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Vom Hater zum Fan – Wie ich lernte, Capital Bra zu feiern

Capital Bra hat angeblich eine nervige Stimme, keine Texte, poppige Beats, einen Haufen Kinder als Fans, seine Seele verkauft und einen Dachschaden. Vor allem aber hat er mehr Erfolg als jeder andere.

von Juri Sternburg
02 November 2018, 1:38pm

Foto: Phong Le

Der Schriftsteller Walter Hasenclever schrieb vor ungefähr 100 Jahren: "Heutzutage regiert der Rekord, die Sensation, die Freude am Sinnlosen. Die Zeit war nie so günstig für Verbrecher." Es ist unwahrscheinlich, dass der gute Mann damit Capital Bra im Blick hatte, den aktuell erfolgreichsten Rapper Deutschlands.

Trotzdem passt dieses Zitat wie das "Braaaa" in einen Capital-Song, wenn man den Status quo des 1994 in Sibirien geborenen Musikers genauer beleuchtet. Neben sämtlichen Streaming-Bestmarken knackt der Berliner nämlich auch im Vorbeigehen Rekorde für die Ewigkeit. Vier Nummer-Eins-Hits in vier Wochen und vier Songs gleichzeitig in den Top 10 – das schafften zuletzt vor knapp 60 Jahren die Beatles.

Der Rekord und die "Sensation", von der Hasenclever schrieb, sind damit unweigerlich Teil von Capital Bras Karriere, die mit zwei Jahren noch relativ jung ist. Und die Freude am Sinnlosen? Der Verbrecher-Status? Je nach Blickwinkel erfüllt er auch diese Kriterien.

Dass Capital, der inzwischen auch mit über zwei Millionen Abonnenten vor Bonez MC Instagram regiert, ein Phänomen ist, dürfte mittlerweile jedem aufgefallen sein. Dass er polarisiert und wahrscheinlich genauso viele Fans wie Hater hat, ebenfalls. Bleibt die Frage: Woher kommt der Erfolg? Warum er? Was hat der Junge mit dem hysterischen Dauerlachen, was andere nicht haben?

Wenn man in die Kommentarspalten der Deutschrap-Portale schaut, hat er vor allem eins: eine nervige Stimme, keine Texte, poppige Beats, einen Haufen Kinder als Fans, seine Seele verkauft und einen Dachschaden.


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Während einem Yung Hurn oder Rin dadaistische Feuilleton-Lobhudeleien hinterhergeworfen werden, bleibt der Bra eher ein Vorbild für Kids aus der Unterschicht, die stolz ihre Gucci-Fakes in der Shopping Mall vorführen. Abseits seiner eigenen Profile finden sich kaum Menschen, die den Bra positiv erwähnen. Dennoch muss es ja Leute geben, die seine Alben kaufen.

Ich war bis vor Kurzem definitiv keiner der potenziellen Käufer. Doch das sollte sich ändern, als ich mich näher mit dem Phänomen Capital befasste.

Hungrig seit 'Rap am Mittwoch'

Das erste Mal fiel mir der junge Mann mit dem einprägsamen Akzent und dem rollenden R 2014 bei Rap am Mittwoch auf. Nicht, dass er lyrisch mit seinen Freestyles besonders herausstach, aber sein unbändiger Hunger war dort schon zu beobachten. Auch wenn er nicht immer der Beste war – aufgeben war für Bra keine Option.

Nicht nur dem Publikum fiel das auf. Auch Trap-ferne Künstler wie Damion Davis – "Öko fressender Müsli-Rapper" (*Damion-Davis-Voice*) und Inbegriff des lyrisch versierten Backpack-MCs – äußerten sich bereits vor Capitals großem Durchbruch überschwänglich.

"Das hier ist Berlins neuer 2Pac", sagte Damion 2016 und dürfte damit nicht nur seine eigenen Fans und die Oldschool-Fraktion entsetzt haben. Seine Begründung? "Es gibt einfach keinen Rapper, der so ein Feuer hat!"

Hier nähern wir uns dem möglichen Grund für seinen Erfolg: Die unglaubliche Energie, die sich durch seine Alben und Songs zieht, selbst durch die depressiven Tracks, ist zugegebenermaßen genau das, was ein Newcomer braucht.

Wenn du keinen Hunger und keine Wut in dir hast, dann lass es lieber – der ultimative Tipp für jeden Nachwuchs-MC, der die Schule schmeißen will, um Rapstar zu werden. Mit 40 Jahren kann man immer noch "Bilder im Kopf" schreiben und seinen Werdegang reflektieren, aber die Tugend der Jugend ist es, wild drauf loszustürmen und keine Gefangenen zu machen.

Niemand darf 2018 Capital Bra ignorieren

All das war mir klar, trotzdem fand ich keinen Zugang zu Capis Musik. Nicht, dass ich mir damals eins seiner Alben komplett angehört hätte, aber die paar Hörproben ließen mich erkennen: Was momentan landauf, landab so gepumpt wird, hat nichts mehr mit mir zu tun.

Mit dem aktuellen Savas kann ich nichts mehr anfangen, weil er mir zu spießig ist. Die Beginner fand ich schon immer scheiße. Mit dem Spotify-Playlist-Zeug werde ich nicht warm, weil ich offenbar zu alt bin. Na gut, dann verlasse ich mich eben wieder auf etwas David Bowie, den guten alten Westberlin-Rap und die Hoffnung aufs kommende Haftbefehl-Album.

Mit Capital Bras Wechsel von Team Kuku zu Bushidos Label ersguterjunge fiel es jedoch auch einem bisher uninteressierten Rap-Nerd wie mir immer schwerer, die Tracks zu ignorieren, die der Bra gefühlt im Minutentakt raushaut.

Nach zwei Jahren Capital Bra mit sage und schreibe fünf Alben überwand ich mich doch noch und tat etwas, wozu ich seit Ewigkeiten kaum noch in der Lage bin: Ich nahm mir Zeit und hörte mich in seine Alben rein. Track für Track. Album für Album. Immer und immer wieder. So wie man das früher gemacht hat, als man jung war und Rap das Geilste war, das es gab.

Und siehe da, plötzlich sprang der Funke über. Auf einmal verstand ich, dass es keine genaue Erklärung für seinen unglaublichen Erfolg gibt, außer: Der Junge hat Feuer.

Das Konzept Capital Bra bedeutet, dass es kein Konzept gibt. Der Wahnsinn und die Unkalkulierbarkeit sind Teil der Erfolgsstrategie. Ein Rapper, der in keine Schubladen passt – da wittert der Musikjournalist doch astreines Schubladenpotential!

Natürlich ist er, ähnlich wie Bonez etwa, ein außergewöhnliches Hook-Talent, natürlich hat er zeitgemäße Beats und die angesagtesten Feature-Gäste. Und natürlich ist es im Rap-Kosmos immer ein Plus, aus Berlin zu kommen und diese Fahne hochzuhalten – selbst wenn man nicht unbedingt wie der klassische Berliner Aggro-Rapper wirkt.

Aber all das kann nicht ersetzen, was ein Rapper braucht: den Wunsch, nach vorne zu gehen, und vor allem echte Gefühle. Ganz egal, ob es Ecstasy-geschwängerte Ups oder depressive Kater-Downs sind.

Dass sich seine Texte oft um dieselben drei bis vier Themen drehen, ist durchaus vernachlässigbar. Dass er das Rad nicht neu erfindet ebenfalls.

"Junge Künstler sind natürlich Kinder ihrer Zeit", wie beispielsweise Marcus Staiger schon vor langer Zeit erkannt hat. "So jemand ist immer besser darin, die Gegenwart zu spiegeln, als sie zu verändern" erklärt Sascha Ehlert, ehemaliger JUICE-Chefredakteur und Herausgeber des Magazins Das Wetter, gegenüber Noisey. Capital Bra habe vieles, was ihn an Rappern interessiere: "Manische Begeisterung fürs Songs schreiben, eine Unberechenbarkeit als Künstler und dass er einem das Gefühl vermittelt: Da schlummert noch wesentlich mehr, als er uns zeigt."

Gerade in seinen deepen Tracks, wie etwa der soeben erschienene Titeltrack des neuen Albums "Allein", zeigt Capital, dass der Emo-Bra vielleicht sogar noch besser sein kann als der Party-Capital. Es ist ähnlich wie bei Haftbefehl: Silbenzähl-Parameter oder Doubletime-Finessen braucht es nicht, wenn ein Künstler ehrlich und glaubhaft von seinen düsteren Momenten erzählt.

Berlin lebt!

Die Hater des jungen Rappers, der gerade alles zerreißt, werfen ihm Ideenlosigkeit und Inhaltsleere vor. Ich werfe ihnen Engstirnigkeit vor und fehlenden Willen, sich in den aktuell relevantesten Rap hineinzuhören – ich spreche da aus eigener Erfahrung.

Capital Bra kam aus dem Nichts. Und es wirkt nicht so, als ob er demnächst vorhätte, dorthin zurückzugehen. Findet euch damit ab: Berlin lebt! Mit allem was dazugehört – den Rekorden, den Sensationen und der Freude am Sinnlosen.

Capital Bra live auf Tour

21.11.2018 Stuttgart – LKA Longhorn
22.11.2018 Köln – E-Werk
23.11.2018 Kiel – Max
24.11.2018 Hamburg – Docks
25.11.2018 Münster – Skaters Palace
28.11.2018 Frankfurt – Batschkapp
29.11.2018 Heidelberg – Halle02
30.11.2018 München – Tonhalle
01.12.2018 Berlin – Columbiahalle
02.12.2018 Hannover – Capitol
05.12.2018 Zürich – Komplex 457
06.12.2018 Bern – Bierhübeli
07.12.2018 Nürnberg – Löwensaal
08.12.2018 Wien – Simm City
09.12.2018 Leipzig - Felsenkeller

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