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Fünf düstere urbane Mythen, die doch einen Funken Wahrheit enthalten

Egal, ob gruseliger Hasenmann oder Kettenbrief zur Panikmache: Wir tun viele urbane Legenden schnell als Blödsinn ab. Manchmal steckt aber mehr dahinter als gedacht.

von Luke Winkie
19 Juli 2018, 9:33am

Alle Collagen: VICE Media

Als Kind war ich wie besessen von urbanen Legenden, denn damals glaubte ich solche Geschichte noch. Wer mit dem Internet aufgewachsen ist, hat mit Sicherheit schon mal irgendwo lange Copy-Paste-Texte über Organdiebe, gruselige Tunnelsysteme, kranke Spongebob-Episoden oder verrückt machende Videokassetten gelesen. Manchmal macht es eben Spaß, etwas leichtgläubig zu sein.

Natürlich ist ein Großteil dieser Geschichten völlig frei erfunden. Durch London ist nie ein furchteinflößender Typ mit riesiger Sprungkraft gehüpft, den Mottenmann hat es nie gegeben und die Foo-Fighters (die Leuchterscheinungen, nicht die Band) waren eine optische Täuschung. Vor Kurzem bin ich allerdings über einige urbane Legenden gestolpert, die zwar erstmal richtig absurd klingen, aber doch ein Fünkchen Wahrheit enthalten. Auf dieser Welt passieren nun mal schräge Sachen und manchmal sind wir ganz nah dran.

Der Hasenmann

Hier die Fakten: 1970 fuhren Robert Bennett, ein Kadett der US Air Force, und seine Verlobte in der US-Kleinstadt Burke von einem Football-Spiel nach Hause. Sie parkten ihr Auto am Rand eines Feldes, weil sie noch schnell einen Onkel besuchen wollten, der auf der anderen Seite der Straße wohnte. Noch bei laufendem Motor bemerkten die beiden im Rückspiegel einen vorbeihuschenden Schatten. Wenige Sekunden später wurde die Scheibe der Beifahrertür eingeschlagen. Bennett drückte sofort aufs Gaspedal und raste davon, konnte dabei aber noch einen Blick auf den in Weiß gekleideten Mann werfen, der ihm und seiner Verlobten hinterherschrie, weil sie sich auf seinem Privatgrundstück aufgehalten hätten. Schließlich erblickte das Pärchen ein Beil auf dem Fahrzeugboden. Damit hatte der Angreifer die Scheibe eingeschlagen.

Später gingen die beiden zur Polizei, um den Zwischenfall zur Anzeige zu bringen. Dabei schwor Bennett, der Mann habe zwei spitze, weiße Hasenohren getragen. Seine Frau widersprach ihm und gab zu Protokoll, sie habe eher etwas gesehen, das an die Kopfbedeckungen des Ku-Klux-Klans erinnerte. Eigentlich keine große Sache, wahrscheinlich füllte die Fantasie hier die Erinnerungslücken mit den schlimmstmöglichen Dingen.


Auch bei VICE: Das echte 'Akte X'?


Eine Woche später passierte aber etwas sehr Ähnliches noch mal. Ein Sicherheitsmitarbeiter namens Paul Phillips sprach einen Mann in einem "grau-schwarz-weißen Hasenkostüm" an, der auf einer Baustelle stand. Laut Phillips fing dieser Mann dann an, einen Holzpfosten mit einer Axt zu bearbeiten. Und er warnte den Sicherheitsmitarbeiter: "Wenn du nicht abhaust, schlag ich dir den Schädel ein!"

Zwar hat es seitdem keine dokumentierte Sichtung des Hasenmanns mehr gegeben, aber die Zwischenfälle waren auf jeden Fall mysteriös genug, um sogar das Interesse der Washington Post zu wecken. Weil der erste Fall aber schon für so viel Aufsehen sorgte, ist es gut möglich, dass es sich bei der zweiten Begegnung nur um einen Jugendlichen handelte, der im Hasenkostüm einem ahnungslosen Security-Mitarbeiter ordentlich Angst einjagen wollte. Oder vielleicht wollte Phillips selbst irgendwie in die Nachrichten kommen. Wie dem auch sei, der Hasenmann entwickelte sich schnell zu einer Gruselgeschichte und zu einem festen Bestandteil der Folklore des US-Bundesstaats Virginia.

Die urbane Legenden des Hasenmanns besagt, dass es sich dabei um den Insassen einer Psychiatrie handelte, der 1904 ausbrach und anfing, Hasen das Fell abzuziehen und seine Opfer um eine "Colchester Overpass" genannte Brücke herum aufzuhängen. Diese Brücke ist inzwischen auch als "Bunny Man Bridge" bekannt. Schließlich wurde er von einem heranfahrenden Zug erfasst, als die Polizei ihn gerade festnehmen wollte. Natürlich ist das alles Quatsch. Aber schon verrückt, dass die Grundelemente der Hasenmann-Legende auf wahren Tatsachen beruhen. Was lernen wir daraus? Betrete am besten niemals fremde Grundstücke, denn du weißt nie, wie die Besitzer drauf sind.

Ein Mann mit Gasmaske im Wald

Le Loyon

Jahrelang wurde im Wald nahe der schweizerischen Stadt Maules ein mysteriöser Mann gesichtet, der in einem langen Camouflage-Umhang und mit einer Gasmaske durchs Unterholz wanderte. Die Anwohner gaben ihm den Namen "Le Loyon" und bis zum Jahr 2013 war er mehr eine mündlich weitergegebene Legende als irgendetwas anderes. Aber dann schoss jemand ein ziemlich eindeutiges Foto des unheimlichen Manns. "Oh Scheiße", dachte sich die Welt, "da rennt ja wirklich ein gruseliger Typ mit Gasmaske durch den Wald. Das hätte ich jetzt nicht unbedingt wissen müssen."

Dieses Foto löste eine regelrechte Loyon-Manie in der Region aus. Viele Anwohner wollten den Mann in seiner natürlichen Umgebung sehen und durchstreiften den Wald. Das gefiel ihm wohl gar nicht, denn Ende 2013 fand man einen ordentlich zusammengelegten Camouflage-Umhang und daneben eine ausführlich aufgeschriebene Botschaft. Darin bezeichnete Le Loyon seine apokalyptisch anmutenden Ausflüge als "Gute-Laune-Therapie" und schien extrem genervt davon zu sein, dass er dank der Medien jetzt nicht mehr auf seine sehr spezielle Art zur Ruhe kommen konnte.

Manche Menschen machen Yoga, um dem Alltagsstress zu entfliehen, andere setzen sich eben eine Gasmaske auf und streifen durch das Dickicht eines Walds. Jeder, wie er oder sie will. Le Loyon wurde seit seinem Abschiedsbrief übrigens wirklich nicht mehr gesehen. Hoffentlich hat er einen anderen Weg gefunden, um Dampf abzulassen.

Der Katzenmann von Greenock

Hier haben wir wohl den einzigen urbanen Mythos mit eigener Facebook-Seite. Darauf diskutiert eine kleine Gruppe Fans über Begegnungen, über Gerüchte und über selbstgebastelte Halloween-Kostüme zu dem seltsamsten Einwohner ihrer Heimatstadt. Der Katzenmann brennt sich mit seiner gruseligen Erscheinung aber auch direkt ins Gedächtnis ein: Glatze, mit Dreck und Ruß eingeschwärztes Gesicht, auf allen Vieren kriechend und oft mit einem Rattenkadaver im Mund. Jahrelang galt der Mann als geheimnisvoller Ghul, eine Fußnote in der Mythologie der westschottischen Stadt Greenock. Doch dann lud jemand im Jahr 2007 ein unscharfes Video vom Katzenmann hoch, wie der gerade eine Ratte verspeist. Die urbane Legende war keine Legende mehr.

Die Website Week in Weird liefert eine gute Zusammenfassung darüber, wie sich die Einwohner von Greenock die Herkunft des Katzenmanns erklären. Manche sagen, er sei ein russischer Matrose, der in Schottland hängengeblieben und verrückt geworden ist. Andere gehen davon aus, dass er sich mit der Mafia angelegt habe und die Gangster ihm dann die Beine gebrochen hätten (das würde zumindest erklären, warum der Katzenmann noch nie stehend fotografiert wurde). Wie dem auch sei, die ersten Berichte über die mysteriöse Person gehen zurück in die 70er Jahre – der Katzenmann treibt also schon ziemlich lange sein Unwesen. Laut der eben erwähnten Facebook-Seite hat es seit dem Sommer 2017 aber keine Begegnungen mehr gegeben, in manchen YouTube-Kommentaren ist außerdem zu lesen, dass der Katzenmann inzwischen schon im Krankenhaus gewesen sei. Es ist nur zu hoffen, dass ihm nichts Schlimmes zugestoßen ist.

Slavemaster

Wer zur Jahrtausendwende schon einen Internetanschluss und E-Mail-Account besaß, hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen Kettenbrief erhalten, in dem vor einem AIM-User namens "Slavemaster" gewarnt wurde. Dabei soll es sich um einen Serienmörder gehandelt haben, der Frauen in öffentlichen Chaträumen anschreibt und zu sich nach Hause lockt. Von dieser ursprünglichen Mail gab es dann Hunderte verschiedene Variationen: So hieß der gefährliche Chat-User plötzlich MonkeyMan935 oder SweetCaliGuy4evr und benutzte nicht mehr den AOL Instant Messenger, sondern MySpace. Eine Sache blieb allerdings: Der Serienmörder soll für den Tod von 56 Menschen verantwortlich gewesen sein, die er alle online kennengelernt hatte.

Die Geschichte klingt erstmal nach den typischen Internet-Gruselgeschichten, die damals in den frühen Tagen des E-Mail-Spams wie wild herumgingen. Leider steckt aber doch mehr dahinter. John Edwards Robinson, ein Mann aus Kansas City, war ein Serienmörder, der in den 80er Jahren mit seinen schrecklichen Verbrechen anfing und Ende der 90er dann einen neuen Weg fand, um an frische Opfer zu kommen: In BDSM-Online-Foren schrieb er Frauen an. Sein Username? Natürlich "Slavemaster".

Die Polizei wurde erst auf Robinson aufmerksam, als sein Name immer wieder in den Berichten zu vermissten Personen auftauchte. Im Jahr 2000 entdeckten die Beamten schließlich die Leichen von zwei Frauen, die Robinson im Internet kennengelernt hatte, in zwei Fässern auf Robinsons Grundstück. 2002 wurde er offiziell verurteilt. Er sitzt bis heute im Todestrakt eines US-Gefängnisses. Noch lange nach der Verhaftung Robinsons fand die berüchtigte "Slavemaster"-Mail ihren Weg in die Postfächer dieser Welt, aber teilweise wurde sie schon im Jahr 2000 verschickt. Vielleicht hat jemand die Fake-Warnung direkt verfasst, nachdem die Details der Festnahme öffentlich gemacht wurden. Oder jemand hatte noch vor der Polizei einen Tipp bekommen. Es kommt auf jeden Fall nicht oft vor, dass ein solcher Kettenbrief zur Panikmache wirklich auf wahren Tatsachen beruht.

Der grüne Mann von Pennsylvania

In den 50er und 60er Jahren machten Geschichten vom legendären "Green Man" oder "Charlie No-Face" im westlichen Teil des US-Bundesstaats Pennsylvania die Runde. Diese besagten, dass man in der Gegend um die Bundesstraße 351 nachts auf einen Mann ohne Augen, Nase und linken Arm treffen könnte. Teenager fuhren oft zu einem nicht mehr benutzten Eisenbahntunnel, schalteten die Scheinwerfer ihrer Autos aus und riefen dann nach der unheimlichen Person. Je nachdem, mit wem man redete, war der gesichtslose Mann entweder ein Geist, ein Zombie oder ein Dämon. Die Hintergrundgeschichte basierte allerdings immer auf einem Jungen, der sich bei einem Stromunfall schwer verletzte.

Dieser Teil entspricht tatsächlich der Wahrheit. Der grüne Mann war ein ganz normaler Typ namens Raymond Robinson, der 1910 geboren wurde. Als Neunjähriger kletterte er im Zuge einer Mutprobe auf den Tragbalken einer Eisenbahnbrücke, um ein Vogelnest aus nächster Nähe betrachten zu können. Dabei kam er mit den überhängenden Stromkabeln in Kontakt und verbrannte sich schwer. Wie durch ein Wunder überlebte Robinson das Unglück, war seitdem aber von den oben erwähnten Verletzungen gezeichnet. Er führte dennoch ein relativ normales Leben, arbeitete tagsüber im Familienbetrieb und ging nachts oft spazieren. Weil er wusste, wie gruselig er aussah, nutzte er den Schutz der Dunkelheit, um niemanden zu erschrecken und um selbst in Ruhe gelassen zu werden.

Leider ging Robinsons Plan nicht auf. Im Laufe der Jahre wurden er und seine Spaziergänge dank der lokalen Gerüchteküche immer berüchtigter. So galt er irgendwann als eine Art Boogeyman oder böser Geist. Zur gleichen Zeit kam auch die Bezeichnung "Green Man" auf, weil fälschlicherweise herumerzählt wurde, dass Robinsons Haut durch den Unfall eine grüne Farbe angenommen habe. Robinson selbst ließ sich von all dem aber nicht beirren und machte mit seiner nächtlichen Routine so lange weiter, bis er kurz vor seinem Tod im Jahr 1985 in ein Seniorenheim gebracht wurde. Dank der urbanen Legende gibt es allerdings bis heute Menschen, die glauben, dass Charlie No-Face noch immer durch den Westen Pennsylvanias streift.

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