Tech

Vergiftet im Live-Stream: Bloggerin beweist unfreiwillig, wie gefährlich Health-Trends sein können

"Natürlich" bedeutet nicht immer automatisch "gesund". Dass dieses simple Credo der Wellness-Trends schlicht falsch ist, musste eine Health-Bloggerin jetzt auf die harte Tour lernen.
7.7.17
Bild: Screengrab/Youtube

Selten geisterten so viele Gesundheits- und "Wellness"-Trends durchs Netz wie in diesen Zeiten. Die meisten von ihnen können wohl getrost unter "hilft nichts, schadet nichts" abgehakt werden. Videos von Menschen, die 30 Bananen am Tag essen, sind bestenfalls sehr unterhaltsam. Es gibt allerdings auch einige vermeintliche Gesundheitstipps, die geradezu gefährlich sein können. Das beweist nicht zuletzt der aktuelle Fall einer jungen Frau, die im Krankenhaus landete, nachdem sie vor laufender Kamera eine giftige Pflanze gegessen hatte.

Anzeige

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Dabei wollte die 26-jährige Chinesin in ihrem Live-Stream nur einem aktuellen Gesundheitstrend folgen – denn der Verzehr von rohen Aloe Vera-Blättern ist vor allem in China gerade sehr beliebt. Blöd nur, dass die Bloggerin für ihren großen Auftritt die falsche Pflanze erwischt hatte.

Videos auf der Live-Streaming-Seite Tencent zeigen viele junge Frauen beim Aloe vera Verzehr. Bild: Screengrab/Tencent

Im Video mit dem Titel "aloe vera feast" posiert die junge Frau mit zwei Pflanzenblättern und beißt dann beherzt ins knackige Grün. Den ersten Bissen beurteilt sie in dem inzwischen viralen Clip als "nicht schlecht". Dann scheint sich ihre Meinung jedoch schnell zu ändern: "Wow, sehr bitter. So bitter", hört man sie noch sagen, bevor der Stream abbricht. Was die YouTuberin zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Blätter, die sie da gerade zu sich genommen hat, stammen keinesfalls von einer Pflanze der Gattung Aloe Vera., Stattdessen handelte es sich wohl um eine Agave americana, die giftig ist und bei Kontakt mit Haut oder Schleimhaut schwere Reizungen und Entzündungen auslösen kann. Mehreren Berichten zufolge landete die Bloggerin mit Verbrennungen und Verätzungen in Mund und Rachen im Krankenhaus.

Ob es sich bei der Chinesin tatsächlich um eine "Health-Bloggerin" handelt, wie sie in vielen Berichten bezeichnet wird, konnten wir übrigens nicht bestätigen. Fest steht nur, dass das Essen von rohen Aloe-vera-Blättern zur Zeit eine sehr beliebte Empfehlung in der Welt der "Wellness"-Blogger ist. Glaubt man den selbsternannten Gesundheitsexperten, so gibt es eigentlich nichts, was das vermeintliche Superfood nicht kann; einige behaupten sogar, Aloe vera könne Krebstumore am Wachstum hindern.

Tatsächlich gibt es jedoch kaum wissenschaftliche Beweise für die positive Wirkung Pflanze. Nicht einmal die heilende Wirkung bei Sonnenbränden, für die Aloe vera berühmt ist, konnte bisher eindeutig belegt werden. Bewiesen ist dagegen, dass Aloe Vera Durchfall verursachen kann, wenn sie roh konsumiert wird. Die Folgen können natürlich noch deutlich schlimmer ausfallen, wenn man eine giftige Pflanze mit Aloe Vera verwechselt. Der Fall der chinesischen Live-Streamerin unterstreicht in jedem Fall, welche Gefahren in pseudowissenschaftlichen Empfehlungen stecken können.

Anzeige

"Hinter diesen Trends steckt die Annahme, dass ein natürliches Produkt automatisch gesund ist und unbedenklicher als vom Menschen produzierte Mittel. Doch das stimmt einfach nicht. Es ist ein Trugschluss", erklärt der Gesundheitsforscher Tim Caulfield gegenüber Motherboard.

Natürlich sind einige der pseudowissenschaftlichen Gesundheitstrends auch völlig harmlos. Ob man 85 US-Dollar für einen Beutel mit bewusstseinserweiternden Steinen ausgeben will, muss jeder selbst wissen. Doch es gibt auch Trends, die tatsächlich gefährlich sein können. Der jüngste Agave-Livestream reiht sich in die lange Liste der Negativbeispiele ein: Da wären beispielsweise Beißketten aus Bernstein, die Babys angeblich beim Zahnen unterstützen sollen, stattdessen aber eine Erstickungsgefahr darstellen. Auch Gwyneth Paltrows Onlineshop "Goop" hört einfach nicht auf, riskante Wellness-Tipps unter die Leute zu bringen; Jade-Eier für die Vagina oder Bienenstiche für ein besseres Hautbild sind nur zwei davon. Derartige Empfehlungen beruhen meist nicht auf wissenschaftlichen Belegen und unterliegen keinen Sicherheitsprüfungen. Trotzdem sehen Unternehmen die Möglichkeit, aus ihnen Profit zu schlagen.


Ebenfalls auf Motherboard: Für ein wenig Internet-Ruhm isst Shoenice22 alles


In extremen Fällen können sich die Gesundheitstrends sogar als tödlich herausstellen. So wurde im vergangenen Jahr ein Ehepaar zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem ihr 18-Monate alter Sohn an einer Hirnhautentzündung gestorben war. Statt den schwerkranken Jungen ins Krankenhaus zu bringen, hatten die Eltern ihn mit Smoothies und einer Echinacea-Tinktur behandelt – für das Kind kam am Ende jede Hilfe zu spät. Auch eine Bloggerin, die sich selbst als "Wellness Warrior" bezeichnete, starb, nachdem sie ihren Krebs mit Kaffee-Einläufen statt schulmedizinischen Methoden bekämpfen wollte. Darum nehmen Kritiker wie Caulfield die sogenannten Wellness-Trends auch nicht auf die leichte Schulter.

"Wenn du den Mythos 'natürlich ist besser' mit dem Mythos 'Chemikalien sind schlecht' kombinierst, erhältst du schnell eine Parallel-Kultur, in der diese Maßnahmen sinnvoll erscheinen", meint Caulfield. "Wenn dann noch jemand versucht, mit diesen Ideen Produkte zu vermarkten, verbreiten sich diese Ansichten immer weiter."