Die "Kinderstube" der Dresdner Clubszene steht vor dem Aus

Auslöser ist die Beschwerde eines neuen Nachbarns: Nach 6 Jahren Betrieb erhielt das Sabotage Auflagen, die wohl sein Ende bedeuten.

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09 Juni 2017, 10:00am

Alle Fotos von Anton Launer

Keine 15 Minuten dauert der Fußweg in eine andere Welt. Läufst du in Dresden einige hundert Meter weg von den Elb-Prunkbauten, vom Zwinger, der Semperoper und der Frauenkirche, dann landest du in einem verwinkelten Kontrastprogramm. Die Neustadt ist seit Jahrzehnten Kreativviertel und Treffpunkt für Künstler: eine Konstante für die Dresdner Subkultur und die elektronische Musikszene. Uncanny Valley haben hier ihre ersten Schritte gemacht. Die Acts des Labels kaufen die Grundlage ihrer Sets vor Ort, im Plattenladen Fat Fenders. Und die Stadt ist stolz auf ihr alternatives Ausgehviertel.

"Die Neustadt spielt im Stadtmarketing eine große Rolle", sagt Philipp Hasenpusch. Er ist Booker und Social-Media-Verantwortlicher des Dresdner Sabotage Clubs. Dieser ist in einem unscheinbaren Hinterhof beheimatet, an drei Seiten eingeschlossen von Altbauhäusern. Knapp 200 Leute finden hier Platz. Die Musik bleibt vielseitig, variiert zwischen harten Abenden, an denen Drum n' Bass in Jump Up und Hard Tech übergeht, und Goa-Raves voller Liebe sowie nerdigen Techno- und House-Spielereien, die du vielleicht in Berlin erwartest, aber eben nicht in Dresden. Und manchmal, da läuft plötzlich Punkrock.


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Doch damit könnte bald Schluss sein. Nach sechsjährigem Betrieb und insgesamt 15 Jahren Clubgeschehen vor Ort soll es keine Musik mehr im Sabotage geben. Zumindest nicht mehr nach 22 Uhr. So wollen es die neuen Auflagen des Dresdner Umweltamts. Sie würden de facto das Ableben eines der wichtigsten Dresdner (Nacht-)Clubs bedeuten.

Zwar gibt es in der direkten Umfeld des Clubs mehr als nur einen Nachbarn, der sich derzeit vom Geräuschpegel des Clubs und vor allem der davor stehenden Gäste gestört fühlt. Ausgelöst wurde die jetzige Entwicklung allerdings von einer einzigen amtlichen Beschwerde. Erstattet hat dieser ein einzelner Nachbar, der laut Sabotage-Team erst vor einem Jahr in seine Eigentumswohnung in der Nähe zog.

Bis zum 25. Juni, dem Beginn der Sabotage-Sommerpause, soll der Club nun ein neues Lautstärkekonzept vorlegen, um die Durchsetzung der Auflagen zu verhindern.

Doch nimmt man die angedrohten Auflagen als Maßstab, scheint das im Clubbetrieb kaum erfolgreich durchsetzbar. Nicht höher als 35 Dezibel darf etwa die Lärmbelastung in einer angrenzenden Wohnung sein – ein Wert, der eigentlich für abgelegene Wohnsiedlungen festgelegt wurde und selbst von normalen Gesprächen bereits überschritten wird. So auch bei einer Messung des Amts im April. Damals landete man bei 41 Dezibel, statt des Maximalpegels von 35 Dezibel.

Kaum zu schaffen, für die Sabotage-Betreiber, die erstens schon viel in eine gute Dämmung investiert haben, zweitens für die Anwohner während der Partys jederzeit erreichbar sind und drittens auf dem Innenhof immer einen Mitarbeiter stehen haben, der für Ruhe sorgt. Es ist, als würde man Berlin-Kreuzberg mit einem Dorf in Brandenburg gleichsetzen.

Der Hinterhof mit dem Sabotage-Eingang

"Wir wollen grundsätzlich über die Situation diskutieren, weil wir sicherlich nicht der letzte Club sind, der mit so was konfrontiert sein wird." – Philipp Hasenpusch, Sabotage

Ideen, wie es weitergehen soll, gibt es trotzdem. Ein Stadtrat der Grünen versucht gerade, ein vermittelndes Gespräch zwischen den Parteien zu arrangieren. Außerdem wurde die Messung in einer Wohnung durchgeführt, die nur als Gewerbefläche anerkannt ist – ihre Gültigkeit kann also noch angefochten werden.

Für die Clubszene wäre das ein gutes Zeichen, beschränkt sie sich doch auf eine Handvoll relevanter Locations. Man ist auf Oasen, wie das Sabotage angewiesen. Dort herrscht zudem eine tolerante Türpolitik. In dem Club kann es auch mal vorkommen, dass jemand halb nackt tanzt – und keiner gafft. In Regionen wie dieser, abseits der ganz großen Metropolen, keine Selbstverständlichkeit.

"Wir legen großen Wert auf Gemeinschaft. Viele junge DJ-Crews können sich bei uns verwirklichen und haben im Sabotage angefangen eigene Partys zu veranstalten und auch mal unbekannte Acts gebucht", sagt Hasenpusch. "Wir sind quasi die Kinderstube der Szene."

Er denkt aber auch, dass man jetzt größer ansetzen muss, um die "Kinderstube" zu sichern. Ein Kulturschutzgebiet in der Neustadt soll her, obwohl das rechtlich in Sachsen momentan noch gar nicht durchsetzbar ist. "Aber das Modell existiert", erklärt der Sabotage-Booker. "Wir wollen grundsätzlich darüber diskutieren, weil wir sicherlich nicht der letzte Club sind, der mit so was konfrontiert sein wird."

Unabhängig von seiner Rolle in der Clubszene wünsche er sich ein Ausgehviertel, wo es auch nach 22 Uhr mal lauter sein kann. Die Realität aber ist, dass neue Clubs in Dresden gar nicht erst versuchen, den innerstädtischen Raum einzunehmen – sie eröffnen, wie zum Beispiel der junge Club Neu, lieber am Stadtrand. Und planen so, ihr Überleben zu sichern.

Denn, so Hasenpusch, schon historisch bedingt gibt es wenige Freiflächen oder Industriebaracken. Im Zusammenspiel mit der anhaltenden Gentrifizierung in der Neustadt, ist es kaum möglich, noch geeignete Flächen zu finden.

Das sieht auch Albrecht Wassersleben so. Er ist DJ, Veranstalter und Mitbetreiber des Labels Uncanny Valley. Die Stadt beginne zwar gerade endlich damit, sich zu öffnen, laut Wasserleben gibt es aber gleichzeitig wenige Konstanten in der Dresdner Szene. Viele DJ-Crews und Partyveranstalter zögen schließlich irgendwann wieder weg.

"Ein subkultureller Fußabdruck kann sich nur schwer entwickeln", meint er. Und wenn, dann passiert das eben außerhalb des Zentrums.

Auch das über Crowdfunding finanzierte Objekt klein a eröffnete in einem ehemaligen Industriegelände. Wasserleben, der dort auch Resident ist, sieht in der Ortsverlagerung eine Chance: "An einem solchen Ort können sich alle Kräfte bündeln."

Das Objekt klein a ließ sich inspirieren von Projekten wie dem IFZ in Leipzig. Man legt großen Wert auf Gestaltung, eigene Brookings und eine tolerante Tür. Die Betreiber des Clubs sind Leute, die laut eigener Aussage auch in Dresden bleiben wollen. Vielleicht sorgen sie nach all den Jahren für den von Wasserleben geforderten Fußabdruck.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

In Dresden hat gerade erst die Showbox geschlossen, ebenfalls eine Konstante für elektronische Musik abseits von Wodka-Energy-Exszessen zu EDM-Getrampel. Und jetzt wurde im eigentlich als fortschrittlich und ach so tolerant geltenden Leipzig selbst dem Institut fuer Zukunft, mittlerweile einer der wichtigsten Clubs Deutschlands, eine Sperrstunde zwischen 5 und 6 Uhr morgens auferlegt.

"Ich persönlich denke, dass die Stadt die Subkultur nicht richtig anerkennt und das Augenmerk eher auf Hochkultur liegt." – Philipp Hasenpusch, Sabotage

Sachsens Clubszene hat also weiterhin ernstzunehmende Probleme. Das Ende des Clubsterbens ist trotz neuer Projekte nicht in Sicht – solange sich die Politik eher auf die Seite eines einzelnen Anwohners, als auf die von tausenden Feiernden stellt.

"Ich persönlich denke, dass die Stadt die Subkultur nicht richtig anerkennt und das Augenmerk eher auf Hochkultur liegt", sagt Hasenpusch, Stadtmarketing mit der Neustadt hin oder her. "Dabei wird übersehen, dass es in Dresden einen großen Bedarf an allem Subkulturellen gibt."

Zumindest aus der Dresdner Szene heraus kommt aber Protest. Und immerhin: Für das 2015 eröffnete TBA in den Gewölben des Bahnhofs Dresden Neustadt gab es von der Stadt eine Sondergenehmigung. Seit einem Jahr gibt es dort nun keine Sperrstunde mehr. Betrieben wird der Club ebenfalls von den Sabotage-Verantwortlichen.

Partys mit offenem Ende mitten in der Stadt? Nach langwierigen Verhandlungen konnte das zur Realität werden. Dem Sabotage hilft das allerdings ziemlich wenig.

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