Quantcast

Minderjährige Mörder: Wie die USA mit Abschiebungen Gangs heranzüchten

Jugendliche auf Long Island bringen sich gegenseitig und Außenstehende mit Macheten um. Und was macht Trumps Regierung? Alles schlimmer.

Sarah Esther Maslin

Kaylas Mutter Evelyn | Alle Fotos: Ike Edeani

Aus der Givemesomespace Issue. Du willst das VICE Magazine abonnieren? Hier entlang.

Sie bedrohten Kayla Cuevas schon seit Monaten. Einer zeigte ihr im Flur der Brentwood High School sein Messer, andere verhöhnten sie in ihrem Arbeitervorort auf Long Island auf der Straße. Cuevas war eine begabte Basketballspielerin aus einer puerto-ricanischen Familie. Sie wollte Polizistin werden, aber in der letzten Zeit war sie wiederholt vom Unterricht ausgeschlossen worden, weil sie sich mit einer Latino-Gang namens Mara Salvatrucha (MS-13) angelegt hatte.

Cuevas' Facebook-Profil zeigt eine 16-Jährige, irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein. In einem Bild faltet sie neben dem Weihnachtsbaum die Hände zum Gebet, in einem anderen Foto zeigen dieselben Hände inmitten einer Marihuana-Rauchwolke ein Gangzeichen. Am Dienstag, den 13. September 2016, lief Cuevas mit ihrer Freundin Nisa Mickens durch ihr Viertel, als vier MS-13-Mitglieder aus einem Auto sprangen und sie mit Baseballschlägern und Macheten attackierten. Mickens' Leiche wurde in dieser Nacht bei einer Grundschule unweit des Tatorts gefunden, Cuevas' fand man am nächsten Tag hinter einem nahegelegenen Haus.

In den darauffolgenden sechs Wochen stießen Polizeihunde in der Nähe einer psychiatrischen Anstalt in Brentwood auf die Überreste der Leichen drei weiterer Teenager: Óscar Acosta, Miguel Garciá-Morán und José Peña-Hernández. Alle drei wurden seit Monaten vermisst. Die Polizei vermutete die MS-13 hinter den Taten. Die Morde schlugen in den USA damals kaum Wellen, doch kurz nach seiner Wahl unterbrach Donald Trump sein "Person of the Year"-Interview mit Time, um eine Ausgabe des Newsday zu holen. Die Titelstory der Zeitung aus Long Island handelte von der "extrem gewalttätigen Gang", die Suffolk County, New York, terrorisiert. "Sie kommen aus Zentralamerika. Das sind die härtesten Typen, die man sich vorstellen kann", sagte Trump dem Magazin. "Sie ermorden und vergewaltigen alle da draußen. Sie sind illegal hier, und jetzt ist ihre Zeit abgelaufen."

Allein auf Long Island soll die Mara-Salvatrucha-Gang 15 Mal gemordet haben.

Während des Wahlkampfs hatte Trump vor "bad hombres" unter den Einwanderern gewarnt. In den folgenden Monaten gab die Bandengewalt in Arbeiterstädten wie Brentwood diesen "bösen Männern" ein Gesicht. Zeitungen in Maryland, Kalifornien und Texas berichteten über grausige Verbrechen – Hinrichtungen mit Schusswaffen und Macheten, zerstückelte Leichen – und die wachsende Panik in den Einwandervierteln, wo sie sich abspielten. Die Behörden von Suffolk County auf Long Island vermuten in 15 Mordfällen seit Anfang 2016 eine Verbindung zur MS-13. Als im April vier junge Latinos in Central Islip, einem Nachbarort von Brentwood, mit Macheten ermordet wurden, besuchte der Justizminister Jeff Sessions den Ort persönlich. Er traf sich mit den Eltern von Cuevas und Mickens und behauptete, die MS-13 würden "ihre Mitglieder als unbegleitete Minderjährige über unsere Grenze schmuggeln". Er versprach, die Nachschubkanäle der Gang "abzuschneiden" und ihre Netzwerke zu "zerstören". Am 18. April twitterte Trump: "Die lasche Einwanderungspolitik der Obama-Regierung hat schlimmen MS-13-Gangs ermöglicht, landesweit Fuß zu fassen. Wir werden sie schnell los!"

Das FBI sieht den Anstieg der Bandengewalt in Verbindung mit den Tausenden Minderjährigen, die seit 2013 vor der Gewalt in Salvador, Honduras und Guatemala geflohen sind. Laut Ermittlern kommt es in fast allen Städten mit vielen salvadorianischen Einwohnern vermehrt zu Verbrechen durch die MS-13 und ihre Rivalen, die 18th Street Gang oder Barrio 18. Die Theorie der Regierung: Die Gangs rekrutieren Neuankömmlinge aus Zentralamerika. Ihre Antwort: die Mitglieder zusammentreiben, inhaftieren und abschieben.

Ich berichte seit mehreren Jahren aus El Salvador über die Banden­gewalt, die inzwischen fast zehn Prozent der Salvadorianer, Guatemalteken und Honduraner aus ihren Ländern vertrieben hat. Die Gewalt ist so extrem, dass Zentralamerika heute zu den gefährlichsten Regionen der Welt gehört. Die US-Abschiebungspolitik der letzten Jahrzehnte gilt weitgehend als eine der Wurzeln des Problems. In meiner Arbeit habe ich viel darüber gelernt, wie Menschen zu Flüchtlingen werden. Wie es danach mit ihnen weitergeht, habe ich mir im Frühjahr in Brentwood angesehen, während Trumps Forderung nach Massenabschiebungen heiß diskutiert wurde.

Fahnungsaufrufe nach Cuevas und Mickens in der Nähe von Brentwood.

Long Island ist eins der teuersten Fleckchen der USA. Häuser in den Hamptons am Ostende der Insel kosten oft mehr als 10 Millionen Dollar. Gleichzeitig lebt hier nach Los Angeles und Washington D.C. auch die drittgrößte salvadorianische Gemeinde der USA.

Die ersten lateinamerikanischen Einwanderer der Insel waren Puerto Ricaner. Sie strömten in den 1950ern in die Countys Nassau und Suffolk, wo sie sich um die Häuser und Gärten weißer Familien kümmerten. Viele reiche Vorstädte verboten Schwarzen und Latinos, sich dort niederzulassen. So wurden Orte wie Brentwood zu Hochburgen der Immigration. Die "White Flight", die weiße Familien aus New York City nach Long Island gebracht hatte, holte im Laufe der Jahre auch diese Gegenden ein. Als die Steuereinnahmen sanken, wurden die ärmeren Orte bekannt für ihre schlechten Schulen und hohen Verbrechensraten.

Die Einwanderung der Salvadorianer begann in den 1980ern, als die Reagan-Regierung die rechte Militärdiktatur El Salvadors täglich mit über 1 Million Dollar subventionierte. Damit wollten die USA eine linke Guerillabewegung ausmerzen, die Verbindungen zu den sozialistischen Regierungen in Kuba und Nicaragua hatte. In dem zwölfjährigen Bürgerkrieg starben 80.000 Menschen, über eine Million wurden vertrieben. 1986 erklärte sich Suffolk County zum Zufluchtsort für zentralamerikanische Flüchtlinge, der Status wurde aber 1993 wegen wachsender Ablehnung in der Bevölkerung wieder abgeschafft.

Neben anderen fremdenfeindlichen Maßnahmen versuchten die örtlichen Behörden, Versammlungen von Tagelöhnern zu verbieten, die Bewohnerzahl geteilter Mietunterkünfte zu begrenzen und die amtliche Kommunikation aufs Englische zu beschränken. Manche befürchten, es könne heute erneut zu solchen Maßnahmen kommen. Als Donald Trump am 20. Januar sein Amt antrat, wurde die spanische Version von WhiteHouse.gov aus dem Netz genommen.

In Los Angeles braute sich in den 1980ern ein Backlash zusammen. Salvadorianische Teenager, hauptsächlich Kiffer und Metalheads, gründeten die Gang Mara Salvatrucha. Der Konflikt mit weißen, schwarzen und mexikanischen Rivalen im Gefängnis und auf der Straße härtete die Bande ab. Ende der 1990er war die Gang bereits für ihre Brutalität berüchtigt und Ableger florierten im gesamten Land. So auch auf Long Island: 2001 wurde die MS-13 zur größten Gang in Nassau County erklärt.

Die Journalistin Sarah Garland erklärt in ihrem 2009 erschienenen Buch Gangs in Garden City, welche Bedingungen Jugendliche animieren, Gangs beizutreten: Zu Diskriminierung, Ausgrenzung und Sprachbarrieren kommen ein mangelndes Gefühl der Zugehörigkeit und Eltern, die Überstunden machen, um Geld in die Heimat zu überweisen. Über Long Island und Kleinstädte im gesamten Land schreibt Garland: "Der Aufstieg der Gangs zeigt weniger, was Banden der neuen Einwanderergeneration und ihren Kindern bieten, sondern was die USA ihnen nicht bieten."

Sergio war früher selbst in einer Gang. Heute holt er Jugendliche von der Strafe, damit sie seine Fehler nicht wiederholen.

Sergio Argueta war ein solches Einwandererkind. Seine Mutter floh 1976 vor der Armut und Gewalt ihres Heimatdorfes in El Salvador nach Hempstead auf Long Island. Dort kam Argueta 1978 zur Welt. Als Teenager schloss er sich einer kleinen salvadorianischen Gang namens Redondel Pride an. Als die Bande eine Schrotflinte kaufen wollte, wurde ein Mitglied versehentlich erschossen und ein anderes landete wegen Totschlags hinter Gittern. Argueta verließ daraufhin die Gang und gründete Struggling to Reunite Our New Generation, kurz: STRONG. Die Organisation fing als Zufluchtsort für Jugendliche von der Straße an, inzwischen ist sie eine angesehene NGO mit 14 Mitarbeitern.

Argueta hat einen rasierten Kopf, einen Kinnbart und den Dialekt eines alteingesessenen New Yorkers. Er hatte fast 20 Jahre lang vergebens versucht, auf Long Islands Gang-Problem aufmerksam zu machen. Nun hatte er ausgerechnet in Trump einen Zuhörer gefunden. Dessen Regierung versteht aber etwas Entscheidendes falsch: Die MS-13 wurde in Los Angeles geboren und nicht in Zentralamerika. Die Lösungen des Präsidenten – Grenzmauer, hartes polizeiliches Durchgreifen und Massenabschiebungen – könnten nicht weiter von Arguetas Ansatz der "Prävention und Intervention" entfernt sein. Prävention besteht laut Argueta darin, im Kontakt mit Eltern, Schulen und Polizei ein Sicherheitsnetz für gefährdete Jugendliche zu schaffen. Intervention umfasst Rehabilitierung, psychologische Betreuung und Sozialstunden.

Kalifornien gibt jährlich Millionen für die Bandenprävention aus, doch New Yorker Politiker sind im Vergleich geizig. Vor den Morden an Cuevas und Mickens hatte die Geschäftsführerin von STRONG, Rahsmia Zatar, den Behörden von Suffolk County monatelang Vorschläge geschickt. Sie leitet im benachbarten Nassau County ein Präventionsprogramm und wollte auch in Suffolk eines starten. Immer wieder blitzte sie ab. Dann starben zwei Mädchen, und innerhalb von 72 Stunden wollten die Behörden von Zatar einen Plan, der zeigt, wie STRONG Brentwood helfen kann.

Brentwood liegt auf halber Strecke zwischen New York City und den Hamptons, direkt am Long Island Expressway. Von den 60.000 Bewohnern sind 68 Prozent Latinos, darunter 17.000 mit Wurzeln in El Salvador. Die begrünten Straßen und reparaturbedürftigen Häuser im Ranch-Stil erinnern an andere amerikanische Arbeitervororte, doch überall werben Schilder auf Spanisch für Immigrationsanwälte, Heimatüberweisungsdienste und die zentralamerikanische Fast-Food-Kette Pollo Campero.

Nach den Morden im letzten September waren sich viele der Probleme bewusst, Lösungen hatte kaum jemand. Eltern forderten mehr Kameras und Metalldetektoren in Schulen, Schulen verboten Gangsymbole und -farben, Politiker wollten den Verkauf von Macheten an Minderjährige verbieten. Die Schuld gab man wie immer den Migranten – insbesondere den 4.500 "unbegleiteten Minderjährigen", die aus Zentralamerika nach Suffolk County gekommen waren. Die Meinung der Bevölkerung teilte sich: Manche finden, die Regierung müsste mehr tun, um die Jugendlichen aus den Gangs zu halten; andere meinen, die Behörden dürften sie erst gar nicht ins Land lassen.

Als das County STRONG 500.000 Dollar anbot, um in der Brentwood High School ein Präventionsprogramm aufzubauen, zögerte Argueta. "Diese ganzen Jugendlichen wurden monatelang vermisst, derweil haben Schulen, Polizei und Sozialamt nichts unternommen. Und dann sollen wir einfach alles ins Lot bringen?", fragte er. Zatar, die dominikanisch-palästinensische Wurzeln und eine scharfe Zunge hat, wies ihn zurecht: "Wenn nicht wir, Sergio, wer dann?"

Rahsmia Zatar, die Chefin von STRONG, bei einer Friedensdemonstration

Zwischen 1996 und 2002 schob die US-Regierung 30.696 verurteilte Straftäter nach Zentralamerika ab, darunter viele Gangmitglieder. Mehr als 10.000 mussten zurück nach El Salvador, ein kriegszerrüttetes Land von der Größe Hessens mit 6,5 Millionen Einwohnern. Eine schwache Polizei, arbeitslose Veteranen und vom Krieg übrig gebliebene Waffen bieten dort einen idealen Nährboden für Banden. Die Abschiebungen – unter Obama waren es drei Millionen – liefern ihnen ständig neue Rekruten.

Argueta leugnet den Zusammenhang zwischen der jüngsten Einwanderungswelle und dem Anstieg der Gewalt nicht. Aber er will Verständnis dafür schaffen, wie diese Jugendlichen leben, bevor sie in den USA landen. In El Salvador wurde 2015 eine von 1.000 Personen ermordet. Die Opfer konnten kein Schutzgeld zahlen, hatten eine verbotene Zone betreten oder einfach nur ein Tor gegen ein Team aus Gangmitgliedern geschossen. Die Flucht in die USA ist ebenfalls traumatisch. Trumps Minister für Innere Sicherheit John Kelly hat die Einwanderung über Mexiko mit "Dantes Reise durch die Hölle" verglichen. Narcos und Banditen greifen die Migranten an. 80 Prozent der Mädchen werden vergewaltigt. In den USA angekommen verbringen die Asylbewerber Wochen in eiskalten Auffanglagern. Sie stoßen zu ihren Eltern, die sie oft seit dem Kleinkindalter nicht gesehen haben, und melden sich in überfüllten Schulen an. Oft machen sie dieselbe Feststellung wie der honduranische Teenager, den die mexikanische Autorin Valeria Luiselli für ihr Buch Tell Me How It Ends interviewt hat: "Hempstead ist genau wie Tegucigalpa – ein Dreckloch voller Gangs."

Am Freitag vor den Frühlingsferien besuche ich die Brentwood High School, die offiziellen Statistiken zufolge in den letzten sechs Jahren um 750 Schüler angewachsen ist. Viele der Neuankömmlinge sind Einwanderer mit geringen Englischkenntnissen und einem "unterbrochenen Bildungsweg". Die örtlichen Behörden wenden diese Bezeichnung nicht nur für Schüler an, die einmal ein paar Monate lang ausgesetzt haben, sondern auch für solche, die zum ersten Mal ein Klassenzimmer betreten.

Als der Zustrom unbegleiteter Minderjähriger 2014 seinen Höhepunkt erreichte, weigerten sich einige Schulbezirke auf Long Island, Neuzugänge aus Zentralamerika aufzunehmen: Es würden Papiere fehlen und Platz sowieso. Beide Ausreden sind dem US-Bundesgesetz zufolge unzulässig. Der Schulbezirk Brentwood, der größte des Staats außerhalb von New York City, lehnte niemanden ab, hatte aber Schwierigkeiten, alle unterzubringen. Der Bezirk litt nach der Finanzkrise von 2008 bereits unter Budgetkürzungen und hatte Lehrkräfte entlassen, Wahlfächer gestrichen und den Tag von neun auf acht Schulstunden verkürzen müssen. Heute hat die Brentwood High School für ihre 4.533 Schüler nur zwei Sozialarbeiter und zwei Schulpsychologen.

Gerade einmal jeder Zweite schließt hier die Schule ab. Die anderen schnappen sich die Gangs.

Die Highschool bezieht 75 Prozent ihres Budgets aus Geldern des Staats New York und der Bundesregierung. Der Schulleiter Richard Loeschner sagt, man stelle zwar Lehrer ein, um dem Zuwachs gerecht zu werden, aber die Regierung folge immer "derselben Formel" und ignoriere so die besonderen Bedürfnisse der Migrantenkinder. Die Kurse für Englisch als Fremdsprache haben je etwa 30 Teilnehmer zwischen 14 und 21 Jahren. Manche lernen die Sprache mit Erfolg, wie ein junger Mann, der mir erzählt, er wolle Präsident von El Salvador werden. Andere können selbst nach Jahren kein Englisch. Nur 56 Prozent schließen den Kurs erfolgreich ab. Loeschner weiß, dass die Schule den Kampf um diese Schüler verliert. "Sie sind leichte Beute", sagt er.

Bei meinem Besuch blättern die Englischschüler in Ordnern, die sie als Kennenlernübung angelegt haben. Sie sind voller Geschichten über Armut, Vernachlässigung, Missbrauch, Vergewaltigung und Mord. Hinter bunten Aktendeckeln, zwischen Seiten über Lieblingsgerichte und Hobbys.

Die Glocke läutet und die Schüler verlassen auf Spanisch plaudernd den Raum. Der Lehrer tippt sanft einen Jungen an, der eingeschlafen ist, und flüstert: "Er arbeitet in Nachtschicht."

Ich blättere einen blauen Ordner durch. Nach "Personen, die ich bewundere" – Bob Marley und der spanische Dichter Miguel Hernández – kommt der Abschnitt "Autobiografie". "Meine Mutter war erst 13 Jahre alt, als sie mich auf die Welt brachte", beginnt der Text.

"Natürlich war es nicht ihre Schuld. Ich finde, als Menschen machen wir Fehler und lernen daraus. Ich verurteile niemanden. Als ich vier war, verließ mich meine Mutter, um mit dem Mann zusammen zu sein, der der Vater meiner kleinen Schwester wurde. Sie ließ mich auf der Straße zurück, wo ich ein schwieriges Leben hatte. Ich aß Müll und verbrachte meine gesamte Zeit darin. Als ich sechs Jahre alt war, passierte eine Tragödie. Weil ich auf der Straße schlief, missbrauchte mich ein Mann. Es war schrecklich, weil ich nicht verstand, was passierte. Ich weinte nur. Als ich neun war, wurde ich schwer krank und lag einen Monat im Koma. Meine Mutter kam und identifizierte mich und bat mich um Vergebung. Ich sagte ihr, dass ich sie liebe, aber sechs Monate später ging sie in die USA und ich war wieder allein. Ein Junge kam in die Stadt und sagte, er sei mein älterer Bruder. Er holte mich von der Straße und ich lebte mit ihm und wir gingen zusammen zur Schule, bis eines Tages ein Tragödie passierte und sie ihn vor meinen Augen umbrachten. Das war sehr schwer für mich. Eine Zeit lang war ich verrückt und verirrt. Eines Tages wollten mich Leute umbringen, also rief ich meine Mutter an, und sie sagte: 'Morgen kommst du in die USA.'"

Timothy Sini ist Kommissar der Suffolk County Police und spricht bei der selben Friedensdemo. Im Hintergrund mit Sonnenbrille: Sergio Argueta, der Gründer von STRONG

Vier Monate nach dem Mord an Kayla Cuevas kam ihre Mutter Evelyn Rodriguez zu STRONG. Sie stand dem Ansatz "Prävention und Intervention" zunächst skeptisch gegenüber. Was ihrer Tochter passiert war, war für sie ein Zeichen des sozialen Verfalls in Brentwood. "Ich bin Abschlussjahrgang 1987 und damals hatten wir auch Kämpfe, aber das heute ist was ganz anderes", sagt sie. Die Mörder ihrer Tochter hatten sie bis zur Unkenntlichkeit geschlagen.

"Jeder hat das Recht, in die USA zu kommen, den amerikanischen Traum zu leben", sagt sie. Aber zu welchem Preis? Argueta und Zatar hören ihr verständnisvoll zu und bitten sie dann, die Mörder ihrer Tochter nicht als Monster zu sehen. Sie seien Jugendliche mit Problemen, denen man hätte helfen sollen.

Als ich mich im März mit Rodriguez treffe, ist sie hin- und hergerissen zwischen STRONGs Plan, jungen Gangmitgliedern zu helfen, und Trumps Versprechen, den "MS-13-Abschaum" loszuwerden. Ihr dunkles Wohnzimmer ist eine Art Schrein für ihre Tochter: gerahmte Fotos, Kunstblumen, Basketballpokale, eine Porzellanfigur der Muttergottes. Rodriguez' Gesicht ist grau, ihre Stimme tonlos – außer, wenn sie über Kayla spricht. "Kayla war eine alte Seele", sagt sie. Einmal schaut ihre siebenjährige Tochter zu uns herunter und fragt, ob sie mit einer Freundin Rad fahren dürfe. "Ganz sicher nicht", antwortet Rodriguez. Sie erklärt, der nächste Park sei geschlossen, seit 2014 herauskam, dass die Stadtverwaltung dort Giftmüll deponiert hatte. Die anderen Parks seien bekannte Treffpunkte für Gangs.

Was übrig geblieben ist vom Schrein für Nisa und Kayla, deren tote Körper hier gefunden wurden.

Rodriguez ist dankbar, dass Trump das Bandenproblem auf Long Island anspricht, und befürwortet seine Pläne, die Grenzen stärker zu kontrollieren und "Terroristen und Kriminelle" aus dem Land zu halten. Sie sagt, sie habe nichts gegen Immigranten. Sie sei in Puerto Rico aufgewachsen und habe "hart arbeitende" salvadorianische Freunde, die für ihre Kinder ein besseres Leben in den USA wollen. "Das unterstütze ich auch", sagt sie. "Aber diese eine Gruppe verursacht sehr viel Lärm, Ärger, Morde."

Rodriguez setzt sich trotzdem dafür ein, STRONG nach Brentwood zu holen. Sie recherchiert stundenlang online und schaut Reportagen, um zu verstehen, vor welcher Art Gewalt die Jugendlichen aus Zentralamerika fliehen. "Viele sind traumatisiert, wurden vergewaltigt oder von den eigenen Verwandten missbraucht", sagt sie.

Sie findet, die Schulen müssen den Jugendlichen besser bei der Eingewöhnung helfen und sich bei Problemen an die Eltern wenden. Rodriguez hat sich einen Anwalt genommen und überlegt, den Schulbezirk zu verklagen, weil der nicht zwischen ihrer Tochter und einem Mitschüler vermittelt habe. Kayla habe fünf Monate auf ein Gespräch mit einem Vertrauenslehrer gewartet. "Es gibt keine Prävention oder Intervention; es gibt keine Einzelgespräche", sagt sie. "Du kriegst nur einen Zettel, auf dem steht, dass dein Kind wegen schlechten Betragens vom Unterricht ausgeschlossen wurde."

Als STRONG in einer Kirche in Brentwood ein Kennenlerntreffen für Eltern abhält, sitzt Rodriguez ganz vorn. Sie trägt Jogginghosen und eine schwarze Wollmütze und hört aufmerksam zu. "Wir bitten die Schulen, uns die Kids zu schi­cken, die sie hassen. Die, mit denen sie nicht klar kommen", sagt Zatar. "Wir wollen sie, denn wir glauben an ihr Potenzial." Rodriguez nickt. Sie erzählt mir später, Schulen würden Jugendliche wie ihre Tochter als "schwierig" bezeichnen, wenn sie sich gegen "Mobbing und Drohungen" wehren. Manche sagen, Kayla sei mit Mitgliedern der Bloods befreundet gewesen. Diese schwarze und puerto-ricanische Gang zählt zu den Rivalen der MS-13. In einem Punkt sind sich alle einig: Kayla Cuevas ließ sich nicht gern herumschubsen.

Ich frage Rodriguez, ob STRONG ihrer Tochter hätte helfen können. "Nein", sagt sie nach kurzem Zögern. "Kayla war kein Gangmitglied." Als ich das Zatar erzähle, sagt sie: "Das waren die Kids, die Kayla umgebracht haben, zunächst auch nicht. Die Gesellschaft hat sie dazu gemacht. Wir haben sie dazu gemacht."

Evelyn Rodriguez und Freddy Cuevas, Kaylas Eltern auf den Weg zum Grab ihrer Tochter.

Am 2. März kündigte der U.S. Attorney Robert Capers Anklagen gegen 13 mutmaßliche MS-13-Mitglieder in sieben Mordfällen an – darunter die von Kayla Cuevas, Nisa Mickens und José Peña-Hernández. Auf der Pressekonferenz fragten Journalisten nach dem Einwanderungsstatus der Angeklagten: Wie viele waren illegal im Land? Waren sie unbegleitete Minderjährige? Würden sie jetzt deportiert? Capers sagte, zehn der Angeklagten seien illegale Einwanderer, äußerte sich aber nicht zu einer Abschiebung. Später sagte der Police Commissioner von Suffolk County, Timothy Sini, sieben von ihnen seien durch das Programm für unbegleitete Minderjährige betreut worden.

Für Sini waren die Verhaftungen ein wichtiger Erfolg. Der ehemalige Staatsanwalt hatte von seinem Vorgänger eine skan­dalgeplagte Behörde mit einem angespannten Verhältnis zur Latino-Bevölkerung übernommen. Die Polizei des Countys war 2009 wegen Diskriminierung verklagt worden, weil sie Hassverbrechen nicht ausreichend untersucht habe. 2014 wurde ein Polizist verhaftet, weil er Latinos bei Verkehrskontrollen bestohlen hatte. 2015 wurde Sinis Vorgänger James Burke angeklagt, weil er einen Heroinabhängigen zusammengeschlagen und diesen Angriff dann zu vertuschen versucht hatte.

Drei Jahre zuvor war Burke überraschend aus der FBI-geführten Long Island Gang Task Force ausgestiegen und hatte so die Beziehung der Polizei zur Migrantenbevölkerung weiter geschwächt. "Wir hatten vorher enge Kontakte mit allen Cliquen der MS-13. So bekamen wir Tipps über geplante Morde und Waffenkäufe", berichtete der pensionierte Detective John Oliva Newsday. "Und heute haben sie diese Quellen nicht mehr."

Als Sini die Behörde 2015 übernahm, trat sie der Taskforce wieder bei. Den Latinos fehlt aber nach wie vor das Vertrauen in die Polizei. Als im Oktober im Zuge der Ermittlungen zu den Morden an Cuevas und Mickens die Skelette dreier weiterer Teenager gefunden wurden, warfen Migrantenvertreter der Polizei vor, sie habe sich nicht ausreichend um Aufklärung bemüht, als die Jungen Monate zuvor verschwanden. Im Dezember vermietete der Sheriff von Suffolk County, Vincent DeMarco, der Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) wieder Zellen in den örtlichen Gefängnissen, nachdem ein Beschluss von 2014 diese Art Zusammenarbeit beendet hatte. Bei Razzien der ICE wurden kürzlich zahllose MS-13-Mitglieder im ganzen Land verhaftet – aber auch Eltern und Schüler, deren einziges Verbrechen es war, die Grenze zu überqueren.

Die Migranten haben Angst: vor den Gangs und vor der Einwanderungsbehörde.

Einwanderer reagieren auf solche Vorgänge, indem sie abtauchen. Laut den Polizeibehörden in Los Angeles, Houston und Denver bringen Latinos immer seltener sexuelle Übergriffe zur Anzeige. Sozialdienste melden, dass sogar legale Einwanderer ihre Kinder – viele davon US-Bürger – von Programmen wie der Gesundheitsfürsorge für Bedürftige oder der Lebensmittelhilfe abmelden. Die Einwanderungsabteilung der Bezirksstaatsanwaltschaft von Nassau County berichtete der New York Times im April, sie habe seit Dezember keine telefonischen Hinweise mehr aus der Bevölkerung erhalten. Make the Road New York, eine Organisation für Migrantenrechte mit einem Büro in Brentwood, berichtet von Familien, deren Kinder in Bandenprozessen vorgeladen wurden. Sie hätten Angst, dass die Polizei sie weder vor den Gangs noch vor der Einwanderungsbehörde schützen wird.

Diese Angst ist deutlich zu spüren, als ich mit den Eltern eines Mädchens spreche, das mit der MS-13 involviert war. Das Mädchen, das ich hier Jenny nenne, lebte in El Salvador in der Obhut ihrer Tante und Großmutter, bevor sie in die USA kam. Sie durchquerte zweimal Mexiko und wurde einmal abgeschoben, bevor sie es in die USA schaffte. Nach Jahren auf Long Island spricht sie noch immer gebrochenes Englisch.

Als Jenny letztes Jahr verschwand, riefen ihre Eltern die Polizei. Die Staatsanwaltschaft erhob keine Anklage gegen die jungen Männer, die Jenny mutmaßlich entführt hatten. Jenny war weinend und unter Drogen nach Hause gekommen und hatte von einer sexuellen Beziehung mit einem älteren Gangmitglied berichtet. Der Mann wurde inzwischen wegen Mordes verhaftet. Seit den Berichten über die Zusammenarbeit zwischen örtlichen Behörden und ICE haben Jennys Eltern Angst, noch einmal zur Polizei zu gehen.

Solche Geschichten frustrieren Sini. Er betont, seine Behörde gehe allen Vermisstenanzeigen nach und frage dabei nie nach dem Asylstatus von Opfern oder Zeugen. Er verspricht Informanten für Hinweise zu Gangs "alles Erdenkliche und Nötige" – einschließlich Unterstützung mit ihrem Aufenthaltsstatus oder einer Umsiedlung.

Jenny scheint die Sorge ihrer Eltern eher zu nerven: "Mein Zuhause ist wie ein Gefängnis", sagt sie und verdreht die Augen. Sie zeigt mir Amateur-Rapvideos von MS-13-Mitgliedern aus Long Island und gesteht, sie traue den Gangstern mehr als ihren Mitschülern – und ganz sicher mehr als Polizisten oder Vertrauenslehrern. "Wenn du loyal zur Gang hältst, verraten sie dich nicht", sagt sie. Sie bedauert die Verhaftungen der MS-13-Mitglieder. Ohne sie mache die Schule weniger Spaß.

Das Wohnzimmer im Hause Rodriguez hat die Familie zu einem Schrein für Cuevas umgebaut.

Der Stiftung für Verbrechensforschung InSight Crime liegen Gerichtsunterlagen vor, laut denen MS-13-Anführer aus mehreren Bundesstaaten sich im Dezember 2015 in Virginia trafen, um eine US-weite Expansion zu planen. In El Salavador war ein Waffenstillstand zwischen Gangs und Regierung geplatzt, die Polizei bekriegte die Banden. Die MS-13 brauchte Hilfe, um an Waffen zu kommen.

Das Treffen beunruhigte die US-Behörden, die an der Ostküste bereits ein neues Ausmaß an Gangaktivitäten ausmachten. Sie gaben dem Platzen des Waffenstillstands, der wachsenden Gewalt in Zentralamerika und der daraus resultierenden Einwanderungswelle die Schuld. Dennoch gehören auf Long Island nur um die 200 Personen zum harten Kern der MS-13. Die Mitgliederzahl in den USA liegt mit 6.000 bis 10.000 Personen auf dem gleichen Niveau wie 2004. In El Salvador hat die MS-13 geschätzte 40.000 Mitglieder.

Die Gang hält sich in Vorstädten wie Brentwood, weil für jede gewalttätige Gruppe, die verhaftet wird, neue Mitglieder nachkommen. Sergeant Mike Marino, der Leiter des Polizeidezernats für Bandenkriminalität in Nassau County, macht die "unkontrollierte Einwanderung" zum Teil verantwortlich. Er räumt aber ein, dass die große Mehrheit der Minderjährigen bei ihrer Ankunft in den USA nicht in Gangs ist. "Wenn vielleicht fünf Prozent der Neuankömmlinge Gangmitglieder sind, ist das für die Behörden noch zu stemmen", sagt Marino. "Aber wenn sie auch noch hier rekrutieren, haben wir ein Problem."

Victor Rios, ein Soziologe und ehemaliges Gangmitglied aus L.A., sieht darin einen wichtigen Unterschied. Er behauptet in seinem Buch Human Targets, Schulen und Polizei würden Jugendliche eher in die Gangs treiben, als sie vor ihnen schützen. "Wenn wir wollen, dass diese Jugendlichen produktive Leben führen, statt Heroin zu verkaufen und Autos zu stehlen, müssen Behörden, vor allem Schulen und Polizei, zu einem besseren Umgang mit ihnen finden", schreibt er.

Eines der größten Probleme ist laut Rios die Tendenz, alle Gangmitglieder über einen Kamm zu scheren. Eigentlich gebe es zwei Gruppen: einen harten Kern, der extreme Gewalt ausübe, und eine viel breitere Peripherie von Personen, die einfach nur dazu gehören wollen – wie Jenny. "Die meisten Mitglieder lassen die Gang irgendwann hinter sich. Aber solange wir nur inhaftieren und abschieben, statt eine zweigleisige Strategie anzuwenden, schaffen wir eine Spirale der Gewalt", sagt er.

Sergio Argueta fürchtet, dass das auf Long Island längst passiert. Seit 2014 ist er Sozialarbeiter an der Uniondale High School. Letztes Jahr kamen zwei seiner Schüler bei einer Schießerei zwischen Gangs ums Leben. Er kannte auch die Schüler, die der Morde angeklagt wurden. Ein paar Jahre zuvor war keiner von ihnen in einer Gang gewesen. Alle hatten ihm versichert, sie würden sich ein anderes Leben wünschen.

"Kaum zu fassen, wie schnell sie sich verändert haben", sagt Argueta. "Ich versuche einfach alles: Ich bin der Strenge, der Verständnisvolle, der Kumpel. Früher haben diese Strategien etwas gebracht, aber heute nicht mehr."

Argueta hofft, in Brentwood ein stabileres Sicherheitsnetz schaffen zu können. STRONGs Highschool-Programm soll nächsten Herbst starten. (Suffolk County muss den Vertrag noch finalisieren, der Staat New York hat aber bereits 300.000 Dollar zugesichert.) Jenny wirkt wie eine perfekte Kandidatin. Ihr Vater fürchtet, das Programm könnte zu spät kommen. "Inzwischen rechne ich jeden Tag damit, dass sie sie umbringen", sagt er. "Sie wissen, wo sie langläuft und aus dem Bus steigt. Ich habe ihr gesagt: ‚ Hija, wenn sie dich bedrohen, dann gib mir ihre Namen und alle Infos.' Aber sie will nichts sagen. Sie bleibt völlig passiv."

Die Mitarbeiter von STRONG and die, um die sie sich kümmern.

Am 10. April sitzt Evelyn Rodriguez in der ersten Reihe des Gerichtssaals, in dem den mutmaßlichen Mördern von Cuevas, Mickens und Peña-Hernández der Prozess gemacht wird. Die elf jungen Männer bekommen Kopfhörer, um der Verhandlung auf Spanisch folgen zu können. Manche grinsen und lachen, andere wirken den Tränen nahe. Der Polizist neben mir deutet für mich auf Selvin C., Enrique P., Jairo S. und Alexi S., die mutmaßlichen Mörder von Cuevas und Mickens. "Irgendwann kann man sie nicht mehr auseinanderhalten", sagt der Detective.

Vor dem Gericht halten Argueta, Zatar und mehrere Dutzend Eltern eine Friedensdemonstration ab. Auf ihren Schildern stehen hoffnungsvolle Sprüche: "Be what you needed growing up", "No more violence", "#brentwoodstrong". Argueta nimmt das Mikro und bittet um Verständnis für junge Gangmitglieder: "Drinnen sitzen auf beiden Seiten Individuen. Und zwischen deren Familien gibt es vor allem Gemeinsamkeiten", sagt er. "Wir müssen verhindern, dass noch mehr Menschen in einem frühen Grab oder einer Zelle verschwinden."

Nach der Verhandlung kauft Rodriguez Blumen und fährt zu Kaylas Grab. Argueta fährt nach Hause und verbringt den Nachmittag mit seinen Töchtern. Es hat über 20 Grad, zum ersten Mal seit den Morden skaten und radeln auf den Gehsteigen von Brentwood wieder Kinder.

Zwei Tage später werden vier weitere Leichen gefunden.