waren rechte Braunschweiger Hooligans der Gruppierung "Kategorie Braunschweig" bei einem Überfall auf den Bierkönig beteiligt, als sie einen dunkelhäutigen Kellner mit Tritten und Schlägen zu Boden brachten. Sie wurden daraufhin festgenommen und nach einigen Tagen nach Deutschland ausgewiesen.

Wegen der vielen offenen Eingänge und der tausenden Besucher gibt es in den großen Diskotheken auf dem Ballermann oftmals lasche Einlasskontrollen. Die Security ist jedoch auf größere Gruppen spezialisiert und kann innerhalb weniger Minuten einer Rangelei ein Ende setzen. "Am Ballermann musst du mehr vor der Security als vor der Polizei Angst haben", schildert Oliver Lipp. Die Schlägerei der Leverkusener Fans war dementsprechend schnell vorbei. "Unten an der Kasse liegen für den Sicherheitsdienst dann schon so kleine Holzschläger bereit, wenn was passiert. Damit haben die Leverkusener nach der Schubserei im Bierkönig auch richtig kassiert." Der Urlaub soll laut Medienberichten ohnehin schon schmerzhaft für die Leverkusener mit den "Reisegruppe El asozial"-Shirts gewesen sein. Vor der Bierkönig-Rangelei hatten sie auf einem Flyer zum Treffpunkt an der Mauer vor dem Ballermann aufgerufen. Weil solche Treffen aber gegen das spanische Versammlungsverbot verstoßen, soll die Polizei die versammelten Bayer-Fans mit Gummigeschossen auseinander getrieben haben.

Foto: Screenshot MalleBZ.net

Über ein angebliches Gewaltproblem von alkoholisierten Deutschen auf Mallorca streitet sich die Öffentlichkeit schon seit Jahren. Palmas Bürgermeister José Hila erklärte der Presse nach dem Reichskriegsflaggen-Vorfall: "Wir werden mit diesen unschönen Vorfällen Schluss machen. Touristen, die sich eine Woche lang betrinken wollen, brauchen wir nicht." Francisco Marín, Chef des Hotelierverbandes der Playa, beklagte vor Journalisten, dass die Polizei viel zu lasch gegen Randalierer vorgehe und sich diese am Ballermann viel mehr leisten dürfen als etwa "im Wohnort in Deutschland". Einen Aufschrei über gewalttätige Fußballfans auf Mallorca kann malleBZ-Journalist Lipp jedoch nicht verstehen. "Wenn so viele Kategorie-C-Leute auf die Insel kommen, knallt es natürlich auch mal. Aber in 95 Prozent der Fälle geht es hier friedlich ab", erzählt er. "Im Megapark kommen 8.000 und im Bierkönig 7.000 Menschen zusammen. dass da zwischendurch die Fäuste fliegen, ist normal. Aber es geht hier weniger ab als auf den Volksfesten, auf denen ich in Deutschland gearbeitet habe."

Dennoch sieht Lipp Zeit für einige Veränderungen: "Ein Trikotverbot am Ballermann würde schon Sinn machen. Das würde extrem viel Eskalationspotenzial herausnehmen." Zudem soll sich seiner Meinung nach die Ballermann-Industrie mal hinterfragen: "Vielleicht sollte nicht jeder Künstler seine musikalische Inspiration in der Kurve suchen. Auch Hooligans müssen mal Urlaub machen." Dem Großteil der friedlich feiernden Fußballteams und Fans würde damit auch ein Gefallen getan werden.

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